Megacity Angkor Wat

Angkor Wat
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Angkor Wat

 
04.09.2009 - 00:00 Uhr

Welches war die größte vorindustrielle Stadt der Welt? Rom? Konstantinopel/Byzanz? Bagdad oder die rechteckige frühe chinesische Kaiserresidenz Chang-an? Vielleicht die indianischen Metropolen Teotihuacan oder Tikal? Alle diese Städte hatten einige hunderttausend, ja bis zu einer Million Einwohner und alle haben sie schon Anspruch auf diesen Titel erhoben. Doch nach neuesten Erkenntnissen ist Angkor Wat in Kambodscha bei weitem die größte Stadt des Altertums und des Mittelalters zugleich gewesen.

Mit seinen circa 1.000 Quadratkilometern Stadtgebiet ist Angkor, wie es manchmal der Einfachheit halber genannt wird, sogar größer als Berlin (circa 900 qkm2) und auch als New York (circa 800 qkm2 ohne Wasserflächen).

Weit über die Haupttempel hinaus
Mit neuester NASA-Technologie haben australische Wissenschaftler der Universität von Sidney Angkor neu kartografiert und dabei unter anderem 74 neue Tempel entdeckt. "Jenseits der Haupttempel von Angkor haben wir mit Hilfe von Satellitendaten eine riesiges besiedeltes Gelände entdeckt," bestätigt Damian Evans, stellvertretender Direkter des "Greater Angkor"-Projekts in Sidney. Es sei die erste vollständige, detaillierte und umfangreiche Karte von Angkor Wat. Sie soll demnächst veröffentlicht werden.

Zu großen Teilen mit Vegetation bedeckt, erstrecken sich die Ruinen auf der 1.000 Quadratkilometer großen Fläche weit über das als Welterbe gekennzeichnete Gebiet hinaus. Dabei sind die Ruinen alle mit einem einzigen weit verzweigten Bewässerungssystem verknüpft.

Ausgeklügeltes Hydrauliksystem
Über viele Jahre hinweg führten Evans und seine Kollegen aus Australien, Kambodscha und Frankreich Daten aus handgezeichneten Karten, Luftbildern, Bodenuntersuchungen und Bodenradaraufnahmen der NASA zusammen. Auf diese Weise wurden neben den Tempeln über ein Tausend Teiche entdeckt.

Das große hydraulische System verband alle diese Brunnen und versorgte die Bevölkerung zuverlässig mit Wasser. So wurden nicht nur mehrere Reisernten im Jahr möglich, die Angkorer machten sich auch unabhängig vom unberechenbaren Monsunregen. Bisher war man vielfach davon ausgegangen, dass dieses Bewässerungssystem einen eher dekorativen Charakter hätte, wie bei einem französischen Lustgarten beispielsweise.

Doch inzwischen scheint klar, dass dieses riesige System der landwirtschaftlichen Bewässerung beziehungsweise der Intensivierung des Reisanbaus gedient haben muss. Das brachte den Einwohnern von Angkor großen Reichtum, war aber gleichzeitig auch ihr Untergang.

Wie in Rom oder Chang-an lebten nach ersten Schätzungen wohl auch in der Hochzeit von Angkor Wat mehr als eine Million Menschen. Die durch das komplexe hydraulische System erwirtschafteten Überschüsse machten nicht nur die Bewohner reich, sondern ermöglichte auch die Expansion des Reiches der mittelalterlichen Khmer.

"Riesiges Geflecht"
"Unsere neue Karte zeigt erstmals, dass Angkor keine Ansammlung verstreuter Tempel war", erläuterte Evans gegenüber dem Spiegel. "Es war ein durchgehendes, verflochtenes städtisches Netzwerk, das etwa zehnmal so groß ist wie alles, was bisher aus der antiken Welt gefunden wurde."

Und dann fügt er noch hinzu: "Aber wir sehen auch, dass Angkor nicht an den Stadtmauern endete, sondern ein riesiges Geflecht aus landwirtschaftlichen und besiedelten Flächen war und sich praktisch ohne Unterbrechung über mindestens 1000 Quadratkilometer erstreckte. [...] Alle großen Stauseen haben Zu- und Abflüsse, es gibt Verteilerkanäle, und jede einzelne Wasserquelle der Region wurde intensiv und rücksichtslos ausgebeutet."

Untergang durch Raubbau
Und genau dieser rücksichtslose Umgang mit der Natur besiegelte dann auch den Untergang des Khmer-Reiches. Der außerordentlich große Wasserbedarf der Bevölkerung und der Landwirtschaft verursachte wohl ein Auslaugen des Bodens und führte zu Erosion, ganz zu schweigen von den Problemen, welche die Überbevölkerung mit sich gebracht haben muss. Das komplexe System sei zudem sehr empfindlich gewesen. Kriege und Naturkatastrophen dürften sich verheerend ausgewirkt haben.

Es gebe darüber hinaus Hinweise auf Deichbrüche, Systemversagen und verzweifelte Maßnahmen, die nahe legen, dass die ständig wachsende Komplexität des Wassersystems irgendwann einmal nicht mehr zu kontrollieren gewesen sei. Jetzt werde man mithilfe der neuen Karte daran gehen, die neu entdeckten Siedlungsflächen eingehender zu untersuchen.

Dann werde man sehen, ob die vermutete Einwohnerzahl von einer Million auch einer detaillierten Untersuchung standhalte. Doch wenn man bedenkt, dass in Rom eine Million Menschen auf einem viel wesentlich kleineren Raum lebten, können es in Angkor Wat nicht viel weniger gewesen sein.

Autor: Grigorios Petsos

Quelle: freenet.de
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