Der Dschihad des Saladin

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von Matthias Seng

Saladin war der Begründer der Dynastie der Ayyubiden. Seinen geschichtlichen Rang erwarb er sich aber als Befreier Jerusalems und erfolgreicher Feldherr im Dschihad, im "Heiligen Krieg" gegen die Kreuzritter, die fast 100 Jahre lang die Herrschaft über weite Teile Palästinas ausgeübt und dabei von der Schwäche der zerstrittenen Muslime profitiert hatten.

Saladin war kein eifernder Glaubenskrieger, sondern ein kühl kalkulierender Realpolitiker, dem der Ausbau der eigenen Machtbasis zunächst wichtiger war als die Vertreibung der christlichen Besatzer aus Palästina und die Befreiung der "Heiligen Stadt" Jerusalem.

Als Voraussetzungen für den Kampf gegen die "Ungläubigen" schien ihm eine Heeresreform und eine Verwaltungsreform unerlässlich. Auf militärischem Gebiet erkannte er die Notwendigkeit von Burgen und befestigten Orten, die es ermöglichten, das Umland militärisch und politisch zu beherrschen und die gute Rückzugsmöglichkeiten boten. Bei der Heeresreform nahm sich Saladin Syrien als Vorbild.

Kern seines Heeres wurde der freie Reitersoldat, der von mindestens einem Knappen begleitet wurde. Diese Soldaten wurden nicht von Saladin entlohnt, sondern erhielten das Recht, aus ihnen zugewiesenen Dörfern Steuern zu erheben.

Ein Großteil der Dörfer zählte aber weiterhin zum Kronland und blieb damit dem Sultan steuerrechtlich verpflichtet. In den folgenden Jahrhunderten floss in Folge von Saladins Reformen ein großer Teil des Steueraufkommens aus der landwirtschaftlichen Produktion in die sich schnell ausweitende militärische Kaste.

Das muslimische Heer selber war ein multinationales Gebilde und bestand um die erste Jahrtausendwende schon längst zu einem Großteil aus Söldnern aus aller Herren Länder. Jedes neue an die Macht gelangte Herrschergeschlecht hatte die "Multikulti"-Truppe um Angehörige neuer Nationen erweitert.

Unter den Abbasiden dienten Araber und Iraner, die Fatimiden setzten auf Berber-Krieger aus dem Maghreb (Tunesien, Marokko, Algerien), die Zengiden brachten Kurden und Turkmenen mit. In den muslimischen Heeren dienten sogar christliche Soldaten aus Osteuropa und vom Balkan.

Saladin selber, im Jahr 1137 in der irakischen Stadt Tikrit geboren, entstammte einer kurdischen Familie, aus der viele Söldner hervorgingen. So stand sein Vater im Dienst des Emirs (Befehlshabers) von Aleppo und erhielt von diesem schließlich das Kommando über die Festung von Baalbek, einer Stadt im Libanon.

Nach dem Saladin sich eine Machtbasis in Ägypten geschaffen hatte, ging er daran, seine Herrschaft nach Süden und Osten auszudehnen. In den Jahren 1173 besetzten seine Heere 1173 Nubien (Südägypten und Nordsudan) und den Jemen, 1174 schließlich Syrien.

Zuvor aber war der aufstrebende Politiker und Feldherr aber in Konflikt mit seinem syrischen Vorgesetzten, den Emir von Aleppo geraten. Der war gerade dabei, den ehrgeizigen und widerspenstigen Vasallen in Kairo wieder enger an die Kandarre zu nehmen und beanspruchte Steuergelder für sich beanspruchte, die Saladin einbehalten hatte. Nur der überraschende Tod des Emirs verhinderte eine drohende kriegerische Auseinandersetzung zwischen den beiden muslimischen Herrschern.

Den Kampf unter den zerstrittenen Erben des Emirs nutzte Saladin, um auch Syrien zu besetzen. Propagandistisch begründet wurde die offene Aggression mit der Notwendigkeit, alle Muslime im Kampf gegen die Kreuzfahrer zu einigen. Nur so könne der Dhschihad erfolgreich geführt werden.

Beim Kalifen (der obersten muslimischen Instanz und Nachfolger Mohammeds) von Bagdad verfing die Propagandaoffensive. Saladin, dessen Truppen seit 1174 Damaskus und Aleppo besetzt hielten, wurden sämtliche Eroberungen bestätigt, einschließlich der Machtergreifungen in Ägypten und Syrien. Damit hatte der neue starke Mann in Arabien die nötige Legitimation von oberster Stelle erhalten und konnte die Auseinandersetzung mit den Kreuzfahrern wagen.

An dieser Front tat sich aber mehr als ein Jahrzehnt lang nichts Entscheidendes. Saladin trug zwar seit 1177 den offiziellen Titel "Wiederbeleber der Herrschaft des Befehlshabers der Gläubigen". Aber zunächst hielt er es für wichtiger, sich in einer Reihe von Waffenstilstandsverträgen mit den Franken den Rücken frei zu halten, um seine Macht weiter auszudehnen. Er zielte besonders auf den nördlichen Teil Syriens und Mesopotamiens (des östlichen Teils der heutigen Türkei und des Iraks).

In der ersten Hälfte der 1180er Jahre stürzte er dort das Herrschergeschlecht der Zengiden und ließ sich von den örtlichen Machthabern als neuen Oberherrn anerkennen.

Erst jetzt schien Saladin die Zeit gekommen, offen Krieg gegen die Kreuzfahrer zu führen. Nach der Eroberung Jerusalems im Jahr 1070 durch die türkischen Seldschuken, der daraus resultierenden Erschwerung der Pilgerfahrten ins "Heilige Land" und der Bedrohung Ostroms hatten christliche Kreuzfahrerheere im 1. Kreuzzug (1096-99) Jerusalem erobert und insgesamt vier Kreuzfahrerstaaten ins Leben gerufen.

Untereinander zerstritten, hatten diese sich schon nur mit Mühe gegen einen ersten muslimischen Gegenstoß (1144) behaupten können. Gut vierzig Jahre später bot ein Überfall von Kreuzfahrern auf eine syrische Karawane Saladin die Möglichkeit, seinen Worten endlich Taten folgen zu lassen und den Dschihad gegen die "Ungläubigen" auszurufen.

Auf dem Golan zog Saladin seine syrischen und mesopotamischen Truppen zur Entscheidungsschlacht zusammen. Nach der Einnahme der Stadt Tiberias eilte ein Kreuzfahrerheer in Gewaltmärschen herbei, um den drohenden Fall der dortigen Festung zu verhindern.

Am 4. Juli 1187 stießen die beiden Heere in der Nähe des Dorfes Hattin aufeinander. Die Kreuzfahrer erlitten eine vernichtende Niederlage. Saladin errang mit seinem Sieg weitgehende Bewegungsfreiheit in Palästina und ging nach und nach daran, die von den Christen besetzten Burgen und befestigten Städte zu erobern. Innerhalb weniger Monate fielen Nazareth und Nablus, Hebron und Gaza sowie die für die Kreuzfahrerstaaten lebenswichtigen Küstenstädte Haifa und Beirut.

Die Eroberung Jerusalems am 2. Oktober 1187 hatte nur eine geringe wirtschaftliche oder strategische Bedeutung, dafür aber einen überragenden politisch-propagandistischen Effekt. Jetzt wurde Saladin endgültig zum bejubelten muslimischen Vorkämpfer gegen die christlichen Okkupanten. Denen brachte er jedoch bei Gelegenheit durchaus Respekt entgegen. Nach der Einnahme Jerusalems etwa soll Saladin die christliche Bevölkerung gegen ein Kopfgeld in die Freiheit entlassen haben.

Nachdem er mitangesehen hatte, wie reichere Christen ihr letztes Geld für den Freikauf ihrer ärmeren Glaubensbrüder ausgaben, soll er schließlich auch diejenigen frei gelassen haben, die das Kopfgeld nicht entrichten konnten. Die Kreuzfahrer waren knapp 90 Jahre zuvor weniger rücksichtsvoll mit der Bevölkerung Jerusalems verfahren. Nach der Erstürmung der Stadt hatten sie unter Moslems, Juden und sogar Christen ein furchtbares Massaker verübt, dem Tausende zum Opfer fielen.

Im Jahr 1188 wandten sich Saladins Heere nach Norden und zerschlugen die dortigen Kreuzfahrerstaaten Tripolis und Antiochia. Aber auch Saladin musste Rückschläge einstecken. Immerhin konnte sich das Königreich Jerusalem behaupten, auch wenn sich die Stadt von nun an wieder in muslimischem Besitz befand.

Ein Heer der Franken belagerte die Stadt Akkon, wurde aber selbst von einem muslimischen Heer eingeschlossen. In diesem doppeltem Belagerungskrieg musste Saladin erkennen, dass die Kreuzfahrer noch immer stark genug waren, sich gegen die zahlenmäßig weit überlegenen muslimischen Heere zu behaupten.

Zudem eilte im Jahr 1189 ein weiteres europäisches Kreuzfahrerheer den bedrängten Franken im "Heiligen Land" zu Hilfe. Wieder hatte der Fall Jerusalems dafür den Ausschlag gegeben. Am 3. Kreuzzug (1189 -92) nahmen auch der französische König und der englische König Richard I. Löwenherz von England teil.

Saladin hatte sich zunächst sogar noch einem weitaus mächtigeren Gegner gegenüber gesehen. Im Mai 1189 war Kaiser Friedrich Barbarossa als erster von Regensburg aus die Donau hinab mit einem riesigen Heer – angeblich bis zu 100.000 Mann – in Richtung Palästina gezogen. Der Tod des Kaisers, der im Sommer 1190 beim Baden im Fluss Saleph im Königreich Armenien ertrank, befreite Saladin zunächst von der größten militärischen Bedrohung.

Das fränkische Heer vor Akkon wurde aber durch die Ankunft immer mehr Ritter aus ganz Europa verstärkt. Unter dem Befehl von Richard Löwenherz gelang den Kreuzfahrern schließlich im Juli 1191 nach zweijähriger Belagerung die Einnahme der Stadt. Nach der Abreise des französischen Königs entwickelte sich Richard zum größten Gegenspieler Saladins. Unter seiner Führung konnten weitere Städte von den Kreuzrittern zurückerobert werden.

Saladin und Richard erkannten aber schnell, dass keine der beiden Seiten den jeweils anderen vernichtend schlagen konnten – und waren deshalb an einer Verhandlungslösung interessiert. Saladin war klug genug, nach jahrelangem verlustreichen Krieg die Vorzüge eines Friedens auf zeit zu erkennen. So einigte man sich am 2. September 1192 auf einen Waffenstillstand, der Saladin sämtliche Eroberungen einschließlich Jerusalems zuerkannte. Christlichen Pilgern wurde der freie Zugang zur Stadt zugesagt.

Der Waffenstillstand, ursprünglich nur auf drei Jahre festgelegt, hatte schließlich für 25 Jahre Bestand und garantierte beiden Seiten die Möglichkeit, sich von den Kriegsfolgen zu erholen. Saladin selber zog sich nach Damaskus zurück. Er konnte seinen großen Erfolg nicht mehr genießen. Er starb am 4. März 1193 im Alter von 56 Jahren.

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