Durchs alte Europa

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von Matthias Seng

Im kalten europäischen Winter 1933/34 brach ein achtzehnjähriger Brite namens Patrik Leigh Fermor von Rotterdam aus zu einem Fußmarsch quer durch Europa auf, der ihn bis nach Konstantinopel bringen sollte.

Erst Jahrzehnte später schrieb Fermor ein Buch über seine Wanderung. Es zeigt Einblicke in das alte – mitteleuropäische – Europa, das wenige Jahre später im Strudel der deutschen Eroberungs- und Vernichtungskriege für immer untergehen sollte.

1933, dem europäischen Schicksalsjahr, wurde der 18-jährige Patrik Leigh Fermor aus der King's School in Canterbury hinausgeworfen – angeblich wegen einer nicht standesgemäßen Liebesaffäre. Fermor war bis dahin das, was man als Bohemien bezeichnete, ein sich ziellos durch das Leben treiben lassender Nichtsnutz, der seine Intelligenz weniger zu einer herkömmlichen Art des Broterwerbs zu nutzen gedachte.

Viel lieber entwickelte er sich zu einem Bücherwurm, der alles las, was ihm in die Finger kam. Das vorzeitige und ruhmlose Ende in Canterbury sollte für den jungen, blitzgescheiten Mann aber zu einem Neubeginn werden, von dem aus er sich zu einem der bekanntesten und besten Reiseschriftsteller entwickelte.

Die lange Reise zu Fuß entsprang einem spontanen Entschluss – wie es sich für einen Bohemien gehörte. Fermor begann seinen langen Fußmarsch mitten im Winter im verschneiten Holland, durchquerte Deutschland, das sich im zweiten Jahr der nationalsozialistischen Wahnherrschaft befand und erreichte Österreich, wo im Februar 1934 in den Wiener Arbeiterbezirken der Bürgerkrieg tobte. Im Frühjahr 1934 gelangte Fermor nach Abstechern in die Tschechoslowakei, dem Donautal folgend, nach Ungarn. Hier endet der erste Teil des Buches.

Dank Fermors literarischem Talent, das er allerdings erst 44 Jahre nach seiner Wanderung durch Europa nutzte, um seine damaligen Erlebnisse zu schildern, liefert das Buch beeindruckende Momentaufnahmen aus dem Europa der dreißiger Jahre. Noch nicht von den Schrecken und – äußeren und inneren – Verwüstungen des Ersten Weltkriegs erholt, befand es sich schon in der Vorphase des nächsten, noch weit furchtbareren Krieges, den weitsichtigere Menschen auch damals schon heraufdämmern sahen.

In Deutschland traf der geschichtlich, erstaunlicherweise aber keineswegs politisch interessierte junge Mann auf Hitlers braune Kolonnen, die fahnenschwenkend auf den Straßen die "neue Zeit" bejubelten und alle mit dem Tod bedrohten, die nicht dieser Meinung waren.

Fermor entging nicht die religiös anmutende Verehrung Hitlers durch viele Deutsche, seine Ablehnung aber war wahrscheinlich mehr ästhetischer denn politischer Natur. Überrascht äußerte er sich über die Gastfreundschaft des deutschen Bürgertums, das Hitler auf dessen Weg zur Macht kaum Widerstand entgegen gesetzt hatte und nun mehrheitlich die "nationale Revolution" in einer Mischung aus Opportunismus und echter Überzeugung bejubelte.

Schon unmittelbar hinter der holländisch-deutschen Grenze erlebte Fermor den deutschen "Wiederaufstieg" hautnah mit. Nicht nur die Rüstungsindustrie erlebte einen beispiellosen Boom, auch die Textil- und Devotionalienzweige trieben neue Blüten an der wieder erstarkenden deutschen Eiche.

Parteiuniformen standen hoch im Kurs, die Auftragsbücher der Herrenausstatter waren prall gefüllt, braun war die Farbe der Saison. Heiß begehrt waren auch Hakenkreuze, Hitlerbilder und Parteifahnen. Ein "bekehrter" Arbeiter präsentierte dem staunenden Engländer in seinem Zimmer einen regelrechten Hitler-Schrein. Keine Frage: Viele Deutsche sahen in Hitler den Erlöser.

Auf ganz besondere weise profitierte Fermor vom europaweiten Netzwerk des Adels. Die blaublütigen Empfehlungsschreiben öffneten dem jungen Briten auf seinem weiteren Weg nach Südosten so manche Tür.

Auf seiner Reise durch Österreich interessierte sich Fermor bezeichnenderweise mehr für die Klöster in Niederösterreich als für die im Februar 1934 ausbrechenden Bürgerkriegskämpfe in Wien. In der österreichischen Hauptstadt musste er sich als Porträtzeichner Geld dazuverdienen, weil ihn die monatliche Geldsendung aus der englischen Heimat nicht erreichte. Von Österreich aus unternahm er einen Abstecher nach Prag und Bratislava, die beiden ehemaligen Außenmetropolen des untergegangenen Habsburgerreichs.

Mit dem Untergang der Donaumonarchie war 1918 hatte der böhmisch-mährische und österreichisch-ungarische Adel seine beherrschende gesellschaftliche Stellung verloren. Aber einige Insignien der Macht, Schlösser und Herrschaftshäuser etwa, waren dem Adel noch geblieben. Fermor fühlte sich in dieser spätfeudalen Umgebung ausgesprochen wohl. Vor allem imponierten ihm die adelige Liebe zur Kunst und die Gastfreundschaft, aber auch die geschliffenen Konversationen und die prächtigen Bibliotheken.

Fermor war trotz seiner Jugend ein Meister der Anpassung. Er konnte sich als verstoßener Sprössling des englischen Upperclass-Bildungssystems ebenso gut in bürgerlichen wie in adeligen Kreisen bewegen und fand genauso leicht Zugang zur Arbeiterklasse. Er fand leicht Kontakt, wobei ihm seine Neugierde wertvolle Dienste leistete. Trotzdem musste er mehr als einmal auch in Nachtasylen Zuflucht suchen, weil er keine angenehmere Unterkunft fand.

Merkwürdigerweise schienen das auch die einzigen unbehaglichen Momente auf seiner Wanderung gewesen zu sein. Die mit einem derart gewaltigen Fußmarsch verbundenen Strapazen und Gefahren tauchen in den späteren Schilderungen bestenfalls am Rande auf und tragen eher den Charakter von skurrilen Episoden in einem angenehmen Reigen von lehrreichen und spannenden Anekdoten.

Mit dem Fußmarsch durch die ungarischen Marschen bis vor die Tore Budapests endet der erste Teil von Fermors Reiseschilderungen. Hier schloss sich der erste, kleinere Kreis.

Mehr als ein Jahrzehnt später sollte die ungarische Hauptstadt beim Angriff der Roten Armee fast völlig zerstört werden. Fast fünf Jahre zuvor, im Mai 1940, war Rotterdam im Bombenhagel der deutschen Luftwaffe untergegangen. Beide europäischen Metropolen symbolisierten ein gemeinsames europäisches Erbe, dessen Reichtümer der junge Fermor bei seinen Wanderungen noch in sich aufsaugen konnte, das aber in der Gluthölle des Zweiten Weltkriegs zergehen sollte.

Im Zweiten Weltkrieg kämpfte Patrick Leigh Fermor als Verbindungsoffizier der Royal Army auf Kreta gegen die Deutschen. Er fungierte unter anderem als Kontaktmann zu den dortigen Partisanen. Im Jahr 1944 gelang es einem von ihm befehligten Kommando in einem wagemutigen Coup, den Befehlshaber der Wehrmachtstruppen auf Kreta, den deutschen General Kreibe, gefangen zu nehmen. Das brachte Fermor eine Art Heldenstatus in seiner Heimat und die Ehrenbürgerschaft der Stadt Heraklion ein. Zudem wurde diese Aktion zum Gegenstand von Büchern und mehrfach verfilmt.

So genannte Heldentat und katastrophaler Missgriff lagen auf Kreta allerdings nahe beieinander. In einem Versteck der Partisanengruppe löste sich ein Schuss aus Fermors Gewehr, als dieser es reinigte. Die Kugel traf einen griechischen Mitkämpfer, der wenig später an den Folgen des Blutverlusts starb. Fermor wurde später zum Paten der Nichte des getöteten, um der Blutrache durch dessen Familie zu entgehen. Auch das war ein Teil von Europa, wenn auch ein besonders archaischer.

Heute lebt der Patrick Leigh Fermor, inzwischen neunzigjährig, auf dem Peloponnes, der geschichtsträchtigen griechischen Halbinsel. Im kommenden Jahr wird der zweite Teil seiner Reiseerinnerungen "Between the woods and the water" auf deutsch erscheinen.

Patrick Leigh Fermor: Die Zeit der Gaben. Zu Fuß nach Konstantinopel: Von Hoek van Holland an die mittlere Donau. Der Reise erster Teil. Aus dem Englischen von Manfred Allié. Dörlemann Verlag, Zürich 2005. 419 Seiten. 23,90 Euro.

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