Mission: Leiden lindern

dunant
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dunant

 
30.06.2006 - 11:53 Uhr

von Matthias Seng

Die Schlacht von Solferino hielt dem Schweizer Henri Dunant die ganze Schreckenspalette des Krieges vor Augen. Der junge Schweizer schrieb nicht nur ein Buch darüber, sondern gründete eine Organisation, die heute in der ganzen Welt einen guten Ruf hat.

Konventionelle Biologen betrachten die komplexe Struktur unseres Gehirns als Folge eines Jahrtausende langen Evolutionsvorganges. Die Denkprozesse sind nach Ansicht dieser Wissenschaftler auf rein chemische Reaktionen und elektrische Impulse zurückzuführen. Doch kann man damit auch das Bewusstsein definieren? Hier stößt die konservative Forschung an ihre Grenzen.

Mit seinem Konzept der Morphogenetischen Felder hat Rupert Sheldrake jedoch einen Ansatz geliefert, der erklären könnte, wie Bewusstseinsprozesse entstehen und ablaufen könnten. Ebenso macht Sheldrakes Modell die Vererbung von Verhaltensweisen begreifbar, es eröffnet eine neue Sicht auf den Sitz des Gedächtnisses im Gehirn und erweitert unser Verständnis von außersinnlichen und telepathischen Fähigkeiten.

Grenzen der Genetik

Nach geläufiger Auffassung besteht die DNS aus einzelnen Genen, die jeweils die Entwicklung eines bestimmten Körperteils steuern. Sheldrake widerspricht dieser Theorie und führt als Beispiel den Seeigel und den Schwamm an. Selbst aus den kleinsten abgetrennten Teilen dieser Tiere kann sich ein neuer Seeigel beziehungsweise ein neuer Schwamm bilden.

Auch bei höher entwickelten Lebewesen kann dieser Vorgang beobachtet werden. Trennt man zum Beispiel Molchen die Augenlinse ab, können sie diese neu bilden und wieder normal sehen. Für Sheldrake sind dies Beweise dafür, dass Lebewesen danach streben, diese Baupläne zu kopieren - selbst unter künstlichen Bedingungen, denen sie in der Natur niemals ausgesetzt wären. Ist dies so, müsste es seiner Ansicht nach ein Gedächtnis der Natur geben, das weit über die in der DNS gespeicherten Informationen hinausgeht.

Die morphogenetischen (= formbildenden) Felder bilden dabei einen unterbewussten Informationskanal für alle Wesen einer Spezies, ein weltweites biologisches Informations- und Organisationssystem, ein so genanntes Kollektives Gedächtnis, wie es zu Beginn des 20. Jahrhunderts bereits der berühmte Psychologe C. G. Jung postulierte.

Nach Sheldrake besitzen alle Lebewesen einer Spezies durch ihre biologischen als auch sonstigen Erfahrungen und Eigenschaften ein morphogenetisches Feld. In diesem Feld stehen jedem Lebewesen, die Erfahrungen, Fähigkeiten und Fertigkeiten eines jeden anderen Lebewesens unbewusst zur Verfügung, so etwa die Formgebung, aber auch bestimmte Verhaltensweisen.

Der Blutzoll, den der Kampf gefordert hatte, war erschreckend hoch. Mehr als 6.000 Soldaten beider Seiten waren tot, etwa 40.000 verwundet. Noch einmal so viele erkrankten in den darauffolgenden Tagen an Krankheiten, die durch mangelnde Hygiene, Nahrungsmangel und Überanstrengung verursacht wurden. Fast 10.000 Soldaten galten zudem als vermisst.

Das bitterste Los hatten die Verwundeten zu tragen. Tausende konnten medizinisch kaum angemessen versorgt werden. Auf beiden Seiten herrschte ein eklatanter Mangel an Ärzten und Sanitätern, zudem war die Ausstattung, etwa mit Verbandsmaterial, völlig unzureichend. Die Franzosen verfügten über mehr Veterinäre als über Humanmediziner, so dass Verwundete nach ihrer Bergung nicht versorgt werden oder erst gar nicht vom Schlachtfeld weggebracht werden konnten.

Tausende dieser Verwundeter schleppten sich in der Hoffnung auf Rettung in das nächstgelegene Dorf namens Castiglione. Dort leistete der 31-jährige Bankier Henri Dunant zusammen mit dem Ortspfarrer und einer Handvoll Frauen den Verletzten Erste Hilfe. Sie versorgten sie mit Essen und Trinken und sprach ihnen Mut zu. Dunant, aus einer Familie der Genfer Oberschicht stammend, hatte sich auf den Weg nach Italien gemacht, um beim französischen Kaiser Napoleon III. vorstellig zu werden. Dieser sollte ihm Beistand in einem Handelsgeschäft in der französischen Kolonie Algerien gewähren.

Statt dem Kaiser seine geschäftlichen Sorgen schildern zu können – ein reichlich realitätsfremdes Vorhaben zudem – sah sich Dunant mit den schrecklich zugerichteten Opfern einer Schlacht konfrontiert, mit der Weltgeschichte geschrieben wurde.

Die Schlacht von Solferino war in ihren geopolitischen Auswirkungen tatsächlich von eminenter Bedeutung. Denn mit dem Rückzug der Österreicher aus der Lombardei war der Weg frei zur Vereinigung der italienischen Provinzen zu einem unabhängigen Nationalstaat. Für die italienische Einigungsbewegung ( Risorgimento) unter Führung des sardischen Ministerpräsidenten Cavour war Solferino ein unzweifelhafter Triumph.

Um große Politik scherte sich Dunant aber nicht. Vielmehr trieb ihn sein Mitgefühl mit den Verletzten und Verstümmelten dazu, mit allen Kräften sich für die Minderung menschlichen Leidens in Kriegen einzusetzen. Der Eindruck der Schlacht von Solferino war so stark und nachhaltig, dass Dunant drei Jahre später auf eigene Kosten ein Buch mit dem Titel Un Souvenir de Solferino (Eine Erinnerung an Solferino) veröffentlichte, in dem er die Schlacht und die schrecklichen Leiden der Verwundeten in nüchterner Eindringlichkeit beschrieb.

Dunant forderte von den politischen und militärischen Institutionen, "...internationale Prinzipien (zu formulieren), festgelegt durch eine Konvention und gewaltfrei in ihrem Charakter, welche zugestimmt und ratifiziert, die Basis zur Schaffung von Gesellschaften, die das Wohlergehen Verwundeter in verschiedenen europäischen Staaten bilden sollten." Ein ehrgeiziges Unterfangen, das schließlich zur Bildung der ersten "Nichtregierungsorganisation" führen sollte.

Dunants Unternehmung legte die Grundlage des humanitären Kriegsvölkerrechts, das schließlich in den Genfer Konventionen seinen Ausdruck fand und über mehr als ein jahrhundert hin weiterentwickelt wurde.

Genau wie das Vorhaben Dunants, den französischen Kaiser in einer persönlich-geschäftlichen Angelegenheit sprechen zu wollen, nur allgemeines Kopfschütteln hervorrief, schien es kaum wahrscheinlicher, das sich die Mächtigen in Politik und Militär auf die humanitären Forderungen eines Einzelnen einlassen würden.

Doch das Unwahrscheinliche geschah und Dunant hatte Erfolg mit seinen Bemühungen. Im Jahr 1863 ernannte die Gemeinnützige Gesellschaft von Genf einen fünf Mann starken Ausschuss, darunter auch Dunant, der das Internationale Komitee der Hilfsgesellschaften für die Verwundetenpflege ins Leben rief (13 Jahre später erhielt es den heute noch gültigen Namen Internationales Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) ). 1864, nur ein Jahr nach der Gründung des Hilfskomitees, verabschiedeten bereits zwölf europäische Länder die erste Genfer Konvention.

Vielleicht war Dunant mit seinem Vorhaben gerade deshalb so erfolgreich, weil er bewusst darauf verzichtete, den Krieg als solchen ächten zu wollen. Vielmehr beschränkte das Komitee sich darauf, ihn in seinen schlimmsten Folgen zu mindern. "Gibt es während einer Zeit der Ruhe und des Friedens kein Mittel, um Hilfsorganisationen zu gründen, deren Ziel es sein müsste, die Verwundeten in Kriegszeiten durch begeisterte, aufopfernde Freiwillige, die für ein solches Werk besonders geeignet sind, pflegen zu lassen?" war eine Frage Dunants, die genau darauf abzielte.

Im Lauf der Jahrzehnte entwickelte sich so das immer enger werdende Geflecht aus Genfer und Haager Konventionen, die das Vorgehen im Krieg bestimmten Regeln unterwarf, um ein Mindestmaß an Humanität zu sichern. Da aber die Waffentechnik und die daraus abgeleiteten militärischen Strategien bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einer in der Menschheitsgeschichte Entgrenzung und Radikalisierung des Krieges führten, konnten die Konventionen in ihrer eingrenzenden Wirkung niemals Schritt halten mit der oft genug furchtbaren Realität.

Trotzdem bilden die zentralen Punkte des Kriegsvölkerrechts bis heute ein zivilisatorisches Grundgerüst, das von den meisten Staaten dieser Erde offiziell anerkannt, wenn auch faktisch oft genug niedergerissen wird. Zu den epochalen Errungenschaften der Dunant'schen Bemühungen zählen die unter anderem die Unterscheidung zwischen Kombattanten (grob gesprochen: Soldaten) und Nichtkombattanten, die Begrenzung von militärischen Aktionen auf das militärisch Unvermeidliche sowie die Schonung der Zivilbevölkerung und ihrer Lebensgrundlagen.

Henri Dunant selber konnte seinen Triumph nicht lange genießen. Nach einem betrügerischen Bankrott war sein Leben als angesehener Bürger der Stadt Genf abrupt zu Ende. Als gescheiterte Existenz schloss ihn auch das Komitee, dessen Gründervater er faktisch war, aus seinen Reihen aus. In den folgenden 20 Jahren erlitt Dunant das Schicksal eines Ausgestoßenen aus der bürgerlichen Gesellschaft, irrte durch halb Europa, schief in Nachtasylen, unter Brücken und auf Parkbänken. Er wurde vom Hunger geplagt, niemand außer seiner Familie, die ihn mit einer schmalen Leibrente unterstützt, nahm überhaupt noch Notiz von ihm.

Erst im Jahr 1895 wurde durch die Schlagzeile einer Zeitung bekannt, dass der Gründer des Roten Kreuzes noch am Leben war. Nach seiner "Wiederentdeckung" wurde Dunant mit Ehrungen und Auszeichnungen geradezu überhäuft.

Für sein Lebenswerk, die Gründung des Internatonalen Roten Kreuzes, bekam er ihm im Jahr 1901 den Friedensnobelpreis. Das Appenzeller Dorf Heiden, in dem er seit 1888 in einem Hospiz unter ärmlichsten Umständen lebte, verließ Dunant aber nicht mehr, auch nicht zur Ehrung nach Stockholm. Sämtliche Preisgelder verschenkte der Mann, der am Ende seines Lebens zu einem eremitenhaften Pazifisten geworden war. Am 30. Oktober 1910 starb Henri Dunant – und wurde auf eigenen Wunsch ohne Trauerfeier und ohne Trauerzug beerdigt.

Seine große humanitäre Idee aber hat trotz aller Attacken und Verletzungen bis in die heutige Zeit des "Kampfes der Kulturen" überlebt. Zu sehen etwa, wenn das Oberste US-amerikanische Gericht entscheidet, dass ein US-Gefangenenlager auf Kuba verfassungswidrig ist, in dem mutmaßliche Taliban und Al-Quaida-Kämpfer völkerrechtswidrig und nur auf bloßen Verdacht hin ohne Aussicht auf ein Gerichtsverfahren interniert und gefoltert werden.

In Solferino selber, das zum Wendepunkt in Henri Dunant Leben wurde, erinnert heute ein Denkmal des Roten Kreuzes in einem Park oberhalb des Dorfes an diesen Moment. 77 Nationen, deren Namen in Steine aus den jeweiligen Ländern gehauen sind, bekunden ihre Zugehörigkeit zum humanitären Gedankenguts dieses eigenwilligen Schweizers.

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