Die zerschlagene Hoffnung

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03.09.2009 - 00:00 Uhr

Seit dem Jahr 2001 gilt der 11. September, der Tag des Terroranschlags auf das World Trade Center in New York, als das Datum einer Zeitenwende, einer historischen Zäsur weltpolitischen Ausmaßes. In den leidenschaftlichen Diskussionen um die Bedeutung von 11/09 als Symbol für was auch immer sind andere einschneidende historische Ereignisse des gleichen Datums fast in Vergessenheit geraten.

Dazu gehört auch ein Drama, das sich auf den Tag genau 28 Jahre vor dem 11. September 2001 am südlichen Ende des amerikanischen Kontinents abgespielt hat: der Staatsstreich chilenischer Militärs, die den im Jahr 1970 demokratisch gewählten und drei Jahre danach in seinem Amt bestätigten Präsidenten des Landes, Salvador Allende, in einem blutigen Putsch stürzten.

Das Vorspiel zu Allendes Sturz spielte zunächst, wie oft genug in der Geschichte lateinamerikanischer Staaten des vergangenen Jahrhunderts, aber nicht in Chile selber, sondern in den USA, genauer: im Machtzentrum des Landes, in Washington. Noch bevor Allende am 4. September 1970 zum Präsidenten Chiles gewählt wurde, waren in Washington Umsturzpläne für den Fall der Fälle geschmiedet worden.

Gegen Ende 1969 erstellten chilenische Militärs zusammen mit dem US-Geheimdienst CIA ein Putschszenario, das von der US-amerikanischen Regierung unter Richard Nixon und dessen damaligen Sicherheitsberater Henry Kissinger abgesegnet wurde. In der amerikanischen Macht- und Einflusszone sollte ein vermeintlich "zweites Kuba" verhindert werden — und zwar mit buchstäblich allen Mitteln.

Dabei übersahen die Mächtigen in Washington geflissentlich, dass das politische und wirtschaftliche Vorbild des bekennenden Sozialisten Allende mitnichten die Sowjetunion, ja nicht einmal das Kuba Fidel Castros war, sondern ein "Sozialismus in Freiheit", der den Menschen Chiles keines ihrer demokratischen Grundrechte rauben, sondern im Gegensatz den Katalog um wesentliche soziale Aspekte erweitern wollte.

Ähnlich wie in Kuba endete der CIA-Coup Ende 1970 in einem Desaster. Um den Amtsantritt des neu gewählten Präsidenten zu verhindern, sollte das chilenische Militär den Aufstand wagen. Der loyale Generalstabschef Rene Schneider wurde nach zwei gescheiterten Entführungsversuchen von den Putschisten ermordet. Trotzdem misslang der Aufstand, die beteiligten Militärs kamen vor ein Militärtribunal, der neue sozialistische Präsident wurde schließlich am 4. November 1970 vereidigt.

Allende und seinem Volksfront-Bündnis Unidad Popular (UP), bestehend aus Sozialisten, Sozialdemokraten, Kommunisten und christlichen Linken hatten aufgrund des chilenischen Wahlrechts 36 Prozent der Stimmen zu einem knappen Sieg gereicht. Obwohl man also nicht die Mehrheit der Bevölkerung repräsentierte, ging die neue Regierung sofort daran, ihre weitreichenden Pläne in die Tat umzusetzen.

Rund 50 Großunternehmen und etwa die Hälfte der Banken wurden verstaatlicht. Darunter befanden sich Betriebe der Kupfer- und Salpeterindustrie, die wichtigsten Zweige der chilenischen Industrie. Bezeichnenderweise kontrollierten US-Konzernen über Tochterfirmen die Kupfervorkommen des Landes.

Eine Agrarreform sollte der mittellosen Landbevölkerung eine Existenzgrundlage bescheren, ungefähr 2,5 Millionen Hektar Land wurden enteignet. Die Arbeiterschaft wurde mit 40-prozentigen Lohnerhöhungen beschenkt. Eine der bekanntesten und populärsten Maßnahmen war, obwohl eher von symbolischer Bedeutung, die Versorgung jedes chilenischen Kindes mit täglich einem halben Liter Milch.

Das Besondere an diesem sozialistischen Experiment war, dass es nicht auf Zwang und Gewalt beruhte, sondern mit rechtsstaatlichen Mitteln durchgeführt wurde. Allende weigerte sich strikt, auf einem anderen als dem legalen und von der Verfassung vorgegebenen Weg den Sozialismus zu verwirklichen. Er war davon überzeugt, anders als etwa die Sowjetunion auf friedlichem Weg den Übergang zum Sozialismus zu schaffen.

Die äußerste politische Rechte Chiles und sein Großbürgertum hatte Allende von Anfang an gegen sich, aber ein Großteil der Mittelschichten verhielt sich zunächst abwartend. Es waren vielmehr Parteien der äußersten Linken, eigentlich natürliche Verbündete der Volksfront- Regierung, die eine Beschleunigung und Radikalisierung der Politik forderten und bewirkten.

Anhänger der "Bewegung der revolutionären Linken" (MIP) etwa, die sich Kuba als politisches Vorbild nahmen, übten mit wilden Fabrik- und Landbesetzungen Druck auf die Regierung aus. Die wiederum beging den Fehler, nicht entschieden gegen diese revolutionären, von einem Großteil der Bevölkerung scharf abgelehnten Aktionen vorzugehen.

Auf dem äußersten rechten Spektrum sorgte die Terrororganisation "Patria y libertad" ("Vaterland und Freiheit") für eine weitere Zuspitzung der Lage. Da die Regierung im Parlament keine Mehrheit hatte, war sie auf die Kooperationsbereitschaft der Opposition angewiesen. Ergebnis diese Patts war eine politische Blockade, die letztlich der Regierung angelastet wurde.

Hinzu kam eine US-amerikanische Wirtschaftsblockade, die das weitgehend auf Importe angewiesene Land noch tiefer in die Krise stürzte. Wie bei einem Dominospiel fielen die Steine Allendes: 1971 fielen auf dem Weltmarkt die Preise für Kupfer, dem wichtigsten Exportgut Chiles, die Inflation stieg kräftig an; die Verschuldung des Landes nahm bedenkliche Ausmaße an, obwohl verschiedene sozialistische Länder Chile Kredite gewährten — nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Sogar Arbeiter waren von der Regierung enttäuscht und wurden zugänglich für die radikalen Parolen der äußersten Linken.

Im Oktober 1972 hindurch lähmten Streiks die Wirtschaft. Die Terrorakte der äußersten Rechten erreichten beinahe ihr Ziel: das Land in einen Bürgerkrieg zu treiben. Die Regierung griff zum letzten Mittel und rief den Notstand aus.

Allende versuchte außerdem, die Akzeptanz seiner Regierung zu erhöhen, indem er wichtige Kabinettsposten gleichermaßen mit Gewerkschaftsvertretern und hohen Militärs besetzte. Eine dieser Umbesetzungen betraf den Posten des Oberbefehlshaber des Heeres: General Prats trat in das Kabinett ein und machte so Platz für seinen Stellvertreter, General Augusto Pinochet, der ebenfalls als loyal galt.

Die Maßnahmen schienen zunächst zu fruchten, und bei den Wahlen im März 1973 errang das Regierungsbündnis sogar einen kaum für möglich gehaltenen Sieg: Rund 43 Prozent der abgegebenen Stimmen entfielen auf die UP.

Aber der Wahlsieg war nicht mehr als eine kurze Atempause. Er änderte nichts an den grundsätzlichen parlamentarisch-politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen. Die Regierung hatte noch immer keine eigene Mehrheit, und die Wirtschaft des Landes steckte weiterhin tief in der Krise. Die Versorgung mit den Gütern des täglichen Bedarfs brach zusammen.

Schließlich ging das Bürgertum Chiles auf die Straße, die für die Regierung propagandistisch und im öffentlichen Bewusstsein niederschmetterndsten Szenen stellten Frauen dar, die vor dem Präsidentenpalast mit leeren Kochtöpfen klapperten — auch wenn viele der Protestierenden den betuchten Schichten angehörten und gewiss nicht in leere Kochtöpfe schauen mussten. Mehr als nur ein weiteres verheerendes Symbol stellte der Streik der Fuhrunternehmer dar, der das Land praktisch lahm legte.

In dieser Situation entschloss sich das Heer zum Putsch — und zwar wohl, wie neue interne CIA-Dokumente belegen, ohne direkte Einflussnahme des US-Geheimdienstes. Die amerikanische Regierung hatte sich entschlossen, nicht in den chilenischen Konflikt einzugreifen, weil man davon ausging, dass die chilenische Regierung die nächsten Wahlen verlieren würde und der "Spuk" damit zu Ende wäre.

Außerdem hatte Allende in Geheimverhandlungen mit der US-Regierung zugesagt, die enteigneten amerikanischen Unternehmen zu entschädigen. Darüber hinaus glaubte Sicherheitsberater Kissinger, den weltpolitischen Konkurrenten UdSSR davon überzeugt zu haben, Allende fallen zu lassen und sich in Chile nicht zu engagieren. Und tatsächlich hielten die sowjetischen Führer die Politik Allendes für illusionär, was auch verständlich war: Sozialismus und Parlamentarismus waren für die Vertreter der Diktatur des Proletariats zwei Begriffe, die nicht miteinander vereinbar waren.

Der Putsch am 11. September 1973 schließlich verlief kurz und äußerst blutig. Nachdem der Oberbefehlshaber Pinochet von seinen Kollegen unter Druck gesetzt wurde, entschloss er sich, an der Revolte gegen seinen Präsidenten und die legale Regierung des Landes teilzunehmen. Die Hauptstadt Santiago de Chile wurde von aufständischen Truppen besetzt, der Präsidentenpalast von Hubschraubern aus mit Raketen beschossen.

Präsident Allende, der sich seit ungefähr 8 Uhr in dem Palast aufgehalten hatte und vergeblich auf den Einsatz regierungstreuer Truppen — ironischerweise unter dem Befehl seines Oberbefehlshabers Pinochet – gehofft hatte, beging Selbstmord, als er die aussichtslose Lage erkannte. Es gibt aber auch Stimmen, die davon ausgehen, dass Allende beim Kampf um den Präsidentenpalast umkam.

Die Bilanz des Aufstands des Militärs sollte furchtbar sein. Schätzungsweise 10.000 Chilenen wurden vor allem in den ersten beiden Jahren der neu gebildeten Regierungsjunta mit General Pinochet an der Spitze umgebracht, Zehntausende politische Gefangene wurden gefoltert und ohne Prozess eingekerkert, Abertausende gingen ins Exil. Der Putsch beendete ein demokratisches Experiment, und Chile wurde für 15 lange Jahre zu einem Versuchslabor für die brutale Unterdrückungspolitik skrupelloser Militärs, angeführt von einem der abstoßendsten Diktatoren der Welt.

Auto: Matthias Seng

Quelle: freenet.de
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