Geheimnis um Watergate

Nixon
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Nixon

 
28.08.2003 - 22:00 Uhr

von Matthias Seng

In der Nacht zum 17. Juni 1972 brach eine Gruppe von Wahlhelfern des damaligen US-Präsidenten Richard Nixon in dem Washingtoner Hotel Watergate in Büroräume der demokratischen Partei ein, die dort ihr Wahlkampf-Hauptquartier eingerichtet hatte. Eine zum Hotel gerufene Polizeistreife verhaftete die fünf Einbrecher, die mit Handschuhen, Abhörgeräten und einer Tasche voller neuer Hundertdollarnoten ausgerüstet waren.

Zunächst schadete die Tatsache, dass der Anführer der Bande, ein ehemaliger CIA-Agent, der Sicherheitschef des Komitees zur Wiederwahl von Richard Nixon war, dem Präsidenten und dessen Kampagne keineswegs. Im Herbst 1972 wurde Nixon mit großer Mehrheit wiedergewählt.

Bob Woodward und Carl Bernstein, zwei junge Reporter der Washington Post, einer renommierten Tageszeitung, saßen der Vertuschungsstrategie des weißen Hauses nicht auf, wonach der Einbruch die Tat einiger Verwirrter gewesen sei, die zum Weißen Haus keinerlei Verbindung hatten, geschweige denn vom Präsidenten oder seinen Mitarbeitern instruiert worden waren. Bei ihren Recherchen wurden sie von einem hochrangigen Beamten aus dem Regierungsapparat unterstützt, der ihnen bei konspirativen Treffen ebenso wichtige wie brisante Informationen zukommen ließ.

Dieser Informant sollte Jahrzehnte lang geheim bleiben und Anlass zu zahlreichen Spekulationen bieten. Es vergingen mehr als 30 Jahre, bis eines der am besten gehüteten Geheimnisse der amerikanischen Geschichte gelüftet wurde: In einem Interview in diesen Tagen gestand Mark Felt, damaliger Vizechef der Bundespolizei FBI, der Informant der beiden Reporter gewesen zu sein.

Präsident Nixon war schon früher zum Gegenstand journalistischer Nachforschungen geworden, allerdings wegen Vorkommnissen, die scheinbar nichts mit Watergate zu tun hatten. Die Veröffentlichung der Pentagon Papiere in der New York Times am 13. Juni 1971 hatten im Weißen Haus für große Unruhe gesorgt. Bei den Papieren handelte es sich um eine geheime Studie zu den Ursprüngen und zum Verlauf des Vietnamkrieges zwischen 1961 und 1968.

Die Amerikaner erfuhren so nicht nur von den Versäumnissen und Fehlern der US-amerikanischen Vietnam-Politik, sondern auch, dass die Legitimation für den Vietnamkrieg ein einziges Lügengebäude war. Die Regierungen Kennedy und Johnson hatten die amerikanische Öffentlichkeit systematisch und vorsätzlich getäuscht, um sich die Zustimmung zum Krieg zu sichern.

Richard Nixon betraf der Inhalt der Pentagon-Papiere zwar nicht unmittelbar, denn er war erst 1969 zum Nachfolger von Lyndon B. Johnson gewählt worden, übrigens auch aufgrund seines Versprechens, den mittlerweile extrem unpopulären Vietnamkrieg zu beenden.

Nach seiner Wahl betrieb Nixon allerdings eine gänzlich gegensätzliche Politik. Er ließ den Bombenkrieg gegen Vietnam nicht nur ausweiten, sondern plante eine weitere Eskalation. Nach späteren Angaben seines letzten Stabschefs, General Alexander Haig, hatte Nixon sogar den Einsatz nuklearer Waffen ins Auge gefasst, weil er der Friedensbereitschaft der Vietnamesen nicht traute.

Was Nixon und seine Regierung aber am meisten fürchteten, war eine Veröffentlichung von Protokollen über die Luftangriffe, die seit 1969 heimlich und unter skrupellosem Bruch des Völkerrechts gegen das neutrale Kambodscha geflogen wurden. Den Kongress hatte man angelogen mit der Behauptung, die Bomben würden auf Ziele in Vietnam abgeworfen. Als Beleg hatte man sogar die Zielkarten gefälscht.

Zu den echten Dokumenten – Codename Menu – hatte nur ein kleiner Kreis von Eingeweihten Zugang, nach kritischen Äußerungen wurde selbst Verteidigungsminister Melvin Laird der Zugriff verwehrt.

Die Veröffentlichung dieser Papiere hätte ein Desaster für die Regierung bedeutet. Nixon und seine Umgebung hatten vor allem Daniel Ellsberg im Visier, einen ehemaligen Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums, von dem die New York Times schon die Pentagon-Papiere erhalten hatte. Ellsberg hatte immer noch ausgezeichnete Verbindungen in den Regierungsapparat und war ein entschiedener Nixon-Gegner. Es schien durchaus möglich, dass ihm unzufriedene Regierungsmitarbeiter die Menu-Protokolle ausliefern würden.

Bei Nixon und seinem inneren Zirkel um Sicherheitsberater Kissinger, Stabschef Haldemann und Präsidentenberater Ehrlichman löste diese Befürchtung einen regelrechten Verfolgungswahn aus. Für sie alle war Ellsberg ein Verräter. Nixon erging sich sogar in antisemitischen Verschwörungstheorien, weil Ellsberg Jude war. Er ordnete an Ellsberg unschädlich zu machen.

Deshalb wurde im Juli 1971 eine Gruppe von "Spezialermittlern" zusammengestellt, plumbers (Klempner) genannt. Die Gruppe sollte nicht nur allgemein den Regierungsapparat nach außen abdichten – deshalb Klempner – sondern zugleich Daniel Ellsberg ausspionieren und in der Öffentlichkeit verleumden. Die Mittel waren dem Präsidenten gleichgültig: Ein ehemaliger CIA-Mann und ein Ex-FBI-Agent setzten Schlägertrupps auf Ellsberg an und organisierten im September einen Einbruch in die Praxis seines Psychoanalytikers.

Es war dann dieselbe, auf Ellsberg angesetzte Gruppe von "Klempner", die bei ihrem Einbruch im Hotel Watergate von der Polizei festgenommen wurde. Was hinter der Aktion steckte, ist bis heute unklar. Vielleicht fürchtete man, dass der Renegat Ellsberg Kontakte zur demokratischen Partei aufgenommen hatte, vielleicht wollte man belastendes Material gegen demokratische Politiker zusammenstellen, vielleicht war man auf der Suche nach Dokumenten über illegale Spenden an Nixon.

Präsident Nixon jedenfalls musste befürchten, dass die Festgenommenen über die Aktionen gegen Ellsberg berichteten, dass seine wahren Absichten im Hinblick auf Vietnam bekannt würden und damit eine Lawine losgetreten werden würde, die ihn unter sich begraben konnte.

Deshalb wurde der Einbruch heruntergespielt und wurden die Helfer Nixons als Einzeltäter hingestellt. Auf Vorschlag seines Stabschefs Haldeman beschloss Nixon sogar, auf das FBI Druck auszuüben, damit es seine Ermittlungen einstellte. Dieses Vorhaben schlug zwar fehl, aber über Monate hin versuchte die Nixon-Administration alles in ihrer Macht stehende, um die Aufklärung in diesem Fall zu verhindern.Dazu zählten die Anstiftung zum Meineid und die Zahlung von Schweigegeldern.

Unter Verweis auf das so genannte "exekutive Privileg" des Präsidenten wurden Beweismittel zurückgehalten. Alle diese kriminellen Machenschaften waren zweifelsfreie Fälle von Amtsmissbrauch und Verstößen gegen die Verfassung.

Aufgrund der Presseberichte musste sich Nixon aber dem öffentlichen Druck beugen und einen Sonderermittler in Sachen Watergate ernennen. Im Senat kam es in einem dazu eigens bestellten Sonderausschuss zu Anhörungen, in denen zwei von Nixons Vertrauten schließlich enthüllten, dass es Tausende von Tonbandmitschnitten über Besprechungen des innersten Machtzirkels im Weißen Haus gab.

Diese Tonbandmitschnitte waren auch unter früheren Präsidenten üblich gewesen – zu Zwecken der Dokumentation und für spätere Präsidentenmemoiren. Presse und Senat forderten einhellig die Veröffentlichung der Aufzeichnungen.

Das Weiße Haus versuchte zunächst ihre Herausgabe zu verzögern, auf Nixons Druck wurde Sondeermittler Cox entlassen. Zunächst gab die Regierung nur Ausschnitte der Tonbandprotokolle frei. Aber auch die reichten schon aus, um die amerikanische Öffentlichkeit zu schockieren. Sie zeigten einen Präsidenten, der offenbar an Verfolgungswahn litt, der in einer vulgären Sprache alle als Feinde ansah, die nicht für ihn waren.

Und sie zeigte den Zynismus einer Regierung, die mit Lug und Trug einen Krieg entgegen ihren öffentlichen Bekenntnissen fortzusetzen gewillt war, der nicht nur längst verloren war, sondern der regelrecht völkermordartige Dimensionen angenommen hatte.

In seinem skrupellosen Bemühen, von seiner Präsidentschaft zu retten, was nicht mehr zu retten war, opferte Nixon nach und nach sämtliche engen Mitarbeiter. Aber einige der Sündenböcke rächten sich für die Illoyalität des Präsidenten. Die beiden Mitarbeiter, die vor dem Senat die Existenz von Tonbandmitschnitten preisgegeben hatten, waren kurz zuvor von Nixon entlassen worden.

Ebenso traf es schließlich den Stabschef Haldemann sowie den Präsidentenberater Ehrlichman. Lediglich Henry Kissinger, Sicherheitsberater und Außenminister, verlor nicht die Gunst seines Präsidenten. Aber es alles half nichts mehr.

Der öffentliche Druck auf Nixon wurde immer stärker, und im August 1974 tauchte schließlich der entscheidende Hinweis, das so genannte "smoking gun", das alle Zweifel aus dem Weg räumende Beweistück: eine Tonbandaufnahme vom 23. Juni 1972, aus der hervorging, dass der Präsident über die Aktivitäten der "Klempner" nicht nur informiert, sondern dass er die treibende Kraft hinter den Machenschaften der Gruppe war.

Erst als der Kongress, erstmalig in der Geschichte der USA, ein Amtsenthebungsverfahren gegen Richard Nixon einleitete, sah dieser die Unhaltbarkeit seiner Lage ein. Am 8. August 1974 erklärte er seinen Rücktritt. Kriminelles Verhalten aber gab der Präsident aber nicht zu.

Kurz vor seinem Rücktritt hatte er in einer Fernsehansprache die Nation noch wissen lasen: "Ich bin kein Schurke." Der Ansicht war auch sein Nachfolger Gerald Ford, der Nixon am 8. September 1974 mittels einer äußerst umstrittenen Begnadigung einer drohenden Strafverfolgung entzog.

Die entscheidenden Hinweise, auf die Bob Woodward und Carl Bernstein ihre Enthüllungen über den Skandal aufbauten, stammten von Mark Felt, dem damaligen Vizechef des FBI. Erst in diesen Tagen gestand der 91 Jährige öffentlich seine zentrale Rolle in dem Politkrimi ein.

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