Der Untergang Lissabons

Der Untergang Lissabons
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Der Untergang Lissabons

 

von Matthias Seng

An Allerheiligen ging das alte Lissabon unter. Am Morgen des 1. November 1755 verwandelte ein Erdbeben, dessen Stärke nach heutigen Schätzungen rund 9,0 betragen haben musste, die prächtige Hauptstadt des portugiesischen Weltreichs in ein einziges Trümmerfeld.

Das Erdbeben war so gewaltig, dass es noch Hunderte Kilometer entfernt auf dem europäischen und dem afrikanischen Kontinent zu spüren war und etwa in Marokko starke Verwüstungen anrichtete.

Das Epizentrum des Bebens lag weit im Atlantik, mehrere hundert Kilometer von der portugiesischen Metropole entfernt. Die meisten Bewohner Lissabons wurden von der Katastrophe beim Gebet überrascht. Das katholische Lissabon beging in den Morgenstunden dieses Tages in einer der zahlreichen Kirchen der Stadt das Allerheiligenfest.

Das zehnminütige Beben verheerte Lissabon vollständig, Gebäude stürzten in Sekundenschnelle in sich zusammen und begruben ihre Bewohner unter den herabfallenden Trümmern. Nach dem Beben kam das Feuer, nur unterbrochen von zwei Nachbeben. Lissabon brannte fünf Tage lang.


Viele der Überlebenden hatten an den Ufern des Tejo vor den Folgen des Bebens Schutz gesucht. Nur dort und an den neuen, aus Marmor errichteten Kais fühlten sich die erschöpften und verängstigten Menschen vor dem Feuer sicher. Unmittelbar nach dem Beben zogen sich die Fluten des Atlantik vom Kai des Lissabonner Hafens zurück, aber keiner der Überlebenden nahm dies als Vorzeichen für eine weitere Katastrophe.

Durch die seismische Erschütterung des Meeresgrundes hatte sich eine Flutwelle aufgebaut, die, als sie rund 30 Minuten nach dem Beben den Hafen und die dort ausharrenden Menschen erreichte, bis zu 15 Meter hoch war. Ihre ersten Opfer waren Flüchtende, die vor der aufbrechenden Erde in Booten hinaus aufs Wasser geflüchtet waren. Aber auch die Tausenden am Kai hatten keine Überlebenschance. Die Welle schwappte über den Kai, ergoss sich in die Mündung des Tejo und überflutete die gesamte Unterstadt.

Opfer der Flutwellen war aber nicht nur Lissabon. Die gewaltige Welle suchte die gesamte portugiesische und spanische Küste heim, eine noch zehn Meter hohe Welle verwüstete den Hafen von Cadiz, mit einigen Stunden Verzögerung erreichte sie französische, englische, irische und holländische Küsten. Außerdem bekamen auch Marokko, Algerien sowie die Azoren, Madeira und die Kleinen Antillen ihre Auswirkungen zu spüren.

Wie viele Bewohner Lissabons damals Opfer des Erdbebens und der nachfolgenden Flut wurden, konnte bis heute nicht geklärt werden. Zeitgenössische Schätzungen kamen auf bis zu 60.000 Tote – von Trümmern erschlagen, im Feuer verbrannt oder in den Fluten ertrunken. Bei einer geschätzten Gesamtbevölkerung von weniger als einer Viertelmillion Menschen bedeutete das, dass ungefähr jeder vierte Einwohner Lissabons der Katastrophe zum Opfer fiel.

Ganz Europa war entsetzt angesichts der Katastrophe, die sich am westlichen Ende des Kontinents abgespielt hatte. Historiker ordneten das Beben als eine der größten Naturkatastrophen der Menschheit seit dem Vulkanausbruch des Vesuvs und dem Untergang Pompejis im Jahre 79 ein. Philosophen diskutierten über die Sinnlosigkeit des Geschehens und zweifelten die Theorie von der göttlichen Schöpfung als die der "besten aller möglichen Welten" an.

Die katholische Kirche interpretierte das Geschehen als Gottes Strafe für die Sündhaftigkeit des Menschen. Protestantische Theologen meinten, damit seien nur die lasterhaften Katholiken bestraft worden und der Untergang des Katholizismus stehe unmittelbar bevor.

Auch Intellektuelle und Künstler zog das Grauen in seinen Bann. Georg Philipp Telemann inspirierte das Beben zu einem Oratorium mit dem biblischen Titel: "Tag des Gerichts". Voltaire entzündete mit seinem Gedicht "Über die Katastrophe von Lissabon" eine Debatte über die Rolle Gottes im Weltgeschehen. Er beklagte die Gleichgültigkeit der Naturkräfte, die unterschiedslos Männer, Frauen und Kinder ins Verderben riss.

Pragmatischer ging die praktische Politik mit den Folgen der Naturkatastrophe um. Der portugiesische Staatsmann Marquis de Pombal leitete unverzüglich den Wiederaufbau Lissabons ein. Berühmt wurde sein Ausspruch "Begrabe die Toten und füttere die Lebenden". Und auch die überlebenden Einwohner gingen schnell wieder ihren menschlichen Gewohnheiten nach. Zeitzeugen berichteten, dass schon ein Jahr nach der Katastrophe die Lissaboner wieder zu Tanzveranstaltungen und Theateraufführungen gingen.

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