Der Palast des Khan

Der Palast des Khan
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Der Palast des Khan

02.03.2003 - 23:00 Uhr

von Kristian Büsch

Es war das größte Landreich der Weltgeschichte, der Herrscher wurde verehrt wie ein Gott; wer sich unterwarf, wurde geschont, wer sich ihm widersetzte, starb eines grausamen Todes. Er kam aus dem Nichts und wurde zu einem der mächtigsten Herrscher der Weltgeschichte.

An Dschingis Khan scheiden sich die Geister. Man sah in ihm – und sicher nicht ganz zu Unrecht – einen grausamen Barbaren und doch herrschten im Mongolenreich Recht und Ordnung wie eigentlich nirgendwo sonst.

Ein Spruch besagte, dort könne des Nachts eine Jungfrau im Nachthemd einen Eimer Gold über die Straße tragen, ohne dass ihr etwas zustößt und in diesem Spruch schien eine Menge Wahrheit zu stecken. Die Gesetze waren ehern, auf die meisten Verstöße stand der Tod.

Der spätere Dschinghis Khan wurde geboren als Temüdschin, vermutlich um das Jahr 1162. Sein Vater, Anführer eines lockeren Bündnisses mehrerer Clans, fiel einem Giftanschlag zum Opfer, als Temüdschin gerade einmal neun Jahre alt war. Das Bündnis zerbrach, Temüdschin geriet für eine Weile sogar in Gefangenschaft.

Später schloss er sich den Toghrul an, wo er sich schnell einen Namen machte mit seinen höchst erfolgreichen Beutezügen. Selbst die chinesischen Machthaber wurden auf ihn aufmerksam und verliehen ihm den Titel eines "Bewachers der westlichen Grenze".

Immer weiter verbreitete sich der Ruhm des Temüdschin. Auf seinen Feldzügen gab es stets reichlich Beute und so schlossen sich ihm mehr und mehr Mongolen an. Seine Raubzüge waren gut geplant, die Überfälle gnadenlos.

Unterworfene hatten keine Rechte, erhoben sie sich wie in einem Falle die Tartaren, wurde kurzer Prozess gemacht. Alle männlichen Überlebenden wurden "am Radstift gemessen", das hieß, wer die Achse eines Ochsenkarren überragte, wurde enthauptet, der Rest versklavt.

Im Jahre 1206 war seine Gefolgschaft schließlich so zahlreich, dass er sich zum Anführer aller Mongolen ausrufen konnte. Den Titel, den er wählte, trug vor ihm noch niemand: Ozeangleicher Herrscher Dschingis Khan (vielleicht auch Herrscher zwischen den Ozeanen; die Deutung ist umstritten).

Sein erstes großes Ziel war die Unterwerfung des mächtigen Nachbarn China. Wie bei einer Generalprobe überfiel er zunächst einen der schwächeren chinesischen Teilstaaten. Die Tanguten hatten den diszipliniert angreifenden mongolischen Truppen nichts entgegenzusetzen. Der Sieg war so überwältigend, dass sich mehrere andere Teilstaaten in Reaktion darauf freiwillig unterwarfen.

Ganz so einfach sollte es dann aber doch nicht gehen. Im chinesischen Kernland traf er auf zähen Widerstand. Das Reich der Mitte ergab sich nicht kampflos, die großen Städte waren gut befestigt. Mit modernster Belagerungstechnik gelang ihm schließlich das scheinbar Unmögliche: Der Riese, das reichste und bis dato mächtigste Land Asiens, strauchelte und fiel.

Die Mongolen herrschten im Reich der Mitte, dessen größte Stadt Zhongdu, das spätere Peking, soll nach dem Fall einen ganzen Monat lang gebrannt haben. Die Mongolen wurden zu der Supermacht Asiens, Dschingis Khan zur unsterblichen Legende. Bis auf den heutigen Tag gilt er in der Mongolei als Nationalheld.

Unter seinen Nachfolgern dehnte sich das Mongolenreich schließlich bis nach Europa, weite Teile Russlands und Ostasiens waren unter ihrer Kontrolle, mongolische Truppen stießen nach Indien, Japan, Burma, Kambodscha, Vietnam, selbst nach Java vor. Europa entging der Eroberung mehr durch einen glücklichen Zufall. Schon vor den Toren Wiens erreichte die angreifenden Mongolen die Nachricht, dass ihr geliebter Führer Ögedei Khan, Sohn des Dschingis Khan, gestorben sei. Sie zogen ab.

Eine alte chinesische Weisheit besagt: "Man kann ein Reich vom Rücken der Pferde aus erobern, indes nicht vom Rücken der Pferde verwalten." Diesen Spruch kannte wohl auch Dschingis Khan. Im Jahre 1220 gründete er Karakorum, die neue Hauptstadt des größten Imperiums der Menschheitsgeschichte.

Er selbst brachte offenbar wenig Leidenschaft für Stadtplanung und Palastbau auf, blieb seinem mobilen Hauptquartier, der königlichen Jurte treu. Administrative "Banalitäten", wie den Ausbau der Stadt, überließ seinem Sohn Ögödai. Der umgab sie immerhin mit einem Wall und ließ nach den Plänen chinesischer Architekten einen Palast errichten.

Als 1254 Wilhelm von Rubruk, Gesandter von König Ludwig IX. und Papst Innozenz IV., den Ort erstmals erblickte, schrieb er in sein Tagebuch: "Die Stadt ist nicht einmal so stattlich wie der Marktflecken St. Denis."

Die Mongolen waren Nomaden, eine prächtige Hauptstadt erschien ihnen vermutlich so nützlich wie ein Kropf. Trotzdem waren Archäologen lange und fieberhaft auf der Suche nach Karakorum, dem Palast und vor allem dem Grab des großen Khans.

Im Herbst 1997 trafen sich erstmals deutsche und mongolische Archäologen, in enger Kooperation sollte die ehemalige Haupstadt für die Wissenschaft erschlossen werden. Gestartet wurde ein Jahr später, seitdem arbeitet das Team um Professor Hans-Georg Hüttel im Orchon-Tal am Tschangai-Gebirge, wo man die alte Kapitale wusste.

Systematisch wurden weite Teile des Stadtgebietes ergraben – mit zum Teil bemerkenswerten Ergebnissen. Auffällig ist vor allem das offenbar friedliche Nebeneinander verschiedener Religionen. Kirchen und Moscheen stehen einträchtig neben Tempeln, in denen die verschiedensten Gottheiten angebetet wurden. In Religionsfragen gab man sich betont liberal.

Auch den Palast glaubt Hüttel identifiziert zu haben. Das 45 mal 40 Meter große Gebäude wurde von 64 rund acht Meter hohen Säulen getragen. Ursprünglich war es wohl um die 30 Meter hoch. der Palast diente vor allem als Audienzsaal und wurde nur im Frühjahr und Sommer bewohnt.

Kürzlich meldete auch ein japanisches Forscherteam, den Palast des Khan gefunden zu haben. Shinpei Kato, ehemals Professor an der Kokugakuin-Universität in Tokio, gab bekannt, dass er in der mongolischen Steppe Fundamente eines Gebäudes gefunden habe, dass in Form und Lage den mittelalterlichen Beschreibungen der Residenz des Mongolenfürsten entspricht.

Das Ganze ist nur auf den ersten Blick verwirrend, handelt es sich eventuell doch um eine ältere Residenz des Mongolenherrschers. Sie soll um 1200 gebaut worden sein, als Temüdschin noch Temüdschin war und nicht Dschingis Khan, der Führer aller Mongolen. Der Palast in Karakorum war in seiner Funktion eher für administrative Aufgaben errichtet, vielleicht handelt es sich bei dem Fund der Japaner also um den eigentlichen Wohnsitz des großen Herrschers.

Der Bau erinnert in seiner Form an ein überdimensionales Zelt und das macht in jeder Beziehung Sinn. Der Khan hatte nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er sich im Sattel wohler fühlte, als auf einem Thron. Bei der Bauform dürfte es sich also um eine Reminiszenz an die Jurte handeln, die traditionelle Unterkunft in der mongolischen Steppe.

Die Frage, ob es sich bei dem nun gefundenen Gebäude um den eigentlichen Palast handelt, ist dabei alles andere als akademisch. Interessant ist der - wie wir aus den Quellen wissen eher bescheidene - Palast des großen Khans für die Archäologen nämlich vor allem deswegen, weil in seiner Nähe auch das Grabmal des Herrschers liegen soll. Während der Palast von eher wissenschaftlichem Interesse ist, gehört das Grab zu den meistgesuchten archäologischen Schätzen überhaupt.

Um das Ende "Ozeangleichen Herrscher" ranken sich einige Legenden. Vermutlich starb der zu dem Zeitpunkt Fünfundsechzigjährige bei einem Sturz vom Pferd. Angeblich richteten 100 Vasallen sein Grab her und wurden im Anschluss daran von Soldaten erschlagen. Niemand sollte das Geheimnis um die letzte Ruhestätte kennen, das "Große Tabu".

Was sich in dem Grab befindet, darüber gibt es nur Spekulationen. Nicht nur Schatzsucher glauben, dass man dem gottgleichen Herrscher kostbare Schätze mit auf die letzte Reise gegeben hat. Die Vermutung liegt nahe, entsprechend groß ist das Interesse, als erster auf das Grab zu stoßen. Es ist ein potenzieller Jahrhunderfund.

In den vergangenen Jahren waren mehrere Expeditionen auf der Suche nach dem Grab. John Woods von der Chicago University glaubt es etwa 300 Kilometer nordöstlich von Ulan Bator, der modernen Hauptstadt der Mongolei, gefunden zu haben. Eine Bestätigung freilich steht noch aus und mit Beweisen für seine Behauptung war Woods bisher auch eher zurückhaltend.

Damit befindet er sich freilich in guter Gesellschaft. Schon im Jahre 2000 hatten chinesische Archäologen verkündet, im Nordwesten Chinas das Grab des Dschingis Khan gefunden zu haben. Klappern gehört in der Archäologie mittlerweile zum Handwerk und so warten wir einfach ein wenig ab und sehen, wer Recht hat.

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