Kornkreise: Rätsel gelöst

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20.06.2002 - 22:00 Uhr

Jetzt erscheinen sie wieder, die seltsamen Gebilde in Kornfeldern, komplexe Aneinanderreihungen von Kreisstücken, Geraden, Fraktalen. Sind es Außerirdische, fremde Energien oder irische Elfen, die sie schaffen? Nein. P.M. hat das Geheimnis der Kornkreise bereits vor zehn Jahren gelöst.

Im Februar 1992 hatte der englische Pflanzenphysiologe Rupert Sheldrake - bei uns besser bekannt als Schöpfer der Hypothese von den morphogenetischen Feldern – eine Idee: Er wollte durch ein Experiment klären lassen, ob und unter welchen Bedingungen Kornkreise von Menschenhand gefertigt werden können.

Die Spekulationen über unbekannte Kräfte oder außerirdische Mächte sollten aufhören; an ihre Stelle sollten harte Fakten treten.

Um Teilnehmer für das Experiment zu finden und um die Aufmerksamkeit der Medien zu erregen, organisierte Sheldrake das Experiment als Wettbewerb. Der hohe erste Preis von 3000 englischen Pfund sollte Anreiz für die besten Kornkreisfälscher sein, ihr Wissen einer staunenden Öffentlichkeit zu präsentieren. Im PM-Magazin fand Sheldrake schließlich den Sponsor, der den Wettbewerb überhaupt erst möglich machte.

In der Nacht vom 11. zum 12. Juli (einer Samstagnacht) startete das ungewöhnliche Experiment auf einem Weizenfeld in West Wycombe in der englischen Grafschaft Buckinghamshire bei London. Das Feld hatte der als exzentrisch bekannte Lord Dashwood zur Verfügung gestellt. Vorfahren dieses Lords sollen sich mit Schwarzen Messen beschäftigt haben; ihre "Schwarzen Höhlen" sind heute noch zu besichtigen.

Wenn man bedenkt, dass der erste englische Kornkreis laut einer 600 Jahre alten Überlieferung vom Teufel angelegt worden sein soll, dann passt das ja.

Sechzehn Teams hatten sich angemeldet, zwölf wurden schließlich akzeptiert. Jedes Team erhielt eine Parzelle in der Größe 22 mal 60 Meter zugewiesen, dazu eine genaue Skizze des Musters, welches ins Getreide geprägt werden sollte.

Außerdem erhielten die Teilnehmer eine detaillierte Aufstellung der Regeln: wie viele Punkte jede Tätigkeit brachte oder wie viele Punkte abgezogen wurden, wenn Fußspuren sichtbar waren oder bei der nächtlichen Arbeit Lichtsignale gesehen oder Geräusche gehört wurden. So wusste jeder, worauf es ankam.

Alles war perfekt organisiert. Um zum Beispiel die nächtliche Arbeit zu überwachen, waren 20 freiwillige Nachtwächter während der ganzen Zeit in den Parzellen unterwegs. Sie überprüften, ob die Bedingungen eingehalten wurden. Denn bisher hat man keinen einzigen Kornkreisfälscher je gesehen oder gehört. Und die Bedingungen des Wettbewerbs sollten so realistisch wie möglich sein.

Dann war es soweit: Als Rupert Sheldrake gegen 22.00 Uhr die Regeln verlas, hörten Dauerregen und Wind auf. Der fast volle Mond versteckte sich zwar hinter den Wolken, aber das Wetter wurde zusehends freundlicher. So blieb es auch am nächsten Tag – bevor es dann wieder heftig zu regnen begann. Waren hier vielleicht doch unbekannte Kräfte im Spiel?

Die erste Überraschung: Obwohl in dem Feld (rund 66 mal 240 Meter) etwa 50 Menschen in unterschiedlichster Kleidung herumliefen, obwohl die Nacht relativ hell war und das Getreide nur kniehoch stand, waren die Wettbewerbsteilnehmer in kürzester Zeit verschwunden!

Nur wer Richtung Abendhimmel sah, konnte menschliche Silhouetten erkennen. Aber das galt nur für diejenigen, die die obersten Parzellen des schräg liegenden Feldes zugewiesen bekommen hatten. Die anderen, die mitten im Feld ihrer Arbeit nachgingen, konnten auch aus kürzester Entfernung weder gesehen noch gehört werden. Es blieb auch die ganze Nacht absolut ruhig. Bis auf das Rauschen der Getreidehalme (das auch der Wind verursacht haben könnte) war nichts zu hören, und zu sehen war auch nichts.

Die zweite Überraschung: Bis auf zwei Teams, die die ganze Angelegenheit nach eigenen Aussagen nicht ernst nahmen, wurden alle in der vorgegebenen Zeit (22.00 Uhr bis 3.30 Uhr) fertig – und hielten auch alle anderen aufgestellten Regeln ein.

Die dritte Überraschung: Die wenigsten Teilnehmer hatten vorher Kornkreise geübt. Die meisten hingegen waren in den Wettbewerb gegangen, ohne zu Hause Versuche vorgenommen zu haben.

Die vierte Überraschung: Die Ausrüstung der Teams war zum Großteil ausgesprochen primitiv. Eine Eisenstange zum Markieren des Kreismittelpunkts, ein paar Schnüre zum Abmessen des Kreises, ein Brett, eine Plastikfolie oder eine kleine Rolle zum Niedertreten des Getreides - das war's. Mehr war nicht nötig. Keiner der Teilnehmer hatte Laser oder Infrarotscheinwerfer dabei.

Die fünfte Überraschung: Der zweite Preis ging an einen Einzelteilnehmer. Der junge Amerikaner Jim Schnabel hätte ohne weiteres den ersten Preis gewinnen können, wäre er nicht aus Übermüdung während der Arbeit eingeschlafen. (Jim Schnabel schrieb später ein Buch, in dem er erklärte, dass die meisten Kornkreise auf sein Konto gingen.)

Auch die fünfköpfige Jury aus Kornkreis-Experten war von der Qualität der Figuren im Getreidefeld sehr beeindruckt. Zwar wies Jürgen Krönig, Vorsitzender der Jury und Autor des Buchs "Spuren im Korn", darauf hin, dass der "Fluss" des niedergetretenen Getreides nicht ganz dem Standard entspreche, der bei "echten" Kornkreisen gefunden wurde.

Doch das kann auf die Unerfahrenheit der Teilnehmer zurückzuführen sein; auf den Stress, unter dem sie standen oder auch auf die Beschaffenheit des Getreides.

Alles in allem hat dieses Experiment gezeigt: Kornkreise unter den gegebenen Bedingungen (kein Licht, keine Geräusche) anzulegen, ist wesentlich einfacher, als man bisher annahm.

Damit ist bewiesen, dass kleine, aber komplizierte Muster ohne Schwierigkeiten hergestellt werden können. Was aussteht, ist der Nachweis, dass auch so eigenartige Figuren wie das Apfelmännchen in einer Nacht und ungesehen in ein Kornfeld geprägt werden können. Bewiesen sind bisher nur Möglichkeiten, keine Fakten.

1. In Kornkreisen wurden an den Knoten geknickte Halme entdeckt. Dies kann kein Mensch herbeiführen. Außer, er setzt den Halm kurzzeitig einer enormen Hitzewirkung aus. Wie entsteht dieses Phänomen?

Entdecker der an den Knoten geknickten Halme ist der Biochentiker Dr. Levengood. Er ist zwar ein anerkannter Biochemiker, doch vom Wachstum der Getreidehalme versteht er nichts.

Fragen wir einen Fachmann auf diesem Gebiet. Sein Name: Rupert Sheldrake, seines Zeichens Pflanzenphysiologe. Er hat eine völlig natürliche Erklärung. Grashalme sind es gewohnt, von Wind, Regen oder Tieren niedergetreten zu werden. Dagegen haben sie eine Strategie entwickelt – sie richten sich wieder auf, und zwar dadurch, dass ein Knoten an der Unterseite anzuschwellen beginnt. Er füllt sich mit Wasser. Dadurch wächst das Gras wieder nach oben.

Doch nun kommt das Versehen, das zur Fehldeutung führt. Nimmt man einen solchen Halm mit nach Hause und betrachtet ihn fälschlicherweise so, als würde er aufrecht stehen, dann sieht es so aus, als hätte jemand den Halm genau am Knoten geknickt. In Wahrheit ist der Halm geknickt und der Knoten geschwollen.

2. In Kornkreisen wurde mal erhöhte, mal verminderte Radioaktivität entdeckt. Wie kann man sie erklären?

Auch hier fragten wir einen Experten, der zahlreiche Versuche zur Messung von Radioaktivität durchgeführt hat. Sie kennen ihn bereits: Rupert Sheldrake erklärte, dass die Messung von Radionukliden ein außerordentlich diffiziles Unternehmen ist. Nach seiner Erfahrung können die festgestellten Werte durchaus noch im Bereich des Zufalls liegen. Zudem wurde hier keine korrekte Vergleichsmessung durchgeführt.

Es hat keinen Sinn, die Radioaktivität innerhalb und außerhalb eines Kornkreises zu messen. Allein durch den beim Niedertreten aufgewirbelten Staub könnten sich die Werte einiger radioaktiver Stoffe erhöhen. Um Klarheit zu finden, müsste man die Radioaktivität in einem "echten" und in einem garantiert von Menschenhand gefertigten Kornkreis messen. Schließlich enthält Zigarettenasche genug radioaktives Polonium, um den Geigerzähler zum Ausschlagen zu bringen.

3. Was ist mit den unheimlichen Triller-Geräuschen, die aus einem Kornkreis kamen und die auch auf Band aufgenommen wurden?

Als Titel eines Krimis würde sich anbieten: Das Geheimnis der Teufelstrillertriolen. Das Geheimnis ist gelüftet. Zur Vorgeschichte: Mindestens sechsmal wurde das merkwürdige und unheimliche Trillern in Kornkreisen gehört, 1989 auch auf Band aufgenommen und bei zahlreichen Kornkreis- und UFO-Konferenzen abgespielt. Man unterzog das Trillern einer Computer-Analyse, die Hauptsequenzen wurden neu zusammengefügt und mit einem Achtel der Geschwindigkeit abgespielt. Eine Zuhörerin erkannte in dem (jetzt stark verfälschten) Geräusch die Stimme von UFOnauten, die sie einmal hatten entführen wollen.

Was das Geräusch besonders unheimlich machte: Augen-, besser Ohrenzeugen berichteten übereinstimmend, dass das Trillern mitten aus der Luft käme. Tiere wurden dabei weder gesehen noch gehört. Insektenforscher fanden keine Insektenart, die auf diese Weise trillert.

Dennoch kam die Wahrheit schließlich ans Licht: Verantwortlich für das unheimliche Trillern war eine unscheinbare Grasmückenart namens Feldschwirl, auch Heuschrecken-Rohrsänger (englisch grasshopper warbler) genannt. Der Feldschwirl ist eine Art Bauchredner. Das heißt, er kann seinen Gesang so fokussieren, dass man glaubt, er käme von einer Stelle weit außerhalb seiner Kehle. Und: Der Feldschwirl fliegt fast nie. Wenn er gestört wird, huscht er unter den Grashalmen davon.

Warum dann die Geheimnistuerei, die Computer-Analyse, die Verfälschung der Geräusche? Vielleicht liegt es daran, dass Kornkreisforscher größtenteils keine ausgebildeten Wissenschaftler sind. Obwohl auch das nicht immer hilft; siehe das Geheimnis der Knick-Knoten.

4. Wer macht die Kornkreise, aus welchen Gründen, und warum treten diese Menschen nicht an die Öffentlichkeit?

Als Kontinental-Europäer könnte man sich die Sache leicht machen und ein abgewandeltes Asterix-Zitat anwenden: Die spinnen, die Engländer. Aber auf liebenswürdige Weise. Doch gibt es auch hier ein seltsames Phänomen, das uns als Erklärungsansatz dienen könnte.

Der englische Performance-Künstler Brian Catling fertigte als Jugendlicher exquisite künstlerische Objekte aus Drähten, Haarnadeln, Körbchen, Stoffresten und anderen Materialien an: Körbe, in denen heuschreckenartige Wesen lagen, Kinderhandschuhe mit aufgeklebten falschen Zähnen, mit Gras verwobene Kinokarten.

Diese Kunstwerke schickte er dann an ihm völlig unbekannte Menschen, deren Adressen er zufällig fand, zum Beispiel auf Koffer-Aufklebern von Reisenden. Er hatte keine Ahnung, wie die Empfänger seiner Kunstobjekte reagierten, während diese niemals erfuhren, wer sie auf diese Weise beglückte, noch warum.

Die Motive kann wohl nur derjenige verstehen, der selbst Künstler ist und einen ähnlichen bizarren Geist besitzt. Dazu passt eine Entdeckung von Nicolas Saunders, einem der Mit-Organisatoren des Wettbewerbs. Er stellte fest, dass die kleinen, uninteressanten, einfachen Kornkreise in abgelegenen Feldern gefunden wurden, die großen, spektakulären dagegen auf gut zugänglichen und einsehbaren Gefilden.

Mit anderen Worten: Die Landschaftskünstler hatten sehr wohl dafür gesorgt, dass ihre Kunstwerke schnellstens bekannt wurden. Ihre Namen haben sie bisher nicht preisgegeben. Vielleicht fürchten sie Schadenersatzforderungen der Bauern. Vielleicht macht es ihnen einfach Spaß, ein großes Rätsel aufzugeben und die Leute hinters Licht zu führen. Spaßvögel gibt es überall. In einem Land, in dem Skurrilität und Exzentrizität nicht nur geduldet werden, sondern sogar Ruhm und Ehre bringen, gibt es vermutlich viel mehr Spaßvögel dieser Art als in anderen Ländern.

Ist das Rätsel der Kornkreise damit gelöst? Keineswegs. Weitere Experimente und Untersuchungen sind nötig, um endgültige Klarheit zu bringen. Doch hat das von Rupert Sheldrake, den Herausgebern der Zeitschrift "Cereologist" und dem PM-Magazin organisierte Experiment gezeigt, wie man an solche Phänomene herangehen kann und welche Erkenntnisse sich daraus ergeben.

Der Wissenschaft ist weder mit mystischen Spekulationen gedient, noch mit der pauschalen Feststellung, alles müsse Schwindel sein, weil es keine andere Erklärung geben dürfe. Wissenschaft besteht darin, die Wirklichkeit ohne Vorurteile zu erfassen, Beobachtungen sorgfältig aufzuzeichnen (und nicht zu verfälschen) und Experimente auszuführen, die auf einfache Fragen eindeutige Antworten liefern. Und das ist hier geschehen.

Die Bilder stammen aus dem Buch von Eltjo Haselhoff: Faszinierende Kornkreise. Wissenschaftliche Forschung und Urbane Legendenbildung.

Quelle: freenet.de
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