Der Fall Sparta

Der Fall Sparta
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Der Fall Sparta

 

von Ursula Droysen

Was wir nicht gelernt haben: Bevor Sparta "spartanisch" wurde, war es ein Mekka für Künstler, Dichter und Musiker. Heute würden wir sagen: Hier war der Bär los. Hier gab es die heißesten Partys, die grandiosesten Feste, die üppigsten Bankette – die Szene von Sparta war berühmt, wer was werden wollte, pilgerte in die Stadt auf dem Peloponnes. Sparta – das war ein anderer Name für Kultur, Offenheit, Liberalität und Toleranz.

[LINK "http://tools.freenet.de/mod_perl/linker/freenet_wissenschaft_pm_specials_/www.pm-magazin.de/" ][IMAGE "/freenet/wissenschaft/pm_specials/sparta/pmlogo.jpeg" ]Absolute Disziplin bis hin zur Grausamkeit gegen sich selbst und andere. Drill ohne Ende, Gehorsam bis in den Tod, dem Staatswillen sich unterwerfen, die eigenen Bedürfnisse denen der Gemeinschaft unterordnen: Der Einzelne ist nichts – das Volk alles. So haben wir in der Schule Sparta kennen gelernt. Ein freudloses Sparta: eng, sparsam und unterwürfig nach innen. Brutal und skrupellos nach außen.

Aber dann ging alles in Scherben. Die Staatskontrolle griff durch, und der Spaß war vorbei. Was war geschehen? Was treibt Menschen zu gnadenloser Härte und striktem Gehorsam? Was zwingt eine fröhliche, gebildete Gesellschaft in eine eiskalte, menschenverachtende Militärdiktatur? Sparta - ein Lehrstück, das noch heute Aktualität hat.

Beginnen wir mit dem angenehmen Teil der Geschichte. Anfang des 7. Jahrhunderts v. Chr. schöpfte die spartanische Gesellschaft noch aus dem Vollen. Die "Stadt der lieblichen Chöre" hatte auch das Allroundtalent Terpander angelockt. Der Musiker und Dichter von der Insel Lesbos war neugierig auf die "ruhmvolle Stadt am schilfbestandenen Fluss Eurotas".

Hier entdeckte er "die helle Muse und die Gerechtigkeit, die auf breiter Straße schreitet". Die neue Heimat inspirierte ihn. Terpander experimentierte mit Tönen und Instrumenten. Seiner Leier, Lyra genannt, fügte er drei neue Saiten hinzu und gelangte in die bisher unbekannte Tonhöhe der Oktave. Musikalische Darbietungen wurden von nun an zu einem wahren Genuss.

Terpander gewann zahlreiche Musikwettbewerbe und gründete die erste Musikschule der Antike. Auf dem Lehrplan stand neben dem Flöten- und Leierspiel auch Gesangsunterricht – die berühmte Chorlyrik der alten Griechen hat ihre Wurzeln in Sparta. "Wie einst bei Xanthos' Strom der Schwan" sollen die Frauenstimmen geklungen haben. Der "Schwanengesang" ertönte bei Hochzeiten und religiösen Festen.

Langweilig wurde es den Chormitgliedern nicht, denn Sparta war Hauptstadt der kultischen Bräuche. Ständig gab es irgendetwas zu feiern. Sehr beliebt war das Fest der Karneen zu Ehren des Gottes Apollo. Es fand regelmäßig im Hochsommer statt und sollte die Erntegötter spendabel stimmen; die Männer bekränzten ihr Haupt mit Weinlaub und trafen sich zu rituellen Mahlzeiten. Nach dem Essen brachten sportliche und musikalische Wettbewerbe die Teilnehmer in Stimmung.

Anderswo wurde das Fest der Karneen ebenfalls begangen, zum Beispiel auf Kreta. Doch die Spartaner galten als Profis im Feiern – zu ihnen kamen die meisten Gäste.

Auch den Dichter Alkman zog es im siebten Jahrhundert nach Sparta. Er stammte aus Lydien, einer Gegend in Kleinasien. Fragmente seines "Partheneion", eines Chorliedes für Jungfrauen mit etwa 100 Versen, wurden im Jahr 1855 von französischen Forschern in der ägyptischen Wüste gefunden. Die Papyrusrollen sind heute im Pariser Louvre ausgestellt.

Der Lebemann hielt nichts von Schwert und Lanze. Er war überzeugt: "Das süße Tönen der Kithara ist der wahre Rivale des kriegerischen Eisens." In seinen Liedern besang er den Zauber der Liebe, die Schönheit der Natur und ein sorgenfreies Leben: "Derjenige ist glücklich, der froh den ganzen Tag durchläuft ohne Tränen."

Die Spartaner konnten Alkmans Text auswendig. Seine Muse soll die blonde Dame Megalostratos gewesen sein, deren Reize der Poet in erotische Gedichte packte. Von "schönen Knöcheln" und einer "Mähne, die wie pures Gold blüht", erzählen seine Verse. Alkman machte auch als Frauenheld von sich reden. Jahrhunderte später berichtet der Römer Plutarch von Schauspielerinnen und Musikerinnen, mit denen der Dichter wild gefeiert und die er mit "schmeichlerischen Worten" erobert haben soll.

Der allgemeine Wohlstand zeigt sich auch in der kostbaren Ausgestaltung vieler religiöser Heiligtümer. Feinste Schnitzereien aus Elfenbein und Bronzestatuen von wohlproportionierten Männern und Frauen zierten die Tempel. Mädchen wurden gern nackt dargestellt, wie es bei manchen religiösen Riten üblich war, wo man unbekleidet sang und tanzte.

Einige kultische Bräuche, vor allem die Feiern zu Ehren der Jagdgöttin Artemis, sollen regelrecht ausgeufert sein. Antike Geschichtsschreiber berichten von sexuellen Spielchen und orgiastischen Ausschweifungen der Mitwirkenden. Terpander geriet ins Schwärmen: "Hier blüht die Lanze der jungen Männer."

Geld und Ehrgeiz hatte man auch für den Sport übrig. Seit dem Jahr 776 v. Chr. fanden die Olympischen Spiele statt, und Sparta war von Anfang an dabei. Sportler wurden in Trainingslager geschickt und systematisch ausgebildet. Hundert Jahre lang waren den Spartanern überragende Erfolge sicher, einen Rekord nach dem anderen trugen sie nach Hause.
Das war das glänzende, sinnliche und fantasievolle Sparta.

Doch dann geschah etwas mit dieser Stadt. Spartas olympischer Glanz verblasste. Von Kunst und Musik war kaum noch etwas zu sehen und zu hören. "Der spartanische Staat igelte sich ein und verlor alle Fröhlichkeit", so der Altertumsforscher Carl W. Weber. Die lebensfrohe Kulturmetropole verkam zum verbiesterten, grausamen Militärstaat. Was war geschehen? Bei der Antwort spielt das Geld eine wichtige Rolle, mit dem die Spartaner ihr bisheriges Leben finanziert hatten.

Kurz ein Blick auf die Vorgeschichte: Die Spartaner, ein dorischer Stamm, waren mit der Völkerwanderung um das Jahr 1200 v. Chr. von Norden in die Landschaft Lakonien mitten auf dem Peloponnes gekommen. In der Flussebene am Eurotas entstand Lakedaimon, bekannt geworden unter dem Namen Sparta. Während die Bevölkerung kontinuierlich wuchs, wurden die Erträge aus der heimischen Landwirtschaft immer weniger.

Die Ressourcen wurden knapp. Man musste sich um den eigenen Wohlstand Gedanken machen. Wo sollte man neuen, Gewinn bringenden Boden hernehmen? Im Unterschied zur Seemacht Athen war Sparta eine Landmacht. Kolonien in Übersee waren nicht ihre Sache – nur eine einzige, die Stadtgründung von Tarent, geht auf Sparta zurück. "Die Spartaner waren in ihrer Mehrheit zu konservativ und bodenständig, um sich mit der Aussicht auf monatelange Seefahrten und abenteurliches Kolonistenleben anfreunden zu können", vermutet Carl W. Weber.

Dazu kam, dass man das Meer von Sparta aus nicht einmal ahnen konnte. Man sah sich umgeben von Bergen, die allerdings einen strategisch interessanten Durchgang aufwiesen: Im Westen, gleich hinter dem Taygetos-Gebirge, tat sich Messenien auf. "Fruchtbares Ackerland, reich an Obst und Weinbestand", staunte der Dichter Tyrtaios in Sparta. Gierig schielte man auf den verführerischen Brocken, der etwa dreimal so groß wie das eigene Land war.

"Wer weiß nicht, dass die Spartaner als Erste unter den Griechen aus Habsucht den Wunsch hatten, das Land ihrer Nachbarn zu erobern?", fragte später der Geschichtsschreiber Polybios. Das Schlaraffenland vor der Haustür wurde um das Jahr 730 überfallen.

Knapp zwanzig Jahre dauerte der Erste Messenische Krieg. Danach knechtete eine Minderheit von 8000 Besatzern die zahlenmäßig weit überlegenen Messenier. Die ebenbürtigen Nachbarn wurden zum Wohle Spartas ausgebeutet. "Wie die Esel unter der schweren Last sich schindend, bringen sie ihren Herren in hartem Zwang die Hälfte all dessen, was die Flur erzeugt", schreibt Tyrtaios.

Die Spartaner finanzierten ihren Lebensstil von nun an durch Unterdrückung – und unterlagen dabei einer gefährlichen Täuschung. Sie ahnten nicht, mit wem sie es zu tun hatten. Ein fataler Irrtum, der für Spartas berüchtigte unerbittliche Geisteshaltung von historischer Bedeutung ist. Die Messenier waren keine unerfahrenen Barbaren, sondern Griechen, und den Spartanern ziemlich ähnlich. Unbeugsam und stolz machten sie den verhassten Fremdherrschern das Leben zur Hölle.

An allen Ecken und Enden des Landes gab es Meutereien und Aufstände. Da Spartas Wohlstand in messenischen Händen lag, wurde die Unterdrückung des Nachbarstaats zum einzigen Überlebens-
thema. Terror und staatliche Kontrolle schienen das geeignete Mittel, um die Macht in Messenien wie in der eigenen Stadt zu festigen. Die Wandlung vom weltoffenen, kunstsinnigen Stadtstaat zum patriotisch-rigiden Militärsystem war eingeläutet.

Der zweite Krieg gegen die störrischen Messenier begann wenige Jahrzehnte später um 650 v. Chr., dauerte dreißig Jahre und muss brutal gewesen sein. Glaubt man dem englischen Historiker Arnold Joseph Toynbee, war der Erste Messenische Krieg "ein Kinderspiel" gegen alles, was danach kam. Denn die Messenier hatten neue Kräfte gesammelt, Sparta hingegen musste in der Zwischenzeit Niederlagen gegen andere Nachbarstaaten einstecken, war eingekesselt und stand mit dem Rücken an der Wand. Im zweiten Krieg ging es nicht mehr darum, das süße Leben in der Stadt zu garantieren, sondern um die nackte Existenz.

Als die Aufständischen endlich besiegt waren, nahm man sie sich mit ungekannter Härte zur Brust. Alle Messenier wurden versklavt. Als rechtlose Heloten mussten sie ihren Herren dienen. Die Verteilung des besetzten Bodens regelte ab sofort der spartanische Staat: Jeder Bürger erhielt ein Stück messenisches Land. Es war so berechnet, dass der Ertrag eine Familie bescheiden ernähren konnte, ohne dass der Hausherr arbeiten musste. Er konnte sich in Ruhe um militärische Angelegenheiten und das Gemeinschaftleben kümmern.

Die staatliche Bodenverteilung änderte das Leben jedes Einzelnen schlagartig. Jetzt gestaltete die Regierung das Privatleben der Bürger. Ziel der neuen, so genannten "lykurgischen" Verfassung war es, alle Bürger zu "Gleichen unter Gleichen" zu machen. Gegenleistung war absolute Staatstreue und bedingungslose Unterordnung. Fünf Ephoren, vergleichbar dem modernen Geheimdienst, wurden zur Überwachung und Bestrafung eingesetzt.

Das politische System konzentrierte sich ausschließlich auf die Bedürfnisse der Staatsgewalt. Die Tötung "minderwertiger" Kinder, militärischer Drill und brutale Erziehungsmethoden nahmen von jung an die Lebensfreude.

Jeder Mann war zur Teilnahme an Essgemeinschaften verpflichtet, den so genannten Syssitien. Auf diese Weise kontrollierte der Staat das Familienleben. Für Erbsenbrei, Käse und die berüchtigte Blutsuppe (Schweinefleisch, das in einer Brühe aus Blut und Essig gekocht wurde) musste jeder seinen Beitrag zahlen.

Friedrich Schiller bemerkte in seiner Abhandlung "Die Gesetzgebung des Lykurg und Solon", es sei für die Spartaner "kein so großes Übel zu sterben, als die schwarze Suppe zu essen". Vorbei die Zeit der fröhlichen Bankette, jetzt wurde freudlos die Suppe ausgelöffelt, die man sich selber eingebrockt hatte – und gab sich trotzig-stark.

Auf den unerschütterlichen Glauben an die Gemeinschaft stützte sich auch eine ganz neue Kampftechnik: die Phalanx, mit der man erstmals im Zweiten Messenischen Krieg Erfolg hatte. Nicht mehr der Zweikampf, sondern eine perfekt trainierte Soldaten-Walze sollte den Gegner vernichten.

Die Phalanx ist das Symbol der spartanischen Gleichmacherei schlechthin. Alle Kämpfer waren exakt in einer Linie aufgestellt, keiner durfte aus der Reihe tanzen – sonst wäre das gesamte System aus den Fugen geraten. Die Phalanx setzte sich im sozialen Leben des Einzelnen fort. Ziel der Verfassung waren die "Homoioi", die Gleichen unter Gleichen.

In der neuen Gesellschaftsordnung zählte nicht mehr das Individuum, sondern die Masse. Aber Gleichmacherei ist der Tod jeder Kultur. Kunst braucht persönlichen Freiraum, in dem die Fantasie ihre Blüten treibt. Unter den neuen spartanischen Bedingungen war es nur eine Frage der Zeit, dass die Enge Engstirnigkeit zeugte, die Menschen ihre Kreativität der staatlichen Planerfüllung opferten und Lieder wie Gedichte zur schwarzen Blutsuppe eindickten.

"Die Verminderung der Kunstproduktion ging mit der Einführung einer neuen Gemeinschaftsideologie einher", erklärt der Schweizer

Die Abhängigkeit von fremden Ressourcen war die Wurzel des spartanischen Übels. Die Unterdrückung Messeniens setzte einen Kontrollmechanismus in Gang, der die Spartaner zu Sklaven ihres eigenen Systems machte. Durch seine beispiellose Starrheit schloss sich der Überwachungsstaat von jeder Entwicklung aus. Fremde wurden vertrieben, Aufenthalte in anderen Ländern verboten, alles Neue wurde ausgemerzt. Zugleich sank die Zahl der spartanischen Bürger von 8000 im sechsten Jahrhundert auf unter tausend im vierten Jahrhundert.

Der verheerende Bevölkerungsschwund im eigenen Land brachte Sparta eine tiefe soziale Krise. Mit gewaltigen Anstrengungen und einem Heer aus Staatssklaven und fremden Söldnern errang man zwar um das Jahr 400 die Vorherrschaft in Griechenland, doch die Katastrophe konnte nicht ausbleiben. Das rigide System kam mit Beschränkung, nicht aber mit Machtzuwachs und fremden Einflüssen zurecht.

Der Forscher Werner Dahlem spricht von einer "Überdehnung der Kräfte". Die Niederlage bei Leuktra, ein schweres Erdbeben und der Verlust Messeniens besiegelten im Jahr 371 v. Chr. offiziell das Schicksal Spartas. Doch letztlich zerbrach das System an sich selbst. Ihre Härte hat den Spartanern das Genick gebrochen.

Sparta war am Boden, politisch und wirtschaftlich. Aber sein unseliges Gedankengut blieb wach. Mehr als zweitausend Jahre später erwiesen sich die Nazionalsozialisten als gelehrige Schüler. Sparta war für sie das Musterbeispiel eines totalitären Staates. So wurden die legendäre Opferbereitschaft und Staatstreue der spartanischen Soldaten im Dritten Reich ideologisch vermarktet.

"Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest uns hier liegen sehen, wie das Gesetz es befahl", lautet die berühmte Grabinschrift, die an die verlorene Thermopylen-Schlacht erinnert. "Kommst du nach Deutschland, so berichte, du habest uns in Stalingrad kämpfen sehen, wie das Gesetz, das Gesetz für die Sicherung unseres Volkes, es befohlen hat", münzte Luftwaffen-Chef Hermann Göring die Inschrift um.

Auch das Nazi-Gebot für studentische Erziehung erinnert an spartanische Propaganda: "Lerne in einer Ordnung zu leben! Zucht und Disziplin sind die unerlässlichen Grundlagen jeder Gemeinschaft und der Anfang jeder Erziehung." Solche Worte hätten die gedrillten spartanischen Kinder wohl verstanden.

Sparta hat sich also nicht mit der Antike erledigt. Die Entwicklung einer Gesellschaft von Offenheit zu Enge, von Fröhlichkeit zu Härte, von Liberalität zu Terror kennt keine Zeitgrenze. Das wusste auch der griechische Berichterstatter Thukydides, der am Ende seiner Sparta-Ausführungen schrieb: "Wer das Gewesene klar erkennen will und damit auch das Künftige, das nach der menschlichen Natur gleich oder ähnlich sein wird, der mag Spartas Geschichte so für nützlich halten."

Ist Sparta heute noch nützlich? Ja, denn seine Geschichte führt menschliche Strukturen ebenso wie die Mechanismen staatlicher Machterhaltung eindrucksvoll vor Augen. Wir sehen: Ein ehemals liberaler Staat gerät durch knapper werdende Ressourcen unter Druck. Zwei Möglichkeiten sieht er, um den Wohlstand zu erhalten: Die Bevölkerung muss verringert und neuer Boden aufgetan werden. Sparta warf seine Kinder über die Stadtmauern und besetzte das Nachbarland Messenien – der Beginn von Unterdrückung und Härte.

Ein Blick auf heute ist zulässig. Statt um knappes Getreide geht es um knappes Öl. Amerikas way of life ist teuer, der Wohlstand muss finanziert werden. Öl spielt dabei eine wichtige Rolle. Der Irak hat es. "Ein großes Land, reich an Öl", würde der Dichter Tyrtaios heute schwärmen. Angebliche Massenvernichtungswaffen machten den Irak zum bedrohlichen Feind, 2500 Jahre früher war es Messenien. Doch gestern wie heute geht es nicht primär um den Feind, sondern um wirtschaftliche Ressourcen und die Erhaltung der Macht, wenn nötig mit Gewalt.

Motor der Aggression ist die Angst. Psychoanalytiker sprechen von der "Angst vor Leere". Leere Kornspeicher, leere Öltanks, leere Kassen, leere Brieftaschen – und ein leeres Leben, weil die Erfüllung von Wünschen und Träumen immer unwahrscheinlicher wird. "Angst braucht eine vernünftige Strategie", erklärt der Mannheimer Psychoanalytiker Thomas Fröhlich. Angst ist nützlich, sogar überlebenswichtig, wenn sie als rechtzeitiges Warnsignal auftritt und Zeit bleibt zum überlegten Handeln.

Kommt die Angst zu spät, erscheint sie bedrohlich – und wird mit Härte abgewehrt. Zwanghafte Disziplin, Brutalität und gnadenlose Strenge helfen dem Staat wie dem Einzelnen, das ungute Gefühl zu überdecken.

Spartas Angst um seinen Wohlstand war der Auslöser für die brutale Unterdrückung der Messenier – und erzeugte so eine neue Angst: die (berechtigte) Angst vor den Unterdrückten. In dieser Angst rückten sie näher zusammen, suchten den Schutz der Gemeinschaft – und waren dafür bereit, ihre Individualität und Bürgerrechte zu opfern. Sie wurden unterwürfig nach innen und zugleich hart und unnachgiebig nach außen.

Spartas Schicksal steht stellvertretend für das Schicksal aller Staaten, die versuchen, auf Kosten anderer und mit Gewalt den eigenen Wohlstand zu erhalten. Eine Weile funktioniert es sogar, das lehrt die Geschichte.

Aber irgendwann wird der Druck von außen so groß, dass die Angst vor den anderen alle Lebensfreude, Toleranz und Liberalität auffrisst. Das ist dann der Anfang vom Ende.
Die Geschichte lehrt auch: In jedem Imperium herrscht (vor dem Untergang) der feste Glaube, stark genug zu sein, um diesem Schicksal zu entgehen.

Die stolzen Spartaner haben das auch geglaubt.

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