Das achte Weltwunder

Das achte Weltwunder
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Das achte Weltwunder

04.09.2009 - 00:00 Uhr

In Kambodscha steht die größte Tempelanlage der Welt – erbaut in nur 37 Jahren. Das Kronjuwel einer geheimnisvollen Kultur, die sich mitten im Dschungel eine glanzvolle Hauptstadt mit 70 Tempeln errichtete. Wie konnte sie dieses Meisterwerk vollbringen? Und warum ging sie nach 500 Jahren unter? Fragen, auf die der Kölner Professor Dr. Hans Leisen faszinierende Antworten gefunden hat. P.M. begleitet den Wissenschaftler bei seiner Spurensuche.

Der bleigraue Himmel reißt auf. Es ist fünf Uhr früh. Die aufgehende Sonne gießt glutrotes Licht über die Silhouetten von fünf Türmen in der Form von Lotusknospen. Davor sitzen buddhistische Mönche in orangefarbenen Roben. Sie schwenken Almosenschälchen und murmeln einen rituellen Sprechgesang.

Ich stehe im Nordwesten von Kambodscha vor einem der aufregendsten Bauwerke der Menschheit: Angkor Wat. Die Tempelanlage der sagen umwobenen "Königlichen Stadt" des versunkenen Khmer-Reiches ist die größte der Welt: Sie misst 1470 mal 1300 Meter. Das Monument von schier überirdischer Pracht und Herrlichkeit liegt da, als könne es unmöglich von Menschenhand errichtet worden sein.

Für dieses achte Weltwunder wurden mehr Steine verwendet als für die ägyptische Cheops-Pyramide. Mit dem Unterschied, dass Angkors Baumeister jeden einzelnen Stein kunstvoll dekoriert haben – und das architektonische Wunderwerk des Orients in der Rekordzeit von nur 37 Jahren erbauten, von 1113 bis 1150 – zu Beginn des 12. Jahrhunderts, einer Zeit, in der die Europäer ihre Kreuzzüge führten.

Während Köln damals gerade mal 40.000 Einwohner zählte, lebten in der Stadt Angkor, die größer war als jede Stadt Europas, bis zu eine Million Menschen. Und Angkor Wat ist nur das imposanteste und am besten erhaltene Bauwerk dieses riesigen Areals, auf dem zwischen dem 9. und 13. Jahrhundert die größte "Tempel-Dichte" der Welt herrschte: Man zählte über 1000 Heiligtümer und 70 Tempel, verstreut auf 200 Quadratkilometer Dschungel-Landschaft.

Ein Gesamtkunstwerk mit Angkor Wat als dem Kronjuwel. 500 Jahre währte die Hochkultur, bis sie Mitte des 15. Jahrhunderts auf rätselhafte Weise unterging. Fortan rotteten die Monumente vor sich hin, wucherte der Urwald über sie hinweg.

Was hat das Volk der Khmer vor 1000 Jahren dazu gebracht, so viele Tempel ausgerechnet in den dortigen Urwald zu setzen? Wer entwarf die frühen "Stein-Comics" – Flachreliefs, die allein in Angkor Wat zigtausende Quadratmeter Wand bedecken und von Göttern und Herrschern erzählen? Und wie wurden bis zu 25 Tonnen schwere Steine herbeigeschafft für dieses gigantische Gebäude ohne Mörtel und Zement, lediglich zusammengehalten durch das Eigengewicht der geschickt platzierten Steinquader?

Kann man auf diese Fragen überhaupt noch Antworten finden? Die Texte in den Bibliotheken von Angkor waren auf Leder und Palmblätter geschrieben und sind mittlerweile vermodert. Auch die Häuser und Königspaläste, die allesamt aus Holz bestanden, sind längst verfallen. Nur für die Tempel wurde Stein verwendet: Dieses Material für die Ewigkeit war den Göttern vorbehalten.

In Angkor Wat begleite ich den Kölner Professor Dr. Hans Leisen bei seiner Detektivarbeit, aus archäologischen Funden, Relief-Darstellungen und Berichten früherer Reisender ein Bild vom Leben in der Angkor-Zeit zu entwerfen.

Als Konservator der bröckelnden Pracht hat er neue Einsichten in die Arbeitsweise der Khmer-Baumeister gewonnen. "Sie verwendeten Sandstein, weil sich dieses tonig gebundene Material exakt bearbeiten lässt", erklärt der Forscher von der Fakultät für Kulturwissenschaften. "So konnten die Khmer-Künstler ihre wertvollen Dekorationen wie Holzschnitzarbeiten anfertigen". Doch einen Nachteil hat Sandstein: Man findet ihn erst 60 Kilometer nordöstlich von Angkor Wat, wo er in den Kulen-Bergen abgebaut wurde.

Wie diese Arbeit vor sich ging, erklärt mir Professor Leisen anhand der einzigen Originalquellen dieser Zeit – den steinernen "Wandzeitungen": Eines dieser Reliefs zeigt Männer, die mit langen Stangen versuchen, Spalten ins Gestein zu brechen. Denn Sägen – auch für Holzarbeiten – waren zur Zeit von Angkor noch unbekannt. Aber warum ausgerechnet Stangen? Es scheint mir schier unvorstellbar, dass man mit solch primitivem Werkzeug derart gewaltige Gesteinsmengen gewinnen kann, wie sie für Angkor Wat nötig waren.

Und noch rätselhafter erscheint mir das Ganze, als ich mich vor Ort umsehe. Denn nach einer holprigen Mopedfahrt zu den alten Steinbrüchen von O Thmo Dop sehe ich keine Steinbruchwand, sondern nur ein trockenes Flussbett mit einem großen Felsplateau. Haben die Khmer das Gestein etwa Schicht für Schicht entlang der Oberfläche abgetragen? Das müsste enorm kräftezehrend gewesen sein.

Aber es gibt keinen Zweifel. Denn Hans Leisen zeigt mir Eindruckstellen jener Stangen, mit denen die Khmer dort früher gearbeitet haben. "Der Sandstein hat eine natürliche Lagerung", erklärt der Experte. "Ist die Steinplatte erst einmal an den Rändern abgetrennt, so lässt sie sich in der Richtung der Schichtung mit Stangen leichter abhebeln."

Aber Blöcke von etwa 25 Tonnen kann man doch nicht einfach über Land bewegen! Wie haben die Khmer den Abtransport geschafft? Eine Erklärung findet sich auf der Rückfahrt. Dort treffen wir auf einen Trupp Arbeiter, der in praller Sonne nach der alten Methode Steinblöcke bricht – und dann auf Flöße verlädt. "Und genau so haben es ihre Vorfahren gemacht", sagt Professor Leisen. "Ihre Städte waren von einem dichten Netz schiffbarer Kanäle durchzogen."

Doch wie gelangten die mächtigen Blöcke vom Steinbruch bis an den Fluss? Um die Antwort auf diese Frage zu finden, muss ich nach Angkor Wat zurück. Ich überquere den rings um den Tempel angelegten Wassergraben, in dessen schwarzem Wasser sich der Himmel spiegelt. Dieser sechs Kilometer lange und 200 Meter breite Graben symbolisiert in der Mythologie der Erbauer den "Ur-Ozean".

Die Riesenanlage Angkor Wat, in Form eines heiligen Mandalas konstruiert, stellt nämlich das Architektur gewordene Universum der Götter dar; ein in Stein gemeißeltes Abbild einer Welt der idealen Ordnung – mit symbolischen Bergen, Flüssen, Seen und einem Ozean.

Meinen Weg säumt die alles umspannende Naga – jene Schlange, die als Werkzeug von Gut und Böse die Schöpfung der Welt bedingt. Vorbei an Terrassen, Mauern, Treppen, Säulengängen, Bassins und Brücken tauche ich ein in den tiefen Schatten einer Galerie. Dort sehe ich auf einem Wandrelief, dass die Khmer Elefanten als Reit- und Arbeitstiere einsetzten. Nur sie sind in der Lage, solche großen Massen zu bewegen. Um die mächtigen Blöcke zur Baustelle zu hieven, wurden Löcher in den Stein gehauen, in die Tragestangen gesteckt wurden.

Aber damit ist es ja noch längst nicht getan. Die schweren Sandsteinblöcke mussten fest zusammengefügt werden. Doch in den Fugen finde ich keinen Mörtel – lose liegt Stein auf Stein. An manchen Mauerpartien passt noch heute keine Rasierklinge zwischen die Quader. Wie ist es möglich, die Fugen derart exakt auszuarbeiten, dass man oft erst bei genauem Hinsehen die Grenzen der einzelnen Blöcke erkennt?

Wieder hilft ein Relief weiter. Es zeigt zwei Steine, die knapp übereinander an einer galgenähnlichen Konstruktion hängen und sich durch ständiges Hin- und Herbewegen gegenseitig einschleifen. Wie mühselig diese Arbeit war und wie viel Kraft sie erforderte, kann ich selbst ausprobieren – an einem experimental-archäologischen Nachbau, errichtet von Professor Leisens Studenten. Nach wenigen schweißtreibenden Minuten wird klar: Es funktioniert!

Auf diese Weise entstanden Steine, die – in einer exakten Versetztechnik übereinander angeordnet – eine fast homogene Fläche bildeten, in die Bildhauer ihre Kunstwerke einmeißeln konnten. Sie berichten insbesondere von den militärischen Großtaten des Angkor-Wat-Erbauers Suyaraman II. (Regierungzeit: 1113 bis 1150). Er war Hinduist und weihte seinen Tempel dem Gott Vishnu. Später diente die heilige Stätte dem Herrscher Angkor Wat als Mausoleum.

Jeder der Khmer-Könige ließ sich Tempel errichten; darunter mindestens einen, der gleichzeitig auch einer Gottheit geweiht wurde, mit welcher der König bei seinem Ableben zu verschmelzen hoffte. So entstanden Tempelanlagen, um die herum sich die jeweilige Herrscher-Residenz organisierte: herrliche, von Kanälen durchzogene Städte mit schönen Steintempeln, vergoldeten Palästen und mächtigen Klöstern.

Diese Infrastruktur kennen wir aus Überlieferungen des chinesischen Gesandten Chou Ta-Kuan, der 1296 ein Jahr lang am königlichen Hof dieser einstigen Hauptstadt lebte: Er schwärmte von deren unermesslichem Luxus und von der Schönheit der barbusigen Frauen. Und er berichtete auch darüber, dass sich der Handel zwar in den Händen der Frauen befand, die Gesellschaft der Khmer insgesamt aber von Männern dominiert war. Es herrschte Polygamie: Neben mehreren Ehefrauen konnten sich betuchte Khmer auch Konkubinen zulegen.

Vom einfachen Volk wissen wir nicht viel. Über sein Leben kann man den steinernen Inschriften wenig entnehmen. Und doch zeigen uns die Wandreliefs interessante Details wie etwa Pfahlbauten. Sie lassen den Schluss zu, dass die Wohngebäude der Menschen wohl nicht viel anders gebaut waren, als es noch heute in vielen Gegenden Kambodschas üblich ist, wo die Bauern in Stelzenhütten aus Bambus und Stroh leben.

Ihre Sicheln und Ochsenkarren; ihre traditionellen Tattoos; die Betelnüsse, die sie kauen; der süße Palmsirup, den sie sammeln; der Fisch und die Wurzeln, die sie essen; der Kardamon, mit dem sie würzen – das alles hat sich seit den Zeiten Angkors nicht geändert.

So fügt sich Stück für Stück zu einem Bild vom Leben in dem mächtigen Großreich der Khmer zusammen. Was war das Erfolgsrezept dieser Hochkultur? Stark machte das Reich das so genannte Gottkönig-System – ein Herrscherprinzip, das die alten Khmer-Könige von den Indern übernommen hatten, die während der ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung ins Land kamen.

Dieses deva-raja verlieh den Königen absolute Machtfülle. Sie ermöglichte es, riesige Armeen zu rekrutieren – für eine aggressive Expansionspolitik, mit der die Khmer über mehrere Jahrhunderte ganz Indochina beherrschten. Suryavarman II. war neben dem Kaiser von China der mächtigste Herrscher Asiens.

Auf dem Gipfel der Macht verfügte das Reich über die fünffache Fläche des heutigen Kambodscha. Es erstreckte sich von Myanmar im Norden bis zur Chinesischen See im Süden. Inschriften sprechen von zwanzig unterworfenen Königen, die dem Khmer-Reich tributpflichtig waren. Eine Armee von fünf bis sechs Millionen Soldaten stand bereit, um die Macht zu sichern.

Die Khmer-Könige indes waren nicht nur mächtig, sondern auch weise. Denn sie umgaben sich mit einem Stab kluger Berater. Diese Brahmins verfügten über ein exzellentes organisatorisches Know-how, das sie vom Vater auf den Sohn weitergaben. Dies garantierte den Fortbestand einer Schicht von gut ausgebildeten "Top-Managern", die für eine effiziente Verwaltung sorgten.

Die finanzielle Grundlage der Macht war durch die grandios funktionierende Wirtschaft der Khmer gesichert. Ein raffiniertes System von Kanälen erlaubte den Transport schwerer Lasten auch über große Entfernungen. Durch den Handelsüberschuss wurden Hunderttausende von Arbeitern frei für den Kriegsdienst.

Die Stärke des Staates hing aber auch damit zusammen, dass für seine Hauptstadt Angkor eine ausgeklügelte strategische Lage gewählt worden war: mitten im Dschungel am Nordufer des Sees Tonle-Sap, der über den gleichnamigen Fluss mit dem Mekong verbunden ist.

Die Vorteile dieses Standorts: Angreifer auf dem Wasser mussten erst mühsam den Mekong flussaufwärts segeln, und gegen Angreifer auf dem Land war Angkor durch den dichten Urwald von allen Seiten geschützt.

Hinzu kommt: Der Tonle-Sap war für die Khmer, was für die alten Ägypter der Nil war. Der See füllt und leert sich im Rhythmus von Regen- und Trockenzeit.

In der Regenzeit während des Monsuns ist er zehnmal so groß wie normal und dreimal so tief: Der dann anwachsende Fischbestand war den Khmer eine willkommene Nahrungsquelle, und die ansteigenden Wassermassen bewässerten die Felder und düngten sie mit Schwemmland.

Die Bewohner Angkors verstanden es meisterhaft, die pulsierenden Fluten in einem auf verschiedenen Ebenen angelegten Kanal- und Beckensystem so geschickt zu stauen, dass die Bewässerung ohne Pumpen funktionierte. Dank dieser raffinierten Anlagen waren drei Reisernten im Jahr möglich. So wurde das Reich von Angkor zur Reiskammer Asiens. Weder vorher noch nachher gelang es einem Land in Südostasien, einen derart ertragreichen Reisanbau zu betreiben.

Allein der Tonle-Sap als steter Quell proteinreicher Nahrung machte die Versorgung der Arbeiter während der gigantischen Bauunternehmungen in der Tempelstadt möglich. Denn geschätzte 120.000 Sklaven haben allein in Angkor Wat geschuftet. Diese große Zahl würde die unfassbar kurze Bauzeit von nicht einmal vier Jahrzehnten erklären, die in den Inschriften vermerkt ist.

Keine andere architektonische und bildhauerische Leistung außerhalb Europas ist so entschieden auf eine Stufe mit den größten Leistungen der abendländischen Kunst gestellt worden wie die Bauwerke von Angkor Wat. Staunend verharre ich vor den herrlichen Steinarbeiten. Insbesondere die Frauenfiguren an den Tempelwänden strahlen eine tiefe Harmonie aus: grazile Tempeltänzerinnen mit individuellen Gesichtern und Gesten. Die Haare, die Finger und der Schmuck dieser so genannten Apsaras sind äußerst filigran gearbeitetet, ihre blanken Brüste so wohlgeformt wie Pfirsichhälften.

Doch viele der verführerischen Wesen wurden geschändet: Plünderer haben ihnen Köpfe und Beine weggemeißelt. Die Fledermäuse, deren Pfeifen nachts die Gemäuer erfüllt, sind für weitere Zerstörung verantwortlich: Ihre Exkremente zersetzen die kostbaren Figuren.

Auch legen sich Farne und Flechten, Mikroben und Parasiten über diese steinernen Nymphen wie eine Hautkrankheit. Und zusätzlich setzt die extreme Witterung das Material unter so enorme Spannung, dass es bröckelt – und zwar zuerst für das Auge nicht wahrnehmbar im Inneren der Figuren. "Dies führt zur so genannten Schalenbildung, der größten Bedrohung für die Apsaras", erklärt Professor Leisen. Äußerlich ist die Figur noch in Ordnung, doch in Wahrheit ist nur noch die äußerste wenige Zentimeter dicke Schicht übrig geblieben, darunter ist das Gestein schon zermürbt.

Wie weit diese verborgenen Schäden fortgeschritten sind, hat Professor Leisen mit Ultraschall-Untersuchungen und so genannten Widerstandsmessungen bei Probebohrungen ermittelt: 1331 der insgesamt 1870 Apsaras sind bedroht. "Wir können den Verfall nur hinauszögern, nicht stoppen", sagt Leisen, der das vom deutschen Außenministerium mitfinanzierte »German Apsara Conservation Project (GACP)« ins Leben gerufen hat.

Wo Hilfe dringend nötig ist, werden Gipsbandagen angebracht; dann befestigt man die absturzgefährdeten Teile mit Dübeln und Metallspangen provisorisch an der Wand – bis zum Tag der Sanierung.

Um eine solche Operation hautnah zu beobachten, muss ich ein Metallgerüst hochklettern. Oben empfängt mich eine Staubwolke – von einem Mikrosandstrahlgebläse, mit dem Chef-Konservator Simon Warrak zerstörerische Salzschichten abträgt. Danach rückt er dem steineren Patienten wie ein Mediziner mit einer Spritze zu Leibe und injiziert eine Mörtelsorte, die mit dem jeweiligen Sandstein harmoniert.

Die richtige Rezeptur zu finden ist eine Kunst: Zum einen muss die Füllmasse dünnflüssig genug sein, um überhaupt die tief liegenden Hohlräume zu erreichen; zum anderen muss sie genug Sandkörner enthalten, um der Figur Festigkeit zu verleihen.

Die Masse löst eine Reaktion aus, die man im Rasterelektronen-Mikroskop in 1000-facher Vergrößerung sehen kann: Das in ihr enthaltene Bindungsmittel kondensiert, und von ihm bleibt ein Gel aus Kieselsäure zurück. Dieses wirkt wie ein Superkleber, indem es winzigste Brücken zwischen den losen Körnern des mürben Gesteins herstellt: zehntausendstel Millimeter kleine Bindeglieder.

Sie geben dem Ganzen wieder Halt, und gleichzeitig bleiben die Porenöffnungen frei, damit der Stein atmen kann. Dank dieser "Heilkuren" ist keine weitere jener Figuren mehr verloren gegangen, die Teil sind einer Hochkultur, von der am Ende neben der Sprache nur die Steine blieben – verwunschene Ruinen im Dschungel.

Wie kam es zu diesem Niedergang? Selbst ungebildete kambodschanische Fischer wissen, dass 1177 die im Mekong-Delta ansässigen Cham das Areal von Angkor eroberten. Die Einheimischen erwähnen das, wenn an ihren Hütten vietnamesische Händler vorbeirudern. Und jeder weiß auch, dass im Jahr 1430 Siamesen, die wir heute Thais nennen, die noch einmal aufgebauten Häuser und Paläste von Angkor plünderten.

Aber war der Fall des Reiches wirklich nur von außen bedingt?

Dass sich der Niedergang bereits früh ankündigte, zeigt mir Hans Leisen an Veränderungen der Bautechnik: Irgendwann ging den Khmer-Handwerkern die Sorgfalt verloren. Auch sieht man an so genannten Spolien, wieder verwendeten Steinen, dass ältere Tempel als Steinbrüche herhalten mussten.

Was war geschehen? Im 13. Jahrhundert wenden sich die Khmer dem Theravada-Buddhismus zu. Diese religiöse Neuorientierung der Könige und des Volkes verändert die geistige Grundhaltung fundamental. Der Theravada-Buddhismus lehrt "Selbst-Erleuchtung" und die Abkehr von weltlichen Dingen.

Auch wird in der neuen Religionslehre die Funktion eines "Gott-Königs" in Frage gestellt. Die nachlassende Verehrung für den Monarchen geht einher mit dem Unwillen, ihm weiterhin Frondienste zu leisten, insbesondere das Wassersystem zu unterhalten. Die Folge: Die Kanäle versanden, die Felder verdorren. Und nun wittern die Thais ihre Chance. Seit fast 150 Jahren auf ständigem Vormarsch, entreißen sie den Khmer Stück für Stück ihr Land. Der Staat wird arm und zerfällt.

Was bleibt, ist das Vermächtnis der Khmer-Zivilisation an die Welt: die herausragende Architektur und die exzellenten Bildhauerarbeiten. Doch der natürliche Zerfall macht auch vor überragenden Kulturzeugnissen nicht Halt. Wenn man etwas lernt an diesem Ort, dann ist es Demut – vor der Größe menschlichen Schaffens, aber auch vor seiner Vergänglichkeit.

Autor: Josef Scheppach

Quelle: freenet.de
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