Prophet des Untergangs

Prophet des Untergangs
Bild 1 von 1

Prophet des Untergangs

 

von Matthias Seng

Die zweite Hälfte der 1960er Jahre war in den USA die Zeit der Rebellion und einer Jugendrevolte, deren radikalste Vertreter sich nichts weniger als den Sturz des "imperialistischen Systems" auf ihre Fahnen geschrieben hatten.

Im Gegensatz zu den lähmenden fünfziger Jahren hatte das siebte Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts eine gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche Beschleunigung erfahren, die in den Augen vieler Kritiker des Systems einen Umsturz für ebenso wahrscheinlich wie wünschenswert machten.

Die Ereignisse schienen ihnen Recht zu geben. Das Jahrzehnt hatte mit einer handfesten internationalen Krise begonnen, nämlich mit dem Abschuss des amerikanischen Spionageflugzeugs U2 im Mai 1960 durch eine sowjetische Rakete. Eine neue Eiszeit schien in den internationalen Beziehungen bevorzustehen. Die Kuba-Krise zwei Jahre später brachte die Welt an den Abgrund eines atomaren Krieges.

Und der Mord an Präsident John F. Kennedy, dem Mann, der durch sein besonnenes Auftreten im Zusammenspiel mit dem sowjetischen Generalsekretär Chruschtschow verhindert hatte, dass die Konfrontation der Supermächte in die nukleare Apokalypse mündete, war im November 1963 in Dallas ermordet worden – ein traumatisches Ereignis vor allem für die junge Generation des Landes, die mit dem Präsidenten ihr Idol verlor.

Die Regierung von Lyndon B. Johnson, Kennedys Nachfolger, provozierte mit dem "Tongking-Zwischenfall" im August 1964 den Vietnamkrieg, der mehr als 50.000 amerikanischen Soldaten und Hunderttausender Vietnamesen, Zivilisten und Soldaten, das Leben kostete. Die Proteste gegen diesen Krieg, in dem die USA Flächenbombardements, Napalm und das Entlaubungsgift als legitime Kriegsmethoden betrachteten, spaltete das Land und rief die mächtigste Protestbewegung seiner Geschichte hervor.

Der Jugendprotest hatte seine Keimzelle in den Universitäten des Landes und richtete sich sowohl gegen die biedere, bigotte und engstirnige Version des American Way of Life als auch gegen die verheerenden Folgen der (großen) Politik in Südostasien.

Der Protest äußerte sich in vielfältigen, nicht immer gewaltlosen Formen. Das Festival in Woodstock im August 1969 war der Höhepunkt der Hippiekultur mit Love and Peace, Drugs and Music. Der politische Protest artikulierte sich in Bürgerrechts- und Studentenorganisationen. Eine davon war der amerikanische SDS ( Students for a Democratic Society), der zeitweise 200.000 Mitglieder zählte und die weißen Jugendlichen als neue revolutionäre Klasse zu erkennen glaubte.

Aber auch der emanzipatorische Kampf der schwarzen Bevölkerungsminderheit fand seinen Widerhall im SDS. Die militanten "Black Panthers" etwa hatten im SDS einen engen Verbündeten. Der Protest kam zwar mehrheitlich von links, aber auch die radikale Rechte sah ihre Chance auf revolutionäre Umwälzungen gekommen.

Ein der schillerndsten Figuren jener Tage war Charles Manson, der auf eine Minderheit der rechten als auch der linken Radikalen eine geradezu magnetische Anziehungskraft ausübte und in einem Universum von Drogen und Wahnvorstellungen lebte. Manson stand für einen rücksichtslosen Extremismus, der vermeintlich revolutionäre Politik und Gegenkultur verband.

Manson schwamm auf der Welle des Protests und scharte innerhalb kurzer Zeit eine Gruppe von ihm bedingungslos ergebener Anhänger um sich, denen er seine krude Weltsicht mit Unterstützung von LSD und anderen Drogen einimpfte: Indem, wie er glaubte, heraufziehenden revolutionären Prozess sollten die Schwarzen nur solange unterstützt werden, bis die alte Gesellschaftsordnung zerstört worden wäre. Im nächsten Entwicklungsstadium sollte sich dann eine von "kranken Elementen" befreite und "veredelte" weiße Rasse mit Manson als unumstrittenem Führer durchsetzen.


Im Weltbild des Charles Manson verschmolzen politische Positionen der radikalen Linken mit denen der radikalen Rechten. Die scheinbare Notwendigkeit und Zwangsläufigkeit eines Sturzes der kapitalistischen Gesellschaftsordnung verband sich mit rassistischem "Gedankengut" und mit Hilfe von Drogen hervorgerufenen Wahnvorstellungen in der Person des am 12. November 1934 in Cincinnati, Ohio, geborenen Charles Milles Manson.

Er war das uneheliche Kind einer drogensüchtigen Gelegenheitsprostituierten und wuchs bei streng religiösen Verwandten und in Erziehungsheimen auf. Mit 19 Jahren heiratete er, zeugte einen Sohn und verließ die Familie bald darauf. Schon früh wurde er wegen Vergewaltigung und Zuhälterei zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, die er bis 1967 absaß.

Nach seiner Entlassung zog es ihn nach San Francisco, einer der Hochburgen der Alternativkultur. Auf dem Campus der dortigen Uni und an den Treffpunkten der Hippies scharte er eine Gruppe mehr Willenloser denn Gleichgesinnter um sich. Drogen, Sex und apokalyptische Vorhersagen vom bevorstehenden Ende der Welt waren die Mischung, mit der sich Manson zum unumschränkten Führer der Gruppe machte.

Auf einer abgelegenen Ranch gründete Manson eine Kommune. Dort schweißte er seine Gruppe, bald bekannt als "The Manson Family", mit Psychoterror, LSD und Gruppensex zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammen. Seinen eigentlichen Wunschtraum – eine Karriere als Rockmusiker – konnte Manson nicht verwirklichen, auch wenn er seit Mitte der sechziger Jahre mit verschiedenen Musikern der Gegenkultur bekannt war.

So hatten "The Family" bei Dennis Wilson von den Beach Boys gelebt. Die Beach Boys hatten vorher schon einen von Mansons Songs "Cease to Exist" unter dem Titel "Never Let Your Love Die" aufgenommen.

Auf seiner Ranch betätigte sich Manson als Prophet und sagte den Untergang der Welt für das Jahr 1969 voraus. Mehreren Quellen zufolge hielt er sich für eine Wiedergeburt für Jesus, für Satan oder für beide in einer Person und erging sich in Kontaktaufnahmen zu "satanistischen Gemeinschaften". Als das Jahr 1969 schon fortgeschritten war und nichts auf den Weltuntergang hindeutete – der ja von einem Aufstand der Schwarzen eingeläutet werden sollte – forderte er seine Anhänger auf, den untätigen Schwarzen zu zeigen, wie man Weiße tötet.

Am 9. August 1969 ließ er im mondänen Bel Air, einem Stadtteil von Los Angeles, fünf Menschen auf scheußliche Weise niedermetzeln. Unter den Opfern befand sich die junge, hochschwangere Schauspielerin Sharon Tate, Ehefrau des Regisseurs Roman Polanski.

Die unter Drogen stehenden Killer erschossen ihre Opfer und machten sich danach noch mit Messern über die Leichen her. Auf der Haustür hinterließen die Mörder mit Blut geschrieben das Wort "PIG" . Am Tag darauf wiederholte die "Manson Family" das Blutbad an einem Industriellen und seiner Frau.

Im Jahr 1970 wurde Manson schließlich verhaftet. Obwohl er selber keines seiner Opfer eigenhändig getötet hatte, wurde er als Anstifter wegen mehrfachen Mordes zum Tode verurteilt. Im Jahr darauf wurde die Todesstrafe in Kalifornien vorübergehend abgeschafft. Dieser Umstand rettete Mansons Leben. Seine Strafe und die seiner Anhänger wurde in lebenslange Haft umgewandelt.


Mansons Anhänger blieben ihrem Guru auch noch nach dessen Verurteilung hörig. Sie bezichtigten sich weiterhin, ausschließlich selbst für die Morde verantwortlich zu sein und demonstrierten auf diese makabre Weise, wie erfolgreich die Gehirnwäsche Mansons gewesen war.

Noch heute büßt Charles Manson in einem kalifornischen Gefängnis seine Strafe ab. Er darf keinen Besuch empfangen und spielt seit Jahren seine Rolle als letzter Nazi-Gefangener. Er hat sich ein Hakenkreuz in seine Stirn geritzt und soll zum Tod von Rudolf Hess, Hitlers Stellvertreter, gesagt haben: "Jetzt bin nur noch ich übrig."

Es verwundert fast nicht, dass Manson heutzutage in bestimmten Kreisen wieder oder immer noch populär ist und seine Karriere als Kultfigur noch lange nicht an ihr Ende gekommen ist.

Neben den überlieferten Wahnvorstellungen der "Manson Family" und ihres Anführers gibt es im Übrigen noch ein weiteres Motiv für das Massaker von Bel Air: Rachsucht. Das Haus, das Sharon Tate und Roman Polanski gemietet hatten, gehörte einem Musikproduzenten, der Manson abgewiesen hatte.

Kommentare
Top-Themen
Die Wahlkreise sind ausgezählt: Die SPD gewinnt mit Olaf Scholz an ihrer Spitze die Bundestagswahl. Für die CDU ist es ...mehr
Wirbel um die Wahl von Armin Laschet: Die Kreuze für die CDU auf seinem Wahlschein hat der Unions-Kanzlerkandidat ...mehr
Die besten Witze & Sprüche
WhatsApp-Status-Sprüche eignen sich sehr gut, um ins Gespräch zu kommen, sich von seiner humorvollen Seite zu zeigen ...mehr
Von Zuhause arbeiten bringt Vor- und Nachteile mit sich. Während man es mit dem Dresscode nicht ganz so genau nehmen ...mehr
Sie lieben Denksport und kennen sich gut mit Sprichwörtern und Emojis aus? Dann versuchen Sie unser Emoji-Bilderrätsel ...mehr
Video
Anzeige
gekennzeichnet mit
JUSPROG e.V. - Jugendschutz
freenet ist Mitglied im JUSPROG e.V.