Göttin der Surrealisten

Gala
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Gala

 

von Bülent Gündüz

Als Gala den jungen Paul Éluard im April 1914 kennen lernt, ist sie gerade achtzehn Jahre alt. Die beiden begegnen sich in einem Schweizer Sanatorium, in dem beide ihre Tuberkulose-Erkrankung auskurieren.

Gala, die eigentlich Helena Dimitrijewna Djakonowa heißt, ist in Russland in einem linksliberalen Haus aufgewachsen, hat viel Sinn für Kunst und Kultur und ist sehr selbstständig. Sie ist nicht schön, aber sie hat das gewisse Etwas.

Ganz anders Paul. Er ist ein kleiner, behüteter Junge, der in den Pariser Vororten aufgewachsen ist. Seine Familie stammt aus dem sozialistisch geprägten Angestelltenmilieu der Pariser Vororte und hat es durch einen Immobilienhandel zu Wohlstand gebracht.Von der Welt hat er bisher noch nicht viel gesehen. Nach seinem Aufenthalt in der Schweiz soll Paul eine Lehre beim Vater machen. Doch er schreibt lieber Gedichte.

In Gala findet er eine begeisterte Zuhörerin. Er verarbeitet in seinen Gedichten seine Gefühle, vor allem aber huldigt er der schönen Russin. Sie wird seine Muse und sein erstes Publikum. So entsteht zwischen den beiden eine große Liebe und Zuneigung, eine leidenschaftliche Beziehung und es ist die Geburtsstunde des großen Dichters Paul Éluard, der in dieser Zeit seinen ersten Gedichtband veröffentlicht, für den Gala das Vorwort verfasst.

Sie ist von Éluards Arbeit begeistert und treibt ihn voran. Sie bewundert sein Werk und bestärkt ihn, seine Arbeiten einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Nächtelang diskutiert sie seine Werke mit ihm. Für sie ist der Dichter ihr Ein und Alles. Fast mütterlich sorgt sie sich um ihn und sein Wohl. Gala vergöttert Paul und Paul vergöttert Gala.

Nachdem Paul 1919 aus dem Wehrdienst entlassen worden ist, können die Éluards ihr gemeinsames Leben beginnen. Doch das sieht anders aus, als sie es sich vorgestellt haben: Paul fängt beim Vater als kaufmännischer Angestellter an und langweilt sich. Er flüchtet sich in seine Gedichte und Verse.

Und auch Gala geht es nicht besser. Zwar geht es ihr jetzt materiell gut, doch ihr Leben ist bestimmt vom langweiligen Alltagstrott und dem verhassten Hausfrauendasein. Sie quält sich. Oft ist sie melancholisch, bekommt psychosomatische Probleme und nur ihre Liebe zu Paul stärkt sie und gibt ihr Kraft. Das alltägliche Leben erscheint ihr banal und steht in krassem Widerspruch zum Erhofften und den "herrlichen Träumen". Sie ist immer wieder hin und her gerissen zwischen ihrer Liebe und Ausbruchsfantasien aus dem bürgerlichen Leben, die sie in der Kunst jener Zeit findet.

Während Paul und Gala im Frühjahr 1921 an der Côte d'Azur Urlaub machen, entgeht ihnen ein ganz besonderes Ereignis. In Paris stellt ein neuer Künstler aus: Max Ernst.

Als Paul die Werke von Max Ernst sieht, ist er begeistert. Er reist mit Gala nach Köln, wo Ernst lebt und die beiden schließen rasch eine enge Freundschaft. Für Éluard ist Ernst ein Genie, er ist von der Magie der Bilder des Deutschen begeistert. Und Max Ernst ist glücklich, jemanden gefunden zu haben, der ihn und seine Malerei versteht. Für beide beginnt eine Phase intensiver gemeinschaftlicher Arbeit, in der einer vom anderen profitiert und gemeinsame Projekte erarbeitet werden.

Und es beginnt eine neue Liebesgeschichte. Gala und Max Ernst werden ein Liebespaar. Max ist ganz anders als Paul. Er ist groß, schlank, muskulös. Er ist lebhaft und sportlich, ein heiterer und locker auftretender Mann. Max Ernst hat blaue Augen und blondes Haar, er ist ein unbestritten schöner Mann, freundlich und bescheiden. Und für ihn ist Kunst keine Pflicht, sondern ein Kinderspiel.

Paul, dem die leidenschaftlichen Gefühle nicht verborgen bleiben, unternimmt nichts, um Gala von ihrem amourösen Abenteuer zurückzuhalten. Einem Freund vertraut er an: "Ich liebe Max Ernst viel mehr als Gala".

Und Gala? Sie ist nicht für eine Beziehung zwischen zwei Männern geschaffen. Sie liebt Paul und sie liebt Max und sitzt so zwischen den Stühlen. Gala ist verwirrt, nervös und aufgeregt. Während die Männer gefallen an der Situation zu finden scheinen, kann sie ihr wenig abgewinnen. Trotzdem freut sie sich, als Max Ernst zu den Éluards in ihr neues Haus am Rande von Paris zieht. Während Paul Éluard morgens zur Arbeit ins Büro fährt, arbeitet Ernst an neuen Bildern und Gala leistet ihm Gesellschaft.

Max Ernst beflügelt die Liaison mit Gala und er strotzt nur so vor schöpferischer Kraft. Gala inspiriert ihn, sitzt sogar nackt Modell für ihn. Trotzdem hat seine Malerei sie wohl häufiger überrascht und beunruhigt. Anders als die schlichte und reine Dichtung ihres Mannes ist ihr die visionäre Malerei von Max Ernst fremd. Während Pauls Gedichte Gala als sinnliche, kokette aber auch launische und despotische Frau beschreiben, verwandelt Max Ernst sie in seinen Gemälden zu einem übernatürlichen Wesen.

Pauls anfängliches Einverständnis wandelt sich im Lauf der Zeit. Er weiß nicht mehr, wo er steht und ist zwischen der Liebe zu seiner Frau und der Freundschaft zu Max Ernst hin und her gerissen. Er wird depressiv, verbringt ganze Nächte mit Freunden in Bars und ertränkt seinen Kummer im Alkohol. Seine Traurigkeit reicht so tief, dass er sogar unfähig wird, zu dichten.

Doch Paul kommt von Gala nicht los. Er trennt er sich zwar kurz von ihr und beginnt eine Weltreise, doch schon bald sehnt er sich nach ihrer Nähe. Die Éluards versöhnen sich und Gala verlässt Max Ernst.

Die Beziehung der Éluards ist aber nicht mehr dieselbe. Während sich Paul in seine Arbeit als Dichter stürzt und sich der gerade von den alten Freunden gegründeten Bewegung des Surrealismus anschließt, langweilt sich Gala wieder. Sie entfernt sich immer mehr von Paul und sucht, genauso wie ihr Mann, Ablenkung in zahlreichen Affären. Trotzdem versichert Paul Gala immer wieder seiner Liebe: Für ihn ist sie "meine kleine, meine schöne, meine feine, sinnliche und geniale Gala", die "ich über alles liebe, wirklich und in jeder Hinsicht".

Eine Einladung nach Spanien kommt in dieser Ehekrise gerade recht. Paul Éluard trifft in Paris einen jungen noch unbekannten spanischen Maler, der ihn in sein Atelier an der spanischen Küste einlädt. Seine Name ist Salvador Dalí.

Als Gala Dalí begegnet, ist dieser noch jung. Der Maler wirkt schüchtern und ruhig. Er ist schmächtig, dunkelhäutig, hat fast schwarze Augen, ein feines Bärtchen, schwarze Haare und ist sonnengebräunt. Viele halten Dalí wegen seines extravaganten Benehmens schlicht für verrückt.

Gala findet Dalí anfangs einfach nur unerträglich. Ganz anders Dalí: Sie fesselt ihn schon bei der ersten Begegnung. Die zehn Jahre ältere Frau übt eine unglaubliche Anziehungskraft auf den Katalanen aus und er bemüht sich intensiv um sie. Dalí zeigt Gala seine traumhaft schöne Heimat und auf den langen Ausflügen und Spaziergängen verliebt sich dann auch Gala in den Maler. Seine ganze Art, die Arglosigkeit mit der er sein Leben meistert und seine Verrücktheiten erweichen sie und wecken ihr Interesse.

Kein Wunder: Gala ist eine vom Leben gelangweilte Frau, desillusioniert und auf der Suche nach dem Leben. Dalí hat nur Augen für sie, die es liebt, angebetet zu werden. Und er ist noch ein Kind. Er braucht Schutz und Gala liebt es zu dominieren. Wie Paul ist Dalí ein weicher, sensibler Mensch – unfähig, das Leben ohne ordnende Hand zu meistern. Zu wissen, dass sie für einen Menschen von solch existenzieller Bedeutung ist, stärkt ihr Selbstbewusstsein und gibt ihrem Leben einen Sinn. Und Gala trifft eine Entscheidung: Sie verlässt Paul und zieht zu Dalí.

Von nun an kümmert sich Gala ganz um ihren "Kleinen". Sie überredet Dalí dazu, in das mondäne Pariser Leben einzutauchen und Verbindungen zu reichen Mäzenen zu knüpfen. Gala begleitet Dalí zu allen Abendeinladungen und hilft ihm über seine Ängste vor dem Ausgehen und seine Schüchternheit hinweg. Zärtlich wacht sie über jeden seiner Schritte und weicht nicht von ihm. Sie gibt ihm Kraft, Selbstbewusstsein und die nötige Ruhe.

Das Ehepaar Dalí ist ein Herz und eine Seele. Wo immer der Maler auftaucht, hält sich seine Frau schweigsam und diskret im Hintergrund an seiner Seite. Während er mit seiner Malerei langsam ins Rampenlicht rückt, bleibt sie im Schatten, aber immer an seiner Seite. Insofern er aus ihr die Kraft zum Leben und Malen schöpft, ist sie Quelle seiner Inspiration und ist doch viel mehr als nur Muse: Er nennt sie seinen "Engel des Gleichgewichts". Sie leitet jeden seiner Schritte, sein Dasein, seine Ideen.

Bei Dalí ist vieles Fassade. Er hat große Komplexe, Ängste nagen an ihm und mehrfach gerät er an den Rand des Wahnsinns. Gala hilft ihm in dieser Zeit, seine psychischen Probleme in den Griff zu bekommen. Sie nimmt ihn immer wieder an der Hand und gibt ihm das Gefühl, er sei der Größte. Durch sie lernt er, nach vorne zu schauen, ohne einen Blick zurück zu werfen und ehrgeizig seine Ziele zu verfolgen.

Ihre gesamte Energie verwende sie darauf, ihren Mann zu hofieren, zu schützen, zu bedienen und bewundernd zu umsorgen. Sie ebnet ihm alle Wege, verschafft ihm Ruhe für die Arbeit und bestimmt seinen Tagesablauf.

Der zweite Weltkrieg zwingt die Dalís zur Flucht in die USA. Hier hat Dalí eine äußerst fruchtbare Schaffensphase und schreibt auch seine Memoiren "Das geheime Leben des Salvador Dalí". Das Buch wird eine Hymne an Gala. Er beweihräuchert sie förmlich und hebt sie in den Himmel. Immer wieder wiederholt er, dass sie sein Ein und Alles sei. Im Epilog schreibt er: "Den Himmel habe ich die ganze Zeit (...) gesucht – den Himmel! Und was ist der Himmel? Gala, Du bist Wirklichkeit."

Der Aufenthalt in den USA wird auch finanziell zu einem vollen Erfolg. Mit kommerziellem Geschick und gekonnter Selbstvermarktung macht Dalì aus seiner Kunst ein florierendes Unternehmen. Auch hier ist Gala treibende Kraft und führender Kopf. Sie kontrolliert die Finanzen und handelt die Verträge aus und sorgt so dafür, dass sich der Maler ganz auf seine Arbeit konzentrieren kann.

Und hinter allem steht ihre Willenskraft, die ihn antreibt, mehr Bilder zu malen und ihr Verhandlungsgeschick, das zu immer höheren Preisen für Dalís Bilder führt. Galas panische Angst vor der Armut ist vor allem der Grund, dass die Dalís gierig Geld anhäufen.

Seit Dalí und Gala sich kennen gelernt haben, malt er sie unablässig. Doch obwohl er sie abgöttisch liebt und er sie im Zerrspiegel seiner wilden Fantasien malt, stilisiert er sie nicht, sondern malt sie in ungeschönten Realismus. Ihren Körper zeigt er immer in perfekter Proportion.

Mit geradezu manischer Präzision gibt er ihre markanten Gesichtszüge wieder. Sie verströmt nie den geringsten Charme, aber die Lebhaftigkeit und ihre Energie ist auf den Bildern bestechend. Es haftet ihr etwas Mysteriöses an, was den Betrachter der Bilder gefangen nimmt. In ihr ruht eine brachiale Kraft, die zugleich auch wesentlicher Teil ihrer Sinnlichkeit ist.

Dabei verfügt sie nicht einmal über eine erotische Ausstrahlung. Selbst auf einem Bild wie Galarina von 1944, wo Dali sie in aufreizender Pose mit entblößter Brust porträtiert, erkennt man in ihr weniger Weiblichkeit und Erotik als Macht und Hochmut. Das Bild spiegelt Galas Charakter wohl am besten: stark, kraftvoll, erhaben und selbstsicher. Mit gekreuzten Armen und zusammengekniffenen Lippen schaut sie den Betrachter direkt an und vermittelt Gleichgültigkeit und Arroganz. Selbst der Künstler Dalí schafft es nicht, ihr Wesen zu enträtseln.

Auch im Alter bleibt Gala Dalís Muse. 1952 stellt er sie als Engel von Port Lligat dar: sie sitzt neben einem gelben Boot und blickt in die Ferne. Ausgestattet mit einem Flügelpaar das ihr aus dem Rücken sprießt, strahlt ihre ruhige und sichere Art auf die ganze Bucht aus, die für Dalí das Zentrum der Welt ist. Im gleichen Jahr malt Dalí Assumpta corpuscularia lapislazulina, die Himmelfahrt einer Erzengel gleichen Gala. 1954 malt er in Corpus hypercubus Gala in einem Vestalinnengewand, die ihrem gekreuzigten Sohn in den gewitterschwarzen Himmel nachschaut.

In dieser Zeit veröffentlicht er auch sein "Mystisches Manifest", in welchem er bekannt gibt, dass er nicht länger bloß Surrealist sei, sondern zugleich tiefgläubiger Katholik, ein Anhänger sämtlicher Glaubensgeheimnisse. Und im Zentrum seiner Mystik steht nur eine: Gala. Es folgen weitere Bilder, in denen Dalí religiöse Themen malt und immer wieder Gala ins Zentrum dieser Bilder stellt. Mal malt er sie als Madonna, dann als Heilige Helena, als göttliche Gala, als Engel oder Retterin.

Nach acht Jahren kehren die Dalís im Juli 1948 wieder nach Spanien zurück. Ihr altes Haus in Port Lligat bauen sie nach und nach aus und machen es zu einem schmucken Anwesen. Hier leben sie sehr zurückgezogen.

Im Alter zieht sich Gala immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück. Das Leben an der Seite Dalís ist für sie zur Hölle geworden. Dalís verschrobene Existenz, die vielen Menschen um ihn herum und die Geschäftsleute, die ihnen die Tür einrennen, sind zu viel für sie. Mit zunehmendem Alter vernachlässigt sie ihren geliebten Dalí immer mehr. Sie zieht sich ganz auf ihr Schloss Pubol zurück, das ihr Dalí gekauft hat. Nur selten fährt sie noch ins 80 Kilometer entfernte Port Lligat hinunter. Dalí leidet sehr darunter. Er ist einsam und alte Ängste befallen ihn wieder.

Mehr als ein Mal sagt Gala, dass sie Dalí verlassen möchte und am Ende ihrer Kräfte sei. Sie leidet an Alzheimer und wird senil. Überdies nimmt ihre Aggressivität pathologische Züge an. Wenn sie gereizt ist, platzt ihr immer öfter der Kragen und sie prügelt auf Dalí ein. Häufig kommt es zu lautstarken Streitereien unter den Eheleuten. Dalí leidet unter der Situation. Physisch und psychisch geht es ihm immer schlechter. Als man ihn nicht mehr alleine lassen kann, zieht Gala wieder zu ihm und pflegt ihn. Aber sie verbittert zusehends.

Als Gala mehrmals stürzt und sich einen Oberschenkelhalsbruch zuzieht, wird sie bettlägerig. Am Nachmittag des 10. Juni 1981 wird das Haus von ohrenbetäubendem Gebrüll erschüttert. Es ist Dalí. Gala ist tot.

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