Der gläserne Kunde

RFID
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RFID

 
25.05.2003 - 22:00 Uhr

von Ronald Rattmann

Auf jedem Produkt, das wir irgendwo erwerben, befindet sich ein Strichcode, der alle wichtigen Daten zu diesem Produkt enthält: Warengruppe, Preis, Artikelnummer. An der Kasse ausgelesen, gehen die Informationen in ein elektronisches Warenwirtschaftssystem, und die Bestandslisten eines Supermarktes verändern sich fast in Echtzeit mit jedem Piep der Scannerkasse am Ausgang. Ein alltäglicher Vorgang, mit dem wir uns schon abgefunden haben und der uns heute selbstverständlich erscheint.

Aber der altbekannte Strichcode könnte bald ausgedient haben. Der Nachfolger steht schon in den Startlöchern: Ein kleiner Transponder, genannt RFID-Chip. Diese Abkürzung steht für Radio Frequency Identification.

Dieser Chip macht jedes Produkt zum Unikat. Denn im Vergleich zum Barcode können auf ihm ungleich mehr Daten gespeichert werden – jeder Joghurtbecher bekommt seine eigene Seriennummer und kann von der Herstellung bis zum Kühlschrank des Verbrauchers zurückverfolgt werden.

Die Technologie ist nicht neu, sie stammt aus den 1960er Jahren. Wegfahrsperren in Autos und die elektronischen Skipässe in den Wintersportgebieten arbeiten bereits nach dieser Methode, bei der ein Lesegerät per Funk die auf dem Chip gespeicherten Daten ausliest und an einen Rechner weitermeldet.

Dazu muss der Transponder nur nahe genug an das Lesegerät herankommen, damit es anspricht. Ein flächendeckender Einsatz im großen Stil wurde bislang aber von den vergleichsweise klobigen Abmessungen und den relativ hohen Herstellungskosten der Chips verhindert.

Das hat bald ein Ende: Zum Stückpreis von weniger als einem Cent können nun Chips hergestellt werden, die kleiner sind als ein normales Preisetikett. Die Chips könnten sogar direkt in das Verpackungsmaterial einer Ware integriert werden.

Die Konsequenz: Butter und Käse teilen dem Kühlschrank mit, dass das Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist, RFID-Chips auf elektronischen Geräten machen jeden Versuch, bei der Garantie zu betrügen, zunichte.

Noch mehr: Durch ein entsprechend engmaschig gespanntes Netz von Lesestationen könnte somit von jedem von uns ein Bewegungs- und Kontaktprofil erstellt werden, durch die kleinen Transponder in unserer Kleidung oder EC- und Kreditkarten. Hier wartet eine gewaltige Aufgabe auf unsere Datenschützer.

Schon heute ist es kein Problem, über die Bewegungen eines Mobiltelefons in seinem Funknetz den Weg seines Besitzers zu verfolgen. Das ist natürlich offiziell nicht legal. Da aber die technische Machbarkeit gegeben ist, kann man davon ausgehen, dass unter dem Mantel der Verschwiegenheit Strafverfolgungs- und Sicherheitsbehörden zumindest in Einzelfällen von dieser Möglichkeit Gebrauch machen.

Mit dem RFID-Chip wird das alles noch viel einfacher. Praxisversuche laufen bereits, mit wechselndem Erfolg, wie die Handelskette Metro erfahren musste. Einer der Märkte wurde auf das neue System versuchsweise umgestellt.

Die Ergebnisse des Feldversuchs zeigten eines: Die Technik ist noch nicht ausgereift. Und der Verbraucher lässt sich nicht alles gefallen, wie Protestdemonstrationen vor der Testfiliale zeigten. Die Aktion brachte dem Handelsriesen den ungeliebten Big Brother Award ein, der an Unternehmen und Behörden verliehen wird, die den Datenschutz des Einzelnen besonders eklatant gefährden.

Aber keine neue Technologie ohne eine entsprechende Gegenmaßnahme: Schon gibt es eine Art Störchip, der mit einer Flut von ebenso zufälligen wie unsinnigen Zahlenfolgen jedes Lesegerät in einem gewissen Umkreis in den elektronischen Wahnsinn treibt.

Wie auch immer die Zukunft dieser Technik aussehen wird, ganz entkommen werden wir ihr wohl nicht. Und bis dahin werden wir wohl genügend Zeit haben, um uns an den Gedanken zu gewöhnen, dass wir wieder ein bisschen durchschaubarer geworden sind – leider auch für die, die es eigentlich nichts angeht.

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