Die Spanische Grippe

Die Spanische Grippe
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Die Spanische Grippe

03.09.2009 - 00:00 Uhr

Im Jahr 1918 befand sich der Erste Weltkrieg kurz vor seinem Ende. 17 Millionen Menschen fanden durch die Kriegshandlungen ihren Tod. Doch in den folgenden zwei Jahren, 1918 - 1920, sollte die Welt einer Katastrophe gegenüberstehen, die mehr als doppelt so viele Opfer fordern würde.

1918: Die Welt befindet sich im Krieg. Kriegsmüde und geschwächt stehen sich auf europäischem Boden die Soldaten aus unterschiedlichsten Ländern gegenüber. Doch gerade das ersehnte Ende des Krieges sollte die kommende Katastrophe noch verstärken. Was heute in einer globalisierten Welt normal erscheint, das Reisen zwischen Ländern und Kontinenten, war in dieser Zeit nur wenigen Menschen vorbehalten. Doch gerade die Truppenverlagerungen ließen den Virus "A/H1N1" um die Welt reisen.

Alles beginnt mit der Meldung der Presseagentur "Fabra" vom Mai 1918 an die Agentur "Reuters" in London: "Eine merkwürdige Krankheit mit epidemischem Charakter ist in Madrid aufgetreten. Die Epidemie ist von einer milden Form, Todesfälle wurden bisher nicht gemeldet." Diese wenigen Zeilen sollte als eine der größten Falschmeldungen des 20sten Jahrhunderts in die Geschichte eingehen, wie Hans Michael Kloth auf "einestages" schreibt.

Der Erreger, eine Mutation des Vogelgrippetyps A, war hochaggressiv. 2005 konnten Forscher ihn in einem Labor rekonstruieren und untersuchen. 25 Millionen Menschen, so wurde lange geschätzt sind dem Erreger zum Opfer gefallen. Neue Berechnungen, veröffentlicht in der Fachzeitschrift "Bulletin of the History of Medicine" kommen auf eine weltweite Opferzahl von fast 50 Millionen.

Der Name der Pandemie entstand, da im kriegsneutralen Spanien die Presse weniger stark zensiert war, als es in den kriegsbeteiligten Nationen der Fall war. Ende Mai 1918 meldeten Agenturen, dass auf der iberischen Halbinsel 8 Millionen Menschen infiziert seien. Das öffentliche Leben kam zum erliegen, Straßenbahnen stellten ihren Betrieb ein, selbst der spanische König Alfons XIII. war infiziert.

In Deutschland erfolgte die Berichterstattung ab Juni 1918, jedoch nur über zivile Opfer und Erkrankungen. Über den Zustand an der Front, in den Schützengräben und Stellungen durfte nicht berichtet werden. Journalisten bezeichneten die Krankheit auch als "Blitzkatarrh" oder "Flandern-Fieber".

Die Grippe kam in drei Wellen. Im Frühjahr 1918, im darauf folgenden Herbst und in einigen Regionen der Welt nochmals im Frühjahr 1919. Zum Höhepunkt der zweiten Welle schätzten die Behörden in Preußen, dass etwa zwei Drittel der Bevölkerung infiziert seien. Viele Berühmtheiten wurden Opfer der Grippe, darunter Siegmund Freuds Tochter Sophie, der Maler Egon Schiele oder die ehemalige First Lady Rose Cleveland.

Der Ursprungsort der Grippe-Pandemie ist nicht völlig gesichert. Untersuchungen des Medizin-Nobelpreisträgers Frank Macfarlane Burnet lassen jedoch auf den US-Bundesstaat Kansas als Ausgangsort der tödlichsten Krankheit des 20sten Jahrhunderts schließen. Zu Beginn des Jahres 1918 behandelte der dortige Landarzt Loring Miner zahlreiche Patienten, deren Grippesymptome das bisher Bekannte an Heftigkeit erheblich übertrafen. Den Krankheitsverlauf sei rasend schnell und gelegentlich tödlich. Der Arzt informierte den "U.S. Public Health Service", wo man jedoch auf seine Bitte um Unterstützung nicht reagierte.

Mindestens drei Personen aus dem Haskell County wurden ins US-Ausbildungslager "Camp Funston" eingezogen. Dort verbreitete sich die noch unbekannte Krankheit rasend schnell und durch die Verlegung von Soldaten an andere Orte nahm die Katastrophe ihren Ausgang.

von den Militärlagern sprang die Grippewelle auf die größeren Städte in den USA über, wurde aber von den Behörden damals nicht als etwas Außergewöhnliches wahrgenommen. Erst die Untersuchungen nach dem Abklingen der Pandemie förderten diese statistischen Daten zutage. Von Amerika aus kam die Grippe mit den Soldaten nach Europa. Erste Fälle traten wahrscheinlich in der Hafenstadt Brest auf. Von dort ausgehend waren sowohl französische, als auch britische Soldaten betroffen. In den ersten beiden Maiwochen meldete beispielsweise die englische Marine etwa 10.000 Krankheitsfälle und sah sich nicht im Stande auszulaufen.

In Deutschland lag der Höhepunkt der ersten Welle im Juni. Der deutsche General Erich Ludendorff beklagte sich darüber, jeden Morgen die Krankheitsberichte seiner Heereskommandeure anhören zu müssen, und schob das Versagen der Sommeroffensive auf die niedrige Kampfmoral und den schlechten Zustand seiner Truppen. Als Ursache dafür nannte er die grassierende Grippewelle.

Nachdem die erste Welle der weltweiten Epidemie abgeklungen war, kam es im Herbst zu einem neuen, noch schwerwiegenderen Ausbruch der Krankheit. Beinahe zeitgleich waren das amerikanische Boston, das französische Brest und Freetown in Sierra Leone betroffen. Der dortige Ausbruch fällt zusammen mit dem Eintreffen des britischen Kriegsschiffes "HMS Mantua".

In den USA wütete die Krankheit in der Folge der Herbstwelle vor allem in den großen Städten. Im Militärcamp "Devens", nahe Boston, erkrankten beispielsweise innerhalb weniger Tage über 12.000 der dort stationierten 45.000 Soldaten. Allein am 23. September starben dort 63 Mann. Der Versuch die Krankheit durch Einschränkung der Schiffsbewegungen einzudämmen schlug fehl, da die Militärführung sich über die Empfehlungen der Ärzte hinwegsetzte. In Europa wurden die Truppen dringen benötigt.

Allein an Bord der Schiffe starben 6 von Hundert Soldaten an den Folgen der Krankheit.

Auch an Land breitete sich die Krankheit immer weiter aus. Ärzte an der Ostküste schickten ihren Kollegen im Westen düstere Empfehlungen: "Finden Sie jeden verfügbaren Tischler und Schreiner und lassen Sie sie Särge herstellen. Dann nehmen Sie Straßenarbeiter und lassen Sie sie Gräber ausheben. Nur dann haben Sie eine Chance, dass die Zahl der Leichen nicht schneller steigt als Sie sie beerdigen können", schreibt Davies in seinem Buch "Catching Cold ? The Hunt for a Killer Virus".

Vor allem während der Herbstwelle kam es weltweit zu den höchsten Opferzahlen. Insgesamt fielen beispielsweise allein in Indien 17 Millionen Menschen dem Virus zum Opfer. In Philadelphia, der in den USA am stärksten betroffenen Stadt, starben im Oktober 1918 an einem einzigen Tag 1.918.711 Menschen.

Gerade das Kriegsende im Jahr 1918 beschleunigte noch die Verbreitung des Virus und verstärkte seine Tödlichkeit. Die heimkehrenden Truppen brachten beispielsweise die Grippe in das bis dahin wenig betroffene Neuseeland. Dort starben 8600 Menschen, doppelt so viele, wie im Krieg gefallen waren. Auch die Jubelfeiern zum Ende der Kampfhandlungen waren zur Bekämpfung der Pandemie kontraproduktiv.

Große Menschenansammlungen ermöglichten eine stärkere Ausbreitung der Erreger und sorgten daher für noch höhere Opferzahlen. Ungewöhnlich waren für die damaligen Ärzte auch die Opfer.

Einen Großteil der Opfer stellten gesunde, junge Männer zwischen 20 und 40. Auch Personen, die nicht unter Nahrungsmittelknappheit im Krieg gelitten hatten gehörten verstärkt zu den Opfern. Also gerade die Personengruppen, die sich durch ein gutes Immunsystem auszeichneten waren besonders betroffen. Natürlich traf die Krankheit auch die Armen und Schwachen, doch gerade die sonst durch ihren Stand und ihre Gesundheit vor Krankheit geschützten personen wurden von der Spanischen Grippe dahingerafft.

Die Erklärung dafür liegt an einer Besonderheit des Krankheitsverlaufs. Der "A/H1N1"-Erreger erzeugte eine Überreaktion des Immunsystems. Diese atypisch starke Zytokin-Aktivität kam gerade bei Menschen mit gesunden Abwehrkräften besonders zum Tragen.

Als Folge der Infektion mit der Spanischen Grippe litten viele Menschen für den Rest ihres Lebens an neurologischen Funktionsstörungen. Unter anderem wurde eine nennenswerte Häufung von Fällen der Enzephalitis Lethargica festgestellt. Hierbei handelt es sich um eine Form der Hirnhautentzündung, die Lethargie, unkontrollierte Schlafanfälle und eine temporäre, der Parkinson-Krankheit ähnliche Störung auslöst.

Quelle: freenet.de
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