Der Weg zur Abstraktion

Schneesturm, William Turner, 1842
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Schneesturm, William Turner, 1842

 

von Bülent Gündüz

Die Abstraktion bestimmte die Kunst des 20. Jahrhunderts. Zahllose Künstler und Künstlergruppen verschrieben sich ihr und erfanden immer neue Spielarten der ungegenständlichen Kunst. Eine kleine Geschichte der abstrakten Kunst.

1913. Der Urknall der Kunst. Kasimir Malewitsch malte sein "Schwarzes Quadrat auf weißem Grund". Die Entwicklung der Abstraktion fand ihren Höhepunkt und der Suprematismus wurde geboren. Nie zuvor hatte ein Maler ein derart in Form und Farbe reduziertes Bild gemalt.

Was bedeutet eigentlich der Begriff "abstrakte Kunst"? Die Definition des Begriffes hat immer wieder Anlass zu heftigen Diskussionen gegeben. Bei einem abstrakten Kunstwerk lassen sich keine Anhaltpunkte der gegenständlichen Welt finden. Nicht wenige wenden aber ein, dass letztlich jedes Abbild der Natur eine Abstraktion darstellt, weil der Künstler Dinge in seinen Bildern besonders betont und andere nicht berücksichtigt oder vernachlässigt.

Ein abstraktes Bild ist also ein Bild ohne Abbildungscharakter. Aber stimmt das? Nicht wirklich, denn in den meisten Fällen beruht ein Bild auf einem Abstraktionsprozess, dessen einzelne Elemente sich durchaus in der gegenständlichen Welt wieder finden lassen.

Begonnen hatte die Abstraktion schon im frühen 19. Jahrhundert. Einer der ersten, der abstrahierte, war der Romantiker William Turner (1775-1851). Viele seiner Bilder fangen landschaftliche Stimmungen ein. Dabei sind nur noch schemenhafte Umrisse zu erkennen, Gegenständliches verschwindet in atmosphärischen Farbnebeln.

Mit seiner Art zu malen, beeindruckte und beeinflusste Turner später die Impressionisten. Diese riefen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Ende der Malerei der Akademien und Salons aus. Realisten, Naturalisten und Klassizisten waren vor allem auf ein exaktes Abbild der Natur aus und idealisierten in ihren Bildern die Natur und den Menschen.

Die Impressionisten wollten dem etwas Einzigartiges und Neues entgegensetzen: einen Rausch von Licht und Farbe. Für sie war es nicht so wichtig, was sie sahen, sondern wie. Sie wollten den Gegenstand im Augenblick der Erfassung abbilden, nicht dessen Inhalt. So entstanden Bilder mit dichter Atmosphäre, wilden Farbnebeln und pastosem Auftrag in strahlenden Farben.

Aber auch ein weiterer Maler des 19. Jahrhunderts gilt als einer der Vorläufer der Abstraktion: Vincent van Gogh (1853-1890). Eines seiner bekanntesten und am häufigsten reproduzierten Bilder ist die Sternennacht. Seine Ausstrahlung erhält das Bild durch die starke Emotion und Dynamik, die nicht zuletzt aufgrund der für Van Gogh typischen Abstraktion entsteht.

Das Motiv ist in kräftigen Farben gemalt. Die Zypressen im Vordergrund züngeln sich in den Himmel. Zu erkennen sind die Zypressen nicht mehr in ihrer naturalistischen Abbildung, sondern in Form und Farbe, in groben Pinselstrichen wuchtig ins Bild gehievt. Auch der Himmel besteht aus machtvollen Einzelstrichen. Wolken wirbeln über den zerrissenen Nachthimmel, unterbrochen von Sternen und dem Mond. Das Dorf und die Landschaft sind nur in schwarzen Umrissen angedeutet und mit dunklen Blautönen eingefärbt.

Zum endgültigen Wendepunkt in der Kunst wird Paul Cézannes Malerei. Bis heute streiten sich Künstler, ob Cézanne (1839-1906) nun der letzte traditionelle Maler ist oder der erste moderne. Für Picasso war er schlicht "unser aller Vater". Cézanne setzte beim Impressionismus an und ging schnell einen entscheidenden Schritt weiter. Form war für ihn ein Resultat der Farbe, aus dieser Erkenntnis heraus entwickelte er seinen individuellen Malstil.

Cézanne ordnete den Farbauftrag in gleichmäßig nebeneinander liegenden Facetten und modulierte Volumina durch reine Farben statt durch Farbmischungen. Viele seiner Bilder wirken, als ob sie aus willkürlichen Farbtupfern bestehen würden.

Seine Arbeit wurde zum Vorbild für eine Gruppe junger Maler zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Pablo Picasso (1881-1973) und Georges Braque (1882-1963) entwickelten unabhängig voneinander den Kubismus, Lyonel Feininger, Juan Gris, Francis Picabia und weitere folgten. Der Kubismus wurde zum ersten echten Zwischenschritt zwischen gegenständlicher und abstrakter Kunst. Gegenstände wurden streng analysiert. Dann zerlegte man sie in die Einzelformen und erschuf sie aus geometrischen Grundformen wie Kubus, Kegel, Kugel und Zylinder neu.

Die Bilder entstanden aus wenigen größeren Flächen mit strengen klaren Umrissen und kräftigen Farben. Durch Überschneidung der Flächen und durch knappe Schattenangaben deuten sie Körperlichkeit an, ohne doch den Eindruck von der Gebundenheit der Gegenstände an die Zweidimensionalität der Fläche zu verwischen. Daraus ergibt sich, dass die Gegenstände sehr kantig und zersplittert wirken und wenig Bezug zu den realistischen Formen der Dinge haben. Diese Darstellung ermöglicht es aber, diese gleichzeitig aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Oft erscheinen Bildteile transparent, wodurch simultan mehrere Ebenen sichtbar sind.

Gleichzeitig mit dem Kubismus entstand in Italien eine weitere Spielart der abstrakten Kunst: der Futurismus. Die italienischen Futuristen waren von der Entwicklung der Technik begeistert. Sie lehnten alles Althergebrachte ab und warben für die Zukunft. Auch wenn sich die Bilder der Kubisten und der Futuristen gleichen, die Futuristen wollten vor allem die Bewegung und Dynamik in ihrer Kunst umsetzen. Simultaneität bedeutete für die Futuristen Dynamik und Gleichzeitigkeit von Bewegungen in der modernen Industriegesellschaft.

Auch in Deutschland bahnte sich die Abstraktion ihren Weg. Der Expressionismus entstand und blühte zwischen 1905 und 1925. Als Gegenbewegung zum Impressionismus zählte zu den wesentlichen Kennzeichen expressionistischer Malerei die Abkehr von der äußeren Wirklichkeit zugunsten des Ausdrucks der inneren seelischen Empfindungen des Künstlers.

An Stelle des idealisierten Menschenbildes des 19. Jahrhunderts trat die Darstellung des von Anonymität, Isolation und Entfremdung der Großstadt gezeichneten Menschen. Die radikale Reduktion von Perspektive, Bildaufbau und Realitätsnähe, die Flächigkeit der Form, sowie die Verwendung reiner Farben führen zu zutiefst emotionalen und strahlenden Bildern.

Drei Zentren des Expressionismus bildeten sich heraus. In Norddeutschland waren es Paula Modersohn-Becker und Emil Nolde, die sich dem Expressionismus verschrieben. In Dresden und später in Berlin waren es die Maler der Künstlergruppe BRÜCKE um Ernst-Ludwig Kirchner, Karl Schmidt-Rotluff, und Erich Heckel. In München traf sich der Blaue Reiter um Wassily Kandinsky, Franz Marc, August Macke, Alexej von Jawlensky, Heinrich Kampendonk und Lyonel Feininger. Insbesondere die Arbeiten von Kandinsky tendierten weit in die Abstraktion. Für viele war er gar der Erfinder der abstrakten Malerei.

Kandinsky näherte sich seiner Kunst vom intellektuellen Standpunkt und wurde zum großartigen Theoretiker der abstrakten Kunst. Für ihn hatte Kunst keinen sozialen Zweck, sondern war "einfach sinnbildlicher Schöpfungsakt, stolz und ganz für sich". Damit stand er im Widerspruch zu anderen Expressionisten, die mit ihrer Kunst auch soziale und gesellschaftliche Umwälzungen vorantreiben wollten.

Kandinsky initiierte eine ästhetische Revolution, eine Malerei der Zeichen und Symbole in einer Welt, die immer komplexer und undurchschaubarer wurde. Die Motive der Bilder waren nicht mehr Thema, sondern nur noch Anlass der Malerei. Form, Farbe und Fläche verselbstständigten sich. Durch Reduktion des äußeren Erscheinungsbildes sollte das Innere vom Vorbild unabhängige Wesen des Bildes umso reiner zum Ausdruck kommen.

Während Picasso und Braque mit ihrer kubistischen Kunst Erfolge feierten, formierte sich der Widerstand gegen das Primat der Form, wie es die Kubisten vertraten. Der Maler Jacques Villon gründete die Gruppe "Section d' Or" (Der goldene Schnitt). Hauptziele der Maler waren ideale Maß- und Zahlenverhältnisse als Mittel für die "reine Malerei". Vor allem aber wurde die Farbe wieder zum Hauptthema. Sie begann wieder zu leuchten.

Bedeutendstes Mitglied war Gruppe ist Robert Delaunay (1885-1941). Gemeinsam mit seiner Frau Sonia entwickelte er eine neue Kunstrichtung, die später Orphismus genannt wurde. Die Zersplitterung des Bildgegenstandes und der Einsatz komplementärer Farben führten zu einer heftigen Dynamik in den Arbeiten.

Die Delaunays entwickelten diesen Stil konsequent weiter und führte ihn zu vollkommener Abstraktion. Kreise und Rechtecke bildeten die Formen, leuchtende Farben bestimmten die Bildgegenstände. Beobachtungen in der modernen Großstadt beschleunigten diese Entwicklung. Die Delaunays entdeckten ausgehend von ersten Studien Sonias an den neuen elektrischen Straßenlaternen in Paris "Lichthöfe, das Vibrieren von Licht, die Zusammensetzung von Farben und ihr konzentrisches Kreisen".

Robert Delaunay machte ähnliche Beobachtungen bei Vollmond und Sonnenlicht, beim Öffnen und Schließen der Augen; er registrierte Farben, Kontraste und nahm Flecken in Form von Scheiben wahr. Die Kraft der Farben und des Lichts übersetzen die beiden Künstler in nebeneinander gelegte Scheiben mit komplementären und nicht-komplementären Farbräumen mit Simultankontrasten. Diese "Disques simultanes" vermittelten den Eindruck flirrenden Lichts und kreisender Bewegung.

Die Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war von Idealen und Ideologien stark beinflusst. Die heranbrechende Moderne, technischer Fortschritt, die verstörende Gewalt der Weltkriege und die zunehmende Individualisierung des Einzelnen fanden ihren Niederschlag in der Kunst. Die Künstler wollten auf Missstände in der Gesellschaft hinweisen und die Welt so verbessern.

Einer von ihnen war Kasimir Malewitsch (1875-1935). Er geht als Schöpfer des Suprematismus in die Kunstgeschichte ein. Die Wortschöpfung bezieht sich auf das Supremat, das Übergewicht, von Farbe und Form gegenüber dem reinen Abbilden der sichtbaren Welt. Malewitsch selbst nannte dies die "Suprematie der reinen Empfindung". Zwar war Malewitsch fasziniert von der Schönheit mathematischen Formen, aber er wollte sie mit Leidenschaft und Gefühl durchdringen und zum Leuchten bringen.

Und Malewitsch macht ernst. Als erster Künstler reinigte er die Kunst von allen Bezügen und Rückerinnerungen an die gegenständliche Welt. Er stieß an die Grenze zum Nichts. 1913 schuf er das schon erwähnte schwarze Quadrat. Reine Form und reine Farbe ? und zugleich Anfangs- und Endpunkt der Kunst.

Malewitsch wurde damit zum Wegbereiter des Konstruktivismus, der in Russland seinen Anfang nahm und einen erheblichen Einfluss auf die europäische Kunst ausübte. Insbesondere Bauhaus, De Stijl und Konkrete Kunst profitierten von den Arbeiten der Konstruktivisten um Wladimir Tatlin (1885-1953).

Die künstlerische Bewegung De Stijl (niederl. für der Stil) wurde von Theo van Doesburg und Piet Mondrian 1917 in den Niederlanden gegründet. Schnell schlossen sich ihr weitere bildende Künstler und Architekten an. Strenger Gegenstandslosigkeit verpflichtet, suchte man nach radikaler Reduktion von Farbe und Form auf die drei Primärfarben Rot, Gelb und Blau (und den "Nichtfarben" Schwarz, Weiß und Grau)und einer geometrischen Ordnung aus horizontalen und vertikalen Bildelementen.

Dabei sollte jede individuelle Handschrift zugunsten umfassender Allgemeingültigkeit und Objektivität vermieden werden. In dieser elementaren Ordnung sollten universale Lebensprinzipien zur Anschauung geführt werden. Im Unterschied zum Konstruktivismus war der De Stijl streng statisch und nicht anarchisch, sondern Ausdruck bürgerlichen Glaubens an die Ordnung und die Überlegenheit des Menschen gegenüber der Natur.

Das Ende des Ersten Weltkriegs leitete eine neue Phase ein. Es kam eine realistische Welle auf, die Surrealisten feierten Erfolge, die " Neue Sachlichkeit" und der " Magische Realismus" leiteten eine neue realistische Malepoche ein. Der Nationalsozialismus und die stalinistische Schreckensregime taten ein Übriges. Die einen entdeckten die "entartete Kunst" und förderten realistische Malerei zur Darstellung von Glanz und Glorie des Führers, die anderen wollten Arbeitern und Bauern ein Denkmal setzen und Stalin zum Heroen der arbeitenden Bevölkerung stilisieren.

Kunst wurde zum Propagandainstrument der Politik. Viele deutsche Künstler flüchteten in dieser Zeit in die Schweiz, nach Frankreich oder in die USA. Da sie den Ersten Weltkrieg miterlebt hatten, wollten sie vor allem vor Gewalt und sozialer Kälte warnen und gegen Hitlers und Stalins Politik protestieren. Deshalb klagte man mit bildnerischen Mitteln an, malte Invalide, Schützengräben, Prostituierte und brutale Verbrechen. Erst mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Zusammenbruch des Hitlerregimes in Europa änderte sich dies. Die zweite Moderne begann und die Maler entdeckten die Abstraktion erneut.

Ausgangspunkt für diese Entwicklung wird die École de Paris. Zu dieser Künstlergruppe, die sich nach dem ersten Weltkrieg zusammenfand, gehörten überwiegend ausländische Künstler, die gegenständlich malten und Anlehnung am Expressionismus suchten. Zu ihr gehörten neben Chagall auch Modigliani und Soutine. Die Entstehung der abstrakten École de Paris war kein revolutionärer Vorgang, sondern ein schleichender.

Hier fanden sich sehr unterschiedliche Maler zusammen, mischten sich slawische, westeuropäische und südeuropäische Strömungen mit ihren Eigenarten und bildeten einen ganz eigenen Stil. Jean Bazaine und Alfred Manessier waren die ersten in der Gruppe, die ausgehend von Klees Bildern mit der Abstraktion begannen. Wichtigster Vertreter dieser Generation wurde aber Serge Poliakoff. Seine Bilder bestehen aus freien, asymmetrischen Bildformen, die intelligent aufeinander bezogen und miteinander verzahnt sind. Die Farben sind wunderbar stark und leuchten, sie stehen in effektvollem Kontrast zu den dunklen Bildfeldern.

In Deutschland malte Ernst Wilhelm Nay (1902-1968) als erster abstrakt. Seine Arbeit wurzelte im Expressionismus, aber schon früh gab er dem Typischen den Vorzug vor dem Individuellen und steigerte er sich von dynamischen Ausdrucksformen hin zu einem ausdrucksvoll-nervösen Bildrhythmus. Es entstanden ungemein reiche Farbkompositionen, in denen nur noch Relikte des Bildgegenstandes erkennbar blieben.

Die Farbe war nicht mehr Ausdrucksmittel, sondern autonome Bildgestalt. Nay lässt Farbscheiben über die Leinwand tanzen, die Farbtupfer flirren über den Bildgrund, scheinen zu fliegen, mal schwer und mal leicht, warme und kalte Farben wechseln sich ab.

Ein anderer wichtiger deutscher Künstler war Wolfgang Schulze, genannt Wols (1913-1951). Seine Bilder wandern zwischen surrealer Traumwelt und ungegenständlicher Malerei. Sie sind Ausdruck seines Lebens und Leidens. In Deutschland verfolgt, in Frankreich unerwünscht, litt Wols unter Hunger, Kälte, Vertreibung und anderen Entbehrungen. In seinen filigranen Gemälden kehrte Wols sein Innerstes nach Außen und brachte sich selbst als Mensch mit seinen ganzen Problemen (Wols litt an Alkoholismus) in seine Bilder ein.

Die Werke mal in zarten, mal in starken Farben gemalt, bestehen aus filigranen Linien, mit Strudeln, Spiralen, Auswüchsen und Wucherungen nah Innen und Außen. Wols Werk führte zu einer der stürmischsten Umwälzungen in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts. Tachismus und Art Informel wurden geboren und existierten neben dem abstrakten Expressionismus bis weit in die sechziger Jahre hinein.

Tachismus und Informel sind eng miteinander verwandt. Künstler beider Kunstströmungen wollten die Kunst vom Formalismus, den Traditionen der klassischen Moderne und den Grenzen "abstrakt getarnter Bürgerlichkeit" befreien. Der Tachismus (von frz. la tache = der Fleck) war eine schnelle, spontane Malweise, die versuchte die Vernunft auszuschalten. Der Tachismus konzentriert sich ganz auf den Malakt und die darin geäußerten emotionalen Spannungen des Künstlers. Mit spontaner Geste und subjektivem Ausdruck wollten die Künstler wie Wols dem Leid und den Entbehrungen Ausdruck verleihen.

Informel und Tachismus waren europäische Ableger des in New York entstandenen Abstrakten Expressionismus. Schon während des zweiten Weltkriegs trafen sich in der Stadt Künstler, die vor den Nationalsozialisten aus Europa geflohen waren. Nach dem zweiten Weltkrieg wucherte hier eine lebendige Kunstszene, die sich europäischen Kunsteinflüssen nicht entzog, aber immer eigenständiger wurde und ständig neue Künstler aus dem alten Europa anzog. In den fünfziger Jahren löste New York Paris endgültig als Zentrum der Kunst ab.

Zum herausragenden Initiator der Kunst jener Jahre wurde Jackson Pollock (1912-1956). Pollock war "Erfinder" des Action Painting. Er legte eine Leinwand auf den Boden oder stellte sie schräg und bespritzte, beträufelte und bekleckste sie in wilden gestischen Bewegungen mit Farbe. Damit wollte er den künstlerischen Prozess von jeglicher Rationalität entkoppeln. Der malerische Prozess sollte Ausdruck spontaner malerischer Aktion sein. Gefühle sollten beim Malen nicht illustriert, sondern direkt ausgedrückt werden. Der Kunst wurde so die Projektion genommen und in Manifestation verwandelt.

Wesentlich meditativer war die Farbfeldmalerei von Mark Rothko und Barnett Newman, die sich in ihrer kontemplativen Malweise wesentlich vom Action Painting abhob. Anliegen der Colour Painter war vor allem die Untersuchung der Erscheinungsformen von Farben. Dabei stehen die räumlichen Strukturen und Bewegungsverläufe der Farbe im Vordergrund. Die Farbfeldmalerei wandte sich also ganz von der äußerlichen Wirklichkeit ab und vertiefte sich in die bildnerischen Mittel. So entsteht das Gefühl grenzenloser Weite in den Bildern, die allein mit Farbe hergestellt wird, ein Bild ohne Anfang und Ende und ohne Zentrum.

Mit der Op Art (vom engl. Optical art = optische Kunst) entwickelte sich in den USA eine weitere Spielart des Konstruktivismus, die in den späten 1950er Jahren ihren Anfang nahm. Ziel der Op Art war das Vortäuschen von Bewegung und Räumlichkeit mir rein bildnerischen Mitteln. So entstehen optische Täuschungen und illusionistische Bewegungen. Wichtigste Vertreter dieser Kunstrichtung war neben Bridget Riley der Franzose Victor Vasarely, dessen leuchtend farbige Bilder den Eindruck räumlicher Tiefe vermitteln oder gar aus dem Bild herauszuragen scheinen.

Die letzten großen neuen Stile des 20. Jahrhunderts sind die minimalistische und die konzeptuelle Kunst. Minimal Art entstand in den Sechzigern als Gegenbewegung zur gestischen Malerei des Abstrakten Expressionismus. Die Minimal Art stellte eine äußerste Reduktion auf geometrische Formen wie Kubus, Quader, Kugel und Kegel dar und dies in zumeist überdimensionierter, Raum füllender Form unter Vermeidung jeglicher symbolistischer oder metaphorischer Bezüge. Die Künstler konzentrierten sich ganz auf die Wechselwirkung der einzelnen Formen untereinander, die Bezüge zum Raum sowie die Licht- und Schattenverhältnisse. Die Minimal Art verstand sich vor allem auch als amerikanische Kunst und grenzte sich bewusst gegen die europäische Kunst jener Zeit ab.

Eine Sonderform der Minimal Art war die "Hard Edge Malerei". Hard Edge (engl. scharfkantig) bezeichnet eine Malerei, die nicht darstellend ist und sich keiner auf den ersten Blick sichtbaren Kompositionslehre bedient. Es ist oftmals eine schablonenhafte, flächige, geometrische Malform mit harten Kanten. Sie ist emotionslos und rational gesteuert, die Künstler hinterlassen bewusst keine individuellen Pinselspuren auf der Bildoberfläche. Die meisten Bilder bestehen aus kaum mehr als zwei oder drei verschiedenen, kalten Farben.

Die Konzeptuelle Kunst (Concept Art) entsteht wie die Minimal Art in den sechziger Jahren und stellt eine Fortführung der Reduktion mit anderen Mitteln dar. Sie strebt eine komplette Entmaterialisierung der Kunst an, in letzter Konsequenz existierte die Kunst nicht mehr, sondern wurde nur noch als Idee, Planung, Skizze oder Konzept sichtbar. Typische Kunstwerke der Konzeptkunst sind nicht mehr als planerische Konzeptionen mit abstrakten Daten und Angaben. So bleibt es dem Betrachter und seiner jeweiligen Vorstellungskraft vorbehalten, sein eigenes Kunstwerk "im Kopf" zu erstellen.

Auch wenn in Europa die Kunst nach dem zweiten Weltkrieg an Schwung verlor, war es nicht still und viele europäische Künstler versuchen an Amerika Anschluss zu finden. So etablierten sich Tachismus und Art Informel und blieben lange bestimmend. Erst in den sechziger Jahren schien so etwas wie neue Kreativität aufzukeimen. Europa erholt sich vom Krieg. Ein neues Lebensgefühl bahnte sich in den Sechzigern seinen Weg und gipfelte in der Revolution der 68er. In Düsseldorf gründete sich 1958 die Gruppe ZERO um Otto Piene, Heinz Mack und Günther Uecker. Sie empfanden die Nachkriegskunst als unerträglich und wollten etwas Neues, eine Stunde Null in der Kunst. ZERO suchte eine neue Bild- und Formsprache. Serielle Bildanordnungen, vibrierende Lichtstrukturen und dynamische Raumkonstruktionen rückten in den Mittelpunkt.

Das Spektrum der Gruppe war groß. Die ZEROs feierten die Farbe als Emanzipation des Lichts. Man begann, monochrome Bilder zu malen, wie das große Vorbild Yves Klein. Aber auch Bilder aus Ruß, quasi als Materialisierung des Lichts, wurden mit Kerzen auf Leinwände gebrannt. Auf monochrome Leinwände wurden Rasterstrukturen gekratzt und Lichter tanzten über Oberflächen. Ueckers wichtigstes Medium wurde der Nagel. Mit ihm gab er Oberflächen reliefartige Strukturen, Licht und Schatten bildeten ein raffiniertes Spiel.

Seit den siebziger Jahren ist die Kunst endgültig international und kennt weder Grenzen noch Zentren. Kunst ist zunehmend individueller geworden und weniger in Strömungen "organisiert". Abstrakte und gegenständliche Kunst leben einträchtig nebeneinander. Immer wieder wird die Kunst totgesagt, mal ist es auch die abstrakte Kunst, deren Ende vorausgesagt wird, dann wieder ist es die gegenständliche Kunst, der ihr Ende bescheinigt wird. Und doch leben beide und wurden durch viele kreative Künstler jenseits von Europa und Nordamerika ergänzt und bereichert. Neben Malerei und Bildhauerei haben sich auch Aktionskunst, Fotografie, Video- und Computerkunst etabliert.

Aktuelle Ausstellungen zum Thema: Von der Romantik zum Informel, bis 23. Juli 2006, Museo d'Arte della citta di Ravenna; Elsworth Kelly, bis 07. Mai 2006, Tate St. Yves; ZERO, bis 07. Juli 2006, museum kunst palast, Düsseldorf; Russische Avantgarde, bis 14. Mai 2006, Museo Thyssen Bornemisza, Madrid; Kandinsky, ab 09. Juni 2006, Tate Modern

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