Fidel immer noch fidel?

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von Grigorios Petsos

Seit fast einem halben Jahrhundert regiert Fidel Castro in Kuba. Er überlebte 638 Anschläge, neun US-Präsidenten im Amt, den Kalten Krieg und dessen Folgen für den Kommunismus und jetzt wohl auch seine bisher schwerste Erkrankung.

In wenigen Wochen soll er die abgegebenen Amtsgeschäfte wieder übernehmen. Obwohl der lateinamerikanische Diktator am 13. August 80 Jahre alt wird und schon vor seinem Krankenhausaufenthalt schwach wirkte, will er weitermachen. Zu stark ist seine Person mit der Stabilität Kubas verbunden. Aber wie konnte der dienstälteste Staatschef der Welt so lange allen Widerständen trotzen?

Fidel Alejandro Castro Ruz war schon immer ein ausgefuchster Taktiker, der keinerlei Autoritäten akzeptierte außer der eigenen. Das fing schon in seiner Jugend an. Mit 13 wollte er die Plantagenarbeiter seines großgrundbesitzenden Vaters zu einem Streik führen und mit (wahrscheinlich) 15 ließ Castro seine Geburtsurkunde fälschen, um sich älter zu machen, damit er das Jesuitenkolleg besuchen konnte. Deshalb feiert er jetzt wohl in Wirklichkeit erst seinen 79. Geburtstag.

Vater war Großgrundbesitzer

Angel Castro Argiz stammte noch direkt aus Spanien. Nach Kuba emigriert, kämpfte er auf Seiten der spanischen Regierungstruppen gegen die Aufständischen, die für die Unabhängigkeit Kubas stritten. Als die Freiheitskämpfer gesiegt hatten und Kuba unabhängig geworden war, kehrte Castros Vater zuerst nach Spanien zurück, kam dann wieder auf die karibische Insel und machte eine Karriere als Großgrundbesitzer. Seine Söhne Fidel und Raúl kamen so in den Genuss einer höheren Schulbildung.

Der junge Fidel studierte Jura an der Universität von Havanna und fiel schon bald durch sein politisches Engagement auf. Er gründete einen Ausschuss gegen Rassendiskriminierung, schloss sich der Kubanischen Orthodoxen Partei an, die gegen die korrupte Regierung von Carlos Prío Socarrás anging und beteiligte sich 1947 an dem Umsturzversuch gegen den Diktator der Dominikanischen Republik, Rafael Trujillo.

Anwalt der Armen

Die Schiffe wurden jedoch von der kubanischen Marine abgefangen, Castro konnte sich aber durch einen Sprung ins Meer vor der Verhaftung retten und schwamm drei Meilen bis zur kubanischen Küste zurück. Castro eröffnete als promovierter Jurist 1950 eine Rechtsanwaltskanzlei und war schon damals bekannt für seine anti-imperialistische, anti-amerikanische Einstellung und seinen engen Kontakt zur einfachen Landbevölkerung.

Um seine politischen Ansichten durchzusetzen, beabsichtigte er als Vorsitzender der Orthodoxen Partei die Wahlen zu gewinnen. Doch der Staatsstreich von General Fulgencio Batista verhinderte die Wahlen. Castro versuchte Batista nach geltendem Recht vor dem Verfassungsgericht zu verklagen, wurde jedoch abgewiesen. So musste der findige Fidel einen anderen Weg finden, sein unglaublich starkes Ego durchzusetzen.

Der Jurist Castro begründete den bewaffneten Kampf gegen das Batista-Regime mit dem in der Verfassung von 1940 festgeschriebenen Wiederstandsrecht, das nun in Kraft getreten sei. 1953 stürmte Castro mit 129 Männern zwei Kasernen mit zahlenmäßig überlegenen Verteidigern. Der Aufstand, der sich zum Massenaufstand ausweiten sollte, scheiterte, doch Castro hatte sich einen Namen gemacht.

Castro wird verschont

Fast alle Aufständischen wurden standrechtlich erschossen, doch Castro wurde von einem Offizier gefangen genommen, der ihn entgegen des ausdrücklichen Befehls Batistas verschonte. Fidel Castro kam vor Gericht, verteidigte sich (unter anderem) mit seinem berühmten Satz "¡La historia me absolverá!" ("Die Geschichte wird mich freisprechen!") und wurde zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt.

Durch den wachsenden Druck aus der Bevölkerung und seine einflussreiche Familie kam er nach zwei Jahren wieder frei. Nur wenige Wochen später gründete er im Juni 1955 die Widerstandsbewegung "26. Juli" und ging mit seinen Mitstreitern ins mexikanische Exil, um sich auf einen zermürbenden Guerillakampf vorzubereiten.

Invasion mit Yacht

Am 2. Dezember 1956 kehrten 80 Revolutionäre mit ihrem Comandante en Jefe (Befehlshabender Kommandant) auf einer Yacht nach Kuba zurück. Zwei Jahre dauerte der Guerillakampf gegen die weit überlegene Armee des Batista. Am 1. Januar 1959 flüchtete der mit Unterstützung der USA regierende Diktator aus Kuba, denn auch die bürgerlich-demokratischen Kräfte hatten sich gegen ihn gestellt.

Ausschlaggebend war wohl auch, dass sogar die USA ein Waffenembargo verhängt hatten und sich zudem weigerten, offizielle Waffenhilfe zu leisten, nachdem Batista ein Massaker an Oppositionellen angerichtet hatte. Dennoch versuchte die CIA bis zum Schluss, Batista inoffiziell zu unterstützen und zu halten.

Als Castro gesiegt hatte, nahm er entgegen früherer Behauptungen, er wolle kein Staatsamt für sich, sofort die Regierungsgeschäfte an sich und erklärte sich zum Staatschef.

Ursprünglich war Castro wohl kein Kommunist, sondern eher sozialistisch. Doch sein Bruder Raúl und sein Mitkämpfer Ernesto Che Guevara drängten auf eine Annäherung an die Sowjetunion. Letztlich standen ihm die totalitären kommunistischen Staaten näher als die kapitalistische USA und so näherte er sich sowohl der UdSSR als auch der kubanischen sozialistischen Partei ( Partido Socialista Popular) an.

Castro hätte Atomkrieg riskiert

1961 gründete er die Kommunistische Partei Kubas, der bis heute nur hochverdiente Mitstreiter beitreten dürfen. Doch Castro ließ sich nicht vom Sowjetkommunismus vereinnahmen und setzte sich in einem internen Machtkampf gegen die kommunistischen Hardliner unter seinen Anhängern durch, die eine vollkommene Annerkennung der Führungsrolle der Sowjetunion forderten. Aus sicherheitspolitischen Gründen ließ er aber die Stationierung sowjetischer Militärs und Langstreckenwaffen auf seiner Insel gerne zu.

Perfiderweise war es aber gerade die Kubakrise 1962, bei der die USA die UdSSR unter Androhung eines Atomkrieges zwangen, das militärische Engagement in Kuba zu beenden, die Castro sich noch weiter von der UdSSR distanzieren ließ. Denn Ché Guevara, Raúl und Fidel Castro waren allesamt gegen den Abzug der Sowjets und hätten die Gefahr eines Dritten Weltkriegs riskiert. Ein Glück, dass die Großmächte über ihre Köpfe hinweg entschieden.

Sogar Moskau putschte gegen Castro

Doch die sowjettreuen Kommunismusanhänger in Fidels Gefolgschaft ließen nicht locker. Guevara hing gar dem Maoismus an und verließ das Land, um die Revolution in andere Länder zu tragen. Castro-Mitstreiter Escalante dagegen unternahm 1967 gar einen von Moskau unterstützen Putschversuch gegen den Máximo Líder, wie dieser inzwischen genannt wurde. Escalante und seine Männer waren aber abgehört worden und wurden im Januar 1968 verhaftet.

Als mit Gorbatschow das Ende des Kalten Krieges nahte, soll Castro durchaus Sympathien für den neuen Kurs gehabt haben. Gorbatschow unterließ aber nach eigenen Aussagen aufgrund der speziellen Situation in Kuba eine Ermahnung des kubanischen Staatschefs, wie er sie Honecker und anderen gegenüber zuteil werden ließ. Tatsächlich dachte Castro nicht im Traum daran, in Kuba Perestroika und Glasnost einzuführen.

Castro geht seinen eigenen Weg

Der Fidelismus ist letztlich eine eigene politische Richtung geworden mit ihren eigenen Gesetzen, jenseits des Warschauer Paktes. Doch Castros Überlebenssystem ist auch auf Unterdrückung und Verfolgung der Opposition aufgebaut. Nur so konnte er sich wohl 47 Jahre lang an der Macht halten und den 638 Anschlägen entkommen, die meist von den USA unterstützt oder sogar selbst von ihnen ausgeführt wurden.

Man versuchte ihn auf die unterschiedlichsten Arten zu erschießen, durch eine Bombe zu töten, zu vergiften, ja sogar mit einer explodierenden Zigarre wollte man ihm zu Leibe rücken. Doch alle Attentate und auch Umsturzversuche schlugen fehl. Wie Ex-Geheimdienstchef Escalante jetzt zugab, wurden 638 Attentate auf das Leben des Máximo Líder gezählt.

Feindschaft der USA zum Vorteil genutzt

Der wohl spektakulärste Umsturzversuch fand 1961 in der Schweinebucht auf Kuba statt. Exil-Kubaner versuchten mit Unterstützung des US-Militärs eine Invasion. Der Versuch scheiterte kläglich. Seitdem entwerfen die USA immer wieder Umsturzszenarien, dazu gehören auch die bis heute anhaltenden Wirtschaftssanktionen, welche die kubanische Bevölkerung immer wieder auf harte Überlebensproben stellte. Doch Castros Macht wuchs immer mit dem steigenden Druck der USA mit.

Bis heute scheint seine Beliebtheit im Lande ungebrochen und noch heute sind die Zustände unter Batista in guter Erinnerung, als die amerikanische Mafia Havanna beherrschte und spanische, kubanische und amerikanische Großgrundbesitzer mit Willkür, Korruption, Drogenhandel und Gewalt das einfache Volk unterdrückten.

Wenn schon arm, dann in Kuba

Tatsächlich hat Castro konsequent alle Großgrundbesitzer enteignet und deren Ländereien aufgeteilt. Er und seine Familie haben sich selbst nie bereichert. Afro-Kubaner bescheinigen dem fidelistischen System, frei von rassistischer Diskriminierung zu sein. Das Gesundheitssystem gilt inzwischen als eines der fortschrittlichsten weltweit, so dass kubanische Gesundheitsinitiativen auch andere lateinamerikanische und afrikanische Länder versorgen.

Allgemein geht in Lateinamerika das Wort herum, dass mal als Armer in einem mittel- oder südamerikanischen Land in Kuba noch am allerbesten lebt. Wobei der Lebensstandard allgemein sehr niedrig ist. Dafür gibt es aber keine riesigen obdachlosen Bevölkerungsteile, die sich von Abfällen ernähren müssen. Keine Armeen von Straßenkindern, die von selbsternannten Ordnungshütern regelmäßig massakriert werden. Kuba kann zudem schon seit den Sechziger Jahren auf eine in Lateinamerika beispiellose Alphabetisierung zurückblicken: 99 Prozent der Bevölkerung kann seither lesen und schreiben.

Schwere Vorwürfe

Auf der anderen Seite gibt es zahlreiche Missstände in Kuba – vor allem in den Gefängnissen, wo Menschenrechtsverletzungen wohl an der Tagesordnung sind. Auch wegen Folter wurde das Regime schon angeklagt. Die Meinungsfreiheit wurde von Castro zudem stark eingeschränkt, noch vor kurzem wurden wieder zahlreiche Oppositionelle verhaftet. Nur langsam kann sich eine Menschenrechtsorganisation in Havanna Gehör verschaffen.

Denn eine echte Opposition oder Wahlen hat Castro nie zugelassen, und wenn es Wahlen gab, dann hatte der Stimmzettel nur eine mögliche Antwort. Gleichzeitig ist Castro ein unermüdliches Arbeitstier, das seit fast einem halben Jahrhundert durchgängig im Einsatz war. Doch auch der scheinbar unzerstörbare Castro, der angeblich nur zwei Stunden am Tag schläft und der als junger Mann eine Karriere in der US-Profi-Baseball-Liga ablehnte, kann nicht ewig leben und sein umstrittenes System für alle Zeiten aufrechterhalten.

Die fortwährende Isolierung und andauernde Bekämpfung durch die USA haben die Kubaner wohl nicht nur zusammengeschweißt, sondern auch an ihren Diktator gebunden. Alles Gute im Lande wird deshalb gerne dem Maximo Líder zugeschrieben, alle Missstände seinen Untergebenen. Auch wenn er es stets bestritt – es herrscht ein starker Personenkult um Fidel Castro.

Vorbild für die armen Länder

Nicht nur sein einnehmendes, charismatisches Auftreten, auch seine Fähigkeit, die Menschen mit stundenlangen, sehr konzentrierten Reden zu begeistern sowie sein regelmäßiges Bad in der Menge, sorgen nicht nur im Inland für eine bis heute anhaltende, weit verbreitete Sympathie. Vor allem in Ländern der Dritten Welt schätzt man seinen Einsatz gegen Massenarmut und für Gesundheitsversorgung und Bildung.

Außerdem wurden viele linke und sozialistische Bewegungen in Lateinamerika und Afrika von Castro unterstützt. Den Sandinisten in Nicaragua wurde gegen die US-gestützten und rechtsgerichteten Contras ebenso geholfen wie der Volksbewegung zur Befreiung Angolas (MPLA), bei der kubanische Truppen sogar direkt eingriffen. Ärzte, Lehrer, Techniker und Konstrukteure wurden in viele Teile der Welt entsandt, was den guten Ruf Castros vor allem in armen Ländern weiter stärkte.

Vorbild für viele Dritte-Welt-Länder

In vielen armen Ländern der Erde ist er inzwischen ein sehr gern gesehener Gast und die Menschen dort hängen an seinen Lippen. Aber auch westliche Staatsmänner wie Ex-Präsident Jimmy Carter, der ehemalige kanadische Präsident Trudeau oder Spaniens König Juan Carlos ließen sich von ihm einladen und sprechen mit Respekt von ihm.

Sein engster Verbündeter ist derzeit der venezolanische Präsident Chávez, der mit seiner permanenten bolivarianischen Revolution (nach dem Revolutionär Simon Bolivar) einen ähnlichen Weg wie Castro geht und von den USA dafür heftig kritisiert wird.

Achtung und Verachtung

Auch mit dem 1963 ermordeten Ex-US-Präsident J.F. Kennedy verband ihn zumindest gegenseitige Achtung, auch wenn dieser für die Invasion in der Schweinebucht verantwortlich zeichnete. Verschwörungstheorien, nach denen Castro Kennedy hat ermorden lassen, entbehren im Übrigen jeglicher Grundlage.

Nichtsdestotrotz arbeitet man in Washington schon am nächsten Umsturzplan. Die Krankheit oder der Tod Castros sollen jetzt genutzt werden, um mit der "Beratungskommission für ein freies Kuba" endlich "Maßnahmen für einen schnellen Regimewechsel" in Kuba einzuleiten. George W. Bush kündigte für diesen Fall schon an, den vor 47 Jahren enteigneten kubanischen und amerikanischen Großgrundbesitzern ihr Land zurückgeben zu wollen.

Realität holt Kuba langsam ein

In Wirklichkeit hat der Dollar schon längst Einzug in Kuba gehalten und ist dort praktisch zweite Währung. Amerikaner und andere Ausländer dürfen inzwischen wieder Handel treiben und nicht zuletzt hat der von Castro geförderte Tourismus dem Land geholfen, ausbleibende Zahlungen aus Moskau nach dem Ende des Kalten Krieges zu kompensieren und somit auch diese Phase bis heute zu überstehen.

Sollten die im nur 90 Meilen entfernten Florida schon in den Startlöchern sitzenden Exilkubaner ihre Konterrevolution bekommen, müsste eigentlich auch die Familie Castro die riesigen Ländereien zurückbekommen, die einst Fidels Vater gehörten, und die der junge Revolutionär ebenfalls unter Kleinbauern aufteilen ließ.

Andererseits hat Bush derzeit zu viele Eisen im außenpolitischen Feuer, als dass er sich einen weiteren Brandherd leisten könnte.

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