Ende des Bounty-Mythos

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von Grigorios Petsos

Fünf Mal wurde die Geschichte vom bösen Captain Bligh der Bounty und dem guten Meuterer Fletcher Christian, die sich Ende des 18. Jahrhunderts ein Duell in der Südsee geliefert haben sollen, verfilmt und dabei immer nur romantisiert. Doch die Geschichte der Bounty-Meuterer und deren Nachfahren ist in Wirklichkeit alles andere als romantisch. Die angeblichen Freiheitskämpfer waren keine Humanisten und hielten sich selbst Sklaven. Und heute ist ein Großteil der männlichen Bevölkerung in einen Sexskandal verwickelt.

Deshalb jetzt sind mehrere Urenkel von Christian und Co. wegen Vergewaltigung und Sex mit Minderjährigen verurteilt worden. Ungefähr 50 Bewohner zählt die Insel Pitcairn, auf der die Bounty-Meuterer-Nachfahren seit über 200 Jahren leben. Das Gefängnis für die nun Verurteilten haben sie selbst bauen müssen, die siebenköpfige Wachmannschaft wurde aus Neuseeland rekrutiert. Die Hälfte der zwölf arbeitsfähigen Männer der Insel ist damit inhaftiert.

Wie britisch ist Pitcairn?

Die Inselbewohner selbst sehen sich selbst allerdings als Opfer später Rache der britischen Kolonialmacht. Das hinderte allerdings das britische Unterhaus nicht, die Revision der Verteidigung zu verwerfen und zu bestätigen, dass Pitcairn den britischen Gesetzen unterliegt; immerhin versorgen und beschützen die Briten die abgelegene einsame Südseeinsel und es gibt eine Art Vereinbarung, deren Bedeutung aber umstritten ist.

Nach Ansicht der lobbylosen Insulaner haben sich Christian, Adams und die anderen damals durch ihre Meuterei von der britischen Hoheit losgesagt und die Insel selbst entdeckt und erstmalig besiedelt und leben nach ihren eigenen südseetypischen Lebensweisen und Gesetzen. Werfen wir jedoch noch einmal einen Blick zurück. Waren die Bedingungen unter William Bligh wirklich so schlecht, dass es notwendig war, ihn mit 17 seiner Getreuen in einer kleinen Barkasse dem scheinbar sicheren Tod auszusetzen?

Charles Laughton, Trevor Howard und Anthony Hopkins, die schönsten Hollywood-Bösewichte durften den verunglimpften Bligh spielen. Dagegen stehen die Hollywood-Schönlinge Clark Gable, Marlon Brando und Mel Gibson in der Rolle des zum Helden stilisierten Christian. Tatsächlich galt Bligh für damalige Maßstäbe als gemäßigter Befehlshaber, der im Übrigen trotz 26-jähriger Erfahrung für diese Fahrt nicht zum Kapitän befördert wurde, weil das Schiff dafür zu klein war.

Normale Bedingungen auf der Bounty

Das Leben an Bord eines solchen Schiffes, das jahrelang unterwegs sein konnte, war eine einzige Schinderei. Das Essen war schlecht, die Unterkünfte waren miserabel, die Arbeitsbedingungen beinhart, die Bezahlung minimal und die strengen Seeregeln mussten unter allen Umständen eingehalten werden. Dafür hatte der Befehlshaber zu sorgen. Andernfalls wäre eine monatelange erfolgreiche Seefahrt nicht möglich gewesen.

Das war aber jedem damaligen Seemann nichts Neues. Bligh war nach allem, was wir heute wissen, eher nachsichtig. Als zum Beispiel drei Männer während des fünfmonatigen Aufenthalts auf Tahiti desertieren wollten, wurden sie lediglich ausgepeitscht. Erhängen wäre aber eigentlich die Strafe gewesen. Ja Bligh wollte sogar für gute Stimmung an Deck sorgen, indem er noch einen Geigenspieler mit an Bord nahm. Doch die Mannschaft wollte nicht auf Befehl tanzen und so wurde auch dieser Aspekt negativ für Bligh ausgelegt.

Legende vom bösen Bligh

Doch wie konnte es dazu kommen, dass der eher milde Bligh zu einem Monster stilisiert wurde? War doch die Bounty nur ein kleines Schiff mit einem unbedeutenden Auftrag, nichts weiter als eine unbedeutende Nussschale, die irgendwo im Pazifik herumschipperte und für das Weltgeschehen praktisch ohne Bedeutung war.

Die Bounty war unterwegs, um Brotbaumschösslinge von Tahiti auf die Westindischen Inseln zu bringen. Dort brauchte man ein billiges Hauptnahrungsmittel für die Sklaven. Denn der Brotbaum ist eine genügsame Pflanze, deren Früchte der Süßkartoffel ähnlich sind. Während des langen Aufenthalts in Tahiti machte die Besatzung Bekanntschaft mit dem freizügigen und freiheitlichen Leben der Tahitianer und natürlich auch mit den Inselbewohnern, insbesondere den weiblichen. Mehrere Matrosen und Offiziere gingen feste Beziehungen ein, so auch Christian.

Null Bock auf Bligh

Schon bald hatten sich die sexuell nicht gerade verwöhnten Seemänner an das paradiesische Leben gewöhnt und waren immer weniger bereit ihre normalen Pflichten zu erfüllen. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass auch ein gemäßigter Befehlshaber wie Bligh als Tyrann erscheinen musste. Der Obermaat und dritte wachhabende Offizier Fletcher Christian hatte dann auch irgendwann keine Freude mehr daran, den Befehlen seines Vorgesetzten zu gehorchen, wie er selbst zugab, zumal er sich zweimal ungerecht behandelt fühlte.

Auf dem Weg von Tahiti zu den Westindischen Inseln kam es bei einem Zwischenstopp vor den Tonga-Inseln dann zur Meuterei. Eigentlich wollte Christian ja mit einem Floß zurück nach Tahiti, doch er wurde von seinen Kameraden angestiftet und fungierte wohl nur aufgrund der Tatsache, dass er der ranghöchste Meuterer war, als Anführer. Ein Befreier der Unterdrückten, ein Zorro der Südsee war er sicher nicht, er wollte nur zurück zu seiner Liebsten in Tahiti und wollte das süße Südseeleben fortan nicht mehr missen.

Verkehrte Welt

Zu Hause hätten sie dafür eigentlich als normale Verbrecher angesehen werden müssen. Und Bligh hätte als Held zurückkehren können, nicht zuletzt, da er es in einer beispiellosen navigatorischen Leistung fertig brachte, die 5.800 Kilometer zur nächsten bekannten europäischen Niederlassung in 41 Tagen zurückzulegen und nur einen dabei Mann zu verlieren. Bligh lebte dann noch fast zwanzig Jahre, war aber weithin als sadistischer Kapitän verschrieen, auch wenn er weiter Karriere machte.

Das hatte folgenden Hintergrund: Die Meuterei der Bounty fiel ins Jahr der Französischen Revolution 1789. Das Zeitalter des Absolutismus neigte sich dem Ende. Neue liberale Strömungen verbreiteten sich. Auch in England traf der Gedanke von Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit auf fruchtbaren Boden. Und so wurde die Gestalt des Fletcher Christian schon zu Blighs Lebzeiten zur heroischen Befreiergestalt umgedeutet und eine heroische Befreiergeschichte gedichtet.

Doch davon sollte Christian nie etwas mitbekommen, denn er starb wesentlich früher. Die Meuterer hatten zuerst ihre Frauen auf Tahiti abgeholt und versuchten dann, auf Tubuai eine Kolonie zu gründen. Das misslang gründlich: Das Ergebnis war Streit untereinander und mit den Eingeborenen, von denen 66 ihr Leben lassen mussten.

Robinson-Insel gesucht

Sie kehrten zurück nach Tahiti, wo die meisten dann bleiben wollten. Christian und acht andere aber brachen in einer Nacht-und-Nebel-Aktion auf und nahmen zwölf polynesische Frauen und sechs polynesische Männer mit, die möglicherweise sogar entführt wurden. Es ist ebenfalls gut möglich, dass Christian und seine gemischte Truppe mit Absicht nach der abgelegenen Südseeinsel Pitcairn suchten und diese nicht durch Zufall entdeckten. Denn die einsame Insel im Südpazifik war schon bekannt gewesen, aber so abseits aller Routen, dass hier nur alle paar Jahrzehnte ein Schiff vorbeikam.

Die Bounty wurde zerstört, damit niemand mehr zu einem europäischen Stützpunkt zurückkehren konnte. Doch auch im paradiesische Sex-Exil gab es bald Streit. Dieser entfachten sich vor allem an der Tatsache, dass die Polynesier nach damaligen europäischen Maßstäben als Menschen zweiter Klasse behandelt wurden. Die neun europäischen Männer hatten z.B. neun Frauen, die sechs polynesischen Männer mussten sich die übrigen drei Frauen teilen. Die ursprüngliche polynesische Freizügigkeit bekam also schon damals einen sehr europäischen besitzergreifenden Anstrich.

Explosive Mischung

Die Europäer nahmen sich also von beiden Moralvorstellungen die beiden für sie genehmen Aspekte und kombinierten sie zu ihren Gunsten. Die polynesische Freizügigkeit für sich selbst, die europäische Strenge für die Polynesier. Denn als ein Meuterer auch noch eine weitere Frau für sich wollte, war dies der Anlass für eine Auseinandersetzung, in deren Folge einerseits alle polynesischen Männer und zwei Frauen, andererseits auch fünf Europäer, mit ihnen Fletcher Christian, starben. Übrig blieben 1794, nur vier Jahre nach der Landung auf Pitcairn, vier Männer und zehn Frauen sowie deren Kinder.

Der letzte überlebende Meuterer, John Adams, starb allerdings erst 1829, also vierzig Jahre nach der Meuterei. Inzwischen, im Jahr 1814, hatten zwei britische Kriegsschiffe die Insel zwar ausfindig gemacht. Adams wäre sogar mit ihnen mitgegangen, aber die anderen Bewohner ließen ihn nicht gehen. Die Kapitäne waren begeistert von der heilen Südseewelt, ließen Gnade vor Recht ergehen und segelten ohne Meuterer wieder nach Hause. Lediglich die in Tahiti zurückgebliebenen Meuterer waren schon verurteilt worden.

Nach zwei Evakuierungen und Wiederbesiedlungen bestehen die heutigen 20 Bewohner der Insel zu zwei Dritteln aus Nachfahren der Meuterer und zu einem Drittel aus Einwanderern der australischen Norfolkinsel. Doch die verqueren Moralvorstellung scheinen bis heute gehalten zu haben.

Die Bewohner der Südseeinsel leben heute ein modernes Leben mit Computern, Fernsehen und Waschmaschinen. Doch in den Neunzigern des 20. Jahrhunderts kamen immer häufiger Gerüchte wegen Vergewaltigung und sexuellen Missbrauchs von jungen Mädchen auf.

Freizügigkeit oder Vergewaltigung?

1999 wurde deshalb eine britische Polizistin eingeschleust. Schon bald wurden die ersten Anschuldigungen von weiblichen Bewohnern der Inseln erhoben. Im Verlauf der Ermittlungen wurde schließlich Anklage gegen sieben der zwölf auf der Insel lebenden erwachsenen Männern erhoben. Sechs von ihnen wurden jetzt rechtskräftig verurteilt.

Die Verteidigung berief sich, neben der Nichtanerkennung des Status als britische Kolonie, vor allem auf das Gewohnheitsrecht. Schon immer habe Mann Sex mit jungen Frauen gehabt und es sei auch ganz normal, dass Jugendliche und ältere Kinder beim Sex dabei wären oder mitmachten. Die naturgemäß traditionelle Freizügigkeit der Polynesier sei in dieser Weltgegend etwas ganz Normales.

Gegen den Willen der Frauen

Die freiheitsliebenden Verteidiger der Vergewaltiger haben dabei allerdings einen Umstand vergessen. Manche Frauen haben konkrete Anklagen erhoben (andere auch nicht), aber tatsächlich fand Sex wohl auch ausdrücklich gegen den Willen der Frauen und Mädchen statt. Die Frauen und Mädchen seien über Jahrzehnte teilweise als Sexspielzeug missbraucht worden. Und da hört die Freiheitsliebe auch in der Südsee auf.

Trotzdem sind die Südseeinsulaner, Opfer oder Täter, immer noch fest davon überzeugt, die britische Regierung hole aus zur späten Rache, zur Vergeltung dafür, dass die Meuterer damals ihrer gerechten Strafe entkommen konnten und sich ein neues Leben fernab vom Mief der puritanischen Heimat aufgebaut hätten, wenn auch unter heftigen Rückschlägen.

Doch ohne die Briten hätten die Bounty-Nachfahren nicht so lange überleben können. Und sie nehmen gerne die Annehmlichkeiten des modernen europäischen Lebens an und auch die der EU. Der britischen Regierung kann hier kaum Revanchismus unterstellt werden. Es ist nur vernünftig von ihr, auch für abgelegene Gebiete auf die Einhaltung der Gesetze und Menschenrechte zu achten. Vielleicht lernen die Nachfahren von Adams und Christian ja jetzt, dass auch die sexuelle Freiheit die Freiheit des Anderen bzw. der Anderen ist.

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