Kunst gegen den Krieg

Dada-Plakat
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Dada-Plakat

 

von Bülent Gündüz

Der Dadaismus war die radikalste Avantgardebewegung in der Kunst des 20. Jahrhunderts. Weltumspannend engagierten sich Künstler mit anarchischen Gesten gegen die Gräuel des Krieges und die Enge der bürgerlichen Gesellschaft.

Wer versucht, sich der Kunstbewegung "Dada" zu nähern, hat es nicht einfach. Kaum eine andere Kunstbewegung hat ihr Innerstes in zahllosen Manifesten und Pamphleten so nach außen getragen wie die Dadaisten. Und doch bleibt bis heute die Frage, was eigentlich genau der Dadaismus ist. Selbst die Manifeste der Bewegung widersprechen sich.

Trotz der vielen Äußerungen der Dadaisten ist bis heute eigentlich ungeklärt, wie der Begriff "Dada" eigentlich entstanden ist und was er bedeutet. Dem Künstler George Grosz (1893-1959) zufolge sollen die Dadaisten bei ihrem ersten Treffen mit einem Federmesser in ein deutsch-französisches Wörterbuch gestochen haben und beim Wort Dada (frz. Steckenpferd) hängen geblieben sein.

Richard Huelsenbeck (1892-1974) schreibt in einem Buch über den Dadaismus, man habe nach einem griffigen Namen für eine Sängerin der Künstlerkneipe gesucht und sei dabei auf das Wort "Dada" gestoßen. Der Künstler und Schriftsteller Marcel Janco (1885-1984) bestritt dies aber später und behauptete, diese Märchen sei nur erfunden worden um die wesentlich unpoetischere Wahrheit zu verschleiern, dass man die neue Kunstbewegung nach einem Schweizer Shampoo benannt hatte.

Ausgangspunkt für Dada war Zürich. Hier versammelten sich viele Künstler, die vor den Wirren des [LINK "http://lexikon.freenet.de/Erster_Weltkrieg" ]Ersten Weltkrieges auf der Flucht waren. Im Februar 1916 gründeten Hugo Ball (1886-1927), Richard Huelsenbeck, Emmy Hennings (1885-1948) und Jean Arp (1887-1966) in der Spiegelgasse das Cabaret Voltaire, eine Künstlerkneipe, in der Theateraufführungen und Lesungen stattfinden und Kunst ausgestellt werden sollte.

Am Anfang gab es ein buntes Durcheinander an Stilarten. Begonnen wurde mit Lesungen von expressionistischen und futuristischen Künstlern. Doch schnell wurde die Bühne zum Experimentierfeld und etwas Neues entstand.

Entscheidender Motor für die Gründung des Dada war der Erste Weltkrieg, der 1916 zu einer immensen Materialschlacht eskaliert war, die ein vorher nie da gewesenes Ausmaß an Menschenleben forderte. Viele der Künstler, die zu den Gründungsmitgliedern des Dada gehörten oder sich ihnen später anschlossen, waren als Soldaten Augenzeugen dieser furchtbaren Gräuel geworden.

Dabei hatten sich einige von ihnen, darunter Huelsenbeck und Grosz sogar freiwillig an die Front gemeldet. Doch ihre Erwartungen wurden enttäuscht. Die vermeintlichen Abenteuer entpuppten sich als traumatische Erlebnisse, aus dem Wunsch der Enge der starren bürgerlichen Verhältnisse zu entfliehen, die Sehnsucht nach Ruhe und Frieden.

So wurde die Dada-Bewegung zum Protestforum gegen den Irrsinn des Krieges, aber auch gegen die geistige und gesellschaftliche Enge der wilhelminischen Ära und dem Fortschrittswahn jener Jahre. In der Gesellschaft und ihrer Führung sahen die Dadaisten das eigentliche Übel, das aus rein politischer und materialistischer Absicht den Krieg provoziert hatte. So wetterten sie gegen die Kriegsgewinnler, die Politiker und die militärische Führung.

Der Dadaismus war also mehr eine Haltung als ein Stil. Allen gemeinsam waren aber die radikale Ablehnung traditioneller Kunst und eine Abgrenzung von allen zeitgenössischen Tendenzen. Dada wurde zur Revolte abseits jeder Ästhetik – gegen die Ratio und den Verstand – ein Versuch, durch Zerstörung des Zerstörerischen zu überleben.

Erreichen wollten die Zürcher Dadaisten dies durch nihilistisch-absurde Gedichte, die sie im Cabaret Voltaire vortrugen, durch Performances, Theaterstücke und Lesungen. Dabei verschmolzen die Grenzen unterschiedlicher Ausdrucksstile. Musik, Lesung, Tanz und Theater wurden kombiniert und auch die bildende Kunst wurde über Bühnendekorationen, Kostüme, Grafiken und Assemblagen vereinnahmt.

Hugo Ball schrieb in seinen Tagebuchaufzeichnungen über die neue Kunst: "Was wir Dada nennen, ist ein Narrenspiel aus dem Nichts, in das alle höheren Fragen verwickelt sind; eine Gladiatorengeste, ein Spiel mit schäbigen Überbleibseln eine Hinrichtung der posierten Moralität und Fülle."

Mit aggressiver Zerstörung ging man gegen gesellschaftliche Konventionen an. Ein Spiel mit Paradoxien und gezielter Unlogik sollte gesellschaftliche Konventionen sprengen. Für Dichter und Literaten hieß dies vor allem, mit sprachlichen Mitteln Aufmerksamkeit zu erregen und mit absurden Späßen gegen den Krieg zu protestieren.

Laut brüllend wurden sinnlose Gedichte in albernen Kostümen (manchmal simultan) vorgetragen, absurde Theaterstücke mit musikalischem Lärm untermalt und Pamphlete veröffentlicht. Der Unfug ohne Sinn und Regeln feierte fröhliche Aufstände, vom Publikum mit Lachen und Beschimpfungen begleitet.

In der bildenden Kunst war es Jean Arp, der zum größten Künstler der Dadas wurde. Der begonnenen Abstraktion von Landschaften, Menschen und Gegenständen setzte Arp eine konsequent abstrakte, ungegenständliche Kunst entgegen, die er elementare, später auch konkrete Kunst nannte. Dabei versuchte Arp bewusst, sich vom Expressionismus abzugrenzen.

Einzige Ausnahme war Wasilij Kandinsky, dem sich Arp nahe fühlte und dessen theoretische und praktische Arbeiten er bewunderte. Arp glaubte, mit seiner Kunst – und nur mit ihr – große Veränderungen vorantreiben zu können.

Schnell übersprang der Dadaismus die Stadtgrenzen Zürichs und der Schweiz. In Berlin taten sich George Grosz, Raoul Haussmann (1886-1971), Johannes Baader (1875-1955), Hannah Höch (1889-1978) und andere zusammen, um künstlerisch zu rebellieren. Hier war der Dadaismus allerdings sehr viel sozialkritischer, als er es in Zürich war und mehr von der bildenden Kunst geprägt. Man wollte direkt auf die Politik einwirken.

Die Berliner Dadaisten sahen das Übel in der Politik, die die Arbeiter als menschliches Kriegsmaterial verheizte, um ihre Interessen durchzusetzen. So prangerte vor allem Grosz in seinen Bildern die politische und wirtschaftliche Elite des Landes an, die den Menschen einen sinnlosen Krieg aufbürdete.

Noch bevor der Funke auch auf andere europäische Großstädte wie London und Paris (wo der Dadaismus zum Vorläufer des Surrealismus wurde) übersprang, breitete er sich in Deutschland aus. Insbesondere in Köln und Hannover bildeten sich dadaistische Zirkel. Aber anders als in Zürich oder Berlin wollte man hier bewusst keine politische Aussage treffen.

In Köln war "DadaMax" Ernst (1891-1976) die überragende Persönlichkeit. In seinen Collagen setzte er Fragmente der Wirklichkeit und des Alltags willkürlich neu zusammen. So entstanden technische Gebilde, die wie Requisiten aus Sciencefiction-Filmen wirken. Auch seine Bilder sind traumhafte Bilder ohne logischen Zusammenhang. Ernst malte aber keine Symbole, sondern setzte seine Gebilde als magische Zeichen ein, als traumhafte Assoziationen des Unbewussten. Damit wurde Ernst zum Vorreiter des Surrealismus.

In Hannover war es Kurt Schwitters (1887-1948), der besondere Akzente setzte. Aus seiner bevorzugten Technik der Collage macht er mit Hilfe meist zufällig gefundener Dinge seine höchst individuelle Weltanschauung, eine Antiideologie gegen das Bestehende und nannte es "Merz".

Entstanden war das Wort ähnlich wie Dada eher zufällig. Es ergab sich aus einer Collage, für die Schwitters Zeitungspapier verwendete, das er zerriss und zerknüllte. Von dem Wort "Commerzbank" blieb nur "merz" übrig. Schwitters Merzkunst bestand aus den Collagen aus zufällig gefunden Gegenständen, die mit Farbe, Gips Holz und anderen Materialien ergänzt wurden, aber auch aus den Merzgedichten, meist Lautgedichten wie der "Ursonate". Und selbst sein Wohn- und Atelierhaus wurde zur Kunst, indem er seine Arbeiten durch das ganze Haus wuchern ließ.

Während New York allmählich zur Kunsthauptstadt aufstieg und der Dadaist Man Ray in der Metropole an Ansehen gewann, waren es in der französischen Hauptstadt vor allem Marcel Duchamp (1887-1968) und Francis Picabia (1879-1953), die dadaistische Akzente setzten. Duchamp setzte sich anfangs mit den Impressionisten auseinander und wurde dann einer der wichtigsten Vertreter des Kubismus. Duchamps Kunst änderte sich allerdings 1914 radikal. Er stellte den traditionellen Kunstbegriff grundsätzlich in Frage und protestierte gegen althergebrachte Konventionen in der Kunst. Duchamp entzieht sich jeder kunsthistorischen Rezeption.

1914 marschierte er in ein Kaufhaus, erwarb ein Flaschengestell aus Eisen, signierte es und ließ es ausstellen. Das Objekt führte zu einem Skandal und das Ready-Made, auch Object trouvé, war erfunden. Duchamp ließ in Massenproduktion hergestellte Alltagsgegenstände durch ihr museales Ausstellen zum Kunstobjekt werden.

1918 kaufte er in einem Kaufhaus ein Urinal, taufte es Fontaine (Brunnen) und signiert es mit R. Mutt, einem bekannten Sanitärhersteller. Ein Protest gegen den Missbrauch der Kunst, die Langeweile durch Wiederholung, die Sinnentleerung der Werke und die Degradierung der Kunst zur Handelsware. Zum Synonym für den Dadaismus wurde sein Werk L.H.O.O.Q. Duchamp nutzte eine billige Kopie der Mona Lisa und malte ihr einen breiten Schurrbart in das lächelnde Gesicht. Spricht man den Werktitel französisch aus, ergibt sich in etwa "elle a chaud au cul", frei übersetzt: "ihr ist heiß unterm Hintern".

Der Dadaismus wurde nicht nur die radikalste Kunstbewegung des vergangenen Jahrhunderts, sondern auch die am weitesten verbreitete, die trotz aller nationalen Eigenheiten von Zürich aus über Deutschland und Frankreich bis in die USA wirkte.

Anlässlich einer ersten großen Dada-Retrospektive hatte Max Ernst den dadaistischen Schock in der Kunstwelt mit einer Explosion verglichen und die könne man nun einmal nicht ausstellen. Dass dies doch geht, zeigt eine Ausstellung im MoMA in New York. Fast 2000 Exponate haben die Ausstellungsmacher zusammengetragen und zeigen den ganzen Kosmos der Dadaisten. Zeichnungen, Gemälde, Collagen, Assemblagen, Skulpturen und Objekte, aber auch die Zeitschriften, Briefe und Handzettel hat man zusammengetragen.

Den Dadaisten hätte es wohl kaum gefallen, wie präsent ihre Arbeiten heute in Museen sind. Allerdings dürfte es selbst ihnen schwer fallen, heute noch zu provozieren und aufzurütteln. Dies mussten auch die Dadaisten einsehen, denn so heftig die dadaistische Revolution auch war, so kurz war sie auch.

Schnell wurden ausufernde Albernheit und die damit einhergehende Provokation zur Attitüde, das Unerwartete vorsehbar und damit langweilig. Es bleibt die Erkenntnis, dass schon mit dem Dadaismus alles da war, was später der Surrealismus für sich vereinnahmte. Und die eruptive Kraft des Dada wirkt bis in die zeitgenössische Kunst nach.

DADA, Museum of Modern Art (MoMA), New York, 11 West 53 Street, zwischen Fifth und Sixth avenue, New York, NY 10019-5497

18. Juni bis 11. September 2006. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog erschienen.

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