Drama im ewigen Eis

Drama im ewigen Eis
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Drama im ewigen Eis

 
10.02.2003 - 23:00 Uhr

von Matthias Seng

Der Mount Everest ist der höchste Berg der Erde. 8.848 Meter erhebt sich das Bergmassiv im Osthimalaja über den Meeresspiegel. Die Schneegrenze beginnt bei ungefähr 5.800 Metern. Die Grenze zwischen dem Königreich Nepal und dem 1950 von China annektierten Tibet verläuft geradewegs über den Berg.

Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts war der Mount Everest der so genannte dritte Pol, den es zu erobern galt. Die damalige Weltmacht Großbritannien war dabei schon zwei Mal ins Hintertreffen geraten: Der Norweger Amundsen war 1911 im Wettlauf zum Südpol schneller als sein englischer Konkurrent Scott, dessen Unternehmung zudem in einer Tragödie endete; und der Amerikaner Robert Peary hatte schon zwei Jahre zuvor als erster Mensch den Nordpol erreicht.

Nationales Prestigedenken und sportlicher Ehrgeiz trafen sich hier in einer Zeit, als die Technisierung der westlichen Welt neue Höhepunkte erreichte. Nichts schien unmöglich, der moderne Mensch war in den Augen vieler Zeitgenossen dazu auserkoren, die Welt zu erobern und der Natur sämtliche Geheimnisse zu entreißen.

Vielen Engländern war nur schwer erträglich, dass es Amerikaner und Norweger waren, welche zuerst die beiden äußersten Punkte der Welt betreten hatten. Immerhin war der höchste Punkt der Welt, der Mount Everest, noch unberührt, und britische Alpinisten hatten sich schon lange Zeit vorher Weltruhm erworben. Im Jahrhundert zuvor etwa waren die meisten Viertausender der Alpen erstmals von Engländern bestiegen worden. Alles schien für einen britischen Triumph im Himalaja zu sprechen, Können, Erfahrung, Technik – nicht zuletzt gekränkte Eitelkeit.


Die erste britische Expedition gelangte im Jahr 1921 von Tibet aus nördlicher Richtung kommend immerhin bis auf 7.100 Metern Höhe und entdeckte eine gangbare Route bis zum Gipfel. Die Nachfolgeexpedition endete ein Jahr auf ungefähr 8.300 Metern in einer Katastrophe: Sieben Sherpas wurden von einer Lawine begraben und bezahlten ihre Helferdienste mit ihrem Leben.

Die dritte Expedition im Jahr 1924 sollte als besonders dramatische in die Geschichtsbücher eingehen. Einer der Teilnehmer, der erfahrene Alpinist George Mallory, war schon bei beiden Vorgängerexpeditionen dabei gewesen. Der Expeditionsleiter, Major Edward Norton, unternahm zunächst mit einem Begleiter, dem Londoner Chirurgen Howard Sommervell, einen Versuch ohne Sauerstoffflaschen. Ein hohes Risiko, denn in den Höhen, in denen sich die beiden bewegten, enthält die Luft nur ein Drittel des Sauerstoffgehalts wie auf Meereshöhe.

Umso erstaunlicher war die Leistung der beiden Männer. Unter größten Strapazen gelangte Norton schließlich allein bis auf 8.573 Meter, angesichts der schweren Ausrüstung und der extremen klimatischen Bedingungen grenzte es an ein Wunder, dass die beiden Bergsteiger den Auf- und Abstieg überlebten. Am 6. Juni versuchte es schließlich Mallory mit dem erst 22-jährigen Studenten Andrew Irvine an seiner Seite, diesmal mit Sauerstoffflaschen.

Zuletzt wurden sie auf rund 8.500 Metern Höhe gesichtet, danach tauchten sie nie wieder auf. Bis heute ist unklar, ob Mallory und Irvine den Gipfel des Everest erreicht haben. Wie groß die öffentliche Aufmerksamkeit in England war, bewies der Gedenkgottesdienst, der zu Ehren der beiden Verschollenen in der Londoner St.Paul?s-Kathedrale gehalten wurde. Sogar King George V. nahm an der Trauerfeier teil. Der Bischof von Chester überhöhte gar den alpinen Tod Mallorys und Irvines mit religiösem Pathos: "Ihr Namen sind im Buch Gottes in goldenen Lettern geschrieben."

Danach versuchten nicht weniger als vier weitere britische Expeditionen vergeblich, den höchsten Berg der Erde zu bezwingen. In den vierziger Jahren schien es, als ob eine unsichtbare Barriere nicht nur den Mount Everest, sondern sämtliche Achttausender, 14 an der Zahl, vor der Bezwingung durch den Menschen schützte. Erst im Jahr 1950 gelang es den beiden Franzosen Maurice Herzog und Louis Lachenal, mit dem 8.091 Meter hohen Annapurna den ersten Achttausender zu besteigen. Schneeblind und mit schwersten Erfrierungen kehrten sie lebend vom Berg zurück.


Im selben Jahr – 1950 – fielen die Chinesen in Tibet ein und schotteten das kleine Land völlig von der Außenwelt ab. Damit war auch die bisher genutzte Nordroute zum Mount Everest nicht mehr zugänglich. Da aber zugleich Tibets südlicher Nachbar, das Königreich Nepal, seine Grenzen öffnete und alpine Expeditionen ins Land ließ, stand nun der Aufstieg aus südlicher Richtung offen.

Im Jahr 1951 erkundete der neuseeländische Imker Edmund Hillary unter Leitung des Everest-Veteranen Eric Shipton eine südliche Route, musste aber an einer anscheinend unüberbrückbaren Spalte am Ende eines Gletscherbruchs kehrtmachen.

Zum Entsetzen der Briten erhielt im Jahr darauf aber eine Schweizer Expedition von der nepalesischen Regierung die Erlaubnis, den Everest im Frühjahr und Herbst 1952 zu besteigen. Die Schweizer hatten sich 26 Jahre lang vergeblich um ein solches Permit bemüht und waren immer wieder am Einfluss der britischen Kolonialmacht gescheitert. Dass es diesmal klappte, war auch ein Indiz für den machtpolitischen Niedergang der Briten. Für den britischen Alpin-Chauvinismus bedeutete die Verweigerung der Erlaubnis für das Jahr 1952 eine schwere Niederlage.

Die schweizerische Mount-Everest-Expedition von 1952 führte sogar zu diplomatischen Verwicklungen. Die Briten betrachteten in der chauvinistischen Manier der ehemaligen Kolonialherren den Mount Everest als "ihren" Berg. Es waren Briten gewesen, die 100 Jahre zuvor den damals Peak XV genannten Gipfel als den höchsten Punkt der Erde errechnet hatten.

Und seit 1921 hatten englische Bergsteiger versucht, den Everest über den tibetischen Nordgrat zu bezwingen. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges schickte die Royal Geographical Society acht Expeditionen ins Himalaja-Gebirge, und und acht Mal waren die Expeditionen gescheitert.

Die Schweizer Expedition vom Frühjahr 1952 kam so nahe an den Gipfel heran wie sonst keine vor ihr. Am 29. Mai 1952 gelangten die Bergsteiger Raymond Lambert und Tenzing Norgay bis auf eine Höhe von 8.600 Metern, nachdem sie die Nacht auf knapp 8.400 Metern unter furchtbaren Bedingungen zugebracht hatten: in einem kleinen Zelt, ohne Schlafsack und Kocher, mit nur wenigen Essensvorräten.

Die restlichen 150 Höhenmeter, obwohl leichtes Gelände, schafften die beiden Männer nicht mehr. Die Kälte war unerträglich, außerdem waren sich Lambert und Norgay nicht sicher, ob ihre Sauerstoffvorräte reichen würden. Die einige Monate darauf folgende zweite Expedition scheiterte ebenfalls.

Im nächsten Jahr waren wieder die Briten an der Reihe. Nach penibler Vorbereitung kam das erste Team der Expedition, bestehend aus Charles Evans und Tom Bourdillion, bis auf 8.750 Meter Höhe und musste dann umdrehen. Zu diesem Zeitpunkt war der Druck, der auf dieser neunten britischen Mount-Everest-Expedition lastete, schon enorm groß. Österreicher, Franzosen und Deutsche standen schon in den Startlöchern, um bei einem weiteren Scheitern neue Versuche zu wagen.

Am 29. Mai 1953 wagten aus dem Basislager in 7.900 Metern Höhe Edmund Hillary und jener Tenzing Norgay, der im Vorjahr bis auf 150 Meter an den Gipfel herangekommen war, den Aufstieg. Für Hillary war es der zweite, für den Sherpa Norgay schon der siebte Versuch. Auf 8.500 Metern biwakierten die beiden bei minus 27 Grad Celsius. Früh am nächsten Morgen nahmen sie die letzten 150 Höhenmeter in Angriff, jeder mit einer 14 Kilogramm schweren Sauerstoffflasche auf dem Rücken.

Der Himmel war wolkenlos, es herrschten ideale Bedingungen. Das letzte Hindernis überwanden Hillary und Norgay kurz unter dem Gipfel. Diese Stufe aus Fels und Eis heißt seitdem "Hillary Step". Um 11.30 Uhr, nach fünf Stunden Aufstieg, war es geschafft, standen die ersten Menschen auf dem Gipfel des höchsten Berges der Welt. Die beiden umarmten sich und Hillary fotografierte Norgay. Nach rund einer Viertelstunde Aufenthalt auf dem Dach der Welt machten die beiden Bergsteiger sich wieder an den Abstieg.

In England und in Nepal schlugen die Wellen der nationalen Begeisterung hoch. Das Telegramm mit der Erfolgsnachricht wurde noch zwei Tage zurückgehalten, damit pünktlich zum Krönungstag Elisabeths II. am 2. Juni 1953 der Welt mitgeteilt werden konnte, dass ein britischer Staatsbürger als erster den höchsten Berg der Erde bezwungen hatte.

Hillary wurde später für seine alpine Tat von der Queen geadelt. In Kathmandu, der nepalesischen Hauptstadt, wurde er dagegen als "der zweite Mensch auf dem Mount Everest" vorgestellt und mit kaum verhohlener Ablehnung empfangen. Dabei hatten sich Hillary und Norgay geschworen, niemals zu verraten, wer als erster den Gipfel bezwungen hatte. Später brach der Sherpa sein Schweigen. Edward Hillary war der erste Mensch auf dem Gipfel des Mount Everest gewesen.

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