Die Fett-weg-Spritze

Die Fett-weg-Spritze
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Die Fett-weg-Spritze

© Getty Images

Fett weg mit nur einem Nadelpieks – klingt das nicht verheißungsvoll? Keine simulierte Hochgebirgsbesteigung auf dem Stepper, keine entbehrungsreichen Diäten oder verzichtsreiche Ernährungsumstellung. Ein paar Nachmittage beim Arzt oder sogar nur beim Kosmetiker, ein paar Injektionen und die Reiterhosen sind weg. Wir haben nachgefragt, ob die "Fett-weg-Spritze" wirklich so einfach funktioniert und was seriöse Ärzte dazu sagen.

Das verwendete – für die Schönheitsindustrie neu entdeckte – "Wundermittel" ist das seit 30 Jahren zugelassene Medikament "Lipostabil" der Firma Nattermann. Der Wirkstoff Phosphatidylcholin, das ist ein Phospholipid aus Sojabohnen, ist in der Lage Fett aufzulösen und wird seit vielen Jahren zur Senkung eines erhöhten Cholesterinspiegels eingesetzt.

Wie fand Lipostabil seinen Einzug in die Schönheitsbranche?
Die "Methode" wird in Brasilien von der Hautärztin Patrícia Rittes angewandt. Dr. Rittes spritzte 30 Patienten das Mittel, um kleine Fettmengen der Augenunterlidregion zu entfernen. Anhand von Vorher-Nachher-Fotos dokumentierte sie die Wirksamkeit ((Dermatol Surg 2001 Apr;27(4):391-2 (ISSN: 1076-0512)).

In Deutschland ist die Injektionslösung von Lipostabil ausschließlich für die intravenöse Anwendung zur Vorbeugung und Behandlung von verstopften Blutgefäßen durch Fettpartikel (Fettembolie) zugelassen. Eine Zulassung für eine subcutane Applikation von Lipostabil zur Auflösung von Fettgewebe wurde in Deutschland nicht gewährt.

Insbesondere sind es folgende Punkte, die gegen eine Anwendung von Lipostabil als Fett-Weg-Spritze sprechen:

  • Ein Kreis von 30 Personen, bei denen das Medikament zur Fettentfernung angewendet wurde, ist zu klein, um ein aussagefähiges Ergebnis ableiten zu können.
  • Es fehlt eine Kontrolluntersuchung an vergleichbaren Personen, die mit einem anderen Medikament behandelt wurden. Nur so lässt sich herausfinden, ob wirklich das Medikament an sich wirkt.
  • Es besteht das Risiko, dass andere umliegende Gewebe mit aufgelöst werden.
  • Das zersetzte Fettgewebe verbleibt im Körper, der es dann abbauen muss. Im Gegensatz dazu steht die Fettabsaugung, bei der das Fett entfernt wird.
  • Über Nebenwirkungen und Langzeitergebnisse liegen keine Angaben vor.
  • Die Resultate wurden nicht in anderen Studien wiederholt belegt oder widerlegt.
  • Es gibt kein offizielles Anwendungsprotokoll. Es gibt nur vage und unsichere Angaben wie viel, wie oft und über welchem Zeitraum gespritzt werden soll.

Die Deutsche Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie (DGÄPC) nahm in einer Pressemitteilung zu dieser fragwürdigen Methode Stellung: "Die Wirkungsweise der Injektion ist bedenklich: Das Fett wird in einer chemischen Reaktion zersetzt. Im Unterschied zur Fettabsaugung bleibt bei diesem Verfahren das zersetzte Fett im Körper und muss abgebaut werden. Doch bei größeren Mengen kann er den 'Abfall' nicht ausreichend abtronsportieren. Das kann zu schlimmen Entzündungen und Zystenbildungen führen. Was wiederum zu hässlichen Knoten und Löchern führen kann."

Einen mahnenden Finger hebt auch die amerikanische Gesellschaft für kosmetische Chirurgie (ASAPS). Sie verweist auf das Fehlen klinischer Studien zur Anwendung dieses Medikamentes als Mittel, um lästige Fettpolster zu entfernen.

Auch der Hamburger Facharzt für Plastische Chirurgie Dr. Martin Elsner rät zur Vorsicht. "Im medizinischen Bereich sollten Langzeiterfahrungen und Studien durch renommierte wissenschaftliche Organisatonen und Veröffentlichungen in anerkannten wissenschaftlichen Fachzeitschriften Voraussetzung sein, bevor man sich einer bestimmten Behandlung unterzieht" Für die Behandlung von Tränensäcken hält Dr. Elsner andere Behandlungsarten für angeraten. "Fettentfernung der Augenregion sollte aus ästhetischen Gründen meines Erachtens, wenn überhaupt, nur sehr zurückhaltend erfolgen." so Dr. Elsner.

Verschiedene Organisationen und auch einzelne Ärzte werben auf ihrer eigenen Praxis-Homepage für die schnelle Fettweglösung. Unter den Ärzten, die für dieses neue Verfahren der Fettentfernung werben, sind viele nicht chirurgisch tätige Ärzte. Der gewinnträchtige Bereich der ärztlich vorgenommenen Schönheitskorrekturen erschließt sich mit einem Mal auch nicht mit dem Skalpell werkelnden Medizinern.

So wirbt der Berliner Facharzt für Allgemeinmedizin Dr. Gunther Seitz in der Zeitschrift Super-Illu für die Fettentfernung per Injektion. "Innerhalb von vier Wochen schmelzen die Fettpolster weg und kommen auch nicht wieder." verspricht der Berliner Allgemeinmediziner. Auch über die Zahl der erfolgreich Behandelten weiß Dr. Seitz quantitativ Erstaunliches zu berichten: "Dass die Spritze auch die Fettpolster am Bauch zum Schmelzen bringt, hat die brasilianische Ärztin Patricia Rittes entdeckt. In den vergangenen acht Jahren hat sie 8.500 Patienten und fast alle Körperpartien damit behandelt."

Laut dem Berliner Arzt Dr. Franz-Udo Piechotta Flemming ist das Präparat Lipostabil in Brasilien übrigens nicht registriert und darf daher auch dort nicht angewendet werden.

Fazit

Viele Experten warnen und dennoch pilgern viele Frauen in die Wartezimmer der Doktoren, die die Fett-weg-Spritze anbieten. Zu verlockend ist für sie die Aussicht auf schnelle Hilfe im Kampf gegen ungeliebte Fettpolster.

Aufgrund der ungenügenden wissenschaftlichen Forschungen zum Einsatz von Lipostabil in der Schönheits-"Chirurgie" sollte noch einmal dringend von diesem Abenteuer abgeraten werden. Finger weg von der Injektions-Lipolyse!

Quelle: freenet.de
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