Die kaiserlose Zeit

Die kaiserlose Zeit
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Die kaiserlose Zeit

 

von Matthias Seng

Die Zeit des Interregnums (lat. "Zwischenherrschaft") begann in Deutschland nach Meinung vieler Historiker mit der Absetzung des Staufers Friedrich II. als Kaiser und König des heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation durch Papst Innozenz IV.

Das geschah im Jahr 1245 und stellte einen ebenso einmaligen wie einschneidenden Akt in der Geschichte der machtpolitischen Zusammenarbeit und Konkurrenz zwischen dem römischen Papsttum und der weltlichen Reichsmacht dar.

Allerdings kann man mit gutem Gründen den Beginn des Interregnums auf das Jahr 1250 legen – dem Jahr, als Friedrich II. starb. Bis dahin hatte dieser die Absetzung des Papstes ignoriert, darin unterstützt von vielen deutschen Fürsten, vor allem im Westen und Südwesten Deutschlands.

Trotzdem war zuvor Friedrichs Machtstellung in Deutschland nicht unumstritten, und vor allem die mächtigen Erzbischöfe von Köln und Mainz, die im Jahre 1241 schon ein Bündnis gegen den Kaiser geschmiedet hatten, schlugen sich auf die Seite des Papstes, sahen sie mit der Absetzung doch eine günstige Möglichkeit, ihre eigenen Einflussbereiche zu erweitern.

Das deutsche Königtum war, im Gegensatz etwa zum französischen, ein Wahlkönigtum, und auch wenn zu dieser Zeit das Wahlkollegium noch nicht fest umrissen war, so musste sich der König doch vor und nach seiner Wahl der Unterstützung der deutschen Fürsten sichern.

Die Erzbischöfe der damaligen Zeit waren ? wie auch der Papst ? geistige und weltliche Herren zugleich und vermischten oft genug beide Welten zu ihren Gunsten miteinander. Ein besonderes Exemplar dieser Spezies war der Erzbischof von Köln, Konrad von Hochstaden, der auch nicht davor zurückschreckte, die Stadt Köln zu belagern oder Mordanschläge auf den König und den päpstliche Gesandten in Auftrag zu geben, wenn es seinen Ambitionen dienlich war.

Zunächst ein Anhänger Friedrichs, wechselte er, sobald es ihm günstig erschien, die Fronten und betrieb im Jahr 1246 zusammen mit dem Mainzer Erzbischof zunächst die Wahl des thüringischen Landgrafen Heinrich Raspe und, als dieser nach nur einem Jahr starb, des holländischen Grafen Wilhelm zum deutschen König.

Von 1247 bis 1250 herrschten de facto zwei deutsche Könige. Friedrich II. war zwar abgesetzt, konnte sich aber noch auf genügend Anhänger stützen, um zumindest die Legitimität der Gegenkönige in Frage zu stellen.

Zudem gab es nach Friedrichs Tod im Jahre 1250 mit seinem Sohn Konrad IV. einen bereits zum König gewählten ? aber noch nicht gekürten ? Thronnachfolger, der mindestens ebensoviel Anrecht auf die Krone hatte wie seine Gegenspieler. Aber angesichts der Machtverhältnisse zog es Konrad vor, seinen Herrschaftsanspruch auf das Königreich Sizilien zu beschränken, das durch Heirat seines Vaters ebenfalls in Besitz der Staufer gekommen war.

Mit dem Abzug Konrads nach Sizilien endete die Stauferherrschaft in Deutschland und begann die Epoche schwacher Könige, denen die erstarkenden Kräfte Fürsten, Städte und Kirche gegenüber standen. In Person von Wilhelm von Holland wurde mit Zustimmung des machtbewussten Papstes ein Fürst zum deutschen König gewählt, der nicht nur seine Herrschaft gegen die staufertreuen Gebiete entlang des Rheins ? auch mit Gewalt ? geltend machen, sondern darüber hinaus auch noch Krieg um Flandern führen musste.

Wie schwach die Position Wilhelms war, verdeutlicht die Tatsache, dass die Stadt Köln ? damals eine aufstrebende Handelsmacht und die größte Stadt in Deutschland ? ein Abkommen erreichte, in dem der König unter anderem auf jegliche Finanzhilfe verzichtete. Die Bürger Frankfurts blieben ebenfalls lange Zeit loyal gegenüber den Staufern und verweigerten dem neuen König den Einzug in ihre Stadt.

Erst mit dem Tod Konrads IV. im Jahr 1254 erkannte Frankfurt Wilhelm von Holland als deutschen König an. Als der nur zwei Jahre später in einer Schlacht um seine holländischen Gebiete starb, war seine Herrschaft bereits wieder unsicherer geworden; auch deshalb, weil sein einstiger Verbündeter, dem Erzbischof von Köln die königliche Position am Niederrhein zu mächtig wurde.

Dort hatte sich im Jahr 1254 der Rheinische Städtebund gegründet, ein eher loser Zusammenschluss von Städten und später auch Territorialfürsten. Ziel des Städtebundes war die Aufrechterhaltung des Landfriedens etwa durch die Aufforderung zum Abbau willkürlicher Zollschranken.

Der Bund war Ausdruck gewachsenen städtischen Einflusses und Selbstbewusstseins, aber letztlich waren die Interessen der schließlich mehr als 70 Städte von Aachen bis Zürich zu unterschiedlich und sie auch militärisch zu schwach – die meisten Städte dieser Zeit zählten zwischen 2.000 und 5.000 Einwohner – um über eine längere Zeit einen gewichtigeren Faktor darzustellen. So löste sich der "Rheinische Bund" nur drei Jahre nach seiner Gründung wieder auf, ohne auf Reichsebene Wesentliches bewirkt zu haben.

Die Doppelwahl in den Jahren 1256/67 schließlich war ein beeindruckendes Beispiel für die unterschiedlichen Interessen rivalisierender Fürstengruppen. Zu dieser Zeit bereits hatte Rom keinerlei Einfluss mehr auf die Wahl des deutschen Königs, lag es allein in der Macht der deutschen Fürsten, einen gemeinsamen Kandidaten für das Königsamt zu finden.

Zu allen machtpolitischen Differenzen zwischen den Fürsten kam noch hinzu, dass Wilhelm von Holland keinen Thronfolger hatte. Zwar wurde der deutsche König gewählt, aber in der Regel war es so, dass der dynastische Aspekt von den Fürsten respektiert wurde, also der Sohn eines Königs zum Nachfolger gewählt wurde.

Darüber hinaus gab es keinen "natürlichen" Kandidaten, der sich kraft seines Ansehens oder durch seine bloße Macht angeboten hätte. So kam es, dass die Fürsten sich in zwei Gruppen spalteten; die eine wählte Alfons von Kastilien, der andere Richard von Cornwall, den Bruder des englischen Königs. Beide waren "Ausländer", aber der "nationale" Aspekt spielte in den damaligen Herrschergeschlechtern keine Rolle. Die Familien- und dynastischen Bindungen wurden durch Heirat hergestellt, und so wiesen auch die beiden Kandidaten enge familiäre Verbindungen nach Deutschland auf.


Alfons von Kastilien entstammte dem Hause Schwaben und war ein Urenkel von Friedrich Barbarossa, also ein Nachfahre der Staufer, und Richard von Cornwall, der vor allem vom Erzbischof von Köln und dem einflussreichen Pfalzgrafen unterstützt wurde, war ein Schwager des letzten Kaisers Friedrich II.

Ein skurriler Nebenaspekt dieser Wahlen war, dass der böhmische König für beide Kandidaten seine Stimme abgab. Offenbar wollte er auf jeden Fall auf der richtigen Seite stehen, falls sich einer der beiden Kandidaten durchsetzten sollte.

Wie "international" die Verhältnisse im deutschen Reich waren, zeigt sich darin, dass Alfons zuerst von Gesandten der Städte Pisa und Marseille, die beide in staatsrechtlicher Hinsicht dem Reich angehörten, zum König gewählt wurde. Die Geldzahlungen, die Richard von Cornwall jenen deutschen Fürsten zukommen ließ, die sich für ihn aussprachen, waren in dem Prozess der Königswahl weniger Bestechung als vielmehr eine willkommene Begleiterscheinung.

Die Doppelwahl verdeutlichte den Charakter dieser Epoche als Wendezeit. Die Machtbasis beider Könige lag außerhalb des Reiches ? Richard gelangte nie über die westrheinischen Gebiete hinaus, Alfons sollte sogar niemals deutschen Boden betreten ? und keiner von ihnen konnte jemals soviel Macht erringen, um die theoretischen Ansprüchen, die an die Königswürde gestellt wurden, zu erfüllen.

Das christliche Menschenbild des Mittelalters war die Basis für die Idealvorstellungen, welche die Zeitgenossen von königlicher Herrschaft hatten. Das Volk war der Leib oder Körper, der König der 'Kopf des gesellschaftlichen Organismus'. Ohne Kopf aber konnte kein Leib existieren. Herrschaftliche Gewalt sorgte für Ordnung, eine schwache Herrschaft war gleichbedeutend mit Anarchie, Unsicherheit und Chaos. Vor allem im Vergleich zur sich etablierenden zentralen Königsmacht in Frankreich, aber auch in England schien Deutschland auf einem schlechten Weg zu sein.

Die Realität sah jedoch anders aus, sowohl in Deutschland als auch in Frankreich. In Deutschland sorgten sowohl die lokalen Fürsten als auch die aufstrebenden Städte dafür, dass es nicht zu Anarchie und Chaos kam, und auch in Frankreich musste der König Rücksicht auf die Interessen seines Adels nehmen.

Hinzu kam, dass Deutschland aufgrund seiner geografischen Ausdehnung viel schwerer zentral zu steuern war als Frankreich und über gar keinen zentralen königlichen "Verwaltungsapparat" verfügte. Der deutsche König war auf den Kooperationswillen seiner Lehensfürsten angewiesen.

Zudem fanden die deutschen Fürsten in der Zeit dieses Machtvakuums – wobei der Begriff nur eine eingeschränkte Gültigkeit hat – Mittel und Wege, auch gewaltfrei über Differenzen zu entscheiden. Ihr Mittel dazu waren Schiedsverfahren, mit denen auf friedlichem Wege Streitigkeiten beigelegt werden sollten; was in der Regel auch gelang. Diese Kommissionen waren entweder paritätisch oder in ungerader Zahl besetzt.

Die schwachen Könige sorgten auch mit ihrer physischen Abwesenheit gewissermaßen dafür, dass sich in Deutschland eine föderale Struktur der Konfliktlösung entwickelte. Zudem waren auch auf europäischer Ebene die Jahre zwischen 1250 und 1270 eine Zeit ohne überragende Herrschergestalt, sieht man einmal von Ludwig IX. von Frankreich ab.

Und auch auf europäischer Ebene setzten sich zunehmend Schiedsverfahren zur Konfliktregelung durch. Auch die Kurie blieb nicht von "Herrschaftslosigkeit" verschont. Nachdem bis 1268 nicht weniger als fünf Päpste geherrscht hatten, gab es von 1268 bis 1271 gar keinen Papst, weil die Kardinäle sich nicht auf einen geeigneten Kandidaten einigen konnten.


Der Tod Richard von Cornwalls im Jahr 1272 veranlasste die deutschen Fürsten dann, nach einem geeigneten Kandidaten für die Nachfolge Ausschau zu halten. Alfons von Kastilien spielte schon lange keine Rolle mehr, auch nicht bei den Parteien, die ihn einst gewählt hatten.

Ein Herrscher, der sein Land in 15 Jahren nicht ein einziges Mal bereist hatte, hatte keine Chance mehr, als König anerkannt zu werden. Diesmal scheint den mächtigen deutschen Fürsten die Notwendigkeit schnell bewusst geworden zu sein, eine einheitliche Entscheidung zu treffen.

Der eigentlichen Kandidatensuche vorausgegangen waren Schlichtungsprozesse zwischen der Fürsten. So kam es zu Interessensausgleichen der Erzbischöfe von Köln und Mainz mit dem Pfalzgrafen, und nachdem die vier rheinischen Königswähler ? dazu kam noch der Erzbischof von Trier ? ihr Wahlvorgehen abgestimmt hatten und auch noch die Städte am Mittelrhein und in der Wetterau eine einträchtige Königswahl gefordert hatten, einigte man sich ohne größere Probleme auf Rudolf von Habsburg, einem 55 Jahre alten südwestdeutschen Fürsten und erfahrenen Soldaten, der auch beim einfachen Volk populär war.

Am ersten Oktober wurde Rudolf in Frankfurt mit Zustimmung des Papstes zum deutschen König gewählt, drei Wochen später in Aachen gekrönt. Ganz einheitlich fiel die Wahl nicht aus, denn Ottokar, der König von Böhmen, der selbst Ambitionen auf die deutsche Krone hatte, akzeptierte die Entscheidung nicht, vor allem, weil er selber aus dem Wahlmännerkollegium ausgeschlossen worden war.

Bei dieser Königswahl hatte sich erstmals der Kreis von sieben Königswählern gebildet ? neben den vier genannten rheinischen Fürsten der Herzog von Sachsen, der Markgraf von Brandenburg sowie der Herzog von Niederbayern. In der Schlacht von Dürnkrut im Jahr 1278 besiegte Rudolf schließlich den böhmischen König, und seitdem gab es auch faktisch keine Macht mehr, die an der Legitimität des Habsburgers zweifelte. Bis ein neuer deutscher Kaiser gekrönt wurde, sollten dann noch weitere Jahrzehnte vergehen. Erst Heinrich VII. erhielt die Kaiserwürde im Jahre 1312 in Rom.

Marin Kaufhold, 1963 geboren, ist Oberassistent für mittelalterliche Geschichte am Historischen Seminar der Universität Heidelberg. In seiner Untersuchung über die Jahre des Interregnum widerlegt Kaufhold das auf Friedrich Schiller zurückgehende Urteil dieser Zeit als einer "kaiserlosen, schrecklichen". Kaiserlos war Deutschland, und es blieb es noch bis in das 14. Jahrhundert hinein, aber das Attribut "schrecklich" können andere Epochen mit gleichem Anspruch für sich in Anspruch nehmen.

Die Schwäche des Königtums, so zeigt Kaufhold, resultierte weniger aus üblen Absichten und der Verantwortungslosigkeit der deutschen Fürsten, sondern war logische Folge der politischen Umstände und der prinzipiellen Anlage des deutschen Königtums.

Wenn jemand als Verursacher dieser politischen Turbulenzen in Frage kommt, dann noch am ehesten der Papst Innozenz IV., der dem immer währenden Konflikt zwischen weltlicher und geistlicher Macht neue Schärfe verlieh, indem nicht nur die Herrschaft über die ganze Christenheit, sondern auch über den obersten weltlichen Herrn, in diesem Fall über den nicht minder machtbewussten Staufer Friedrich II., beanspruchte.

In überzeugender Argumentation und einer nüchternen, leicht verständlichen Sprache gelingt es Kaufhold, dem Leser die damaligen Machtstrukturen, die mannigfaltigen dynastischen Verbindungen und die europäische Komponente des Konflikts näher zu bringen.

Der Autor liefert eine Geschichte der Mächtigen, das einfache Volk spielt in seinen Betrachtungen keine Rolle. Man mag das bedauern, aber Kaufhold hat ein gutes Argument für seine Vorgehensweise: Zur damaligen Zeit spielte das Volk in den Konflikten zwischen den Dynastien, zwischen Papst und Königtum, zwischen den aufstrebenden Städten und dem Adel, keine entscheidende Rolle.

Und in der Frage, wie die Probleme, die sich aus dem Interregnum ergaben, gelöst werden konnten, lieferten Fürsten und Kirche, Adel und Städte (und hier auch nur die mächtigen Patrizier) die Antworten, nicht die Masse der bäuerlichen Bevölkerung. Kaufhold resümiert, dass die Verantwortlichen sehr wohl auf die Herausforderungen der Zeit Antworten fanden.

Die zahlreichen Schiedsverfahren dieser Zeit sind deutlicher Ausdruck der Kompromissbereitschaft und -fähigkeit der Akteure, was der Autor anhand vieler Dokumente belegen kann. Deshalb fällt Kaufholds Fazit deutlich aus: Die Jahre von 1250 bis 1273 waren keine schreckliche Zeit.

Es war eine Zeit der schwachen Könige, aber auch damit wussten sich die Zeitgenossen zu arrangieren, vor allem ? aber nicht nur ? weil sie davon profitierten. Trotzdem waren die Fürsten auch bereit Verantwortung zu übernehmen und eigene Interessen hintanzustellen, wenn es darauf ankam. Der Kompromiss als Grundlage rationaler Politik war verbreiteter, als man heute glauben mag. Das herausgestrichen zu haben, ist ein Verdienst von Kaufholds lesbarer und auch vom Umfang her übersichtlicher Darstellung.

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