Der Untergang Roms

Valens
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Valens

von Matthias Seng

Im 4. Jahrhundert wurde das Schicksal des Römischen Reiches durch zwei tiefgreifende Entwicklungen bestimmt: durch die Übernahme des Christentums als Staatsreligion und die zunehmende Dominanz von Germanen im römischen Offizierskorps.

Die Germanen hatten aufgrund von traditionell hohen Geburtenraten mit dem Problem der Übervölkerung zu kämpfen. Ein Ausweg aus der Misere war die Eingliederung in das Römische Imperium. Das Rom der Kaiserzeit – also nach Christi Geburt – nahm die Germanen als Siedler, Soldaten und nicht zuletzt als Steuerzahler bereitwillig auf.

Viele der Einwanderer passten sich sehr schnell an und wurden oft schon in der zweiten Generation Römer. Schließlich gelang ihnen auch innerhalb der staatlichen Hierarchie der Aufstieg: Seit Augustus hatten die römischen Kaiser ihre Leibwache aus Germanen rekrutiert, und nachdem Konstantin der Große in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts ihnen die Möglichkeit eingeräumt hatte, Offiziere zu werden, besetzten Germanen nach und nach auch höhere Posten im römischen Heer.

Die Aufnahme von Germanen in den römischen Staatsverbund war zudem ein beliebtes Mittel, um mit der militärischen Bedrohung durch diese "Barbaren" fertig zu werden. Die zahlreichen Feldzüge in germanische Gebiete hatten keine durchschlagenden Erfolge gebracht. Ganz im Gegenteil hatte die römische Weltmacht immer wieder militärische Niederlagen hinnehmen müssen. Eine dauerhafte Befriedung der Gebiete an Rhein und Donau erwies sich als unmöglich.

Im Jahr 9 n.Chr. hatte Rom in der Schlacht im Teutoburger Wald sogar ein militärisches Fiasko erlebt. Drei Legionen mit rund 20.000 Mann unter Publius Quinctilius Varus, dem römischen Statthalter und Oberbefehlshaber in Germanien, waren in einen Hinterhalt geraten und von germanischen Truppen vollständig vernichtet worden.

Befehlshaber des germanischen Heeres war ein gewisser Arminius, ein Germane, der das römische Bürgerrecht und sogar die Ritterwürde besaß und als Militärtribun schon für Rom gekämpft hatte. Den Gegnern der Integrationspolitik war spätestens nach diesem Massaker danach klar: Rom zog sich seine Feinde selber groß und stattete sie mit dem nötigen militärischen Wissen aus, das ihnen dann im Kampf gegen das Imperium zunutze kam.

Deshalb mahnten die Integrationsgegner immer wieder eine neue Politik an und begründeten das mit der nicht von der Hand zu weisenden Behauptung, dass trotz aller Versuche der Bekämpfung, Vereinnahmung und Eingliederung die militärische Bedrohung durch die Germanen nicht geringer geworden wäre. Aber Rom änderte seine Politik nicht, schon aus dem Grund, weil während der Regentschaft der Römischen Kaiser das Reich zumindest tendenziell demilitarisiert wurde. Weniger als zwei Prozent der rund 50 Millionen Bewohner des Reiches standen als Soldaten zur Verfügung, um die langen Grenzen des Riesenreiches an Rhein und Donau sowie in den östlichen Gebieten zu verteidigen.

Zunächst reichte dieser relativ geringe Anteil noch aus, weil die römische Militärmaschinerie in Bewaffnung, Ausbildung und Taktik sämtlichen Gegnern weit überlegen war. Als die Germanen aber seit dem zweiten Jahrhundert den römischen Vorsprung aufholten und sich auch in offener Feldschlacht gegen die Römer behaupten konnten, geriet das Imperium in existenzielle Gefahr.

Hinzu kam, dass der Anteil von germanischen Soldaten im römischen Heer immer größer wurde. Gegen Ende des vierten Jahrhunderts schließlich kämpften die Römer nicht mehr selber, sondern verließen sich fast vollständig auf die Söldner in ihren Legionen.

Als im Jahr 376 die Hunnen die germanischen Westgoten aus deren Siedlungsgebieten an der unteren Donau vertrieben, gewährte ihnen der oströmische Kaiser Valens entgegen den Warnungen kritischer Stimmen Asyl in der römischen Provinz Moesien (dem heutigen Nordbulgarien und Serbien).

Die römischen Behörden in Moesien erwiesen sich aber als unfähig, die Zugewanderten angemessen zu versorgen, woraufhin die Westgoten die Angelegenheit in die eigene Hand nahmen. In der Folge kam es zu gewaltsamen Zusammenstößen mit römischen Truppen, die allesamt mit römischen Niederlagen endeten. Nach einem misslungenen Versuch, den gotischen König Fritigern in eine Falle zu locken und ihn umzubringen, plünderten die Westgoten aus Rache die gesamte Provinz, stürmten die römischen Waffenfabriken und befreiten aus den Bergwerken Tausende germanischer Flüchtlinge.

Es drohte der Abfall der Provinz, und Rom mobilisierte. Noch bevor aber die alarmierten Heere Valens und des weströmischen Kaisers Gratian sich vereinen konnte, um gemeinsam den Kampf gegen die Westgoten aufzunehmen, stellte sich Valens am 9. August 378 bei Adrianopel (der heutigen türkischen Stadt Edirne) dem Gegner zum Kampf. Die Schlacht endete mit einem totalen westgotischen Sieg, die römischen Truppen wurden vernichtend geschlagen, Valens kam ums Leben.

Viel schlimmer als die militärische Niederlage wog für das Römische Reich aber die Tatsache, dass sich die Westgoten mit diesem Sieg die Herrschaft über den gesamten Balkanraum gesichert hatten und die Landverbindung zwischen dem westlichen und dem östlichen Teil des Reichs unterbrochen war.

Dem neuen Kaiser Theodosius blieb nichts anderes übrig, als den Siegern in der Provinz weitgehende Autonomie zu gewähren. Sie mussten keine Steuern an Rom zahlen und konnten eigenes Recht sprechen. Selbst das vermeintlich einzige Zugeständnis, das Rom erreichte, sollte sich langfristig als folgenschwerer Nachteil erweisen: Die Westgoten mussten dem Kaiser Rekruten stellen, wodurch sich der germanische Anteil im römischen Heer noch weiter erhöhen sollte.

Trotz der Vereinbarung blieben die Westgoten blieben ein politisch-militärischer Gefahrenherd. Der materielle Reichtum des immer schwächer werdenden Reiches lockte sie immer wieder zu Eroberungszügen. Dabei ging es ihnen und den anderen germanischen Stämmen weniger um die Vernichtung des Reiches. Vielmehr wollten sie am Wohlstand Roms teilhaben.

Allerdings entsprachen ihrer militärischen Schlagkraft keine vergleichbaren Fertigkeiten im zivilen Bereich. Sie erweisen sich als unfähig, die zivilisatorischen Errungenschaften Roms in den von ihnen eroberten Gebieten aufrechtzuerhalten. Der Zerfall der Städte und der Infrastruktur, der Verlust schriftlicher Überlieferungen und die Zerstörung der Geldwirtschaft waren keine Folgen einer bewusst destruktiven Politik der Germanen, sondern ihrer zivilisatorischen Rückständigkeit.

Wie unverzichtbar die Germanen aber mittlerweile für die militärische Sicherheit Roms geworden waren, verdeutlichte die Karriere des Flavius Stilicho, eines Vandalen: Er wurde nicht nur römischer Feldherr, sondern nach dem Tod Theodosius' im Jahr 395 Reichsverweser im Weströmischen Reich. Stilicho regierte insgesamt 13 Jahre lang für den unmündigen Kaiser, bevor er im Jahr 408 einer fremdenfeindlichen Verschwörung zum Opfer fiel und in Ravenna enthauptet wurde.

Auch Stilicho gelang es nicht, der Bedrohung durch die Westgoten Herr zu werden. Er versuchte mit eilig aus Britannien und vom Rhein abgezogenen Legionen, Italien gegen die germanische Bedrohung zu verteidigen. Die germanischen Stämme eroberten nach und nach die römischen Provinzen Gallien, Britannien, Spanien und schließlich auch Nordafrika, die Kornkammer des Römischen Reiches.

Als ein westgotisches Heer unter König Alarich im Jahr 410 schließlich Rom eroberte, sahen nicht wenige römische Zeitgenossen das Ende der Welt gekommen. Sie hatten mit ihrer Einschätzung insofern recht, als die Eroberung und Plünderung Roms tatsächlich den dramatischen Schlussstrich unter den schleichenden Verfall des Römischen Reichs zog. Das Imperium war nur noch leere Hülle, auch wenn es noch 66 Jahre dauern sollte, bis der römisch-germanische General Odovacar den letzten römischen (Kinder) Kaiser Augustulus absetzte.

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