Macht auf Speerspitzen

Lykurg
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Lykurg

 

von Matthias Seng

Sparta ist der Inbegriff des kriegerischen Staates. Seine Bürger führten ein entbehrungsreiches, streng geregeltes Leben, das vollständig auf die Bedürfnisse des Militärs ausgerichtet war. Unter seinen Nachbarn errang Sparta mit seinem martialischen Auftreten bestenfalls wiederwilligen Respekt, Freunde machte es sich damit kaum.

Spartas Bewunderer lebten in späteren Zeiten. Mit seinem demonstrativen Verzicht auf Reichtum und Pomp faszinierte der griechische Stadtstaat noch im 19. und 20. Jahrhundert viele Beobachter, schien er doch ihrem Ideal von einer gerechteren Gesellschaft zu entsprechen.

Wie unterschiedlich das "Modell Sparta" interpretiert wurde, lässt sich aus der Liste seiner Bewunderer ablesen, die das ganze politische Spektrum abdeckte: Gleich ob Republikaner oder Monarchisten, Sozialisten oder Faschisten – Sparta bot jedem etwas.

Das spartanische Ordnungsprinzip beruhte auf Macht, genauer: auf militärischer Macht, auf der Effizienz seiner Waffen und dem fanatischen Kampfeswillen seiner Soldaten. Die legendärste Schlacht schlugen die Spartaner im Jahr 480 v.Chr. am Thermopylenpass. Dort kämpften rund 300 Elitekrieger unter König Leonidas bis zum letzten Mann gegen mehrere zehntausend Perser.

Der beherrschende Faktor der spartanischen Gesellschaft war die Armee. Ihr wurde alles untergeordnet, die Organisation des Staates genauso wie das Leben jedes einzelnen Bürgers und natürlich das der unterworfenen Völker.

Auf dem Höhepunkt seiner Machtentfaltung war Sparta bezeichnenderweise ein Staat ohne Kultur – es sei denn, man betrachtet das Kriegshandwerk als eine kulturelle Errungenschaft. Sparta war Jahrhunderte lang das Gegenmodell zum moderneren, weltoffeneren Athen.

Die Ursprünge des Stadtstaates gingen auf das so genannte "Dunkle Zeitalter" zwischen 1000 und 800 v.Chr. zurück. Damals eroberte die von den Dorern abstammende Volksgruppe der Spartaner zunächst die Osthälfte des südlichen Teil der Peloponnes, Lakonien genannt. Das Eurotas-Tal war das eigentliche Siedlungsgebiet der Spartaner. Nachdem sie sich dort etabliert hatten, unterwarfen sie in zwei blutigen Feldzügen bis zum 7. Jahrhundert auch die Messenien genannte Westhälfte der Halbinsel. Damit war Sparta zur griechischen Hegemonialmacht aufgestiegen.

Nach ihren Eroberungen gingen die Spartaner daran, ihre neu errungene Machtposition abzusichern. Dazu wurden die Bewohner des gesamten Gebietes in drei Gruppen eingeteilt. An der Spitze der Pyramide standen die spartanischen Vollbürger, nur rund 8.000 Personen, die im Besitz politischer Rechte waren. Die zweite Kategorie bildeten die so genannten Periöken ("Herumwohner") – unterworfene Stämme, die keine Bürgerrechte besaßen und Kriegsdienst leisten mussten, dafür aber persönlich frei waren. Diese Gruppe umfasste mehr als 100.000 Menschen, die von Handel, Handwerk und Landwirtschaft lebten.

Auf der untersten Stufe der Pyramide lebten die so genannten Heloten, ebenfalls unterworfene Völkerschaften wie eben jene Messenier, und jeglicher Rechte beraubt. Schätzungsweise 200.000 Menschen stark war diese Gruppe auf dem Höhepunkt spartanischer Macht. Sie bildeten das unerschöpfliche Reservoir an Arbeitssklaven und wurden auch zum Kriegsdienst herangezogen, meist als leicht bewaffnete Fußtruppen. Aufgrund ihrer großen Zahl stellten sie aber auch eine ständige Bedrohung Spartas da.

Vor allem die Messenier, ein vor ihrer Unterwerfung unabhängiges Volk, lehnten sich immer wieder gegen die spartanische Unterdrückungsmaschinerie auf. Jedes Jahr startete Sparte deshalb einen Feldzug gegen die Heloten mit dem Ziel, möglichst viele von ihnen zu töten. Um den Massakern einen legalen Anstrich zu geben, wurde den unterjochten Völkern jedes Mal offiziell der Krieg erklärt.

Diese Ausrottungsfeldzüge schienen den Spartanern ein notwendiges Mittel, um die Heloten am Boden zu halten und die eigene Machtposition abzusichern. Aber sie schürten nur den Hass besonders der Messenier gegen die Angreifer und verhinderten so von vornherein jede Möglichkeit einer friedlichen Entwicklung.

Schon im 7. vorchristlichen Jahrhundert kam es zu blutigen Revolten, niedergeschlagen in jahrzehntelangen Kriegen. Diese erforderten jedoch Spartas ganze militärische Kraft. Oftmals mussten sogar die griechischen Bündnispartner des Peloponnesischen Bundes der Hegemonialmacht beistehen, weil die mit den Aufständen nicht fertig wurde.

Staat und Gesellschaft Spartas wurden den übermächtig scheinenden militärischen Erfordernissen angepasst. Die Spartaner schufen als erstes Volk der Weltgeschichte eine regelrecht totalitäre Verfassung, die sich, jenseits aller tagespolitischen Machtkämpfen, als wahrer Herrscher Spartas erwies. Sie kettete alle Institutionen und Herrscher der Stadt an ein Geflecht von Normen und Verboten, deren Ursprung in der legendären Gestalt des Lykurg lag, von dem die Stadt einst ihre Eunomia (die von den Göttern geschaffene "Wohlordnung") erhalten haben sollte. In Sparta herrschte die Diktatur des Gesetzes.

Dieser waren alle unterworfen. Auch die beiden (Erb)-Könige, die den Oberbefehl über das Heer innehatten und zudem die obersten Priester waren. Kontrolliert wurden die Könige von fünf hohen Staatsbeamten, die ihrerseits jährlich neu von den Vollbürgern gewählt wurden. Die Volksversammlung durfte über wichtige Angelegenheiten abstimmen, selbst aber keine Gesetzesinitiative ergreifen. Ein Ältestenrat, ursprünglich nur mit beratender Funktion ausgestattet, gewann seine Autorität kraft des Alters seiner Mitglieder und konnte Entscheidungen der Volksversammlung wieder aufheben.

Die spartanische Verfassung regelte alle Lebensbereiche der Bürger. Aus der Verpflichtung, ständig kriegsbereit zu sein, ergab sich die Notwendigkeit, die Kinder männlichen Geschlechts möglichst frühzeitig auf ihre kommenden Aufgaben als Krieger vorzubereiten. Sie wurden schon mit sieben Jahren von ihren Eltern getrennt und in Internate gesteckt, wo ihnen neben Lesen und Schreiben vor allem militärisches Grundwissen beigebracht wurde.

Mit zwölf Jahren wurde jeder spartanische Junge einem Erwachsenen zugeteilt. Von beiden wurde erwartet, dass sie auch eine sexuelle Bindung eingingen. Nach Auffassung der Spartaner erhöhte eine solche innige Bindung die Kriegstüchtigkeit der Männer.

Ein besonders grausamer Bestandteil der Ausbildung waren die nächtliche Streifzüge in das Umland, wo die jungen Krieger jeden Heloten töteten, auf den sie trafen. Mit 20 war ein spartanischer Junge ein vollwertiger Krieger, eine zum Äußersten entschlossene Kampfmaschine, bedingungslos allen Befehlen gehorchend.

Alle militärische Spezialausbildung und Überlegenheit der spartanischen Kampftechniken konnten den Widerstand der Heloten aber nicht brechen. Die Spartaner fühlten sich vielmehr immer stärker in die Defensive gedrängt und reagierten darauf mit Abschottung und weiterer Militarisierung.

Sparta prosperierte seit dem 7. vorchristlichen Jahrhundert nur noch in militärischer Hinsicht, eine gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung fand nicht statt. Persönliche Freiheiten hatten gegenüber denübergeordneten staatlichen Interessen zurückzustehen. Jede individuelle Regung wurde unterdrückt, was sich etwa im Verbot individueller Grabsteine äußerte. Bezeichnenderweise fanden nur die Krieger Erwähnung, die im Kampf gefallen waren und die Frauen, die im Wochenbett ihr Leben für den Fortbestand des spartanischen Volkes gegeben hatten.

Selbst die im Vergleich zu anderen griechischen Stadtstaaten privilegierte Rolle der Frau war aus der Not geboren, denn wegen der Bevölkerungsknappheit und den ständigen Kriegszügen der Männer fiel ihnen beinahe zwangsläufig die Rolle zu, die Heloten zu überwachen und alle ökonomischen Angelegenheiten zu regeln.

Zwar rieben sich die spartanischen Truppen in den endlosen Feldzügen gegen Heloten und andere Feinde auf. Es gelang den unterdrückten Völkern aber nie, das spartanische Joch mit militärischen Mitteln abzuschütteln. Erst eine Naturkatastrophe schwächte Sparta entscheidend. Ein Erdbeben ungekannten Ausmaßes zerstörte im Frühjahr 464 v.Chr. die lakonische Hauptstadt und riss das fruchtbare Eurotas-Tal regelrecht in Stücke. Dieses Ereignis nahmen die Heloten als göttliches Zeichen, einen weiteren Aufstand zu wagen.

In Messenien kam es zu mehreren blutigen Schlachten zwischen den Hopliten, den schwer bewaffneten spartanischen Elite-Kriegern, und den nur leicht bewaffneten Heloten, die allerdings von zwei Periöken-Gemeinden unterstützt wurden. In der Ebene von Stenyklaros prallten die Heere mehrmals aufeinander. Die Spartaner, ausgerüstet mit langen Lanzen und Schwertern, suchten die Entscheidung in offener Feldschlacht und attackierten ihre Gegner mit ihrer berühmten Phalanx, angefeuert von Flötenspielern.

Die Heloten waren zwar geschickt genug, das spartanische Heer immer wieder in mehrere Gruppen aufzuspalten, gerieten aber trotzdem in die Defensive. Schließlich bezogen sie gut zu verteidigende Positionen auf dem Berg Ithome. Nach langjährigem Stellungskrieg sahen die Spartaner sich sogar gezwungen, ein athenisches Heer zu Hilfe rufen. Aber auch die rund 4.000 Athener schafften es nicht, die Bergfestung einzunehmen. Sparta musste schließlich dem freien Abzug von mehreren tausend Heloten zustimmen – ein Unentschieden, das in psychologischer Hinsicht wie eine spartanische Niederlage wirkte.

Der Helotenaufstand hatte Sparta Verluste zugefügt, von dem es sich nicht mehr erholen sollte. Auch wenn man nach dem Sieg über den ehemaligen Verbündeten Athen im Jahr 404 kurzfristig die Herrschaft über ganz Griechenland errang, so täuschte das über die wahren Kräfteverhältnisse. Der kleine Stadtstaat hatte seine Kräfte überspannt und durch seine Weigerung, das starre gesellschaftliche Korsett zu lockern und soziale Reformen durchzuführen, den eigenen Untergang beschleunigt.

Nur neun Jahre nach dem großen Triumph über Athen verbündeten sich mehrere Städte, darunter Athen, Korinth und Theben, zu einer Koalition gegen die spartanische Vorherrschaft. Es dauerte dann noch bis zum Jahr 371. v.Chr., ehe das spartanische Heer bei Leuktra seine erste totale Niederlage in einer Feldschlacht erlitt. Mehr als 400 Spartaner und rund 1.000 Periöken kamen in dieser Schlacht ums Leben, ein weiterer furchtbarer Verlust. Schließlich erlangten auch die Messenier im Jahr 369 v.Chr. ihre Freiheit wieder. Der Niedergang Spartas war für ganz Griechenland ein Fortschritt.

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