Interview T.J. Creamer (NASA)

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08.09.2002 - 22:00 Uhr

Interview: Nick Schattner

NASA-Astronaut Timothy J. Creamer (42) stellt sich den Fragen der User von freenet.de Wissenschaft und den Zuschauern von Welt der Wunder. Im Rahmen des vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt veranstalteten Tag der Raumfahrt 2002 in Köln sprach freenet.de Wissenschaft mit dem erfahrenen Physiker.

freenet.de: Warum sind Sie Astronaut geworden?
Timothy J. Creamer: Ich bin alt genug, um mich an die Schritte von Neil Armstrong auf dem Mond zu erinnern. Ich hatte das Vergnügen, Neil persönlich zu treffen. In der Schule waren Mathematik und Naturwissenschaften die Fächer, die mich am meisten interessierten. Auch bin ich ein Armee-Astronaut, das heißt ich bin ein Lieutenant Colonel in der U.S. Army. Dort bin ich Hubschrauberpilot. Ich finde die Verbindung von Mathematik, Naturwissenschaften und dem Fliegen überaus spannend. Außerdem wollte ich etwas tun, was schwierig ist - das ist eine große Herausforderung für mich.

freenet.de: Wie schläft man in der Schwerelosigkeit?
Timothy J. Creamer: Das ist eine sehr interessante Frage. Nun, wegen der Schwerelosigkeit braucht man sich nicht hinzulegen. Man kann sozusagen also "im Stehen" schlafen. Das kann in diesem Fall auch recht bequem sein. Manche Astronauten haben sich allerdings darüber beklagt, dass man in der Schwerelosigkeit seinen Kopf nicht wie auf der Erde auf ein Kissen legen kann. Aus diesem Grund hat die NASA ein Kissen entwickelt, das man hinter seinen Kopf legt und mit einem Klettverschluss um die Stirn befestigt. So hat man auch im All das vertraute Gefühl eines Kissens beim Schlafen.
Insgesamt ist es sehr leicht, in der Schwerelosigkeit einzuschlafen, weil der Körper keinen äußeren Belastungen ausgesetzt ist. Es ist natürlich möglich, einfach frei schwebend zu schlafen, aber man könnte so irgendwo anstoßen. Also steigt man in einen speziellen Schlafsack, der seinerseits befestigt ist.

freenet.de: Hat man im All ein Gefühl für Höhe - im Sinne von Höhenangst? Schließlich schaut man ja aus großer Höhe herunter auf die Erde.
Timothy J. Creamer: Davon habe ich bisher nicht gehört. Wenn man das Innere der Raumstation verlässt, geht man raus - und da unten ist die Erde. In diesem Moment hat eigentlich keiner mit Höhenangst zu tun. Das grundlegende Gefühl ist erstmal ein ehrfürchtiges Staunen.

freenet.de: Was glauben Sie, wann die ersten Menschen ihren Fuß auf den Mars setzen werden?
Timothy J. Creamer: Nun, wir sind auf dem Mond gewesen. Es gibt Leute, die zuerst den großen Sprung zwischen der Erde und dem Mars machen wollen. Mit dem heutigen Stand der Antriebstechnik ist die kürzeste Flugzeit zwischen der Erde und Mars etwa sechs Monate. Das gleiche gilt für den Rückflug, also ist man schonmal bei einem Jahr allein für die reine Flugzeit. Dazwischen muss man aber etwa ein Jahr warten, bis die Erde und Mars eine günstige Konstellation für eine kurze Flugzeit haben. So kommen wir auf zwei Jahre für eine Mission. Wenn auf dieser Mission etwas schief geht, ist man ganz schön weit weg.

Aus diesem Grund gibt es auch Diskussionen darüber, dass es besser sein könnte, zunächst zum Mond zu fliegen und dort eine Station zu aufzubauen. So braucht ein Funkspruch zwischen der Erde und dem Mond etwa zwei Sekunden. Zum Mars dauert diese Zeitspanne schon bis zu einer halben Stunde. Wenn wir so vorgehen, können wir schonmal die schwierigen Dinge unter Weltraumbedingungen trainieren: bauen im All, in Umgebung starker Strahlung leben und solche Dinge. Was ich damit sagen will, ist Folgendes. Bis wir so weit sind, kann eine lange Zeit vergehen, so etwa 15 bis 20 Jahre. Wir haben heute keinen festen Termin in unserem Kalender für eine Mission zum Mars. All das hängt natürlich auch von verschiedenen Fragen ab: Wie viele Länder werden sich an einer solchen Mission beteiligen? Werden wir die notwendigen Mittel haben und andere.

freenet.de: Wird der Mensch zum Mars fliegen?
Timothy J. Creamer: Ja, er wird. Wann genau, ist noch unklar.

freenet.de: Warum gibt es heute keine bemannten Missionen zum Mond mehr?
Timothy J. Creamer: Wenn man sich die Welt anschaut und die Länder, die an einer Erforschung des Weltalls interessiert sind, kommt man zu dem Schluss, dass es am Ende eine wirtschaftliche Frage ist. So hat unsere Regierung das Apollo-Projekt aus finanziellen Gründen gestoppt. Auf den Mond zu fliegen, ist nicht wirklich billig.

freenet.de: Hat man in einem Raumschiff die Möglichkeit, zu duschen?
Timothy J. Creamer: In der Space Shuttle gibt es dafür nicht genug Platz. Dort wäscht man sich mit Waschlappen und Wasser. Eine interessante Sache mit den Duschen ist, dass das Wasser unter irdischen Bedingungen weiß, wo es hinfließt – nach unten. Im All jedoch gibt es kein Unten. Folglich ist es allein vom technologischen Standpunkt her eine echte Herausforderung, unter Bedingungen der Schwerelosigkeit eine Dusche im All zu ermöglichen. Wir hatten ein Wohnmodul in Planung, auf dem auch eine Duschkammer vorgesehen war. Für den Moment ist dieses Projekt jedoch aufgrund von finanziellen Einschnitten auf Eis gelegt worden. In dieser Kammer jedenfalls sollte man mit Wasser duschen können, indem man es einfängt und auf dem Körper verteilt – und es danach mit einer Art Staubsauger wieder einfängt.

freenet.de: Wie sieht Ihrer Ansicht nach die nahe Zukunft der Raumfahrt aus?
Timothy J. Creamer: In den nächsten zehn Jahren werden wir uns darauf konzentrieren, unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse zu vertiefen – etwa wie man im All leben und bauen kann und wie man die Gefahren eines Lebens. im All überleben kann. Auch wird es weitere unbemannte Missionen zu anderen Planeten wie dem Mars geben. Wir werden auf dem Gebiet der Antriebstechnik nach neuen Lösungen suchen, die nicht mehr auf [petro-] chemischen Lösungen basieren, sondern auf etwas Anderem. Für den Moment also werden wir im Hinblick auf das All dort bleiben, wo wir sind: in den näheren Regionen des Orbit. Von hier wollen wir mehr Erkenntnisse für weiter entfernte Missionen gewinnen.

freenet.de: Wie lange dauert die Vorbereitung für eine Mission ins All?
Timothy J. Creamer: Wenn man als Astronaut dazu ausgewählt wird, auf eine Mission ins All zu fliegen, hat man normalerweise eine Vorlaufzeit zwischen einem und anderthalb Jahren bis zum Start. Um überhaupt in die Kategorie der möglichen Kandidaten zu kommen, muss man zunächst einmal eine zwei- bis zweieinhalbjährige Grundausbildung absolviert haben. Zwischen diesen beiden Ausbildungsblöcken der Grundausbildung und der spezifischen Vorbereitung auf eine konkrete Mission gibt es noch weitere, zumeist technikbezogene Trainingseinheiten. Alles in allem dauert diese Ausbildung also zwischen drei und dreieinhalb Jahren.

freenet.de: Wie sieht der typische Tagesablauf eines Astronauten aus? Wo es doch im All keinen Tag und keine Nacht gibt?
Timothy J. Creamer: Nun, in der Space Shuttle sind unsere Missionen auf die Minute genau geplant. Der Trick dabei für die Astronauten ist, in der Zeit möglichst vor diesem Plan zu liegen – was wiederum die Planer dazu bringt, die Terminierungen noch enger zu setzen.
In der Raumstation basieren alle unsere geplanten Abläufe auf GMT (Greenwich Mean Time), weil es für die internationalen Missionen .leichter ist, sich auf diese Zeit einzustellen. Nach dieser Zeit beginnt die Crew ihr Tagewerk gegen 6 Uhr 30 GMT am Morgen und geht gegen 21 Uhr am Abend zu Bett. Dieser Ablauf kann aber natürlich bei außergewöhnlichen Aufgaben wie Andockmanövern oder Aktivitäten außerhalb des Raumschiffes auch variiert werden.

freenet.de: Wie wird man ein Astronaut? Schließlich kann man ja nicht bei NASA auflaufen und sagen, "auf geht's, ich bin bereit".
Timothy J. Creamer: Was ich dem Publikum raten kann, ist ganz grundlegend: Was immer ihr tut, tut euer Allerbestes – sei es in der Schule, im Sport oder auch später auf der Universität. Das heißt nicht, dass ihr die Besten sein müsst – aber tut wie gesagt euer Bestes. Bleibt auf der Uni, macht eure Ausbildung zu Ende. Studiert die Dinge, die euch interessieren, weil wenn sie euch interessieren, könnt ihr später besser euren Beitrag zum Raumfahrtprogramm leisten. Studiert nicht raumfahrtrelevante Fächer alleine aus der Motivation heraus, Astronaut werden zu wollen, denn wenn sie euch nicht wirklich interessieren, werdet ihr keine brillanten Leistungen zeigen. Wenn ihr Risikomanagement an den Tag legen könnt; wenn ihr Dinge tut, die euren Horizont erweitern – wie tauchen oder bergsteigen – wenn ihr also euren Körper trainiert und auch zeigt, dass ihr gut in einem Team arbeiten könnt, dann ist das auch sehr wichtig, wenn man Astronaut werden will.

freenet.de: Isst man im Weltraum mehr als auf der Erde?
Timothy J. Creamer: Astronauten im Weltraum haben häufig die Neigung, weniger zu essen, weil ihr Körper ihnen aufgrund der Schwerelosogkeit weniger Hungergefühl meldet, als eigentlich notwendig ist. Solche Defizite werden wenn nötig durch Beigaben von Kalzium und Vitamin D ausgeglichen.
Um Gewicht zu sparen, wird den Nahrungsmitteln auf Weltraummissionen das Wasser entzogen. Wir machen auf den Missionen unser eigenes Wasser aus Sauerstoff und Wasserstoff und fügen vor dem Essen das Wasser wieder bei. So gehört wir zum Beispiel Rührei mexikanischer Art oder Kartoffelpüree zu unserem Speiseplan. Das erinnert an Camping-Nahrung. Es ist nicht mehr wie früher, als man sein Essen aus Tubenpaste bereitete.

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