Tuning für Ihr Gehirn

Fordern Sie Ihr Oberstübchen kontinuierlich!
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Fordern Sie Ihr Oberstübchen kontinuierlich!

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03.02.2016 - 12:00 Uhr

Das Gehirn ist keine Schlaghand. Dennoch können Sie es trainieren: durch nervenkitzelndes Workout, kluge Ernährung und Regeneration. So verlassen Ihre grauen Zellen den Ring als Sieger.

Auf einen Nenner gebracht, laufen im Gehirn jene (Nerven-)Fäden zusammen, die aus Muskeln, Knochen und Organen einen sportlichen und gesellschaftsfähigen Menschen machen. Ohne Ihre Schaltzentrale funktionieren nur das Herz und einige wichtige Reflexe. "Das Hirn besteht im Prinzip aus Hunderten von Minihirnen, die gemeinsam agieren", erklärt Professor Henning Scheich, Direktor des Leibniz-Instituts für Neurobiologie in Magdeburg. Welches Minigehirn dabei welche Körperfunktion steuert und was zwischen den Gehirnzellen passiert, ist mittlerweile gut erforscht. Geklärt ist auch, dass ein männliches Hirn im Durchschnitt schwerer ist als ein weibliches, bei Frauen die Zellen jedoch dichter zusammenliegen – ohne, dass dies Einfluss auf die Intelligenz hätte.
"Wie intelligent das Gehirn wirklich ist, das verstehen wir bisher nur ansatzweise", sagt Scheich. Anders formuliert: Warum ein teigiger Klumpen aus 100 Milliarden Gehirnzellen, einigen hundert Gramm Proteinen, Fetten und Kohlenhydraten sowie Kleinstmengen chemischer Botenstoffe schneller arbeitet als der modernste Hightech-Chip, zudem Angst haben, Opern komponieren und sich an das Gesicht der Sandkastenliebe erinnern kann, versuchen die Wissenschaftler gerade erst zu entschlüsseln.
"Was die 100 Milliarden Gehirnzellen so wertvoll macht, ist, dass sie wie in einem Netzwerk tausendfach untereinander verknüpft sind", sagt Dr. Kai G. Kahl, stellvertretender Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Technischen Universität Dresden. Lernen zum Beispiel bedeutet, dass Verknüpfungen hinzukommen oder verstärkt werden. Vergessen wir, haben sich Verknüpfungen aufgelöst. Um Teil dieses Netzwerkes sein zu können, besitzt jede Gehirnzelle zigtausend Ein- und Ausgänge, über die sie mit zigtausend anderen Gehirnzellen Verknüpfungen eingehen kann. Jede noch so geringfügige Wahrnehmung, jeder noch so banale Gedanke bedeutet, dass neue Verknüpfungen hinzukommen oder alte verstärkt werden. Die Fähigkeit zu sprechen, zu lieben, zu denken, die Umwelt wahrzunehmen resultiert aus dem Zusammenspiel vieler kleiner elektrischer Signale, die sich entlang der Verknüpfungen ausbreiten.
Gefühle für das Gedächtnis
Ein gutes Beispiel dafür ist das Langzeitgedächtnis. "Man kann sich das so vorstellen wie eine Telefonkonferenz, für die beliebig viele Experten zusammengeschaltet werden können, um miteinander zu diskutieren", erläutert Neurobiologe Scheich. Da jeder Experte zugleich auch an vielen anderen Telefonkonferenzen teilnimmt, entsteht ein gigantisches Kommunikationsnetz mit enormem Wissen. Die Taugenichtse in der Konferenz werden schnell aussortiert, die wahren Experten bleiben. "Das sind die Langzeiterinnerungen", sagt Scheich. Sinnvoll ist das Aussortieren allemal, sonst wäre unser Gedächtnisspeicher bald hoffnungslos überfüllt.
Was gelernt wird und im Gedächtnis bleibt, wird außerdem durch Gefühle beeinflusst – und umgekehrt. Psychiater Kahl: "Je intensiver Erinnerungen mit Gefühlen verknüpft werden, desto leichter lassen sie sich merken." Gedächtnis-Weltmeister nutzen dies und lernen selbst längste Zahlenreihen auswendig, indem sie die Zahlen mit im weitesten Sinne emotionalen Eigenschaften belegen. Auch die Werbung macht von dieser Technik Gebrauch: 11880? 11 ist die Fußballmannschaft, 88 die Oma. Und 0? Die 0 steht für null Ahnung.
Solche Umstellungsvorgänge im Gehirn brauchen jedoch eine gewisse Zeit, da es sich dabei um biochemische und genetische Prozesse handelt. Dafür dauert es aber lange, bis man einmal Gelerntes wieder vergisst. Kahl: "Zumindest kann Gelerntes oft leicht reaktiviert werden. Wer als Kind Klavierspielen gelernt hat, vergisst diese Fähigkeit lange nicht und kommt auch nach längerer Pause schnell wieder rein."
Lernen für das Netzwerk
Das Gehirn verfügt über große Leistungsreserven. "Mehr als die Hälfte der Hirnzellen kann zerstört sein, ehe zum Beispiel das Gedächtnis nachlässt", sagt Professor Wolfgang Maier, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Uniklinikum Bonn. Daraus kann man aber nicht schließen, dass verloren gegangene Zellen nicht wichtig sind, denn wir nutzen im Laufe eines Tages bis zu 80 Prozent aller Gehirnzellen.
Sterben Hirnzellen ab, heißt das nicht, dass Ihr Schicksal besiegelt ist. Zumindest ein junges Hirn kann abgestorbene Zellen ersetzen. Ob das auch im Alter funktioniert, ist noch unklar – da kommt es nämlich teilweise zum Abbau von Gehirnzellen. Das Netz zwischen den Zellen dünnt aus, die Kommunikation zwischen ihnen läuft dann nicht mehr so schnell wie früher.
Je besser und je kontinuierlicher die gehirninterne Telefonkonferenz zeitlebens mit Experten besetzt ist, desto besser funktioniert das Oberstübchen im Alter. "Regt man das Gehirn entsprechend an, kann es sehr viel leisten", sagt Neurobiologe Scheich. Die Schaltzentrale arbeitet dabei wie ein Perpetuum mobile – eine Maschine, die sich selbst steuert, repariert und ihre Fähigkeiten am Leben erhält. Es lohnt sich also, zeitlebens eine gewisse Lernbereitschaft zu zeigen und sich mit intellektuellen Dingen zu beschäftigen. Ob es sich dabei um Kreuzworträtsel, Sudoku oder ein Mathematikstudium handelt, ist egal. Hauptsache, es führt zwischen Gehirnzellen zu Verschaltungen und einem dichten Netzwerk.
Essen für den Brennstoff
"Was wir essen, beeinflusst die Leistung und das Altern des Hirns", erklärt Professor Maier. So genanntes Brainfood muss weder ausgefallen noch teuer sein – die Zutaten bekommen Sie in jedem Supermarkt. Wer noch im hohen Alter schneller rechnen will, als die Kassiererin tippt, sollte aber mit Kalorien haushalten. Statistiken zeigen, dass in Ländern mit einer überwiegend hochkalorischen Ernährungsweise die Leistung des Durchschnittshirns eher niedrig ist. Zwar brauchen Gehirnzellen dringend Kohlenhydrate, um bestmöglich zu arbeiten, doch ziehen sie die kontinuierliche Versorgung mit eher geringen Mengen langsam verdaulicher Kohlenhydrate dem schnellen Zucker-Kick vor. Das bedeutet: Mümmeln Sie lieber Gemüse, Obst, Nüsse und Hülsenfrüchte, statt Traubenzucker zu futtern. So wird das Gehirn auch gleich mit Vitaminen und sekundären Pflanzenstoffen versorgt. Dann braucht das Hirn noch Omega-3-Fettsäuren, die es aus Nüssen, Fisch, Lein- und Rapsöl erhält.
Manche Zusatzstoffe in Nahrungsmitteln schätzt das Hirn dagegen nicht, etwa Zitronensäure, die möglicherweise die Entstehung von Alzheimer begünstigt. Besonders umstritten ist die Aminosäure Glutamat – sie steht im Verdacht, Nervenzellen zu schädigen. Vermeiden Sie darum etwa Gemüsebrühen und Fertigsoßen, in deren Zutatenlisten Glutamat auftaucht – häufig getarnt als E 620 bis 625, Geschmacksverstärker, Aroma, Würze, Hefe-Extrakt, fermentierter Weizen oder Weizen-Protein.
Sport für die Selbstheilung
Wer sein Dasein als Sofakartoffel fristet, ist zahlreichen gesundheitlichen Risiken ausgesetzt: Die Blutgefäße verkalken durch das Herumsitzen, der Rücken schwächelt und schmerzt, die Knochen werden morsch, der Körper setzt Fett an, jederzeit droht die Diagnose Diabetes. Aber das ist noch nicht alles. Unter der Gewichtszunahme und dem Mangel an Bewegung leidet auch das Rechenzentrum in Ihrem Schädel. Einer in der amerikanischen Fachzeitschrift "Neurology" veröffentlichten Studie zufolge steigt mit dem Bauchumfang die Gefahr einer Demenzerkrankung etwa um das Dreifache. Auch Depressionen treten bei faulen, übergewichtigen Menschen besonders oft auf. Hauptgrund sind fehlende Bewegungsreize im Kopf. Ohne den sportlichen Input dümpelt die graue Masse in der Gehirnflüssigkeit herum. Die Durchblutung lässt nach, wichtige Funktionen bleiben ungenutzt.
Versuche mit dem Fahrrad-Ergometer an der Deutschen Sporthochschule Köln zeigen, dass nicht nur Muskeln, Lunge und Herz vom Sport profitieren. Die Durchblutung bestimmter Gehirnregionen steigt unter Belastung um bis zu 30 Prozent. Der Körper produziert außerdem mehr Proteine und zusätzliche biochemische Wachstumsfaktoren, die Ihre Hirnfunktionen ankurbeln. Zudem aktiviert Sport die Selbstheilung in Ihrem Denkorgan. Bei vielen Patienten wirkt er besser als Psychopharmaka.
Spielen für die Präzision
Dass Videospiele wie etwa "Dr. Kawashimas Gehirn-Jogging" (für Nintendo DS) schlaffe Hirnzellen wieder auf Trab bringen, überrascht niemanden. Was jedoch ist mit Action-Games, die den meisten Nutzern deutlich mehr Spaß machen? Kann das Gehirn auch von der (auf den ersten Blick sinnlos wirkenden) Ballerei profitieren? Männer verbringen im Schnitt mehr Zeit mit Daddeln als Frauen. Einer US-Studie der George Mason University in Fairfax zufolge könnte dieser typisch männliche Zeitvertreib ein Grund dafür sein, dass Kerle bei bestimmten Gehirn-Leistungstests besser abschneiden. So schätzen sie zum Beispiel exakter ein, an welcher Stelle ein sich bewegendes Objekt auftreffen wird. Von dieser Präzision profitieren die Männer etwa im Straßenverkehr.
Videospiele verbessern sogar grundlegende Eigenschaften des Sehvermögens, wie eine US-Studie der University of Rochester aufgezeigt hat. Bei den Menschen, die regelmäßig spielen, ist das optische Auflösungsvermögen höher. So sind sie in der Lage, zwei kleine Punkte getrennt wahrzunehmen, auch wenn diese extrem eng beieinanderliegen. Wer bislang nicht zu den Videospielern gehört, sollte erwägen einzusteigen, zu trainieren, um das Sehvermögen zu verbessern. Eine andere Untersuchung der University of Rochester beweist, dass geübte Gamer zudem eine höhere Anzahl von sichtbaren Objekten gleichzeitig wahrnehmen und entsprechende Informationen im Gehirn weiterverarbeiten können. Als Erklärung vermuten die Wissenschaftler, dass Spieltraining das visuelle Kurzzeitgedächtnis verbessert.
Einer in der US-Fachzeitschrift "Science" veröffentlichten Untersuchung zufolge helfen Spiele wie "Tetris" außerdem dabei, die Gedächtnisleistung zu erhöhen. Sogar Menschen, die unter Amnesie (Gedächtnisstörungen) leiden, durchlaufen nach Beendigung des Spiels erneut einzelne Spielphasen vor dem geistigen Auge – auch wenn sie sich gar nicht mehr daran erinnern, überhaupt gespielt zu haben! Fazit: In jedem Menschenhirn steckt ein kleiner Einstein, ein kleiner Schumi und eine kleine Verona Pooth. Was Sie daraus machen, ist Ihre Sache.

Quelle: Men’s Health – Rodale-Motor-Presse GmbH & Co. KG
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