Gletscherschmelze

Trift
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Trift

 

von Grigorios Petsos

Zur UN-Weltklimakonferenz 2006 in Nairobi legte Greenpeace jetzt eine neue erschreckende Studie zur Geschwindigkeit der Gletscherschmelze vor. Demnach schmelzen uns die Gletscher vor den Augen weg. Grönland zum Beispiel verliert inzwischen dreimal so viel Eis pro Jahr wie in den Jahren vor 2003.

Durchschnittlich schmolzen im Zeitraum 1991 bis 2004 doppelt so viel Gletschermasse wie im Zeitraum 1961 bis 1990. Und in den Jahren 2001 bis 2004 ist die Abschmelzrate der Gletscher noch einmal kräftig angestiegen. Nur innerhalb eines Jahres, nämlich 2005, schrumpfte der Triftgletscher im Berner Oberland (Schweiz) um 216 Meter. "Es geht viel schneller als wir uns das jemals vorgestellt haben. Wenn wir im August und September in den Gletscherregionen unterwegs sind, können wir das Schmelzen der Gletscher hören", beschreibt Sylvia Hamberger von der Gesellschaft für ökologische Forschung die dramatische Lage.

2003 Katastrophe für Gletscher

Die Alpengletscher beispielsweise sind in den letzten 150 Jahren bereits auf die Hälfte geschrumpft, wobei sich dieser Prozess in den letzten beiden Jahrzehnten entscheidend beschleunigte. Allein das außerordentlich warme Jahr 2003 bewirkte einen Rückzug des einst Ewigen Eises um fünf bis zehn Prozent.

Forscher der Universität Zürich haben zudem eine Untersuchung vorgelegt, nach der 80 Prozent der bislang verbliebenen Alpengletscher bei einem Anstieg der durchschnittlichen Sommertemperaturen um drei Grad schmelzen werden. Michael Zemp vom Zürcher Geografischen Institut bestätigt, dass bei einer Erwärmung um nur drei Grad nur noch zehn Prozent der Gletscher des Jahres 1850 übrig blieben.

Das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) und der vorab veröffentlichte UNO-Klimabericht 2007 bestätigen, dass ein Anstieg der Sommertemperatur um zwei bis fünf Grad in den nächsten 60 bis 80 Jahren sehr wahrscheinlich ist.

2005 höchste Durchschnittstemperatur

Bei einer Erwärmung um fünf Grad Celsius wären die Alpen im Sommer dann praktisch eisfrei. Zemp weiter: "Unsere Studie zeigt, dass unter solchen Szenarien die Mehrheit der Alpengletscher in den nächsten Jahrzehnten verschwinden könnte." Aber auch bei einem weniger dramatischen, aber um so wahrscheinlicheren Anstieg der Sommertemperatur um nur drei Grad würden nur die größten Gletscher, wie der Große Aletschgletscher und jene in den höchsten Regionen der Alpen bis ins 22. Jahrhundert bestehen bleiben.

Auch eine NASA-Studie stellte fest, dass 2005 das Jahr mit der höchsten Durchschnittstemperatur seit einem Jahrhundert war. Dazu kommt, dass die fünf wärmsten Jahre seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen in die letzten zehn Jahre fallen.

Gletscher-Inventur bringt es ans Licht

Dummerweise erwärmen sich zudem die Berg- und Polarregionen schneller als andere Gebiete. In der Schweiz beispielsweise stieg die Durchschnittstemperatur dreimal schneller als im weltweiten Durchschnitt. So kommt es, das sich die Gletscher, der Permafrost, das Ewige Eis, also das Eis, das normalerweise auch im Sommer nicht schmilzt, jetzt doch schmilzt und zwar jedes Mal mehr davon.

Um das zu beweisen, erstellten die Züricher Forscher ein komplettes Inventar der Alpengletscher: 1970 bedeckten 5.150 Alpengletscher eine Fläche von 2.909 Quadratkilometern. Der Flächenverlust der alpinen Eisbedeckung von 1850 bis 1970 betrug circa 35 Prozent, in den letzten 30 Jahren hat sich dieser Prozentsatz aber auf fast 50 Prozent gesteigert.

Die Bergwelt verändert sich

Die Folgen sind bekannt, weit reichend und schon zu beobachten. Am sichtbarsten werden sie durch die zunehmenden Erdrutsche. Der Eiger zum Beispiel steht deshalb schon seit Juni unter genauer Beobachtung. Dort hat sich ein Spalt geöffnet, der sich täglich um drei bis fünf Zentimeter vergrößerte.

Jederzeit wird mit dem Abrutsch der Eiger-Felsnase gerechnet. Die betroffenen Gebiete wurden bereits gesperrt. Am 13. Juli 2006 stürzten schon 500.000 Kubikmeter des berühmten Schweizer Gipfels in die Tiefe, beim nächsten Rutsch, der unvermeidlich erscheint, wird erwartet, dass circa zwei Millionen Kubikmeter ins Tal krachen werden.

Die Züricher Glaziologen sind sehr besorgt: "Gerade in den dicht besiedelten Gebirgsregionen wie den Europäischen Alpen müsste man sich deshalb Gedanken machen zu den Folgen eines extremen Gletscherschwundes auf den hydrologischen Kreislauf, auf die Wasserwirtschaft, den Tourismus und Naturgefahren".

Gletscher sind die Fieberthermometer der Erde

Denn Gletscher zählten durch ihre physikalische Nähe zum Schmelzpunkt zu den besten Klimaindikatoren. An ihnen könne man den Klimawandel am genauesten beobachten. Die Folgen für ganze Ökosysteme mit ihren unzähligen Tier- und Pflanzenarten sind gefährdet. So machen die Gletscher den Klimawandel sichtbar: ?Drastischer als der Schwund der Gletscher kann kein Beweis für die Erwärmung der Erde sein?, bestätigt auch Ulrich Cubasch vom Max-Planck-Institut in Hamburg.

Auch die schmelzenden Gletscher auf dem Dach der Welt, wie das Himalaja poetisch genannt wird, lassen die geschmolzenen Eismassen immer mehr und immer größere Gletscherseen entstehen. Der Druck der Wassermassen könnte bald die Ränder abbrechen lassen, Täler und Dörfer in Indien, Nepal, Bangladesch, Tibet (China) und Bhutan sind jetzt schon konkret bedroht.

Nach der Flut kommt die Dürre

Es ist ein altes Naturgesetz, dass Überflutungen mit Dürren einhergehen. Denn wo Wasser schnell abfließt, bleibt es nicht auf Dauer. So auch in den von den Schmelzfluten bedrohten Regionen. Das einst im Eis vorrätige Süßwasser fließt ins Meer und versalzt. Die Grundwasserspiegel sinken langfristig und so bleibt der Nachschub für die sieben großen Flüsse Asiens immer mehr aus. Von diesen Süßwasser ist ein Zehntel der Weltbevölkerung abhängig.

Alleine im Ost-Himalaja haben sich schon 2.000 Gletscher verflüssigt. Auch hier lautet die Rechnung: Bei jetziger Geschwindigkeit sind alle Gletscher in China bis zum Jahr 2100 verschwunden. Die heutige Fläche von 500.000 Quadratkilometern aller Himalaja-Gletscher könnte schon im Jahr 2030 auf nur ein Fünftel schrumpfen. Manche Wissenschaftler sehen das Ende für alle Gletscher im Ost- und Zentralhimalaja schon 2035.

Ganz ähnlich sieht es in vielen anderen Gebirgen der Welt aus. So könnte zum Beispiel auch der 11.700 Jahre alte Kilimandscharo-Gletscher in Tansania in zehn bis 20 Jahren komplett abgetaut sein. Für den als Schimmernder Berg bekannte höchste Berg Afrikas müssten die Dichter dann einen anderen Namen suchen. Doch die größte Naturtragödie spielt sich an den Polen ab.

Unsere Pole sind unsere größten Süßwasserreserven. Allein der Nordpol verliert jährlich eine Fläche von der Größe der Niederlande. Innerhalb der nächsten 50 bis 70 Jahre könnte das Nordpolarmeer eisfrei sein und große Teile der Südpols geschmolzen sein. Damit verlieren nicht nur zahlreiche Tierarten ihren Lebensraum, die Auswirkungen für die Menschen werden noch viel katastrophaler sein, wenn der CO2-Ausstoss nicht verringert wird, wie im Kyoto-Protokoll vorgesehen und wie es in Nairobi erneut eingefordert wird.

Meeresspiegel steigt und steigt

Nur die Gletscherschmelze in Grönland alleine gerechnet verursacht inzwischen einen Anstieg des Meeresspiegels um einen halben Zentimeter im Jahr. Wenn das Grönland-Eis vollständig abtaut, steigt der Meeresspiegel weltweit sogar um rund sieben Meter an. Das Grönland-Eis bindet aber nur 11 Prozent der weltweiten Gletscher, 86 Prozent sind in der Antarktis festgefroren; noch.

Aber auch hier brechen regelmäßig Eisflächen der Größe Jamaikas ab, wobei der Westen der Antarktis wesentlich stärker betroffen ist als der Osten. Dadurch steigt der Meeresspiegel um noch einmal vier Zentimeter pro Jahrzehnt. Insgesamt steigt der Meeresspiegel in diesem Jahrhundert um bis zu einem Meter, das ergab eine NASA-Untersuchung.

Küstenschutz nur für Reiche

Die Hälfte der Weltbevölkerung aber lebt in Küstenregionen. Doch nur die reichen Länder werden sich einen Küstenschutz leisten können. Ärmste Länder wie Bangladesch haben aber kaum Möglichkeiten, die 17 Millionen bedrohten Menschen dort und deren Ernten zu schützen.

Denn die Meerwasserüberflutung versalzt jetzt schon das Grundwasser der tiefergelegenen Anbaugebiete, so schon geschehen in Thailand, Israel, China und Vietnam. Aber es drohen noch andere Gefahren, wenn die schützenden Gletscher einen Abgang gemacht haben.

Eiswüste wird zur Geröllwüste

Eigentlich könnte man ja denken, wenn das Eis schon zurückgeht, dann könnte man doch daraus einen Nutzen ziehen und sich das gewonnene Land nutzbar machen. Doch leider ist das Gegenteil der Fall: Zurück bleibt meist nur eine Geröllwüste.

In Russland sind sogar ganze Großstädte, wie Norilsk, Workuta und Jakutsk auf Permafrostböden gebaut. Und: Die russischen Öl- und Gaspipelines stehen ebenfalls auf immer wackligerem zukünftigem Ex-Permafrostboden.

Klimathermometer

So können wir den Fortschritt des Klimawandels genau am Zurückgehen der Gletscher, am Zurückweichen des Permafrostes wie an einem gigantischen Klimathermometer, ablesen. Denn sollte die Erderwärmung womöglich nur auf einer normalen Klimaschwankung beruhen und die Temperaturen wieder zurückgehen, wie manche Skeptiker vermuten, dann würden wir das ebenfalls an den Gletschern sehen können.

Allerdings kommen diese Skeptiker kaum aus den Reihen der Forscher, denn diese sind sich inzwischen weltweit einig: Der Klimawandel hat längst begonnen und ist fast nicht mehr zu stoppen.

Mit Quellen von:

greenpeace.de

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