Crack, Contras und die CIA

Crack, Contras und die CIA
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Crack, Contras und die CIA

 
28.08.2003 - 22:00 Uhr

von Matthias Seng

Gary Webb war investigativer Journalist, der bei der kalifornischen Zeitung San Jose Mercury News sein Geld verdiente. Für seine Arbeiten erhielt der renommierte Journalist mehr als 30 Ehrungen, darunter im Jahr 1990 den Pulitzer-Preis, die höchste Auszeichnung für Journalisten in den USA. Damals hatte Webb ausführlich und sehr fundiert über ein Erdbeben in San Francisco berichtet.

Seine nächste größere Arbeit löste ein landesweites politisches Erdbeben aus. Nach langen und gründlichen Recherchen veröffentlichte Gary Webb im August 1996 in den San Jose Mercury News eine dreiteilige Serie, in der er berichtete, wie der schmutzige Guerilla-Krieg gegen die sandinistsche Regierung im mittelamerikanischen Nicaragua finanziert wurde.

Nach Webbs Recherchen lieferten nicaraguanische Exilanten, die den so genannten Contras nahe standen, in den 1980er Jahren in großen Mengen Kokain nach Kalifornien, besonders in den Großraum Los Angeles. Dort wurde das Kokain zu billigem Crack weiterverarbeitet, mit dem speziell die Schwarzenviertel von Los Angeles förmlich überschwemmt wurden. Die Millionen-Gewinne aus den Drogengeschäften wurden dazu verwendet, die Contra-Armee in Nicaragua zu finanzieren.

Die CIA hatte diesen schmutzigen Krieg von langer Hand und im Auftrag der Reagan-Administration vorbereitet. Amerikanische "Berater" bildeten die Contras an den US-Waffen aus, die "Agency" war für die logistische und militärische Unterstützung verantwortlich. Die ungeliebten, weil sozialistischen Sandinisten sollten aus der Regierung gebombt werden.

Webb konnte zwar nicht nachweisen, dass die Geheimdienstchefs oder gar die damalige Reagan-Regierung in die kriminellen Machenschaften der verbündeten Kokain-Lieferanten verwickelt waren, wohl aber, dass verschiedene CIA-Mitarbeiter unrühmliche Rollen in diesem Schmierenstück spielten. Der CIA-Spitze warf Webb vor, dem unwürdigen Schauspiel zumindest untätig zugesehen zu haben, ohne zu hinterfragen, woher die Dollars kamen, mit deren Unterstützung der Bürgerkrieg in Nicaragua auf hoher Flamme gehalten werden konnte.


Für Empörung sorgte Webbs Serie aber nicht durch ihre Aufdeckung des politischen Zusammenspiels zwischen Kriminellen, rechtsgerichteten Contras und der CIA – und dahinter der Reagan-Administration. Es war die offensichtliche, zynische Gleichgültigkeit der obersten Geheimdienstbehörde der USA, die die Menschen in Los Angeles auf die Barrikaden trieb.

Jetzt hatte vor allem die schwarze Minderheit in der Stadt eine Erklärung dafür, wie eine regelrechte Crack-Epidemie in den Ghettos von Los Angeles ausbrechen und diese ins Chaos stürzen konnte. Und alles nur, um eine missliebige Regierung in einem unbedeutenden mittelamerikanischen Kleinstaat zu stürzen.

Für Verschwörungstheoretiker war die gelinde gesagt fahrlässige Haltung der CIA Wasser auf die Mühlen ihrer Verdächtigungen. Die Weißen hätten absichtlich eine Drogenflut in die Schwarzenviertel geleitet, um die schwarze Rasse auszurotten, so lauteten die Gerüchte.

Die öffentliche Stimmung in der kalifornischen Metropole war derart aufgeheizt, dass die Regierung in Washington reagieren musste. CIA-Direktor John Deutsch wurde nach South Central Los Angeles geschickt, um dort 1.500 wütenden Bürgern zu versichern, dass die Vorwürfe jeglicher Grundlage entbehrten. Außerdem wurden vom US-Senat, vom Justizministerium und von der CIA diverse Ermittlungsverfahren eingeleitet.

Dass die CIA sämtliche Vorwürfe vehement abstritt, war abzusehen gewesen. Für Webb überraschender und enttäuschender war dagegen die Berichterstattung der renommierten landesweiten Zeitungen New York Times, Washington Post und Los Angeles Times. Alle drei Blätter kritisierten den Pulitzer-Preisträger für angebliche Fehler in seinen Recherchen und warfen ihm vor, dass er für eine Verwicklung der CIA-Führung in den Skandal keinen Nachweis hätte erbringen können.


Vor der geballten Macht aus Medien und Politik knickte die Leitung der San Jose Mercury News schließlich ein. Obwohl ein Fachblatt, die Columbia Journalism Review, Gary Webb dafür lobte, die "berühmteste Serie des Jahrzehnts" geschrieben zu haben, übernahm sein Chefredakteur im heimischen San Jose die Kritik der "Großen Drei" auf dem amerikanischen Zeitungsmarkt und gestand in einem Akt öffentlicher Selbstbrandmarkung Fehler ein.

Das war das Ende von Gary Webbs Karriere. Nur ein Jahr nach seiner "Story des Jahrzehnts" wurde er in die journalistische Verbannung geschickt. Er erhielt einen Posten bei einer unbedeutenden Lokalredaktion, wo er es jedoch nicht lange aushielt.

Webb wurde Berater bei einer staatlichen Kontrollbehörde und schrieb schließlich ein Buch über seine Rechercheergebnisse. "Dark Alliance ? The CIA, the Contras and the Crack Cocaine Explosion" (Dunkle Verbindung ? die CIA, die Contras und die Crack-Kokain Explosion), in dem er die Ergebnisse seiner Recherchearbeiten ebenso ausführlich wie überzeugend ausbreitete. Aber es fand sich kein Verlag, der den brisanten Stoff veröffentlichen wollte. Erst nach Dutzenden von Absagen konnte das Buch erscheinen.

Mittlerweile, im Jahr 1998, hatten CIA und Justizministerium ihre Untersuchungen abgeschlossen. Die Ermittlungsberichte bestätigten in allen wesentlichen Punkten die Recherchen des Journalisten. Die CIA musste eingestehen, über die Drogenaktivitäten der Contras von Anfang an informiert gewesen zu sein.

Dabei war es nicht das erste Mal in der Amtszeit Ronald Reagans, dass US-Behörden in solch deftige Skandale verstrickt gewesen waren: In der Iran-Contra-Affäre etwa war unter tatkräftiger Mithilfe von Regierungsmitarbeitern ein illegales, gegen einen Beschluss des Kongresses verstoßendes Waffeb-Geld-Geschäft durchgeführt worden.

Der offizielle Erzfeind Iran war mit geheimen Waffenlieferungen bedacht worden. Das dafür erhaltene Geld, eigentlich für den Freikauf amerikanischer Geiseln im Libanon vorgesehen, war zum Großteil ebenfalls an die Contras zur Unterstützung ihres Kampfes gegen die sandinistische Regierung in Nicaragua umgeleitet worden.

Ebenfalls mit von der Partie: die CIA. Nun musste die "Agency" ihre zweite Schlappe öffentlich eingestehen.


Gary Webb sollte dieser Triumph über die Kampagnen von Presse und Regierung nichts mehr nutzen. Niemand setzte sich für seine berufliche und moralische Rehabilitierung ein. Nicht nur beruflich war der Pulitzer-Preisträger gescheitert, auch privat ging es für ihn bergab. Die Ehe des 49 jährigen Journalisten zerbrach, in den letzten Jahren seines Lebens wurde Webb depressiv. Sämtliche Versuche, als Autor oder Journalist wieder Fuß zu fassen, misslangen.

Am Morgen des 10. Dezember 2004 wurde die Leiche von Gary Webb in seinem Haus in der kalifornischen Hauptstadt Sacramento gefunden. Möbelpacker einer Umzugsfirma waren, als sie an der Tür klingeln wollten, dort auf einen Zettel mit der Aufschrift: "Bitte nicht eintreten. Notruf 911 alarmieren und Notarzt verlangen" aufmerksam geworden.

Der eintreffende Arzt konnte nur noch den Tod des Journalisten feststellen. Todesursache: zwei Kopfschüsse. Neben der Leiche fand die Polizei die Pistole, aus der die Schüsse stammten, sowie einen Abschiedsbrief. In dem Brief hatte Webb alles Notwendige geregelt: Seine ehemalige Frau setzte er als Erbin ein, die Verbrennung seiner Leiche hatte der Vater zweier Söhne und einer Tochter im Voraus bezahlt.

In einem Brief an seine Familie hatte der Journalist kurz vor seinem Tod gestanden, dass er sein Haus verkaufen musste, weil er die Raten nicht mehr zahlen konnte.

Obwohl alle Indizien auf eine Selbsttötung hindeuteten, machten sofort Verschwörungstheorien die Runde. Der zuständige Untersuchungsrichter musste aufgrund des öffentlichen Drucks noch vor dem Obduktionsergebnis versichern, zwei Kopfschüsse seien bei einer Selbsttötung zwar ungewöhnlich, aber trotzdem möglich. Andere Mutmaßungen zielten darauf ab, dass ehemalige Contras sich an Gary Webb für dessen Enthüllungen gerächt hätten – oder gar die CIA, der die Story des Journalisten einige peinliche Momente beschert hatte.

Was auch immer die Todesumstände gewesen sein mögen: Durch ihre skrupellosen Aktionen weit jenseits der Legalität und durch ihre fatale Neigung, in zynischer Manier politische Desperados und gewöhnliche Kriminelle zur Verwirklichung außenpolitischer Ziele der jeweiligen Regierungen in Anspruch zu nehmen, hat sich die CIA nicht nur in den Augen von Verschwörungstheoretikern längst selbst um den letzten Rest von Glaubwürdigkeit gebracht.

Schlimmer und für den Zustand der politischen Kultur in den USA noch bedrohlicher ist allerdings, dass der Fall Webb anschaulich demonstriert hat, wie wenig mittlerweile – zwei Jahrzehnte nach dem Watergate-Skandal – die großen Zeitungen des Landes bereit sind, sich mit den wirklich Mächtigen anzulegen, wenn es um politisch brisante Themen geht.

Statt dessen sind selbst Qualitätszeitungen besonders dann in der vordersten Reihe der öffentlichen Ankläger zu finden, wenn es darum geht, sich auf vermeintliche oder tatsächliche Sexskandale zu stürzen und dabei hemmungslos mit großer Geste die moralische Keule zu schwingen.

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