Sieben Weltwunder gesucht

Sieben Weltwunder gesucht
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Sieben Weltwunder gesucht

07.01.2006 - 23:00 Uhr

von Kristian Büsch

So ganz taufrisch sind sie nicht mehr, die sieben Weltwunder der Alten Welt. Bestaunen kann man gerade einmal noch die Pyramiden, denn sechs der sieben Wunder sind längst zu Staub zerfallen. Bei einem sind wir noch nicht einmal sicher, ob es wirklich existiert hat. Selbst die Liste, auf der die Wunder einmal zusammengestellt wurden, ist gute 2000 Jahre alt. Es war wirklich an der Zeit, etwas dagegen zu unternehmen.

Im Jahr 2000 rief die NewOpenWorld Foundation die Welt auf, sich endlich eine neue Liste zu wählen. Ganz demokratisch konnte jeder auf der Webseite der Organisation Vorschläge machen oder für einen der Kandidaten stimmen. Insgesamt 19 Millionen Menschen folgten diesem Aufruf und gaben ihre Stimme ab.

Dieses Jahr kommt es zum großen Showdown, 21 "neue" Weltwunder schafften es in die Runde der Letzten. Im Verlaufe dieses Jahres werden per Telefonabstimmung die Gewinner gekürt, eine ganze Reihe von Veranstaltungen ist geplant. In Fernsehsendungen werden die Kandidaten vorgestellt, damit die Zuschauer sich eine qualifizierte Meinung bilden können, denn immerhin sollen die sieben Besten gewinnen.

Die offizielle Bekanntgabe erfolgt am 1. Januar 2007. Wer einen Blick auf die Kandidatenliste wirft, wird sicherlich zuerst einmal überrascht sein. So richtig modern ist auf der Liste gerade einmal das Opernhaus in Sydney. Zwar haben es Freiheitsstatue und Eiffelturm ins Finale geschafft, ingenieurtechnisch und logistische Meisterleistungen wie Panamakanal und der Ärmelkanal-Tunnel aber zum Beispiel nicht.

Derzeit auf Platz eins ist – und das ist in gewisser Hinsicht eine Überraschung – die Athener Akropolis. Nun ist die Akropolis sicherlich eines der Symbole antiker Baukunst schlechthin, so gesehen also ein würdiger Kandidat. Einer der Architekten war allerdings Phidias und der Name taucht bekanntlich schon auf der alten Liste auf. Seine Zeusstaue schaffte es schon bei Antipater von Sidon und Philon von Byzanz (den "Erfindern" der Weltwunder) auf die Liste der Wunder.

Ebenfalls antik ist der nächste Kandidat: Das Kolosseum. Es ist mit einem Umfang von 527 Metern das größte Amphitheater Roms und ein Mahnmal für die Ingenieurkunst jener Tage. Rund 73.000 Besucher fasste es, erbaut im ersten nachchristlichen Jahrhundert (72 bis 80) blieb es in mehrfacher Hinsicht ein Symbol bis in die heutige Zeit. Wir wissen es nicht genau, doch Schätzungen zufolge starben etwa 300.000 - 500.000 Menschen im Kolosseum und alles nur zur Erbauung der Massen.

Noch um einiges älter ist Die Große Mauer in China. In ihren Anfängen reicht sie vermutlich bis ins fünfte vorchristliche Jahrhundert zurück, in der heute bekannten Form entstand sie allerdings erst in der Ming-Dynastie, also gegen Ende des 15. Jahrunderts. Mit ihren 6350 Kilometern Länge (es gibt Hinweise, dass es sogar noch mehr waren) stellt sie das mit einigem Abstand größte Bauwerk der Welt dar, allein schon deshalb ist die Mauer natürlich ein würdiger Kandidat.

In Fragen des Alters kann sich mit dem nächsten Kandidaten keiner messen: Stonehenge. Der Steinkreis im englischen Amesbury fasziniert und inspiriert Besucher seit über 5000 Jahren, mehr oder weniger jedenfalls.

Am Anfang bestand es wohl nur aus einem Erdwall und einem Graben, die Megalithen wurden erst zwischen 2500 und 2000 vor Christus aufgestellt. Stonehenge ist wohl das Symbol für die alten Megalith-Kulturen und eines der bekanntesten von Menschenhand geschaffenen Bauwerke überhaupt. Was genau es darstellt, ist immer noch Gegenstand heftiger Diskussionen, naheliegend scheint ein Observatorium und/oder überdimensionaler Kalender. Dass es auch religiöse Bedeutung hatte, ist über jeden Zweifel erhaben.

Eines der wohl faszinierendsten – ja Bauwerke trifft es eigentlich gar nicht so gut – Gesamtkunstwerke vielleicht ist Petra – die rosarote Stadt der Nabatäer. Die Stadt im heutigen Jordanien wurde 312 vor Christus gegründet und war lange ein wichtiger Warenumschlagplatz. Nach dem Sieg der Römer sank der Stern der Stadt, und nach einem schweren Erdbeben 551 war es endgültig vorbei. Fast perfekt sind die bis heute erhaltenen Häuser und Tempel, die die Nabatäer aus dem rötlichen Fels schlugen.

Der Taj Mahal ist Indiens Vertreter in der Liste der Wunder. Übersetzt heißt es soviel wie der "Kronen-Palast". Der Taj Mahal ist eigentlich ein Mausoleum. Shah Jahan ließ es errichten zum Gedenken an seine Frau Mumtaz Mahal. Er zog über 20.000 Handwerker aus ganz Süd- und Zentralasien heran, die Fertigstellung dauerte 17 Jahre. Vor allem wegen der perfekten Harmonie seiner Proportionen gilt der Bau als eines der schönsten Zeugnisse des so genannten Mogulstils.

Angkor in Kambodscha spielt in einer ganz eigenen Liga. Angkor Wat ist der größte Tempelkomplex der Welt. Die Stadt – eigentlich sind es mehrere aufeinanderfolgende Städte – erstreckt sich auf gut 200 Quadratkilometer. Sie ist das herausragende Zeugnis der Baukunst der Khmer vom 9. bis zum 15. Jahrhundert.

Der Kyomizu Tempel in Kyoto ist sicherlich einer der eher unbekannten Kandidaten im Feld. Er stammt ursprünglich aus dem späten achten Jahrhundert, in seiner heutigen Form allerdings aus dem Jahr 1633. Besonders die Veranda des Tempels hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Getragen von Hunderten von Säulen ragt sie über einen Felsvorsprung mit darunter liegendem Wasserfall.

Nicht aus dem Fernen Osten allerdings auch ein Vertreter aus der Gruppe Gesamtkunstwerke ist Timbuktu in Mali. Die Oasenstadt ist berühmt für ihre charakteristische Lehmbauweise und die zahlreichen Moscheen. Dass sie sich am Ende gegen Great Simbabwe durchsetzen konnte, mag manchen überraschen, beweist aber wieder einmal, dass Afrika – sieht man mal von Ägypten ab – auch bei Weltwunder-Fans ein noch dunkler Kontinent ist.

Chichén Itzá repräsentiert wie kein anderes die Baukunst und Gigantomanie lateinamerikanischer Hochkulturen. Die Maya-Metropole auf der Halbinsel Yucatán in Mexiko mauserte sich zu einer der Haupttouristenattraktionen man muss schon sagen des Kontinents. Die Anlage wirkt und wohl vor allem wegen der wuchtigen Pyramiden gewaltig, vermittelt wie keine andere einen Einblick in das Weltbild jener geheimnisvollen Hochkultur.

In keinerlei Hinsicht verstecken braucht sich davor Machu Picchu in Peru. Die alte Ruinenstadt in 2360 Metern Höhe ist eines der spektakulärsten Ziele überhaupt. Unsichtbar für die Eroberer überlebt die Inkafeste den Sturm der Zeit, ein bleibendes Mahnmal der Größe dieser faszinierenden Kultur.

Rio de Janeiro, die Stadt unterm Zuckerhut. Copacabana, Karneval und Samba – eine der bekanntesten Ansichten der Stadt ist dennoch eine Christus-Figur. Hoch über der Stadt auf dem Corcovado breitet die 38 Meter hohe Figur die Arme schützend die Arme aus, gibt der Stadt Schutz und Segen. Gebrauchen kann sie es, die Metropole gilt auch als eine der Hauptstädte des Verbrechens.

Ziemlich weitab vom Schuss liegt der letzte Vertreter aus den beiden Amerikas. Rapa Nui – die Osterinseln. Moais heißen die riesigen Steinfiguren, für die Rapa Nui, immerhin 3.700 Kilometer vor der chilenischen Küste, weltberühmt wurde. Über 1000 sollen es ursprünglich gewesen sein. Warum sie errichtet wurden, bleibt rätselhaft, vermutlich stellen sie berühmte Häuptlinge oder Ahnen dar. Sie aufzurichten, war ein gewaltiger Kraftakt, eventuell trieb die Obsession, immer größere Moais errichten zu wollen, die Insel in eine ökologische Katastrophe. Am Ende war auch der letzte Baum der Insel abgeholzt.

Aus deutscher Sicht erfreulich ist die Nominierung von Neuschwanstein. Das Märchenschloss Ludwigs II. mag etwas kitschig sein, immerhin beweist es, dass wir Deutschen nicht immer alles so ernst nehmen. Als Vorlage soll übrigens die Wartburg gedient haben. Grundsteinlegung war am 5. September 1869, 1880 feierte das Schloss Richtfest. Als Ludwig 1886 starb, war Neuschwanstein zwar immer noch nicht ganz fertig, immerhin hatte er aber schon mal etwas darin gewohnt. Das Märchenschloss war übrigens ganz state of the art, mit moderner Heizung und Klingelanlage für die Dienerschaft.

Sicherlich wenig überraschend kommt die Nominierung der Hagia Sophia. Die Sophienkirche in Istanbul war die ursprüngliche Hauptkirche des oströmischen Reiches und religiöser Mittelpunkt der orthodoxen Kirche. Sie diente dementsprechend auch als Krönungskirche der byzantinischen Kaiser. Nach dem Fall Konstantinopels wurde sie zur Hauptmoschee der Osmanen und diente als Vorbild für zahlreiche andere Moscheen, ohne das ihr gewaltiger Kuppeldurchmesser jemals erreicht worden wäre.

Das vielleicht schönste Beispiel des maurischen Stils ist Alhambra. Die Stadtfeste im andalusischen Granada geht zurück auf Ibn al-Ahmed, der als Mohammed I. in Granada die Dynastie, der Nasiriden gründete. Die großflächige fast stadtähnliche Feste mit extra Zitadelle, diversen Palästen, mittlerweile auch einer Kirche und einem Kloster sollte zeitweise sogar Regierungssitz werden (unter Karl V.). Heute ist die rund 13 Hektar große Anlage eines der meistbesuchten Ziele Europas.

Ein echter Überraschungskandidat ist der Moskauer Kreml – das Symbol russischer Macht und Synonym für die russische Staatsführung. Das Wort bedeutet im eigentlichen Sinne Zitadelle beschreibt in diesem Fall aber die Gruppe von Palästen und Kathedralen rund um den Roten Platz. Ein Großteil der Anlage ist immer noch unzugänglich, die goldenen "Zwiebeldächer" der Basiliken Archetypen für den orthodoxen Stil.

Bei dem Begriff "Neue sieben Weltwunder" würden viele sicherlich nicht zuerst an Parthenon oder die Pyramiden denken. Nun ist das aber das Schöne an einer demokratischen Abstimmung, die am Ende so ganz demokratisch allerdings doch nicht war. Schließlich wurden die beliebtesten 77 von einem Expertengremium begutachtet und dann wurden die hier vorgestellten 21 ausgewählt.

Man kann sich des Eindrucks kaum erwehren, dass das Gremium unter dem früheren UNESCO-Chef Prof. Dr. Federico Mayor politisch extra korrekt vorgehen wollte. Irgendwie ist schwer vorstellbar, dass die nun gelisteten 21 tatsächlich die meistgenannten in der weltweiten Abstimmung waren. Zudem sind die "Wunder" verdächtig gut verteilt über die ganze Welt.

Bemerkenswert an der Liste ist vor allem, was sich alles nicht darauf befindet. Da fliegt eine bemannte Raumstation um die Erde und wir nominieren Stonehenge. Unter gewaltigen Anstrengungen treiben zehntausende Arbeiter einen Kanal durch das immerhin bergige Panama und auf der Liste der Weltwunder tauchen Neuschwanstein und der Moskauer Kreml auf.

Mit der eigentlichen Idee von Antipater von Sidon und Philon von Byzanz hat die Liste natürlich aber und ohnehin nichts zu tun. Ursprünglich repräsentierte jedes Wunder eine unerreichte Spitzenleistung auf einem Gebiet. Die jetzt vorgestellten Kandidaten sind eher eine Liste von Wahrzeichen ausgesuchter Länder als Weltwunder.

Ganz wundervoll ist die Idee, die übrigens auf den Schweizer Bernhard Weber zurück geht, natürlich trotzdem.

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