Die heilige Inquisition

Die heilige Inquisition
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Die heilige Inquisition

 
06.08.2008 - 12:27 Uhr

von Kristian Büsch

In der kollektiven Wahrnehmung war die Heilige Inquisition eines der dunkelsten Kapitel der Kirchengeschichte. Angebliche Hexen und Ketzer wurden angeklagt, grausam gefoltert und oft genug kamen die Opfer auf den Scheiterhaufen. Das wohl bekannteste Opfer war die Heilige Jeanne d'Arc, nicht wenigen wird auch der Name Giordano Bruno ein Begriff sein. Der ehemalige Dominikanermönch Hans Conrad Zander behauptet nun: Alles halb so schlimm. Die Inquisition war in Wahrheit eine Reformbewegung; frauenfreundlich und effizient.

Die "Kurzgefasste Verteidigung der Heiligen Inquisition" ist zweifelsohne ein überraschendes Buch. Mit Ironie und einigem Humor schlüpft der Autor in die Rolle eines Großinquisitors und beleuchtet fünf Komplexe der Inquisition. Er bestreitet dabei an keiner Stelle, dass die Einrichtung Schuld auf sich geladen hat, aber er geht einen Schritt weiter und zeigt, dass die Inquisition mehr war als eine Horde von Sadisten in Kutten.

Die Inquisition wurde gegründet unter Papst Innozenz III. (1198-1216) und in mancher Hinsicht war sie zu dem Zeitpunkt tatsächlich eine moderne Einrichtung. Ketzer- und Hexenverfolgung, Vertreibungen und Schauprozesse gab es schließlich schon lange. Bis zur Gründung der Inquisition wurden diese durch weltliche Herrscher oder lokale kirchliche Autoritäten abgehalten. Mit der Inquisition wurden die Prozesse erstmals gewissen Regeln unterworfen und das war durchaus ein Fortschritt.

Man muss sich dazu vor Augen führen, wie das Rechtssystem bis dahin funktionierte. Bei einem gewöhnlichen Verfahren mit Kläger und Beklagtem traf die unterlegene Partei jeweils die volle Strafe des Gesetzes. Wer also jemanden der Ketzerei bezichtigte, musste im Fall, dass er den Prozess verlor, damit rechnen, zum Tode verurteilt zu werden. So ein Risiko geht man nicht leichtfertig ein.

Dazu kam, dass bei diesen sogenannten Akkusationsverfahren auch eher ungewöhnliche Beweismittel wie zum Beispiel Gottesurteile zugelassen waren. Für den Kläger war es also ein Vabanquespiel und der Ausgang des Verfahrens hing maßgeblich davon, wer am längeren Hebel saß. Wenn ein Landgrafen einen Bauer aus welchen Gründen auch immer vor Gericht zerrte, stand der Ausgang des Verfahrens praktisch fest. Das änderte sich mit den Inquisitationsverfahren.

Der Name der Einrichtung leitet sich übrigens vom lateinischen inquisitio ab. Das bedeutet soviel wie Nachforschung oder Untersuchung. Im Wesentlichen stützten sich diese Verfahren auf Zeugenaussagen und Indizien. Man fühlte sich also einer rationalen Wahrheitsfindung verpflichtet. Prozesse wurden in aller Regel sorgsam dokumentiert, zudem bedurfte es keiner klagenden Konfliktpartei mehr. Diesen Teil übernahm ein von der Obrigkeit eingesetzter Ankläger, der zugleich auch über Richtsgewalt verfügte. Durch diese Neuerung konnten also auch Prozesse angestrengt werden, die vorher in Ermangelung eines Klägers nicht stattgefunden hätten.

Es gibt einen gewissen Konsens, dass die organisierte Verfolgung von Häretikern eine Reaktion auf verschiedenen christliche Laienbewegungen wie zum Beispiel die Katharer waren, da sie die Kirche in ihrer Gesamtheit bedrohten. Die erste überlieferte Hinrichtung eines Ketzers datiert allerdings schon in das Jahr 385. In der Theorie war auch alles gut. Leider sah die Praxis etwas anders aus.

Zunächst einmal muss man festhalten, dass Inquisition nicht gleich Inquisition ist. Da gibt es zum einen den deutschen Zweig, der sich einen äußerst zweifelhaften Ruf erwarb, es gab aber auch die Spanische Inquisition und die beiden Institutionen könnten unterschiedlicher nicht sein. Eine gewisse Schuld daran trifft den ersten deutschen Großinquisitor Konrad von Marburg. Er erwies sich als klassische Fehlbesetzung.

Er quälte lieber sein Mündel, die spätere Heilige Elisabeth von Thüringen, mit grausamen Bußübungen, als sich um die Erschaffung einer effektiven Behörde zu bemühen. So kam ihm sehr zupass, dass auf ein Dekret von Papst Gregor hin er die Verfahren abkürzen und Angeklagte ohne langes Federlesens auf den Scheiterhaufen bringen konnte. Immerhin hatte er keinerlei Skrupel, auch Aristokraten auf diese Art zu richten. Sympathien brachte ihm das nicht ein und so überrascht es nicht, dass er eines gewaltsamen Todes starb. Nach einem Prozess gegen den Grafen von Sayn lauerten ihm sechs Berittene auf und erschlugen ihn.

Posthum wurde Konrad von Marburg zum Heiligen erklärt und sein eigentlich schlechtes Beispiel machte Schule. Mit moderner Gerichtsbarkeit hatte die deutsche Inquisition wenig zu tun. Und es kam noch schlimmer. Nachdem der deutschen Inquisition die Ketzer ausgegangen waren, machte man sich an die Verfolgung von Hexen. Dabei galt Hexerei lediglich als Aberglaube und sollte von der Inquisition eigentlich nicht verfolgt werden. Eine Ermahnung sollte man aussprechen, mehr aber nicht. In Deutschland brannten die Scheiterhaufen trotzdem.

Ganz anders sah die Sache in Spanien aus. Nicht umsonst ging nur der spanische Zweig als die Heilige Inquisition in die Geschichte ein. Hier hielt man sich an die Vorgaben aus dem Vatikan und das mit erstaunlichen Resultaten. So ließ der dortige Inquisitor nach einem angeblichen Hexensabbat 1384 Kinder befragen und kam zu dem Ergebnis, dass das Ganze nur Hysterie war. Die Verfolgung von Hexen wurde dementsprechend schnell aufgegeben. Und auch die Sache mit den Scheiterhaufen stimmt bei genauerem Hinsehen nicht. Ketzer wurden zwar in öffentlichen Schauprozessen verurteilt, gerichtet wurden sie dann aber vom örtlichen Henker. Nur die Leichen kamen auf den Scheiterhaufen.

Dabei war die Spanische Inquisition äußerst effektiv. Gerade einmal 300 Vollzeitkräfte arbeiteten für die Inquisition, trotzdem verbreitete man durch die Schauprozesse genügend Angst und Schrecken, um die ketzerischen Ausbrüche unter Kontrolle zu halten.

Auch die oft kolportierten 95 Millionen durch die Inquisition Hingerichteten scheinen eine maßlose Übertreibung. Wahrscheinlich waren es gerade einmal 2000. Laut der Akten des Vatikanischen Geheimarchivs strengte die Spanische Inquisition im 16. und 17. Jahrhundert insgesamt 44.647 Verfahren an. Gerade einmal 1.8 Prozent davon endeten mit einem Todesurteil, in weiteren 1.7 Prozent lautete das Urteil auf "Verbrennung einer Strohpuppe". In diesen Fällen hatte sich der Verdächtige aus dem Staub gemacht. Die Wärter waren in der Regel schlecht bezahlt und entsprechend motiviert. Bestechung war da ein probates Mittel.

Ganz so schlimm, wie wir alle gedacht haben, war es also gar nicht. Die Vorstellung, dass die Inquisition eine Art Massenmord betrieben hat, stammt tatsächlich vor allem aus dem 19. Jahrhundert. Die Wahrheit scheint anders auszusehen. Demnach fühlte sich – zumindest die Heilige Spanische – Inquisition tatsächlich der Wahrheitssuche verpflichtet und das mit überraschenden Konsequenzen. Die Schauprozesse vor großem Publikum waren zwar sehr effektiv, leider aber auch sehr teuer. So kam das Ende der Spanischen Inquisition nicht, weil in Spanien plötzlich alle der Ketzerei abgeschworen hatten, sondern weil die Institution bankrott war. Wer hätte das gedacht?

Und noch einen interessanten Punkt zeigt Hans Conrad Zander auf und er wählt dabei den berühmten Prozess um Galileo Galilei. Der wurde zwar verurteilt, tatsächlich aber nie gefoltert. Statt in einem muffigen Gefängnis saß der berühmte Astronom seine Haft im Palast der Medici ab; bei feinster Kost und Logis versteht sich. So schlecht wurde er also nicht behandelt und das obwohl Galilei in mancher Hinsicht schuldig war. Von so einer Behandlung können Häftlinge in Guantanamo nur träumen.

Die "Kurzgefasste Verteidigung der Heiligen Inquisition" ist ein äußerst lesenswertes Buch. Es ist unterhaltsam und ausdrücklich keine wissenschaftliche Abhandlung. Es sei jedem empfohlen, der sich für Kirchengeschichte im Speziellen oder aber lebendige Geschichte im Allgemeinen interessiert.

Buchtipp:
Kurzgefasste Verteidigung der Heiligen Inquisition
Verlag: Gütersloher Verlagshaus; Auflage: 1 (Februar 2007)
ISBN-10: 3579069527
ISBN-13: 978-3579069524

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