Astronomen der Vorzeit

Das Stonehenge-Ensemble aus mehreren Steinkreisen
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Das Stonehenge-Ensemble aus mehreren Steinkreisen

 © Getty Images

Zahlreiche prähistorische Bauwerke in der ganzen Welt wurden nach astronomischen Gesichtspunkten ausgerichtet. Allein in Europa gibt es hunderte dieser Monumente, von denen das in der englischen Grafschaft Wiltshire, nördlich von Salisbury gelegene Stonehenge am berühmtesten ist.

Das Stonehenge-Ensemble aus mehreren Steinkreisen und einem umgebenen Graben stammt aus der Jungsteinzeit vor zirka 5.100 Jahren, einer Zeit da die waldreichen Landschaften des heutigen Europa nur dünn besiedelt waren, die steinzeitlichen Ackerbauern lebten meist entlang der fruchtbaren Flusstäler. Sie besaßen bereits ein rudimentäres astronomisches Wissen, denn sie durften die richtigen Zeitpunkte für Saat und Ernte nicht verpassen.

Die auffälligen Gesetzmäßigkeiten von Sonnenlauf und Mondphasen bildeten daher vermutlich in nahezu allen frühen Kulturen die Basis für Orientierung, Zeitrechnung und die Markierung besonderer Zeitpunkte. Diese Gesetzmäßigkeiten spiegeln sich in der Anlage von Stonehenge wider, das im Laufe der Jahrhunderte mehrfach aus- und umgebaut wurde.

4.000 Jahre lang, bis etwa 500 n.Chr., wurde Stonehenge von verschiedenen Völkern für Rituale und astronomische Beobachtungen genutzt. Ursprünglich hatte Stonehenge den ersten steinzeitlichen Hirten wohl als Mondtempel gedient. Damals bestand die Anlage aus einem kreisförmigen Erdwall von 115 Metern Durchmesser mit Graben, einem Ring aus 56 Holzpfosten und einem einzelnen großen Stein außerhalb des Kreises. Aus der Anzahl dieser so genannten Aubrey-Löcher konnte man die Phasen zwischen den zwei großen Mondwenden ablesen.

Spätere Völker der Glockenbecher-Kultur, die sich um 2600 v.Chr. niederließen, veränderten die Achse der Anlage. 80 tonnenschwere, aufrecht stehende Blausteine bildeten zwei Halbkreise und Stonehenge wurde zu einem Sonnenobservatorium, in dem es zu dem imposanten Sonnenaufgang über dem außerhalb liegenden "Heel Stone" kommt.

Um 2000 v.Chr. haben Menschen der Wessex-Kultur der Megalithanlage ihre heutige Gestalt gegeben. Sie errichteten den gewaltigen Innenkreis aus Sarsensteinen, 30 von Decksteinen bedeckten Sandsteinpfeilern und stellten im Innern dieses Kreises fünf so genannte Trilithen in Hufeisenform auf; sie wurden ebenfalls mit Decksteinen versehen. Vom zentralen Altarstein gesehen ging die Sonne zur Sommersonnenwende zwischen zwei Sarsensteinen auf, damals vermutlich direkt über dem Fersenstein.

In den 1960er Jahren vertrat der berühmte Astronom Sir Fred Hoyle die These, Stonehenge sei nicht nur ein Observatorium gewesen, sondern habe auch zur Vorhersage himmlischer Ereignisse gedient. Wer immer diesen Ort ausgewählt hatte, musste sehr fortgeschrittene Kenntnisse der Sternenbeobachtung mit bloßem Auge besessen haben.

Auch der Steinkreis im nordwestenglischen Castlerigg wurde nach astronomischen Gesichtspunkten angelegt. Alljährlich zur Sommersonnenwende am 21. Juni kommt es bei Sonnenuntergang zu einem erstaunlichen Lichtspektakel. Zwei Steine in dem Kreis sind auf die Position der Sonne bei ihrem Untergang am Grat von Latrigg im Nordwesten ausgerichtet. Der Winkel zwischen der Stelle, an der die Sonne in Latregg untergeht, und Castlerigg folgt der abschüssigen Landschaft im Südosten hinter dem Steinkreis und bewirkt dadurch einen langen Schatten. Dieses Phänomen weist ebenfalls auf eine sehr genaue Kenntnis der Gestirne hin.

Ein Beispiel für eine Landschaft in der Umgebung eines Monuments, die in eine astronomische Symbolik eingefasst wurde, ist in Callanish auf der Hebrideninsel Lewis zu bestaunen. Bis zu fünf Meter hoch ragen die vor rund 5.000 Jahren aufgerichteten 13 Menhire aus dem torfigen Boden der Insel. Zusammen bedecken sie eine Fläche von nahezu 5.400 Quadratmetern. Wenn der Mond am nördlichen Punkt über den Steinkreisen aufgeht, hat es den Anschein, als werde er aus einer Hügelkette am östlichen Horizont geboren, die wie eine auf dem Rücken liegende Frau aussieht. Die Positionierung der Steine erlaubte das Anzeigen der Mondwenden, für die Steinzeitmenschen und auch für ihre Nachfahren das Zeichen für Ende und Neubeginn einer Ära in ihrem Mondkalender.

Auch auf dem Festland verfolgten die Menschen der Vorzeit dieses Schauspiel des tanzenden Mondes. Bei Aberdeen entdeckten Archäologen zahlreiche Steinkreise, die eine Besonderheit aufwiesen: Innerhalb des Rings aus stehenden Menhiren befindet sich ein einzelner Stein auf der Seite, der häufig noch von zwei Ringsteinen eingefasst wird. Dieser Altarstein besteht meist aus einem anderen Gesteinstyp und befindet sich am südlichen Ende des Kreises, exakt in der Richtung, in der der Mond zum Zeitpunkt einer Mondwende untergeht.

Ähnliche Mondausrichtungen finden sich auch bei jungsteinzeitlichen Anlagen in anderen Teilen Europas. In Irland etwa deuten viele Steinreihen direkt auf markante Hügelkuppen am Horizont. Hinter diesen versinkt der Mond nur zu bestimmten Phasen seines Zyklus und dient damit als Zeitgeber.

In der Bretagne weisen umgestürzte Bruchstücke auf den wahrscheinlich höchsten Steinmegalithen der Welt hin. Der auch als "Er Grah" (Feenstein) bekannte Koloss wiegt 340 Tonnen und hätte aufrecht stehend eine Höhe von 21 Metern. Nach Berechnungen von Prof. Alexander Thom könnte es sich dabei um einen riesigen, kilometerweit sichtbaren Markierstein gehandelt haben, der gesetzt wurde, um wichtige Mondpositionen aus verschiedenen megalithischen Gesichtspunkten zu vermitteln.

Der Lauf der Jahreszeiten hatte in den Frühkulturen eine überragende Bedeutung. Die Sonnenwenden (21. Juni und 21./22. Dezember) und Tagundnachtgleichen lieferten wichtige Eckdaten für das kultische und das landwirtschaftliche Jahr.

Die kultischen Bauwerke und Grabmäler der späten Steinzeit spiegeln fast alle bereits die beiden Wendepunkte im Jahr wider. So besitzt das 3.150 v. Chr. erbaute Ganggrab Newgrange in Irland eine innere Kammer, in die jedes Jahr nur an wenigen Tagen um die Wintersonnenwende herum bei Sonnenaufgang ein Sonnenstrahl fällt. Nun spielt sich eine Art "kosmisches Theater ab", denn für rund 15 Minuten stehen die Sonne, die Öffnung über dem Grabeingang, der 22 Meter lange Gang und die Grabkammer an seinem Ende genau in einer Linie. Ein Lichtfleck fällt direkt in die Grabkammer. Die alten Steine beginnen wie glühendes Gold zu leuchten. Der Fleck zeigte an, dass die dunkle Zeit vorbei war und die Tage wieder länger wurden.

Der irischen Legende nach befindet sich in der Kammer der Sitz der "Herren des Lichts". Der Forscher und Autor Paul Devereux hält das Lichtspektakel für ein inszeniertes Ritual, das eine transzendentale Erfahrung als Hauptziel hat, ein Ritual "in deren Verlauf die Beteiligten in das von ihnen himmlischen Göttern bewohnte Reich versetzt wurden". Devereux begründet dies mit der Tatsache, dass unsere Vorfahren bereits halluzinogene Pflanzen kannten und verwendeten, was durch bisweilen 6000 Jahre alte Höhlenmalereien in vielen Teilen der Welt aufgezeigt wird.

Devereuxs These ist umstritten. Fakt ist, dass es das Wissen um die Sonnenwenden schon lange vor dem Zeitalter der Megalith-Kulturen gab. Die 2004 via Luftbildarchäologie entdeckte Anlage von Goseck in Sachsen-Anhalt weist eine knapp 7.000 Jahre alte steinzeitliche Henge-Struktur auf, ein aus Holz erbauter Vorläufer der kultischen Steinkreise von Stonehenge oder Avebury in England.

Die Anlage von Goseck besteht aus einem kreisrunden Graben, 71 Meter im Durchmesser, der zwei konzentrische Ringe aus mehr als 2.000 kleinen Löchern im Boden einschließt. In den Löchern standen einst Holzpalisaden und insgesamt drei Tore – im Norden, im Südosten und Südwesten. Die Tore sind nach dem Sonnenlauf ausgerichtet. Zur Wintersonnenwende geht die Sonne in Richtung des Nordtores auf, beschreibt dann einen sehr flachen Bogen am südlichen Himmel und geht im Südwesten am anderen Tor unter.

Knochenfunde von Stieren deuten darauf hin, dass in den Sonnenlauf vermutlich ein religiöser Opferritus integriert war, wobei die Platzierung der Stierschädel am Südosttor auf die Hyaden im Sternbild des Stiers Bezug nimmt.

Inzwischen haben Archäologen in Europa mehr als 200 ähnlicher Kreisgrabenanlagen entdeckt, wenn auch keine davon so gut erhalten wie Goseck.

Manche Forscher vermuten, dass das astronomische Denken der Menschen schon existiert hat, bevor sich in den entsprechenden Gebieten organisierte Gesellschaften entwickelt hatten, die Landwirtschaft betrieben. So finden sich in der Höhle von Lascaux nahe dem französischen Ort Montignac in der Dordogne einige der ältesten Felsmalereien der Menschheitsgeschichte. Sie stammen aus der späten Altsteinzeit vor 15.000 bis 17.000 Jahren am Ende der letzten Eiszeit und wurde von prähistorischen Jägern und Sammlern angelegt.

In einem Teil der Höhle, der "Halle der Stiere", prangt ein riesiges Deckengemälde, auf dem ein Auerochse zu sehen ist, über dessen Widerrist sich eine eigentümliche Figur aus sechs dunklen Tupfen befindet. Der Archäoastronom Michael Rappenglück vermutet darin die sechs mit bloßem Auge sichtbaren Sterne der Plejaden. Dieser offene Sternenhaufen, direkt über dem Sternbild des Stieres stehend, ist eines der auffälligsten Phänomene am Nachthimmel und taucht in den Überlieferungen und Mythen verschiedenster Kulturen weltweit auf. Das so genannte Siebengestirn ist unter anderem auch auf der berühmten steinzeitlichen Himmelsscheibe von Nebra abgebildet.

Für die antiken Griechen war die jeweilige Stellung der Plejaden bedeutsam für den Beginn der Saat beziehungsweise der Ernte. Auch vor 17.000 Jahren tauchte die Sternengruppe jedes Jahr im Herbst auf und erreichte im Frühjahr ihren höchsten Stand. Sie war vom Hügel von Lascaux gut einsichtbar und ein wichtiger Anzeiger für die Jahreszeiten.

Die Himmelskunde, das Wissen um bestimmte astronomische Gesetzmäßigkeiten wie der Jahreslauf der Sonne, der Mondzyklus und die leuchtenden Sternbilder, war bereits vor tausenden von Jahren untrennbarer Teil des Lebens und der Rituale der Menschen in Mittel- und Nordeuropa. Sie bestimmten den Rhythmus ihres Lebens, zeigten an, wann es Zeit war zu sähen oder zu ernten, wann welche Feste gefeiert wurden und wann ein Ritual anstand. Einige ihrer Erkenntnisse waren bereits erstaunlich fortgeschritten und komplex, in vielerlei Hinsicht sogar fortschrittlicher und kreativer als nachfolgende Kulturen.

Von ihrem Wissen zeugen heute jedoch nur noch die Bauwerke aus jener Zeit, schriftliche Aufzeichnungen kannten die steinzeitlichen Menschen der nördlichen Hemisphäre nicht. So sind die Archäoastronomen auf das Entziffern der meist steinernen Zeugen angewiesen. Und es darf weiter spekuliert werden, welchen Zwecken diese wirklich dienten.

Vor allem fungierten die vorzeitlichen Bauten als religiös-kultische Orte, wobei die Himmelsphänomene eine wichtige Rolle spielten. Offen bleibt, ob die Übereinstimmungen von Architektur und Astronomie die Kenntnisse über den Himmel nur symbolisch abbildeten oder ob Stonehenge und andere steinzeitliche Bauwerke tatsächlich als Sternwarten genutzt wurden.

 

 

Quelle: freenet.de
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