Geheimnis der Olmeken

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18.12.2002 - 23:00 Uhr

von Kristian Büsch

Kürzlich entdeckte Gravuren auf einem Siegel und einer Jadescherbe scheinen zu belegen, dass schon die Olmeken eine vollwertige Schrift hatten. Bisher galten die Zapoteken (ab circa 500 vor Christus im Gebiet von Monte Albán, Mexiko) als erste Schriftkultur der Neuen Welt. Ab etwa 300 vor Christus lässt sich bei ihnen Schriftverkehr nachweisen.

Die Olmeken gelten als die Mutterkultur Mittelamerikas. Allein eine eigene Schrift fehlte bisher, um ihnen auch den Status einer Hochkultur zu verleihen. Nach unserer Auffassung ist die Entwicklung einer vollwertigen Schrift unbedingtes Kriterium einer solchen.

Die in der Nähe von La Venta gefundenen Artefakte mit den Schriftzeichen sind rund 2650 Jahre alt, älter als alles was wir bisher kennen. Wenn der erste Eindruck richtig ist, scheint die olmekische Schrift ältester Vorläufer des ausgefeilten Schriftsystems der Maya zu sein. Gewisse Ähnlichkeiten sind jedenfalls nicht zu leugnen.

Die Darstellung erinnert am ehesten an einen modernen Comic. Neben dem Mund ist eine Art Sprechblase gezeichnet. Beschrieben ist eventuell ein königliches Ritual und der dazugehörige astronomische Kalender, unverzichtbarer Bestandteil bei der Koordination jeglicher religiöser Handlung.

Anhand des Vergleiches mit entsprechenden Symbolen der Maya könnte auf dem Siegel ein Name eingraviert sein. Danach würde die Inschrift König 3 Ajaw bezeichnen. Sollte sich dies bestätigen, hätten die Forscher den Beweis, dass schon 650 vor Christus es eine enge Verbindung zwischen Schrift, Macht und Kalender gab. Diese Deutung ist durchaus naheliegend.

Herren der Köpfe
Olmeken besiedelten erstmals wohl um 2000 vor Christus die Süd-Ostküste des heutigen Mexikos. Seit vielleicht 1500 vor Christus entwickelten die Siedlungen langsam einen städtischen Charakter. Auch wenn der Dschungel auf den ersten Blick nicht wie der ideale Geburtsort einer Hochkultur erscheint, erlaubt er doch die Erwirtschaftung eines gewissen Überschusses. Die zahllosen Flüsse waren ideale Transportwege, die Ufer fruchtbare Äcker. Jener Überschuss ist eine wichtige Bedingung bei der Entwicklung einer in sich differenzierten Bevölkerungsstruktur, die wiederum erster Schritt auf dem Weg zu einer hochstehenden Kultur ist.

Erstes und ältestes städtisches Zentrum der Olmekenkultur war San Lorenzo in der Region Tabasco. Weitere Zentren waren La Venta, Cerro de las Mesas und Tres Zapotes. San Lorenzo lag auf einem rund 50 Meter hohem Plateau, das zumindest teilweise künstlich angelegt wurde. Es wird im Allgemeinen vermutet, San Lorenzo stelle eine Art religiöses Zentrum dar.

Anhand der erhaltenen Reste schätzen Archäologen die Bevölkerung auf etwa 1000 Menschen. Wie und warum die Stadt um 900 vor Christus zerstört wurde, ist unklar. Denkbar wären eine Invasion, ein Aufstand oder die freiwillige Aufgabe des Siedlungsplatzes.

Bekannt sind die Olmeken heute vor allem für ihre überdimensionalen Steinköpfe, beredtes Zeugnis hoher künstlerischer Meisterschaft. Bis zu drei Meter hoch und 40 Tonnen schwer sind sie. Gut zu erkennen ist eine helmartige Kopfbedeckung. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass es sich dabei um einen Kopfschutz handelt, wie er während des durch figurine Darstellungen bekannten Ballspiels getragen wurde. Die Interpretation erleichtert diese Erkenntnis nicht. Man könnte höchstens annehmen, dass der Schamane, spiritueller Führer des Staates, und seine Gehilfen ursprünglich das Ballspiel vorführten.

Ein Spiel auf Leben und Tod
Die Olmeken gelten als Erfinder des Ballspiels, wie wir es auch von den späteren Hochkulturen Mesoamerikas kennen. Gespielt wurde mit einem Kautschukball. Sowohl die Größe des Balles als auch die genauen Regeln des Spiels variierten zwischen den Völkern. Von den Maya wissen wir, dass der Ball nur mit den Hüften, Schenkeln oder Knien berührt werden durfte. Ziel war es, den Ball durch ein Loch in der Wand zu zirkeln. Der Legende nach wurden die Verlierer den Göttern geopfert. Vermutet wird aber, dass viel eher die Gewinner auf dem Opferaltar endeten, schließlich war das rituelle Opfer eine hohe Ehre.

Von den Olmeken wissen wir, dass sie rituelle Menschenopfer darbrachten. Sogar Kinder wurden den Göttern geweiht. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Opferung eines der Teams auch bei ihnen feierlicher Höhepunkt der Zeremonie war.

Dazu passt, dass nach unseren Informationen häufig Edelleute auf dem Platz standen. Man darf also, ohne viel zu spekulieren, annehmen, dass das Ballspiel keine reine Unterhaltungsveranstaltung war, sondern eine religiöse Komponente hatte. Das vielleicht bekannteste Spielfeld seiner Art findet sich in Chichén Itzá.

Doch zurück zu den Kolossalköpfen der Olmeken und dem Erscheinungsbild derselben. Mindestens ebenso interessant wie die Frage des Kopfschmucks ist die eigentliche Physiognomie der Gesichter.

Wirft man einen genaueren Blick auf die Köpfe, fällt einem unwillkürlich eine befremdliche Eigenart ins Auge. Die bulligen Gesichter mit vollen aufgeworfenen Lippen und breiten flachen Nasen haben so gar nichts gemein mit dem, was wir in Lateinamerika erwarten würden. Sie erinnern eher an einen afrikanischen Stammesfürsten als an die eher zierlichen Bewohner Mittelamerikas. Die Frage, woher sie ihre Inspiration hatten, wäre sicher interessant zu beantworten.

Spätere Zivilisationen scheinen die Art der Darstellung nicht übernommen zu haben und auch die Physiognomie der olmekischen Figurinen ist völlig anders. Es finden sich eher hagere Gesichter mit schmalen Augen durchaus entsprechend dem Bild, welches vor unserem geistigen Auge schwebt, wenn wir uns zum Beispiel einen stolzen Maya vorstellen.

Die gelegentlich angebotene Erklärung, es handele sich bei den Köpfen um asiatische Einflüsse, die mit der eiszeitlichen Einwanderung nach Amerika hierher gelangten (Kambodschaner und Philippinos zeigen ähnliche Merkmale wie die Köpfe), überzeugt nicht restlos. Außerdem mangelt es an Kritik an der so genannten Clovis-Theorie nun wahrlich nicht.

Neben den kolossalen Köpfen sind hohe Stelen, Steinsarkophage und Altäre weitere Zeugen der Vorliebe der Olmeken für Stein. In La Venta findet sich zudem die älteste Pyramide der Neuen Welt. Mit der Anlage von repräsentativen religiösen Zentren mit der alles überragenden Pyramide scheinen die Olmeken erneut prägend für spätere Zivilisationen.


Die Olmeken waren eine ausgreifende Zivilisation. Ihr Einfluss wuchs relativ schnell vom Hochtal von Mexiko bis nach Yucatán. Offenbar war es aber keine aggressive Expansion im Sinne eines Konflikts, vielmehr vergrößert sie ihn durch Handel. Die Routen zogen sich bis tief hinein nach Mittelamerika. Ihr kultureller Einfluss auf spätere Kulturen wie die genannten Maya ist evident.
Exportschlager waren kleine Jadefiguren mit kultischen Motiven.

Eines der zentralen Motive religiöser Verehrung bei den Olmeken war ein seltsames Mischwesen aus Jaguar und einem Kind. Meistens wurde der so genannte Wer-Jaguar schreiend oder knurrend mit offenem Mund dargestellt. Das Motiv war durchaus variabel. Es reichte von der fast reinen Katzendarstellung bis hin zum reinen Menschen mit nur einer Andeutung des Jaguars.

Zweites wichtiges Motiv der Mythologie war die Schlange. Beide spielten auch zentrale Rollen im Mythos und späterer Zivilisationen. Kulkulcán (auch Quetzalcoatl) die gefiederte Schlange war Gott des Windes, der Medizin und der Kunst bei den Maya. Bei den Azteken galt er auch als Gott des Handwerks und Erfinder des Kalenders.

Erfinder der Schokolade
Vor allem eine Erfindung danken wir den Olmeken auch heute noch - Schokolade. Sie gelten als die Erfinder derselben, das Wort KaKao scheint aus dem Olmekischen zu stammen. Wir wissen wenig über die Konsumgewohnheiten der Olmeken, können jedoch wieder einen Blick auf die Maya werfen.

Sie genossen Schokolade ausschließlich in flüssiger Form. Besonders der Schaum galt als Delikatesse. Ganz im Gegensatz zu modernen Gewohnheiten tranken sie Kakao in recht eigenwillig anmutenden Kombinationen. Forscher wiesen unter anderem Spuren von Chilipfeffer nach - jedenfalls nichts für zarte Gemüter. Auf der anderen Seite wurde der Kakao ohnehin nicht gesüßt. In seiner puren Form hat er eher einen herben Geschmack.

Viele Rätsel um die Olmeken bleiben ungelöst. Niemand weiß so ganz genau, warum sie eigentlich von der Bühne abtraten. Die Städte wurden verlassen, die Kultur verschwand. Wieviel haben Maya, Azteken und andere wirklich von den Olmeken übernommen? Die Entdeckung der Schriftbeispiele ist ein interessanter Hinweis und ein wichtiger Puzzlestein. Vielleicht trifft der Begriff der Mutterkultur den Sachverhalt noch besser als ursprünglich gedacht.

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