Erotik im Alten Rom

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von Martin Schmid

In vielen Schulausgaben lateinischer Texte fehlen bis heute Abschnitte, die auch nur entfernt mit direkter Erotik und Sexualität zu tun haben. Die Begründungen dafür sind zum Teil so abenteuerlich wie die in einer englischen Ausgabe, die behauptet, manche Gedichte eigneten sich nicht für die Interpretation in englischer Sprache.

Wahrscheinlich fürchten die Autoren von Schulbüchern auch, dass manche Texte das Missfallen der Genehmigungskommissionen erregen könnten und üben sich daher in vorauseilendem Gehorsam. Tatsächlich aber klammert man so einen nicht unwesentlichen Teil des römischen Alltagslebens aus und präsentiert den Schülern dshalb einen verzerrten, mitunter weniger attraktiven Rest. Dabei ist es auch bei diesem Thema faszinierend, wie sehr Verhältnisse vor mehr als 2000 Jahren ähnlich oder doch zumindest mit unseren vergleichbar waren.

Die konservativen Römer der frühen und mittleren Republik kann man wohl als etwas verklemmt bezeichnen, zumindest aus Sicht ihrer Nachfahren in der späten Republik und frühen Kaiserzeit.

Wir müssen aber bei diesen Berichten immer berücksichtigen, dass es sich bei unseren Quellen um spätere Aufzeichnungen handelt, in denen mitunter recht idealisierend von einer "guten alten Zeit" die Rede ist, die es so vielleicht nie gegeben hat. Vielmehr wollte man das, was sich Konservative für ihre Gegenwart wünschten, in die Vergangenheit projizieren, um den Forderungen so zu mehr Legitimität zu verhelfen.

Tatsache ist, dass es weniger eine prüde Zeit war als vielmehr eine Hochzeit der Doppelmoral. Was den Männern absolut gestattet war, durften Frauen auf keinen Fall tun, ohne ihren Ruf zu ruinieren. So waren Besuche bei Prostituierten, die natürlich vollkommen geächtet waren, für Männer kein Problem, und auch der intime Kontakt zu Sklavinnen oder Sklaven galt keineswegs als Ehebruch.

Cato Maior, der Zensor, ließ aber tatsächlich einen Mann aus dem Senat werfen, weil er vor den Augen seiner (gemeinsamen) Tochter seine Frau auf den Mund geküsst hatte – in den Augen des Musterkonservativen Cato offensichtlich ebeno schamlose wie unehrenhafte Handlung. Wer das tat, war für den römischen Staat, wie der Censorius ihn sich vorstellte, wohl untragbar. Ob vielleicht auch ganz andere Gründe mitgespielt haben, können wir heute nicht mehr festellen, als offizieller Grund wird jedenfalls besagter Kuss angegeben.

Eine Sitte, die ans viktorianische Zeitalter erinnert, ist, dass man es vermied, seinen Partner nackt zu sehen. Vielleicht war das auch ein Grund dafür, dass es im Rom der Frühzeit keine Scheidungen gab, wobei man sagen muss, dass eine römische Scheidung vom Mann aus recht einfach war, während die Frau danach weitgehend recht- und mittellos dastand. Die Dominanz der Gesellschaft durch die Männer ist aber durchgehend und nicht auf die Ebene der zwischenmenschlichen Beziehungen beschränkt.

Kaum ein Volk hat in seinen mythisch-historischen Wurzeln die Bedeutung der Liebe und der Leidenschaft so hervorgehoben wie die Römer. Wen könnte das auch wundern bei einem Volk, das als Schutzgöttin nicht wie Athen die Weisheit sondern Venus, die Göttin der Liebe, gewählt hat.

Es beginnt alles schon in Troja, wo Paris die Schönste unter den Göttinnen wählen soll und sich von Aphrodite damit bestechen lässt, dass er Helena, die schönste menschliche Frau, bekommen soll. Dass sie schon verheiratet ist, stört weder ihn noch die Göttin. Lediglich Menelaos, mit dem Helena ursprünglich verheiratet ist, organisiert eine große Streitmacht, folgt Paris nach Troja und nimmt die Stadt nach zehnjähriger Belagerung schließlich ein. Daraufhin flieht neben anderen Aeneas aus der brennenden Stadt, um eine neue Heimat zu suchen und, wie ihm verkündet wird, eine neue Stadt zu gründen.

Doch auf dem Weg erliegt er den Verlockungen der Liebe und glaubt, im Karthago der Königin Dido diese neue Vaterstadt gefunden zu haben. Vergil schildert die leidenschaftliche Begegnung der beiden während einer Jagd, die durch ein Unwetter unterbrochen wird. Doch ihre Liebe kann keinen Bestand haben, denn Aeneas, das Vorbild nicht zuletzt für Augustus, stellt die römische pietas, das Pflichtbewusstsein, über alle Gefühle und reist auf Befehl der Götter weiter.

Als Folge davon begeht Dido Selbstmord und verflucht Aeneas samt seinen Nachfahren, die mythologische Begründung für die Punischen Kriege, die Rom an den Rand des Untergangs bringen – ausgelöst von einer gescheiterten Liebesbeziehung.

Doch es geht noch weiter. Dass König Lavinus in Italien dem Einwanderer Aeneas seine Tochter Lavinia zur Frau gibt, führt zu heftigen Kämpfen zwischen ihm und Turnus, der sich davor berechtigte Hoffnungen auf die Ehe mit der Prinzessin und damit auf die Herrschaft in Latium gemacht hatte.

Wenig später wird der Zusammenschluss von Römern und Sabinern mit dem Raub der Sabinerinnen erklärt: Die Römer hätten die Sabiner zu einem großen Fest eingeladen und ihnen dann ihre Frauen weggenommen. Nach einer Nacht hätten die Römer ihre neuen Frauen so sehr von ihren Qualitäten überzeugt, dass die Frauen sich ihren Landsleuten in den Weg stellten, als diese sie wieder von den Römern zurückholen wollten.

Auch der Übergang von der Königsherrschaft zur Monarchie soll nicht ohne weibliche Verwicklungen stattgefunden haben: Erst die Vergewaltigung der Lucretia durch ein Mitglied der herrschenden Familie bringt Brutus, ihren Bruder, so in Rage, dass er die Tarquinier und deren gesamte Verwandtschaft in die Verbannung schickt und selbst als Konsul die Macht übernimmt – der Beginn der republikanischen Ämter ist geschaffen. Und auch zu Ciceros Zeit fliegt der Putschversuch Catilinas hauptsächlich deshalb auf, weil ein zu geschwätziger Gefolgsmann Catilinas dieselbe Prostituierte besuchte wie ein Freund Ciceros.

Die Römer waren waren bis zu den Punischen Kriegen eine relativ abgeschlossene Gesellschaft. Äußere Einflüsse wurden bereitwillig aufgenommen, solange es sich um die Bereiche Militär, Wirtschaft und Politik handelte. Von Änderungen in der Lebensweise wollten die Römer jedoch grundsätzlich nichts wissen. Doch als man mit der faszinierenden Kultur des Hellenismus in Berührung kam, änderte sich das schlagartig. Alles Griechische war auf einmal modern und wurde imitiert, und die Versuche der Skeptiker muten heute eher grotesk an – zum Beispiel jene Catos.

Doch nicht nur die hohe Kunst drang nach Rom ein, auch das Alltagsleben der eleganten Großstadt, das Ausgefallene, das Besondere. Im Bereich der Sexualität bedeutete das, dass nun alles erlaubt war, nicht sofort, aber allmählich. Und auch wenn vieles, was man nicht kannte, zum Ziel von Spott und Hohn wurde, so blieb von der alten Moral, den mores maiorum, nicht viel übrig, und davon fand auch viel den Weg in die erhaltene Literatur.

Was weiterhin streng aufrecht erhalten wurde, war der Schutz junger Mädchen und Knaben, verheirateter Frauen und Witwen. Alles andere war de facto Freiwild. Gesetzliche Regelungen gab es erst in der Kaiserzeit unter Augustus, der sich mit erstaunlich wenig Erfolg um eine Wiederherstellung der alten Sitten bemühte. Darüber können auch spektakuläre Bestrafungen innerhalb der eigenen Familie oder die Verbannung prominenter Bürger nicht hinwegtäuschen.

Zu weit verbreitet und vergleichsweise billig war in Rom die "käufliche Liebe", die auch gesellschaftlich akzeptiert wurde. Nur wenn man dabei sein Vermögen verprasste oder wenn man als Herr von Welt nicht mit einer gewissen Diskretion ans Werk ging, fiel das aus dem gesellschaftlich anerkannten Rahmen.

Ob in der Subura, vor den Vergnügensstätten oder Tempeln, überall stellten sich die Damen zur Schau und warben um Kunden, angeblich sogar vor Friedhöfen. Die meisten Dirnen waren Sklavinnen und Freigelassene, aber auch römische Bürgerinnen konnten diesem Gewerbe nachgehen – die prominenteste war mit Sicherheit die Kaiserin Messalina. Es ist klar, dass diese Edel-Prostituierten wesentlich höhere Preise verlangten als üblich. Die Preise begannen nämlich bei einem As, der kleinsten in Rom zirkulierenden Münze.

Allerdings gab es innerhalb des Unterhaltungsgewerbes enorme Unterschiede, sodass man nicht jede mit einer Liebesdienerin gleichsetzen kann. So war es durchaus möglich, dass manche auch über hohe Bildung verfügten und als Kurtisanen mit griechischen Häteren viel eher vergleichbar waren also mit Dirnen.

Des Weiteren mieteten sich reiche Adelige attraktive Damen, wenn sie an gesellschaftlichen Veranstaltungen teilnahmen, wobei das Eine das Andere freilich nicht ausschließen musste. Um solche handelt es sich auch in den Gedichte, die berühmte Poeten wie Catull, Properz, Tibull oder Ovid verfasst haben und deren Liebesgedichte ich in den kommenden Teilen der Serie vorstellen werde – zumindest die etwas weniger bekannteren Passagen.

Das Werk Ovids ist ein typisches Beispiel für die Einstellung der Römer in Bezug auf die Sexualität: die Liebe als ein möglichst raffiniertes Spiel. Um mit den Gesetzen nicht offen in Konflikt zu kommen, schränkt er natürlich ein, dass sein Werk nicht als Anleitung zu illegalen Handlungen zu verstehen sei, sondern nur für junge Männer und unverheiratete Frauen gedacht ist.

Der Autor wagt sich damit in doppelter Hinsicht weit vor: Einerseits macht er sich offen über die Bemühungen des Kaisers, die Moral wieder in den Vordergrund zu stellen, lustig, andererseits enthält das als Lehrgedicht verfasste Werk auch emanzipatorische Aspekte und will sich auch als Ratgeber für Frauen verstanden wissen, die sonst im Normalfall nur aus der männlichen Perspektive betrachtet werden.

In kunstvoller Sprache beschreibt Ovid, wie und wo man ein attraktives Mädchen finden kann, wie man sich ihr nähert, was gut ankommt und was nicht, dass Bildung und Charme hilfreicher und wirksamer sind als Zauberformeln und Drogen, wie man sich kleiden soll, wie man es mit der Körperpflege halten soll, und viele andere Ratschläge mehr.

Am Ende des zweiten Buches erteilt er dann aber auch ganz praktische Ratschläge, wie man im Liebesakt den Höhepunkt ansteuern soll:

(683) Ich hasse Sex, der nicht beide befriedigt. Das ist der Grund, weshalb mich die Liebe zu einem Knaben weniger berührt. Ich mag auch keine, die sich darbietet, weil es für sie notwendig ist, das zu tun, und dabei lustlos selbst nur an die Arbeit denkt. Eine Lust, die der Verpflichtung wegen gegeben wird, ist mir nicht willkommen.

Mich macht es scharf, Laute zu hören, die ihre Ekstase zum Ausdruck bringen. Eine Pflicht braucht mir keine Geliebte zu erfüllen. Dass ich langsam komme und micht zurückhalte, soll sie bitten. Ich will die liebestollen Äuglein meiner Geliebten erblicken, die ganz überwältigt sind. Lange soll sie es aushalten und mir verbieten, sie zu berühren.

(705) Freiwillig ohne dein Zutun wird sie die allseits bekannten Liebeworte sprechen und deine linke Hand wird auf dem Bett nicht untätig liegen bleiben. Deine Finger werden an jenen Stellen etwas zu tun finden, an denen Amor (der Gott der Liebe) heimlich die Pfeile benetzt.

(717) Glaube mir, das Vergnügen der Liebe darf nicht überstürzt werden sondern muss durch lange Verzögerung allmählich angelockt werden. Wenn du die Stellen gefunden hast, an denen berührt zu werden die Frau freut, soll dir die Scham nicht dabei im Wege stehen, sie zu berühren.

Du wirst Augen erblicken, die von zitterndem Feuer aufblitzen wie die Sonne oft sich im klaren Wasser spiegelt.

(727) Eilt gemeinsam zum Ziel: Dann wird die Lust erfüllt sein, wenn gleichermaßen Mann und Frau erschöpft daliegen.

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