Die Hobbykeller-Rakete

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09.06.2003 - 22:00 Uhr

von Ronald Rattmann

Werden Nachbarschaftsstreitigkeiten zwischen betuchten Kontrahenten demnächst mit preiswerten Marschflugkörpern ausgetragen? Oder können Terroristen in nächster Zukunft Angst und Schrecken zum Schnäppchenpreis verbreiten? Ein Versuch des neuseeländischen Raketenenthusiasten Bruce Simpson, den er im Internet akribisch dokumentiert, könnte diese Vision Wirklichkeit werden lassen. Denn sein Bausatz-Marschflugkörper mit erschwinglicher Elektronik ist für nicht mehr als 5.000 US-$ zu haben, ein wenig handwerkliches Geschick vorausgesetzt.

Nun möchte Bruce Simpson keine Anleitung für den Bau eines konkurrenzlos billigen Werkzeugs für angewandten Terrorismus liefern. Vielmehr ist es seine Absicht, eindringlich davor zu warnen, dass weniger friedliebende Menschen als er auf dieselbe Idee kommen könnten. Waren Cruise Missiles vor wenigen Jahren noch veritable Technik-Monster, deren Entwicklung und Bau Millionen, wenn nicht gar Milliarden von Dollars verschlang, so sieht es heute etwas anders aus.

Elektronik-Bauteile, die man im frei Versandhandel bestellen kann, ergeben zusammengebaut eine genaue Steuerung des Flugkörpers. Zusammen mit einem passenden Raketentriebwerk und einem der Aufgabe entsprechenden Sprengkopf könnte eine solche Do-it-yourself-Bombe in der Hand von fanatischen Attentätern verheerende Schäden an Menschen und Material bedeuten.

Übertreiben die britischen Medien, wenn sie den 49-jährigen Bastler für eine Bedrohung der weltweiten Sicherheit halten? In seiner Heimat sieht man das ganze etwas gelassener. Dort bahnt sich unter Umständen sogar eine Zusammenarbeit mit der neuseeländischen Luftwaffe an. Letztere hat unter massiven Budgetkürzungen durch die Regierung zu leiden, so dass sich ein Sprecher der Opposition zu dem Satz hinreißen ließ: "Unsere Luftwaffe wird von einem Hinterhof-Mechaniker übertroffen!".

Dennoch beobachten Militär und Polizei ständig das Grundstück des unermüdlichen Bastlers, wo bereits Triebwerkstests und andere Versuche stattfinden, um die "Low Cost Cruise Missile" zur Serienreife zu entwickeln. Kernstück der Eigenbau-Waffe ist das Steuerungssystem, das hauptsächlich aus einem leistungsstarken GPS-Empfänger besteht, wie er in gut sortierten Elektronik- und Outdoor-Läden erhältlich ist.

Lagekontrolle und Kurskorrektur werden durch ein Gyroskop gesteuert, das auch in ferngesteuerten Modell-Helikoptern Verwendung findet und somit ebenfalls frei erhältlich ist. Radar- und Doppler-Radarsensoren übernehmen die Höhen- und Richtungskontrolle und könnten zusammen mit dem Gyroskop sogar als Reservesystem für einen eventuellen Ausfall des GPS dienen.

Unter Verwendung von Plastik- und Verbundwerkstoffbauteilen, ebenfalls aus dem Modellbau, könnte die Hülle für herkömmliches Radar weitestgehend unsichtbar gemacht werden. Die strukturelle Integrität des Flugkörpers ist dabei kein Problem, da sich die Cruise Missile nur mit Geschwindigkeiten im Unterschallbereich fortbewegt. Zudem kann auch die Hitze des austretenden Triebwerksstrahls gemindert werden, indem man kalte Luft durch Kanäle in der Hülle leitet und die entweichenden Gase noch unmittelbar vor dem Austritt abkühlt. Der dabei entstehende Schubverlust ist vernachlässigbar.

Ein kleines Turbojet-Triebwerk, eine Art Urenkel der V-1, würde den Antrieb besorgen. Normalerweise benutzt ein Marschflugkörper eine Feststoffrakete als Startstufe oder wird aus einem schnell fliegenden Flugzeug ausgeklinkt. Eine solche Startvorrichtung ist für die LCCM gar nicht notwendig. Auf einer Art Lafette auf einem Lieferwagen oder einem geländegängigen PKW montiert, der bis auf rund 115 Kilometer pro Stunde beschleunigt, könnte die Waffe in voller Fahrt problemlos gestartet werden.

Fazit: Mit ein wenig Geld und Geschick kann sich jeder halbwegs handwerklich und elektronisch begabte Bastler seinen eigenen Marschflugkörper bauen, mit der entsprechenden "Nutzlast" versehen und auf die Reise schicken. Bruce Simpson hat es vorgemacht. Hoffen wir, dass er keine böswilligen Nachahmer findet.

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