Der Preis der Natur

Der Preis der Natur
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Der Preis der Natur

von Marianne Oertl

Dass sie mindestens dreimal so stark sind wie Menschen-Männer, hat den "Silber-Rücken" nichts genützt. Auch ihre enge Verwandtschaft mit den Menschen – mindestens 98 Prozent ihrer Gene haben sie mit uns gemeinsam – änderte nichts an ihrem Schicksal: Kaum mehr als 1000 Östliche Flachlandgorillas konnten im Kahuzi-Biega-Nationalpark im Osten des Kongos überleben.

[LINK "http://www.pm-magazin.de/de/" ][IMAGE "/freenet/wissenschaft/pm_specials/natur/pmlogo.jpeg" ]Die Menschenaffen haben das Pech, in einem heiß umkämpften Gebiet mit reichen Bodenschätzen zu leben: Nur hier gibt es Coltan – Columbit-Tantalit – einen Rohstoff für die Produktion von Handys und Computern. Beim Abbau des kostbaren Stoffes kamen die Tiere der Gattung "Gorilla beringei graueri" unter die Räder – die letzten Vertreter landen nun in den Kochtöpfen und Blechnäpfen der Bergarbeiter und hungernden Einheimischen, der Rebellen und Regierungssoldaten.

Müssen Handys und Computer einen so hohen "Natur-Preis" haben? Müssen Essstäbchen, Furniere, Bauverschalungen und Papier unbedingt aus Tropenholz hergestellt werden?

Sicher: Jede Herstellung von Gütern ist mit einem Rohstoffverbrauch verbunden – wir entnehmen der Natur die Ressourcen (Metalle, Steine, Wasser, Holz, Tiere und Pflanzen), aus denen wir all unsere Produkte herstellen. Aber jahrhundertelang machten wir uns über den Naturverbrauch keine Gedanken – Natur schien im Überfluss vorhanden zu sein. So entstand eine Produktionsweise, die fast zehnmal so viel Rohstoffe verbraucht, wie wir nutzen können, und die die natürliche Vielfalt von Tieren und Pflanzen gedankenlos zerstört.

Unser gesamtes Wirtschaften ist eine einzige "Verschwendung": Eine Studie der U.S. National Academy of Engineering hat festgestellt, dass in Amerika rund 93 Prozent der verbrauchten Rohstoffe niemals in verkäufliche Produkte umgewandelt werden. Außerdem werden 80 Prozent aller gekauften Gebrauchsgüter nach einmaliger Benutzung weggeworfen, und die restlichen sind längst nicht so haltbar, wie sie sein könnten. Die meisten Produkte werden außerdem über Tausende von Kilometern zu Verbrauchern transportiert, die die gleichen Waren auch aus ihrer Region beziehen können.

Durch Konsum und Arbeit verbraucht jeder Deutsche pro Jahr durchschnittlich 80.000 Kilogramm an Ressourcen. Vom Säugling bis zum Greis entnimmt jeder von uns der Natur täglich 220 Kilogramm an festen Stoffen und 1600 Liter Wasser.

Nicht alle Menschen leben so aufwändig: In den ärmeren Ländern der südlichen Welt beträgt der Naturverbrauch pro Kopf nur einen Bruchteil von unserem. Doch würden alle Menschen auf der Erde so leben wie wir in den reichen Ländern, dann wären die ökologischen Grenzen der Erde um ein Mehrfaches überschritten. Denn auch 1,2 Milliarden Chinesen und eine Milliarde Inder wollen Kühlschränke, Autos und Urlaubsflüge.

Es gibt keine andere Lösung, als neue Wege zu finden, die Lebensstile in Nord und Süd so zu gestalten, dass es den Menschen überall gut geht und gleichzeitig die ökologischen "Leitplanken" des Planeten beachtet werden – damit aureichend Natur auch für die nachfolgenden Generationen übrig bleibt.

Wenn man diese Forderung nach einer "nachhaltigen Wirtschaft" ernst nimmt, reicht es nicht mehr, sich nur auf die bei der Produktion entstehenden Schadstoff-Emissionen oder die Müllberge zu konzentrieren. Man muss die riesigen Rohstoffströme unserer Wirtschaft ins Visier nehmen: "Es gilt also, die 'Materialintensität' unseres Wohlstands zu senken – unseren Wohlstand mit weniger Umweltverbrauch als bisher zu schaffen", fordert der Physikochemiker Friedrich Schmidt-Bleek, ehemaliger Leiter des Wuppertal-Instituts für Klimaforschung.

Und er schlägt auch eine praktikable Idee vor, wie der Umweltverbrauch von Gütern zu bestimmen wäre: mithilfe des "ökologischen Rucksacks".

Was ist das? Ein neues Produkt auf dem Ökomarkt, das man als umweltbewusster Mensch kaufen soll? Nein! Der ökologische Rucksack ist unsichtbar, aber jeder produzierte Gegenstand "schleppt" ihn mit sich herum. Er ist ein Bild für den gesamten Natur- und Energieverbrauch auf dem "Lebensweg" eines Produkts – von der Rohstoffgewinnnung über Herstellung, Verpackung und Transport bis hin zum Gebrauch und zur Entsorgung. Egal, was wir kaufen – wir kaufen den ökologischen Rucksack immer mit.

Das Gleiche gilt für fast alle Dienstleistungen: Ein Besuch beim Arzt, eine Beratung in der Verbraucherzentrale – immer sind Transportmittel (Auto, Bus, Bahn), Arbeitsgeräte (Diagnoseapparate, Computer) und andere materielle Dinge im Spiel, die mit den Rohstoffströmen verbunden sind. Auch Dienstleistungen tragen daher ökologische Rucksäcke.

Betrachten wir einmal den Weg einer ganz normalen Jeans. Hauptanbaugebiete für Baumwolle sind die USA, China, Pakistan, Indien und Usbekistan; dem Rohstoff wird weltweit eine Anbaufläche so groß wie ganz Deutschland, geopfert. Baumwollpflanzen brauchen extrem viel Wasser (der Aralsee, an den Usbekistan grenzt, ist deshalb fast leer gepumpt). Außerdem müssen sie vor Schädlingen geschützt werden: Zehn Prozent des weltweiten Pestizid- und Düngemittelverbrauchs gehen auf das Konto der Baumwolle.

Die Rohbaumwolle kommt per Schiff nach Deutschland, hier werden die Fasern gesponnen und veredelt: Dabei wird Energie verbraucht und noch einmal sehr viel Wasser eingesetzt. Mithilfe von umweltbelastenden Chemikalien färbt man den Jeansstoff, verleiht ihm Glanz und Weichheit.

Und weiter: Zum Nähen der Hose wird der Stoff in Niedriglohnländer transportiert, etwa nach Tunesien; dorthin gelangen nach einem ebenfalls weiten Weg auch die Knöpfe, die Reißverschlüsse und das Nähgarn. Eingepackt in Kunststofffolie, werden die Jeans wieder nach Deutschland verschifft und auf die Läden verteilt. Nach dem Verkauf geht es weiter: Die Hose wird unter Einsatz von Energie, Wasser und Reinigungsmitteln x-mal gewaschen, schließlich weggeworfen oder in die Altkleidersammlung gegeben.

Rechnet man den gesamten Ressourcen- und Energieaufwand zusammen, ergibt sich für die 600 Gramm leichte Jeans ein ökologischer Rucksack von 32 Kilogramm – und darin sind die durchschnittlich verbrauchten 8000 Liter Wasser noch gar nicht enthalten.

Größer ist der Rucksack beim Auto. Es besteht zum größten Teil aus Stahl – die Rohstoffe dafür sind Eisenerz, Kohle und Kalk. Zum Erzabbau werden Wälder abgeholzt, Flüsse umgeleitet, Erde abgetragen und Maschinen eingesetzt, die unter anderem Benzin verbrauchen. Für die anderen Bestandteile des Autos – etwa die Reifen aus Gummi, den Katalysator aus Platin, die Armaturen aus Kunststoff – werden ebenfalls Tonnen von Material bewegt.

Die KFZ-Produktion selbst braucht sehr viel Energie, die aus Erdöl, Kohle oder Erdgas gewonnen wird. In der Nutzung schluckt das Auto pro Person (in Deutschland) jährlich zirka 600 Liter Treibstoff, pro Waschgang laufen 150 Liter Trinkwasser in die Kanalisation, und die Verschrottung verschlingt am Ende weitere Energie. Summa summarum fährt ein Wagen, der eine Tonne wiegt, einen ökologischen Rucksack von 70 Tonnen mit sich herum; bei schweren Luxuslimousinen oder LKWs ist er natürlich noch wesentlich schwerer.

Professor Schmidt-Bleek hat auch herausgefunden, wie man den ökologischen Rucksack berechnet: mit der MIPS-Formel. MIPS heißt "Material-Input pro Serviceeinheit". Seine Höhe ergibt sich, wenn man den "Material-Input" durch die Anzahl der "Servieceeinheiten" teilt.

Der Material-Input umfasst alle Naturressourcen und Energien, die ein Produkt auf seinem Lebensweg verbraucht; die Zahl der Serviceeinheiten ist ein Maß für den Nutzen, den man von ihm hat. Was als Serviceeinheit gilt, hängt vom Produkt ab – beim Waschmittel beispielsweise ist sie definiert als ein Kilogramm gewaschene Wäsche. Der MIPS gibt also an, wie viel "Natur" ein Waschmittel verbraucht, um ein Kilogramm Wäsche zu waschen.

Christa Liedtke vom Wuppertal-Institut hat mit ihren Mitarbeitern den ökologischen Rucksack verschiedener Werkstoffe nach der MIPS-Formel berechnet – immer war er schwerer als der Werkstoff selbst. Für eine Tonne Kies beträgt er 1,18 Tonnen, für Steinkohle 2,36, für Braunkohle 9,68, für Kupfer 500, für Silber 7500 - und für Gold 540.000 Tonnen: Auf einem fünf Gramm leichten Goldring lastet also ein ökologischer Rucksack von 2000 Kilogramm.

Mit dem MIPS-Konzept wurde der Wert der Ökosphäre erstmals berechenbar und damit anschaulich. Schmidt-Bleek erhielt dafür 2001 zusammen mit Ernst Ulrich von Weizsäcker den "World Environment Award" der japanischen Takeda-Stiftung, der als "Nobelpreis der Umwelt" gilt.

Inzwischen sind viele andere Wissenschaftler und Unternehmen damit beschäftigt, die "Material-Input-Faktoren" für eine Vielzahl von Stoffen und so genannten Modulen (wie Elektrizität und Transport) zu berechnen. Diese MI-Faktoren finden sich auf der Homepage des Wuppertal-Instituts; sie werden regelmäßig aktualisiert und ergänzt.

Wie schwer ist der ökologische Rucksack von Hightech-Geräten der modernen Kommunikationstechnologie? Das haben der Europäische Forschungsverbund und zwölf Partnerfirmen mit dem Projekt "Digital Europe" analysiert. Infolge der kurzen Innovationszyklen der Technik ist die Lebensdauer der Geräte gering; allein in Deutschland fallen jährlich mehr als zwei Millionen ausgediente PCs, Drucker und Ähnliches an – und der Berg von Elektroschrott wird sich nach Ansicht der Experten mittelfristig verdreifachen.

"Digital Europe" brachte an den Tag: Jedes der Geräte schleppt einen ökologischen Rucksack mit sich herum, der je nach Typ das 60- bis 500fache des Eigengewichts beträgt. Allein ein Chip von 0,09 Gramm Gewicht hat einen Rucksack von 20 Kilogramm – das 22.000-fache seines Gewichts; beim PC wiegt er zwischen 1,2 und 1,5 Tonnen, bei einer Workstation inklusive Monitor wird er auf elf Tonnen geschätzt.

Ein Laptop (2,8 kg) trägt einen ökologischen Rucksack von 430 Kilogramm, ein Handheld (0,8 kg) einen von 80 Kilogramm: Obwohl der Laptop etwa 15-mal so groß ist wie ein Handheld, ist sein Rucksack nur gut fünfmal so schwer – für das größere Produkt sind also relativ gesehen weniger Rohstoffe eingesetzt worden.

Das zeigt: Die fortwährende Miniaturisierung kann nicht die Lösung des hohen Rohstoffverbrauchs sein. Bedingt durch die zunehmende Leistung der Geräte steigt auch der Ressourcenverbrauch. Zusätzlich kommt es bei einer Verkleinerung meist zu einem Bumerang-Effekt: Fast unvermeidlich steigen die angebotenen Stückzahlen, sodass unter dem Strich keine Umweltentlastung eintritt.

Die Berechnung der ökologischen Rucksäcke von Dienstleistungen hat ebenfalls Erstaunliches gebracht: Online-Banking schont die Umwelt. Das traditionelle Ausfüllen einer Bankanweisung verbraucht 2,7 Kilogramm Rohstoffe – die Online-Bankanweisung nur 1,1 Kilogramm. Angenommen, von jedem der 20 Millionen Online-Konten in Deutschland würden jährlich 20 Überweisungen getätigt, ergäbe sich gegenüber der Papier-Methode eine jährliche Einsparung von 64.000 Tonnen an Naturressourcen.

Auch Musik hören im Internet spart Rohstoffe: Wenn der Kunde eine schnelle Breitbandverbindung benutzt und die Musik-CD nicht auf eine eigene Scheibe brennt, wiegt der ökologische Rucksack beim Herunterladen der Titel 0,7 Kilogramm – bei der On-line-Bestellung 1,3 und beim Kauf im Laden 1,6 Kilogramm.

Diese Zahlen zeigen, dass der Konsument einen erheblichen Einfluss auf den Umweltverbrauch hat – je nachdem, wie er die neuen Kommunikationstechnologien nutzt. Deshalb wird das Wissen darüber immer wichtiger.

Konsequent eingesetzt, könnte es helfen, kostbare Rohstoffe einzusparen, ohne dadurch an Lebensqualität und Wohlstand einzubüßen – indem man Werkstoffe mit dem leichtesten ökologischen Rucksack verwendet. Beispiele dafür präsentieren die Internetseiten des Wuppertal-Instituts: Dämmstoff für Dächer und Hauswände aus Holzspänen, Plastik aus Mais, Strom aus Chinaschilf, Häuser aus Holz oder Lehm, LED-Leuchtdioden statt Glühbirnen und, und, und.

Eine andere Möglichkeit, den ökologischen Rucksack abzuspecken, besteht darin, den Nutzen der Produkte zu erhöhen – also die Zahl der "Serviceeinheiten" in der MIPS-Formel zu vergrößern. Eine davon ist "Re-Use" (Wiedergebrauch): Kleine und mittlere Unternehmen der IT-Branche haben sich in Hamburg und Berlin zusammengeschlossen, um gemeinsam den Wiedergebrauch von Computern zu organisieren.

 

Die durchschnittliche Nutzungsdauer eines PC liegt bei etwa vier Jahren, seine technische Lebensdauer aber bei sieben – für normale Büroanwendungen taugen gebrauchte, überholte und mit Garantie versehene Computer allemal.

Immer mehr Firmen haben die Zeichen der Zeit verstanden und sich zum Ressourcen-sparen verpflichtet:

Mercedes beispielsweise wählt seine Werkstoffe nach Umweltaspekten aus: Motorhauben, Kotflügel und Kofferraumdeckel der E-Klasse sind aus Aluminium, weil die Leichtbauweise insgesamt Energie spart – auch wenn die Alu-Produktion energieaufwändiger ist als die Stahlherstellung. Außerdem verwendet der Konzern pro Jahr bei über einer Million Autoteilen recycelten Kunststoff.

Der japanische Medienkonzern Sony will bis März 2006 das Gewicht seiner Produkte um 20 Prozent senken, den Anteil der recycelten Teile um 20 Prozent erhöhen und den Abfall um 30 Prozent senken; außerdem soll die durchschnittliche Stromleistung der Geräte im Stand-by-Modus von heute 2,2 auf 0,1 Watt sinken.

Besonders bemerkenswert: Sony hat die gesamten CO2-Emissionen, die bei der Produktion und später durch die Nutzung seiner Produkte anfallen, veröffentlicht: Sie lag 2001 bei 1.897.000 Tonnen. Das sind 40.000 Tonnen weniger als im Vorjahr, und bis März 2006 sollen die CO2-Emissionen um weitere 15 Prozent sinken.

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