Bush als Umweltschützer?

Maskentölpel
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Maskentölpel

von Jan Herrmann

Es mag unglaublich klingen, aber auch Präsidenten sind nur Menschen. So kann es kommen, dass ein gut gemachter Film mehr bewirken kann, als die Arbeit professioneller Naturschützer.

Im März 2006 führte Jean-Michel Cousteau dem US Präsidenten George Bush und seiner Frau Laura eine Vorschau seines Films "Voyage to Kure" vor. In der "Reise nach Kure" dokumentierte der Sohn von Taucherlegende Jaques Cousteau die Schönheit und Bedeutung der einzigartigen Naturlandschaft um die nordwestlichen Inselsysteme Hawaiis.

Noch am Abend nach der Filmvorführung signalisierte der Präsident seine Unterstützung für den Schutz dieser Region. Wie diese Unterstützung aussehen sollte, wurde jetzt deutlich. Am 15. Juni rief Präsident Bush das "Nationalmonument" Nordwestliche Hawaiianische Inseln aus und stellte diese Inselregion damit unter einen Schutz, der über den normaler Naturschutzgebiete weit hinaus geht.

Schon 1909 hatte Präsident Theodore Roosevelt einige Inseln Hawaiis zum Vogelschutzgebiet erklärt, im Jahr 2000 wurde unter Präsident Bill Clinton ein Korallenschutzgebiet erschaffen. Clinton hatte aber mehr vor und startete ein aufwändiges Programm zur Schaffung eines Meeresschutzgebietes.

Fünf Jahre lang wurden Studien und Meinungsumfragen durchgeführt. Über 50.000 öffentliche Kommentare wurden verarbeitet. Dieses Prozedere hätte noch mindestens ein weiteres Jahr fortgesetzt werden müssen. Aber trotz der guten öffentlichen Stimmung zum Schutzgebiet hätte das Projekt durch Klagen Einzelner ins Straucheln kommen können.

Das sah der von den Filmbildern gerührte Präsident Bush gar nicht ein. Er besann sich des 100 Jahre alten Gesetzes über Nationale Altertümer. Danach darf er – ohne weitere Anhörungen – wichtige kulturelle oder geologische Ressourcen zum nationalen Monument erklären. Darin eingeschlossen ist das Verbot wirtschaftlicher Ausbeutung und touristischer Erschließung.

In diesem Fall wurde verfügt, dass die acht kommerziellen Fischerboote der Region innerhalb der nächsten fünf Jahre ihre Arbeit einstellen müssen. Sportfischerei und die Entnahme von Korallen und anderen Tieren ist ebenso verboten. Wer als Forscher kommt oder Bildungsreisen im Schutzgebiet durchführen möchte benötigt eine Erlaubnis. Das gilt auch für die Ausführung kultureller Praktiken durch die Einwohner. Öl-, Gas- und Mineralförderung ist überall verboten.

Auch Arbeiten zum Schutz des Systems können nur noch mit Erlaubnis durchgeführt werden. Bush verwies dabei auf die Bedeutung der Hilfsmaßnahmen durch Freiwillige. So hätten Taucher in einem Jahr über 120 Tonnen über Bord gegangene Netze und Gerät von Fischerbooten gesammelt und entsorgt.

Das US Militär wurde ausdrücklich von den Verboten ausgenommen. Ob das auch die akustischen Versuche etwa mit dem aktiven Niederfrequenzsonar (LFAS) betrifft, wurde nicht deutlich. Aktive Sonarsysteme gelten als Ursache für Walstrandungen. Das Militär entwickelt diese Sonarsysteme, um moderne U-Boote aufzuspüren, die kaum Eigengeräusche abgeben.

Das nationale Monument löst das australische Great Barrier Reef als größtes marines Schutzgebiet der Erde ab. Mit 360.000 Quadratkilometern Fläche ist es etwa so groß wie Deutschland. Auf den zehn nordwestlichen Inseln und Atollen Hawaiis sowie in den Gewässern drumherum leben 7000 bekannte Tier- und Pflanzenarten. Ein Viertel davon ist endemisch, kommt also nur in dieser Region vor.

"Diese Korallenriffe quellen über vor Leben", erklärte Präsident Bush in seiner Ansprache und zählt drei Vertreter auf: "Große Räuber wie der Weißspitzenhai, die Ostpazifischen Delfine und Stachelmakrelen." Hier leben die 1400 verbliebenen Hawaii-Mönchsrobben, etwas über zwei Meter lange und um 200 Kilogramm schwere Robben, die im 19. Jahrhundert schon als ausgestorben galten.

90 Prozent der Hawaii-Population der Grünen Meeresschildkröten legen an den Stränden dieser Region ihre Eier ab. Als "Suppenschildkröte" ist diese Art an den Rand der Ausrottung gebracht worden. Nun steht sie unter dem Schutz des Washingtoner Artenschutzübereinkommens (CITES), ist aber noch immer vor allem durch touristische Aktivitäten an den Brutstränden stark bedroht.

14 Millionen Seevögel brüten regelmäßig auf den Inseln. Die Korallenriffe alleine umfassen ein Gebiet von über 11.600 Quadratkilometern. Zum Vergleich: Die drei deutschen Nationalparks Wattenmeer haben zusammen "nur" eine Fläche von knapp 7500 Quadratkilometer.

Die Inseln waren weder industriell noch touristisch besonders interessant, so dass sich die vielfältige Natur hier erhalten konnte. Nur die Insel Midway hatte als Basis im Zweiten Weltkrieg Bedeutung für die USA. 1997 hat das Militär den Posten verlassen und der Wissenschaft übergeben. Seitdem werden die Straßen von den kleinen Laysan- und Schwarzfußalbatrossen bevölkert.

Die Verkündung des Nationalen Monuments ist bei Naturschützern mit viel Lob aufgenommen worden. Denn bisher hat die Bush-Administration den Natur- und Umweltschutz stiefmütterlich behandelt. Die Ablehnung des Kyoto-Protokolls oder die anstehende Genehmigung zu Ölbohrungen in Alaska hatte die Umweltschutzorganisationen gegen den Präsidenten aufgebracht.

Wie ernst George Bush es mit dem Schutz der nordwestlichen Inseln Hawaiis meint, wird er zeigen müssen, wenn er sich mit den indirekten Bedrohungen dieser Region beschäftigt. Nur zehn Tage vor der Proklamation des Nationalmonuments haben Wissenschaftler um Jason Baker vom Pacific Islands Fisheries Science Center ihre Berechnungen veröffentlicht, nach denen die nordwestlichen Inseln Hawaiis im Jahr 2100 zu 65 Prozent überschwemmt sein werden.

Diese Untersuchung basiert auf den Zahlen des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) in Gland, Schweiz. Danach ist durch das Abschmelzen von Gletschern und Polkappen und die Ausdehnung des Wassers in Folge der Klimaerwärmung mit einem Meeresspiegelanstieg von 48 Zentimetern zu rechnen.

Die Erwärmung führt aber nicht "nur" zum Anstieg des Meeresspiegels. Das empfindliche Ökosystem der Korallenriffe ist ebenfalls temperaturempfindlich. Steigen die durchschnittlichen Wassertemperaturen um nur wenige Grad, kommt es zur Korallenbleiche.

Normalerweise bilden Korallenpolypen und einzellige Algen, die Zooxanthellen, eine symbiotische Lebensgemeinschaft. Wird es den Korallen zu heiss, werden die farbgebenden Algen abgestossen und die Korallen bleichen aus. Eine kurze Phase dieses Zustands ist reversibel, eine längere Trennung von ihren Algen können die Korallenpolypen nicht überleben. Seit knapp 30 Jahren ist das Phänomen bekannt und hat seitdem immer größere Korallenriffe erfasst.

Ob diesen mit der Klimaerwärmung einhergehenden - erdgeschichtlich betrachtet - rasanten Entwicklungen noch etwas entgegenzusetzen ist, kann niemand sagen. Vielleicht sollte Jean-Michael Cousteau und seine Ocean Futures Society öfter mal Filme im Weißen Haus vorführen.

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