Letzte Hoffnung Magen-OP

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Letzte Hoffnung Magen-OP

 
25.01.2005 - 23:00 Uhr

von Dr. Nina Mann

Wenn der BMI-Wert über 30 liegt, ist aus gesundheitlichen Gründen eine Gewichtsreduzierung dringend notwendig. Von krankhaftem Übergewicht – auch extreme Fettsucht genannt – spricht man, wenn die Körpermasse bei 80 Prozent über dem Idealgewicht liegt, beziehungsweise wenn der Body Mass Index (BMI) mehr als 40 beträgt. In vielen Fällen ist die Behandlung von krankhafter Fettleibigkeit nur durch chirurgische Maßnahmen erfolgreich. Welche OPs es gibt und was aus ärztlicher Sicht sinnvoll ist.

In Deutschland leiden 800.000 Menschen unter extremer Fettleibigkeit. 16 Prozent haben einen BMI von 30 bis 40 und 40 Prozent einen von 25 bis 30. Die extreme Fettsucht wird in der medizinischen Fachsprache Adipositas per magna genannt und ist eine in Deutschland anerkannte Erkrankung. Paradox ist, dass sie nach deutscher Rechtsprechung nicht behandlungsbedürftig ist und daher OP-Kosten von der Krankenkasse auch nicht bezahlt werden. Die Folgeerkrankungen gelten dagegen als behandlungsbedürftig und rufen einen Großteil der Krankenkassenkosten hervor.

Der Body-Mass-Index (BMI)
Der BMI wird durch das Verhältnis aus Körpergewicht in kg und Körpergröße zum Quadrat ermittelt. Der Normalbereich liegt bei 20 bis 25 kg/m2. Von Adipositas per magna spricht man bei um die 40 kg/m2. [LINK "/freenet/fit_und_gesund/ernaehrung/abnehmen/bodymassindex/index.html" ]Berechnen Sie hier Ihren BMI >>

Schwachpunkt des BMI
Das Knochengerüst, das individuell sehr unterschiedlich schwer ist und eine Differenzierung zwischen Fett und Muskel gehen nicht in die Berechnung ein. Der BMI-Wert gilt daher nicht für Bodybuilder, da deren Muskelmasse das BMI-Ergebnis verfälscht.

Wichtig für Ihr Herzinfarktrisiko ist auch, ob Sie bezüglich Ihrer Fettverteilung eher dem [LINK "/freenet/fit_und_gesund/ernaehrung/abnehmen/whr/index.html" ]gefährlichen Apfeltyp oder dem weniger gefährlichen Birnentyp zuzuordnen sind.

Übergewicht ist mehr als ein kosmetisches Problem. Durch das starke Übergewicht entstehen Begleiterkrankungen, die behandlungsbedürftig sind. Diabetes Typ II, Fettstoffwechselstörungen und Bluthochdruck stellen zusammen ein erhöhtes Risiko für Arteriosklerose, Herzinfarkt und Schlaganfall dar.

Durch das hohe Gewicht kommt es zu einer extremen Belastung des Bewegungsapparates. Ein kaputter Rücken und künstliche Kniegelenke sind nichts Seltenes. Auch nehmen die Betroffenen krankheitsbedingt oft nicht am Arbeitsleben teil und sind sozial schlecht integriert. Das Ziel einer Therapie sollte sein, eine anhaltende Gewichtsreduktion zu erreichen, dadurch die Begleiterkrankungen zu kurieren und die Betroffenen wieder in ein Arbeits- und Sozialleben zu integrieren. Hier zeigt sich einmal mehr die Logik des deutschen Gesundheitssystems, da die Fettsucht an sich nach deutscher Rechtsprechung nicht behandlungsbedürftig ist, wohl aber die eindeutig mit ihr in Zusammenhang stehenden Folgeerkrankungen.

Ursachen der extremen Fettsucht
Auf die Ursachen der extremen Fettsucht wird hier nur kurz eingegangen. Genetische Faktoren, hormonelle Einflüsse, Erziehung zur Nahrungsaufnahme, wirtschaftliche und gesellschaftliche Gegebenheiten, Klima, eigene Handlungsstrategien und Angewohnheiten prägen das Essverhalten. Es gibt einen großen Unterschied zwischen Beleibtheit und Adipositas, oder Fettsucht genannt.

Wenn eine bestimmte Schwelle an Fettansammlung überschritten ist, die individuell sehr verschieden sein kann, ist es auch mit äußerster Motivation zu Disziplin und Geduld kaum möglich, die Fettpolster loszuwerden, da der Fettstoffwechsel krankhaft verändert ist.

Diät und Bewegungstherapie meist erfolglos
Die erfolgreiche Behandlung der extremen Fettsucht durch herkömmliche Behandlung wie Diät oder Ernährungsumstellung, Bewegungstherapie und gegebenenfalls Psychotherapie ist sehr gering. Oft wird auch auf Medikamente wie Xenical zurückgegriffen, die die Fettaufnahme aus dem Darm hemmen. Bisher gibt es keine ausreichend anerkannten Studien, die den Erfolg von Psychotherapien oder alternativen Therapien der Adipositas bewerten.

Die chirurgische Therapie der extremen Adipositas sollte nicht als Allheilmittel gesehen werden durch das auf alle weiteren Therapien verzichtet werden kann. Sie ist viel mehr eine Krücke, auf die sich Ernährungs- und Verhaltensumstellung Schritt für Schritt stützen können. Ein Langzeiterfolg kann nur in Zusammenarbeit mit einem extrem motivierten, aufgeklärten Patienten verzeichnet werden.

Indikation und Kontraindikation
Indikation zur OP ist eine extreme Adipositas mit einem BMI von über 40 kg/m2. Nach der WHO (World health organisation) spricht man von einer Adipositas Grad III. Die Indikation zur OP ist nur dann gegeben, wenn über mindestens ein Jahr mit konservativen Methoden versucht wurde, erfolglos eine Gewichtsreduktion herbeizuführen. Eine OP kann auch erwogen werden, wenn bei einem geringeren BMI schwere Begleiterkrankungen vorliegen. Auch bei sozialen Folgen kann eine OP indiziert sein.

Keine Indikation zur OP sind füllige Figur und der Wunsch, einem Ideal zu entsprechen, ein Alter unter 18 Jahren, psychiatrische Vorerkrankungen und Alkohol oder harte Drogen.

Die OP-Methoden
Das Prinzip aller OP-Methoden ist zu verhindern, dass große Mengen an Nahrung vom Körper aufgenommen werden können. Wichtig bei allen OPs ist, dem Patienten eine Anleitung zum richtigen Essverhalten zu geben. Der Patient sollte wissen, wie der operierte Magen und Darm die Nahrung passieren lassen.

Da bei allen gängigen Methoden der Magen verkleinert wird, passt nicht mehr so viel Nahrung auf einmal hinein. Plötzlich wird die Nahrungsaufnahme zwangsläufig sehr eingedämmt, da es sonst zu Erbrechen kommt. Flüssigkeiten sollten nur in Form von Wasser oder Tee aufgenommen werden, da sonst über Softdrinks eine Gewichtsreduktion verhindert wird. Auch Süßigkeiten, Eis und Sahnetorte, die den operierten Magen gut passieren, sollten weggelassen werden.

Vertikale Gastroplastik
Man kann sich den Magen wie einen Sack vorstellen, der von oben aus der Speiseröhre gefüllt wird und unten in den Darm entleert. Bei der vertikalen Gastroplastik wird der Magen operativ in zwei Teile geteilt. Dabei entsteht ein Vormagen, ein kleines Reservoir (Pouch) das durch einen engen Gang (Stoma) mit dem Restmagen verbunden ist. Wenn man isst, passt immer nur eine kleine Portion in den Vormagen und das Essen muss gut gekaut werden, damit es durch den Gang passt, da es sonst zum Erbrechen kommt.

Vorteil: Der kleinere Magen erzeugt früher ein Sättigungsgefühl. Der enge Gang zum Restmagen verhindert eine schnelle Passage. Nerven melden dem Sättigungszentrum im Hypothalamus früher und länger einen vollen Magen.
Nachteil: Da kein Einfluss auf den Appetit genommen wird, kommt es in den ersten Monaten immer wieder zu Erbrechen, weil die Patienten zu viel essen.

Die Kosten von ca. 4.000 Euro werden meist nicht von der Krankenkasse übernommen.

Gastroplastik mit aufblasbarem Silikonband
Hierbei wird in den Verbindungskanal zwischen Pouch und Restmagen ein aufblasbarer, fahrradschlauchartiger Ballon eingebaut. Je nach gewünschter Weite des Verbindungskanals kann der Ballon aufgepumpt werden. Es ist damit eine Möglichkeit gegeben, sich unterschiedlichen Nahrungsmengen anzupassen.
Nachteil: Diese Variationsmöglichkeit kann hinderlich für die Gewichtsreduktion sein. Ein Nachteil ist auch, dass damit ein Fremdkörper eingebaut wird.

Magenbypass, "duodenal switch"
Bei extremen Fällen kann man zusätzlich zur Gastroplastik ein Stück Darm ausschalten. Dadurch wird die Nahrung, die durch den Magen in den Darm gelangt, nicht wie sonst aufgenommen. Sie wird oft in Form von Durchfällen ausgeschieden. Ein Problem stellt die entstehende Mangelversorgung an Vitaminen, Mineralien und Proteinen dar. Die Patienten müssen daher diese Stoffe zusätzlich aufnehmen.

OP-Ergebnisse
Es gibt eine Langzeitverlaufsbeobachtung von Patienten mit extremer Adipositas mit und ohne chirurgischer Therapie über 10 Jahre in Schweden. 1703 Patienten mit einem BMI von mehr als 41 wurden miteinander verglichen. Die operierten Patienten zeigten eine deutliche Gewichtsabnahme nach 2 und nach 10 Jahren. Bei den nicht operierten zeigte sich im gleichen Zeitraum eine geringe Gewichtszunahme. Auch Stoffwechselstörungen gingen bei den operierten Patienten zurück.

Komplikationen
Neben den üblichen Komplikationen bei einer OP gibt es hier spezielle Komplikationen: Der Pouch (Vormagen) kann sich erweitern, so dass er nicht mehr seinen Zweck erfüllt. Eine Verengung des Stomas (Verbindungsganges) kann lebensbedrohlich sein, wenn die Passage gänzlich verhindert ist und auch kein Wasser mehr hindurchkommt. Das Silikonband kann verrutschen oder in die Magenwand eindringen und so Entzündungen hervorrufen. Durch wiederholtes Überschreiten der Kapazität des Pouches durch zu viel zugeführte Nahrung kann es durch den sauren Rückfluss auch zu einer Speiseröhrenentzündung kommen. Auch eine Nahtschwäche kann eintreten, wodurch wieder mehr Nahrung in den Magen passt.

Fazit
Wenn die extreme Fettsucht das Leben derart beeinträchtigt, dass an eine Motivation zur Nahrungsumstellung nicht zu denken ist, wenn die Patienten sozial isoliert sind und bereits Begleiterkrankungen entwickelt haben, kann eine Magenverkleinerung eine Veränderung im Leben erzwingen und damit einen Prozess in Gang setzen.

Im Verlauf, wenn schon viele Kilos gefallen sind, gewinnt der Betroffene vielleicht zunehmend an Mut und Motivation auch der Ursache der Adipositas auf den Grund zu gehen und nimmt nachhaltig so viel an Körpergewicht ab wie an Lebensfreude zu. Es gibt andererseits keine kontrollierten Studien über den nachhaltigen Erfolg der chirurgischen Therapie. Da es aber generell wenig Erfolg in der Behandlung der extremen Adipositas gibt, sollte man diese Möglichkeit auch mitdiskutieren.

Da es nach deutscher Rechtsprechung paradoxerweise keine Behandlungsbedürftigkeit gibt, muss die Operation bei den Krankenkassen beantragt und begründet werden.

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