Positiver Corona-Trend - mit vielen Unbekannten

Ein Abstrich für einen PCR-Test wird von einem Mitarbeiter im
Corona-Testzentrum genommen.
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Ein Abstrich für einen PCR-Test wird von einem Mitarbeiter im Corona-Testzentrum genommen.

© Sina Schuldt

Gibt es Anlass zur Hoffnung, dass der Lockdown in Deutschland wirkt? Einige Forscher sind optimistisch. Doch das heißt nicht, dass bald alles so ist wie früher.

Berlin (dpa) - Es klingt nach einer richtig guten Nachricht: Die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus in Deutschland geht in einem aktuellen Trend zurück. Wirkt der Lockdown? Gibt es Hoffnung, dass ab Mitte Februar Vieles einfacher wird?

So gab das Robert Koch-Institut (RKI) am Donnerstag die Zahl der bundesweit gemeldeten Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche mit 119,0 an. Das ist der niedrigste Wert dieser so genannten 7-Tage-Inzidenz seit Anfang November.

Für Sebastian Binder, Systemimmunologe am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig, ist der Rückgang der Inzidenz eine Konsequenz der verschärften Lockdown-Maßnahmen seit dem 16. Dezember. "Daran zeigt sich, dass eine Begrenzung des Infektionsgeschehens auch unter saisonal ungünstigen Voraussetzungen möglich ist", sagt er. Der aktuelle Trend sei jedoch relativ langsam. Die weitere Entwicklung bleibe abzuwarten.

Das politische Ziel beim Ausbremsen der Pandemie ist eine Inzidenz von unter 50. Ist das illusorisch mit Blick auf den verlängerten Lockdown bis Mitte Februar? "Ausgehend von der aktuellen Situation sagt unser Modell in einem sehr optimistischen Szenario tatsächlich einen Rückgang der Fälle bis zu einer Inzidenz von 50 vor Ende Februar voraus", berichtet Binder. Ein Erreichen des Ziels liege für ihn damit "im Bereich des Möglichen."

Für Forscher bleibt die Lage dennoch verzwickt. Denn bei den gängigen Rechenmodellen gibt es große Unbekannte. Dazu zählen die Mutationen des Virus, die es ansteckender machen können. "Darin liegt eine echte Gefahr", betont Binder. Sie gilt nicht nur für Menschen - sondern auch für die Verlässlichkeit der Rechenmodelle.

Zu den erfreulichen neuen Zahlen vom Donnerstag gibt es einen weiteren Dämpfer: Das Sterben wird so schnell nicht aufhören. Allein auf Deutschlands Intensivstationen überlebt im Schnitt ein Drittel der Covid-Patienten nicht. Auch wenn die Zahl sinkt: Am Donnerstag wurden dort 4800 Menschen behandelt. Viele Schwerkranke werden gar nicht in Kliniken gebracht, sondern sterben in Pflegeheimen. Derzeit verzeichnet das RKI rund 50.000 Corona-Tote in Deutschland seit Beginn der Pandemie. Das entspricht der Einwohnerzahl von Städten wie Emden, Goslar, Speyer oder Rastatt.

Der bundesweite Sieben-Tage-R-Wert lag laut RKI-Lagebericht vom Donnerstagabend bei 0,93 (Vortag: 0,87). Das bedeutet, dass 100 Infizierte rechnerisch 93 weitere Menschen anstecken.

Dazu gibt es Faustformeln. Liege der R-Wert bei 0,9, dauere es etwa einen Monat, bis sich die Zahl der Infizierten halbiere, sagt Charité-Virologe Christian Drosten. Bei einem R-Wert von 0,7 dauere es nur eine Woche. Doch der R-Wert bildet das Infektionsgeschehen vor 8 bis 16 Tagen ab. Was aktuell passiert, wird sich wiederum erst zeitversetzt zeigen. Eine hoch ansteckende Virusvariante könne den R-Wert auf 1,4 schnellen lassen, schreiben die Physikerin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation und Kollegen in einem Beitrag für das Fachjournal "The Lancet".

Ein Pluspunkt im Vergleich zur ersten Pandemiewelle ist auch das Impfen. 1,3 Millionen Menschen in Deutschland hatten bis Donnerstag den ersten Pieks bekommen. Auch wenn es Verzögerungen bei Impfstofflieferungen gibt: Impfen bedeutet, die Pandemie neben dem Lockdown an einer zweiten Frontlinie angreifen zu können. Bis Ende des Jahres sei sie wahrscheinlich im Griff, prognostizierte jüngst RKI-Chef Lothar Wieler. Doch auch dabei gibt es Unbekannte.

Im Verlauf des Jahres könne es zu Mutationen kommen, gegen die heutige Impfstoffe erst einmal nicht so effektiv wirken, schreiben Viola Priesemann und Kollegen. Diese Varianten könnten die Krise verschlimmern, lange bevor genug Menschen für eine Herdenimmunität geimpft sind.

An Kontaktbeschränkungen und Maskentragen wird deshalb wohl noch lange Zeit kein Weg vorbeiführen. Unter Virologen gibt es auch Zweifel an der Corona-Eindämmung von Bund und Ländern. "Mit der gegenwärtigen Strategie wird es schwer, über diese kritische Zeit zu kommen, ohne die Unterstützung der Menschen zu verlieren", warnt der Epidemiologe Klaus Stöhr im Interview mit dem Münchner Merkur (Donnerstag). Stöhr riet, das Ziel einer Sieben-Tage-Inzidenz von 50 aufzugeben. "Im Winter ist dieser Zielwert illusorisch, reines Wunschdenken."

Quelle: dpa-infocom GmbH
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