Hitler als Synonym

Merkel
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Merkel

 

von Grigorios Petsos

Zum wiederholten Male wurde Kanzlerin Merkel in der polnischen Presse mit Hitler verglichen. Aber wer wurde nicht alles schon mit Hitler verglichen? Besonders beliebt sind US-Präsidenten, Diktatoren aller Couleur, aber auch grundsätzlich alle Staatsoberhäupter und einfache Politiker werden immer wieder mit dem deutschen Schreckensherrscher verglichen. Dabei sind derartige Vergleiche nicht nur absurd, sie haben auch eine fatale Nebenwirkung.

Gehen die Argumente aus, sind Politiker oder andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens schnell dabei, den Hitler- oder den Nazi-Vergleich als Todschlagsargument einzusetzen. So auch im jüngsten Fall, als der stellvertretende polnische Ministerpräsident Roman Giertych seine Unzufriedenheit über die EU-Verhandlungen in einem Merkel-Hitler-Vergleich zum Ausdruck brachte. Der Vorwurf: Merkel wolle in Europa eine Supermacht unter deutscher Vormachtstellung errichten, so wie Hitler, nur mit anderen Mitteln.

Hitler-Vergleich als PR-Maßnahme
Dieser mehr als nur hinkende, völlig an den Haaren herbeigezogene Vergleich hatte aber zumindest eins erreicht: Giertych konnte die Aufmerksamkeit der internationalen Presse auf sich lenken. Nichts anderes war wohl geplant mit der provokanten Äußerung. Denn hätte er nur seine Unzufriedenheit über die Verhandlungsergebnisse geäußert, wäre dies wohl kaum in den Schlagzeilen gelandet. Doch was solche und ähnliche Bemerkungen auf Dauer anrichten können, hat er wohl nicht bedacht.

Zuerst kam Stalin
Doch schauen wir uns einmal die Geschichte der Hitler-Vergleiche an. Der erste, der mit Hitler verglichen wurde, war der sowjetische Diktator Joseph Stalin. Als nach dem Krieg nach und nach bekannt wurde, dass die Gräueltaten seines Regimes denen des Dritten Reiches kaum nachstanden, bot sich ein Vergleich an. Mag dies in jenem Fall noch einigermaßen sinnvoll gewesen sein, so wurden in der Folgezeit erst immer mehr Diktatoren, dann zunehmend Politiker extremer Richtungen mit dem nationalsozialistischem Gewaltherrscher verglichen.

Bush wird am häufigsten verglichen
Inzwischen ist jeder Politiker zum Abschuss mit dem Nazi-Vergleich freigegeben; angefangen bei den US-Präsidenten, die spätestens seit Reagan alle schon einmal mit Hitler verglichen wurden. Ja sogar der recht liberale demokratische Präsident Clinton musst sich 1998 vom Milliardär Ross Perot die abstruse Nebeneinanderstellung gefallen lassen. Die Liste der Hitler-Bush-Vergleiche ist inzwischen sogar eine Legende für sich. Weit über hundert Mal wurde George W. Bush schon mit Adolf Hitler in eine Liga der Schreckensherrscher gepresst.

Auch wenn der US-amerikanische Präsident einen sehr umstrittenen Krieg gegen den Terror führt, hat er einen derartigen Vergleich nicht wirklich verdient. Ist es nicht viel mehr so, dass Adolf Hitler dadurch verharmlost wird?

Auch in deutschen Landen ist man sehr schnell mit einem Nazi-Vergleich zur Stelle, um den politischen Gegner zu diskreditieren. Dabei spielt es inzwischen auch keine Rolle mehr, ob der so geschmähte auch ein rechtsextremer Politiker ist. Ganz im Gegenteil, deutsche Neonaziführer wurden noch nie mit Hitler verglichen, das hätten diese wohl gerne, den Gefallen hat ihnen aber noch keiner getan.

SED=NSDAP?
Doch aus allen anderen politischen Lagern mussten schon Politiker dran glauben. Angefangen bei Stoiber über Heiner Geißler, der von Willy Brandt einst mit Goebbels verglichen wurde bis hin zum Ex-Außenminister Joschka Fischer, der sogar von der Süddeutschen Zeitung mit Hitler verglichen wurde ("Größter Außenminister aller Zeiten"). Es kann aber auch ganze Institutionen treffen. Zum Mauerfall wurde die SED immer wieder gerne mit der NSDAP verglichen. Zwar handelte es sich bei beiden um totalitäre Parteien, die eine hatte allerdings einen Weltkrieg und den größten Völkermord der Geschichte auf dem Gewissen.

Auch Saddam war kein Hitler
Aber selbst bei nicht ganz so absurden Vergleichsmaßstäben trifft ein Hitler-Vergleich eigentlich praktisch nie zu. Der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger verglich einst den iranischen Ayatollah Khomeini mit dem Völkermörder aus Braunau. Aber weder der Ayatollah, noch der derzeit im Iran amtierende Machmud Ahmadinedschad und auch nicht der hingerichtete irakische Diktator Saddam Hussein haben alle lange nicht so viel auf dem Kerbholz wie der ehemalige Deutsche Reichskanzler. Wer derartige Vergleiche anstellt, vergisst dabei gern, dass dicht vorbei auch diffamierend ist.

Abtreibung als Völkermord?
Wenn der Kölner Erzbischof Joachim Meisner gesetzliche Abtreibungen mit den Verbrechen Hitlers gleichsetzt, nützt es auch nichts, wenn er sich später dafür entschuldigt. Mit seiner die Nazi-Opfer verhöhnenden Äußerung hat er es zwar geschafft, in die Zeitung zu kommen, er hat aber auch dazu beigetragen, die NS-Gewaltherrschaft zu bagatellisieren.

Äpfel mit Birnen verglichen
So verharmlost jeder weitere unpassende Vergleich mehr und mehr das, was damals wirklich geschah. Die Hitler-Vergleichs-Manie führt dabei sogar so weit, dass auch Dinge wie Krankheiten mit Hitler gleichgesetzt werden. So verglich die Sängerin Madonna einst AIDS mit Hitler. Und der US-Historiker Dr. Jim Hunter meinte sogar, dass die globale Erwärmung mehr Tote verursachen könnte als das Nazi-Regime; womit er unter Umständen sogar Recht haben könnte und damit eine der realistischsten anstellt. Trotzdem hat auch er Äpfel mit Birnen verglichen.

"Geh doch zum Hitler!"
Eins wird dadurch aber klar: Hitler fungiert zunehmend als Dämon, als symbolischer Teufel, der das Maß aller schlechten Dinge ist. Hitler ist offensichtlich zur Metapher für das Böse schlechthin geworden. Das führt sogar soweit, dass auch verhasste Geschäftskonkurrenten derart betitelt werden. Der US-Medien-Mogul Ted Turner hielt indirekt die Popularität des konkurrierenden Unternehmens Fox für so beliebt wie Hitler bei seinen letzten Wahlkämpfen Anfang der Dreißiger Jahre.

Da der Hitler-Vergleich nicht mehr aus den Köpfen zu kriegen ist, können sich Kritiker vielleicht damit trösten, dass auf diese Weise die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten nicht vergessen wird. Wer weiß, vielleicht sagen wir ja in Zukunft: "Geh doch zum Hitler!" oder "Dich soll der Hitler holen!"

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