Armut trotz Arbeit

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12.03.2006 - 23:00 Uhr

von Matthias Seng

Wirtschaftliche Flauten sind keine Begleiterscheinungen ausschließlich des modernen Kapitalismus. Zu allen Zeiten gab es im Wirtschaftsleben die Abfolge von Aufschwung und Krise. Schon im ausgehenden Mittelalter litten viele Bewohner der italienischen Stadtstaaten in Folge einer wirtschaftlichen Flaute unter bedrückender Armut, obwohl sie Arbeit hatten. Erst in unserer Zeit hat man einen prägenden Begriff dafür gefunden: "working poor", arbeitende Arme.

Florenz war im ausgehenden Mittelalter ein blühendes Handels- und Industriezentrum und zählte wahrscheinlich schon um die 100.000 Einwohner. Der Reichtum der Stadt gründete auf ihrer führenden Position im Fernhandel, im Woll- und Tuchgewerbe, vor allem aber im Geld- und Bankgeschäft: So kontrollierten Florentiner Bankiers wie die Medici lange Zeit auch die päpstlichen Finanzen.

Bereits im Jahr 1328 der consiglio del popolo (Volksrat) und der consiglio del comune (Kommunalrat) geschaffen worden. Ersterer bestand aus 300 popolani (Bürgerlichen), Letzterer aust 250 Mitgliedern, je zur Hälfte Adlige und Bürgerliche. Aber wenn die Florentiner mit einigem Stolz auf ihre republikanischen Institutionen blicken konnten, so lag die wahre Macht doch bei den reichen Kaufleuten und mächtigen Bankiers der Stadt. Die beherrschten die florentinische Gesellschaft und die Stadtverwaltung und reagierten auf die Rezession mit Lohndrückerei und Geldverknappung.

Trotz schrumpfender Bevölkerung erhöhte sich in Florenz aber schon in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts die Zahl der Armen beträchtlich. Die Stadt traf diese Entwicklung völlig unvorbereitet. Das strukturellen Ursachengeflecht der wirtschaftlichen Flaute, die im übrigen ganz Italien heimsuchte, durchschaute kaum jemand.

Neben den herkömmlichen Armen, die in aussichtsloser Mittellosigkeit verharrten und als Bettler dahinvegetierten, trat eine neue Armut zutage, die nicht mehr nur Arbeitslose und Außenseiter betraf, sondern die Mitte der städtischen Gesellschaft. In diese neue Armut stürzten Menschen, denen es trotz aller Anstrengung und Mühe es nicht gelang, ihren Lebensunterhalt und wirtschaftliche Unabhängigkeit zu sichern – und das, obwohl sie einer oder gar mehreren bezahlten Tätigkeiten nachgingen. Diese "fleißigen Armen" entkamen trotz ihrer Bemühungen nicht der Armutsfalle, in die sie gestoßen worden waren.

Selbst wenn es diesen vormodernen "working poor" gelang, sich mit ihrem Beruf ein bescheidenes Vermögen anzuhäufen, waren ihre Einkünfte aber so gering, dass schon ein persönlicher oder konjunktureller Unglücksfall ausreichte, um sie verarmen zu lassen. In einem solchen Fall gab es keinerlei städtische Unterstützung.

Vielmehr waren es religiöse Einrichtungen wie die Bruderschaften San Paolo oder Or San Michele, die sich in ihrer Funktion als Vereine zur Förderung der Frömmigkeit, Nächstenliebe und des öffentlichen Gottesdienstes um die in Not Geratenen kümmerten. Sie versuchten allerdings nur die Folgen der Armut zu lindern, nicht aber deren Ursachen zu bekämpfen.

Die neuen Existenzrisiken beschränkten sich auf keine spezifische Gruppe. Neben Lohnarbeitern traf es auch Handwerker, zunächst vor allem solche, die in den städtischen Zünften die unteren Ränge einnahmen.

Von den reichen Zünften konnten die neuen Armen keine Hilfe erwarten. Vor allem von den wohlhabenden und mächtigen Kaufleute wurden sie misstrauisch beäugt, Zusammenschlüsse zur gegenseitigen Hilfe erschwert und verhindert.

Als beispielsweise unter den Färbern Unruhe ausbrach, war das ein Alarmzeichen für die Wollenweberzunft, denn die Qualität der Tuche war von der Arbeit der Färber abhängig. Die Versuche, im Jahr 1343 zwei neue Zünfte für Färber und Kardierer (Spinner) zu gründen, wurden von den wohlhabenden Zünften verhindert.

In den 1350er Jahren verbot die Seidenweberzunft weitere Zusammenschlüsse der schlecht bezahlten Arbeiter. Zu groß war die Furcht vor Verschiebungen im städtischen Machtgleichgewicht.

Interesse an einer besseren Bezahlung der unteren Lohngruppen hatten die Reichen kaum. Verschiedene Berufsgruppen oder Handwerker versuchten daraufhin, sich einen angemessenen Lohn vor Gericht zu erstreiten. Die besonders Mutigen unter den Kleinhandwerkern prozessierten sogar gegen die mächtigsten Familien der Stadt. Erfolgreich waren diese mutigen Bemühungen jedoch nur in den seltensten Fällen.

Die Verschuldung vieler Familien nahm schließlich derartige Ausmaße an, dass um das Jahr 1340 herum in Florenz nicht einmal mehr der Wucher als Todsünde galt. Aber nicht nur Handwerker wie Wollweber, Färber, Kardierer, Maurer, Schuster oder Schmiede litten unter den niedrigen Löhnen, sondern auch Händler und sogar das Dienstleistungsgewerbe. Im Jahr 1320 schon betreute etwa die Bruderschaft von Or San Michele auch bedürftige Trödler, Notare und Makler.

Die größte Gruppe der Armen machten aber die Lohnarbeiter aus. Dazu zählten auch landwirtschaftliche Tagelöhner, Gärtner und Bauarbeiter. Bereits acht Jahre, bevor die Große Pest (1348) Florenz in eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes stürzte, konnten viele Arbeiter kaum ihre Familien ernähren. Diese Menschen arbeiteten sich arm, viele Tagelöhner bekamen für ihren schmalen Lohn nicht mehr als den Gegenwert von 1.000 Kalorien. Zur normalen Ernährung wären aber 3.500 Kalorien nötig gewesen.

In den letzten Jahren vor dem Ausbruch der Pest befand sich die Mehrheit der Lohnarbeiter in dieser dramatischen Lage.

Die Armut war gegen Mitte des 14. Jahrhunderts aber nicht nur in Florenz Teil des städtischen Alltags geworden, sondern auch in anderen italienischen Städten. Vorher war Armut aber nur in Verbindung mit Alter, Krankheit, Arbeitslosigkeit oder geschäftlichem Ruin eine existenzielle Gefahr für die Menschen gewesen. Jetzt lebten auch etablierte Bürger in Sorge, die einer geregelten Beschäftigung nachgingen und sogar in einem gewissen Umfang am gesellschaftlichen Leben der Stadt teilhaben konnten.

Die neuen Armen blieben auch in ihren angestammten Wohnbezirken und so konnte es passieren, dass Arme neben Reichen, Hungernde neben Satten lebten. Im 14. Jahrhundert waren in Italien persönliche Abhängigkeiten auch in den Städten noch weit verbreitet.

Viele sozial Schwache waren eng an mächtige und reiche Familien gebunden, die ihnen im Gegenzug für ihre Gefolgschaft aber auch so genannte Präbende – Nahrung, Verköstigung oder Unterhaltszahlung – gewährten. Diese engen Bindungen blieben auch von der grassierenden Armut unversehrt, ja, sie waren für die Armen oftmals der letzte Rettungsanker.

Florenz erholte sich zwar wieder von den Schrecken der Pest und der Hungersnot, erlangte aber nicht mehr vergleichbaren Reichtum und Wohlstand. Der Aufstieg der Medici zum herrschenden politischen Geschlecht in Florenz war in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts auch deshalb möglich, weil Giovanni di Medici erkannt hatte, dass vor allem die Reichen ihren Beitrag zum Wiederaufstieg der Stadt leisten mussten. Mit der Einführung einer Art von Vermögenssteuer machte er sich vor allem beim "kleinen Volk" beliebt und es gelang ihm, die sozialen Gegensätze zumindest ansatzweise zu entschärfen.

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