Löw will in Wembley abdanken, aber nicht gegen England

Letzte Übungseinheit vor Wembley: Das DFB-Team beim
Abschlusstraining in Herzogenaurach.
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Letzte Übungseinheit vor Wembley: Das DFB-Team beim Abschlusstraining in Herzogenaurach.

 © Federico Gambarini

Es ist alles gesagt - jetzt wird gespielt. Das größte Achtelfinale dieser EM eröffnet Deutschen und Engländern riesige Turnierchancen. Müller kehrt beim Klassiker zurück. Goretzka will sofort loslegen.

Herzogenaurach (dpa) - Joachim Löw erzählte beschwingt von einem gemütlichen Privat-Konzert mit Rock-Legende Peter Maffay im Kreise der Nationalmannschaft. Den Countdown für den England-Kracher eröffnete der Bundestrainer aber mit einem schrillen Pfiff aus seiner schwarzen Trillerpfeife.

Um Punkt 11.00 Uhr blies Löw mit dem akustischen Signal den Weg. Es könnte, aber es soll partout kein historischer Pfiff gewesen sein. Weder der "ewige Jogi" noch seine EM-Kicker mochten am Montag in Herzogenaurach daran denken, dass der Bundestrainer in diesem Moment womöglich sein allerletztes Training als Bundestrainer eröffnet hatte. Abdanken in Wembley gegen England? Nein, das will Löw nicht.

Müller kehrt in die Startelf zurück

Die finale Übungseinheit vor dem Flug von Nürnberg nach London und das 198. Länderspiel als DFB-Chefcoach am Dienstag (18.00 Uhr/ARD und Magenta TV) in Englands Fußball-Kultstätte sollen nicht Löws Endpunkt sein - sondern nur ein Zwischenstopp. "Wir wollen den nächsten Schritt machen", sagte Thomas Müller, der als historisch belegter England-Schreck (zwei Tore beim 4:1 im WM-Achtelfinale 2010) nach seinen Knieproblemen in die Startelf zurückkehrt. "Das Finale ist das Ziel", verkündete sogar der stets positiv denkende Robin Gosens.

Neben Müller zeichnet sich nur eine weitere personelle Änderung ab. Leon Goretzka will nach zwei Joker-Einsätzen endlich von Anfang an loslegen. Er ist dafür bereit, sagte Löw über den Münchner Mucki-Mann. Ilkay Gündogan stand zwar nach seiner Schädelprellung beim Abschlusstraining auf dem Platz, doch Löw hat Bedenken. "Ilkay war nicht vollumfänglich dabei. Man muss da schon ein bisschen Vorsicht walten lassen", sagte Löw bei Magenta TV.

Der in der Abwehr gesetzte Antonio Rüdiger ist nach seiner Erkältung hingegen wieder fit. Größere Teamumbauten und eine Abkehr vom Spielsystem mit Dreierkette und drei Angreifern scheint Löw nicht zu erwägen. Allerdings ließ er seinen Schlachtplan gegen die Three Lions streng geheim einstudieren. Eine Option wäre, die Defensive zu massieren und Joshua Kimmich zentral aufzubieten.

Liederabend mit Peter Maffay

Symbolkraft zieht Löw aus dem Liederabend mit Maffay, der mit einigen musikalischen Nationalspielern an den Gitarren zupfte. "Wir haben seine Songs mitgesungen, die Texte kennen ja alle", erzählte Löw. Die EM-Parallele zum Kultsong "Über sieben Brücken musst du gehen": "Die EM hat sieben Spiele. Wir müssen über manche lange Brücke gehen, was beschwerlich ist. Es war ein schöner gelungener Abend", sagte Löw.

Am Dienstagabend ist die vierte EM-Brücke dran. Ein großer Kampf wird erwartet, womöglich ein 120-Minuten-Klassiker mit dem nervlichen Höhepunkt eines Elfmeter-Dramas Teil III - dann natürlich wieder mit einem deutschen Happy-End wie bei der WM 1990 in Turin und der EM 1996 ebenfalls in London. Wembley war für Löw von Anfang an der Sehnsuchtsort auf der letzten Mission seiner 15 Jahre als Bundestrainer, aber natürlich erst beim Finale am 11. Juli.

Neuer sah schon immer "Höhen und Tiefen"

London - Rom - London, so soll die Reiseroute des DFB-Trosses durch Europa lauten nach den drei Gruppenspielen in München, in denen Löws 2021er-Jahrgang mal begeisterte wie beim furiosen 4:2 gegen Portugal und das Publikum mal leiden ließ wie beim 2:2 gegen Ungarn. Das mag die schwarz-rot-goldene Fan-Gemeinde irritieren und verunsichern, aber nicht die Spieler und schon gar nicht ihren Trainer. "Seit ich in der Nationalmannschaft bin, war es nie so, dass wir in einem Turnier einen Durchmarsch hingelegt haben", erinnerte Kapitän Manuel Neuer am Montag im "Kicker": "Es gab immer Höhen und Tiefen."

Gegen England braucht es fraglos ein Turnier-Hoch. Löw hatte vor dem Start dieser kniffligen Corona-EURO ein "sehr ausgeglichenes Turnier" vorausgesagt: "Da entscheidet, wer die beste Konstanz hat, die größte Konzentration und auch den längsten Atem über das Turnier hinweg."

Es verbietet sich eigentlich, über Dienstag hinauszudenken, auch wenn der Turnierpfad dazu verlockt. Die Holländer sind raus, der Weg für den Sieger des Klassikers scheint frei. Er hieße für Deutsche oder Engländer: Schweden oder Ukraine im Viertelfinale in Rom, danach Tschechien oder Dänemark im Halbfinale. Die Top-top-top-Nationen lauern erst im großen Wembley-Finale.

Jeder kleine Fehler kann entscheidend sein

Als Turnier-Veteran weiß Löw, dass es jetzt auf jede Kleinigkeit ankommt, dass er richtig aufstellen und einwechseln muss, dass jeder Fehler ein entscheidender sein kann. "Und natürlich kommt der Faktor Glück in dem einen oder anderen Spiel oder Moment dazu. Glück braucht man auch, wenn man Turniersieger werden will", sagte Löw.

Die stets vor und während Turnieren groß denkenden Engländer haben mit ihrer High-Speed-Offensive um den noch torlosen Starstürmer Harry Kane auch nicht wie ein kommender Europameister aufgetrumpft. Aber sie haben in engen Spielen gegen Kroatien (1:0), Schottland (0:0) und Tschechien (1:0) kein Tor hinnehmen müssen. Anders als die DFB-Elf, die selbst gegen Ungarn zwei Stück kassierte, insgesamt schon fünf.

Vom Anführer der Offensive kam darum eine klare Defensiv-Ansage. "Kein Tor kassieren", laute der Oberbefehl an alle elf Spieler auf dem heiligen Wembley-Rasen, sagte Müller. Er hofft zudem, dass der Faktor Neuer endlich zum Tragen kommen kann. Wenn schon, müsse man "dem Gegner eine Torchance geben, bei der sich der Manu auszeichnen kann". Es wird Zeit für einen magischen Neuer-Moment im Turnier.

Kein Training in Wembley

"Wir sind sehr gut vorbereitet", berichtete Gosens. Details aus Löws Matchplan plauderte er nicht aus. Dessen Ablaufplan sah ein letztes Training in Wembley vor. Der DFB verzichtete darauf dann aber auf UEFA-Ansage zur Schonung des Rasens. Die Deutschen hätten trainieren können, aber "nicht darum gebeten", verkündete am Montag wiederum der Dachverband. Löw erklärte, dass das Go der UEFA für ihn zu spät kam.

Sei's drum: Die Arena wäre beim Atmosphäre-Aufsaugen leer gewesen. Am Dienstag erlaubt die britische Regierung erstmals im Turnier gleich 45.000 Zuschauer. Wegen der Corona-Reiserestriktionen aufgrund der Delta-Variante werden nur wenige deutsche Anhänger im weiten Rund sein. "Es liegt an uns, dafür zu Sorgen, dass Stille im Stadion ist", sage Löw. "Dass das ganze Stadion gegen uns ist, ist zusätzliche Motivation", konterte auch Gosens cool: "Wir wollen dafür sorgen, dass es in Wembley so leise wie möglich ist." Auch nach dem Schlusspfiff, der für Löw keiner sein soll.

Die voraussichtlichen Aufstellungen:

ENGLAND: 1 Pickford - 2 Walker, 5 Stones, 6 Maguire, 3 Shaw - 14 Phillips, 8 Henderson, 7 Grealish - 25 Saka, 9 Kane, 10 Sterling

DEUTSCHLAND: 1 Neuer - 4 Ginter, 5 Hummels, 2 Rüdiger - 6 Kimmich, 18 Goretzka, 8 Kroos, 20 Gosens - 7 Havertz, 10 Gnabry, 25 Müller

Schiedsrichter: Danny Makkelie (Niederlande)

Quelle: dpa-infocom GmbH
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