Stumme Zeugen

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Stumme Zeugen

 

von Matthias Seng

Die Deportation der jüdischen Bevölkerung aus Deutschland in die Vernichtungslager im Osten begann im Herbst 1941. Bis dahin waren die Juden systematisch aus dem öffentlichen Leben in Deutschland ausgegrenzt worden mit dem Ziel, sie zur Auswanderung zu zwingen.

Die Nazis hatten von 1933 an den Druck auf die deutsch-jüdische Bevölkerung mit einer Vielzahl von kriminellen Maßnahmen erhöht: Berufsverbote, Boykotte, rechtliche Diskriminierung und blanke Gewalt hatten einander abgelöst und schließlich zu einer Radikalisierung der Politik geführt, die Ende 1941 in die systematische Deportation und Ermordung der in Deutschland verbliebenen jüdischen Bevölkerung mündete.

Die Geheime Staatspolizei (Gestapo), die für die Organisation und Durchführung der Deportation zuständig war, legte großen Wert darauf, dass bei diesen Aktionen keine Fotos gemacht wurden. Zwar ließ es sich nicht vermeiden, dass die nichtjüdische deutsche Bevölkerung von den Transporten in den Osten erfuhr – die Juden mussten oftmals am helllichten Tag in großen Gruppen unter Polizeibewachung quer durch die Innenstädte zu den Bahnhöfen gehen – trotzdem galt strenges Fotografierverbot.

Ein bedrückendes Zeugnis des Vernichtungswahns

Eine Ausnahme machte die Deportation der mainfränkischen Juden 1941/42. Auf Anordnung des Nürnberger Polizeipräsidenten schoss ein Gestapo-Beamter von den ersten drei der insgesamt sieben Deportationen aus Würzburg und Kitzingen weit über 100 Fotos, die später zu einem aus losen Blättern bestehenden Album zusammengefasst wurden.

Das Album verschwand nach dem Krieg, wurde erst vor einigen Jahren von einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin des Instituts für Zeitgeschichte wiederentdeckt und befindet sich heute im Staatsarchiv Würzburg.

In einer Ausstellung, die noch bis Anfang Dezember in der Uni Würzburg zu sehen ist, werden insgesamt 139 Fotografien präsentiert. Eingebettet in Schilderungen über die damalige politische Situation in Deutschland, über das jüdische Leben im "Dritten Reich" und über die spätere Strafverfolgung der Täter sowie das Gedenken an die ermordete jüdische Bevölkerung Mainfrankens entsteht so ein ebenso eindringliches wie enthüllendes Bild über den "Alltag der Vernichtung".

In aller Deutlichkeit wird dem Betrachter vor Augen geführt, dass der Holocaust eben nicht nur das Werk von Hitler und der SS gewesen ist, sondern dass er in seiner Vorbereitung einen auch bürokratischen Akt darstellte, an dem viele Deutsche beteiligt waren. Wenn auch nicht jeder genau wusste, was mit den Juden im Osten passierte, war den meisten klar, dass den Deportierten im Osten, wo ein grausamer Krieg tobte, ein hartes Schicksal bevorstand.

Darüber hinaus waren um die Jahreswende 1941/42 erste Informationen über Massenerschießungen in den besetzten Gebieten bis nach Deutschland vorgedrungen. Wer Augen hatte zu sehen und Ohren zu hören, der sah und hörte.

Allein für die Region Franken wurden nach dem Krieg ungefähr 150 Personen als unmittelbar an den Deportationen beteiligt benannt: Angehörige des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) und verschiedener Gestapostellen, Schutzpolizisten und Gendarmen, Finanzbeamte, Gerichtsvollzieher, Zollinspektoren, Angehörige des Amtsgerichts Würzburg, Landräte, Oberbürgermeister, NS-Chargen, Reichsbahnpersonal und Schreibkräfte.

Wenn auch nicht in jedem Fall von einer persönlichen Schuld im strafrechtlichen Sinn gesprochen werden kann, so war der Kreis der Mitwisser und Mithelfer doch wesentlich größer als allgemein angenommen und zugegeben.

Waren all diese Personen auch nicht persönlich an der Ermordung der Juden beteiligt, so war jeder für sich genommen doch ein kleineres oder größeres Rädchen, ohne das die ganze Maschinerie der Vernichtung nicht hätte funktionieren können.

Der erste Transport Würzburger Juden wurde Ende November 1941 zusammengestellt. Mehr als 200 Kinder, Frauen und Männer mussten sich am 26. November Nachmittags in der Würzburger Stadthalle einfinden. Bis auf 60 Reichsmark Bargeld und einen Koffer mit "Ghettogepäck" von maximal 50 Kilo mussten die Juden sämtliches Eigentum zurücklassen.

Ihr gesamtes Hab und Gut – tatsächlich "Judengut" genannt – wurde dann später in Versteigerungen unter die nichtjüdische Bevölkerung gebracht. Man schätzt, dass allein in Hamburg mehr als 100.000 Personen an solchen Versteigerungen teilnahmen, in denen geraubte Wertsachen feilgeboten wurden.

In der Stadthalle angekommen, mussten die Juden eine körperliche Durchsuchung über sich ergehen lassen. In der darauffolgenden in der Nacht marschierten die Menschen zum örtlichen Güterbahnhof, wo sie in vier Personenwagen einsteigen mussten. Das Gepäck wurde in zwei Güterwaggons geschafft.

Zu den 200 Würzburger Juden kamen noch Juden aus Bamberg, Bayreuth, Coburg, Erlangen, Forchheim, Fürth und Nürnberg. Nach einem Tag im Lager Nürnberg-Langwasser verließ der Zug am Nachmittag des 29. November schließlich Nürnberg und traf am 2. Dezember auf dem Rigaer Verschiebebahnhof Skirotava ein.

In Riga wurden die ersten "Arbeitsunfähigen" im März 1942 in Gaswagen ermordet, die meisten anderen überlebten bis Ende 1944, als die Lager vor den vorrückenden russischen Truppen evakuiert wurden. Diese so genannten "Todesmärsche" gen Westen überlebten nur die wenigsten – von den 202 Würzburger Juden etwa nur 15.

Die zweite und dritte Deportation im März und April 1942 fanden jeweils am helllichten Tage statt. Die 208 Juden, die sich am 23. März in Kitzingen an der Sammelstelle einfinden mussten, wurden von Schaulustigen beobachtet und ebenfalls unter Bewachung zum örtlichen Bahnhof gebracht. Ihr Transport ging in das Ghetto Izbica in Polen. Von dort aus kamen einige in das Lager Majdanek, die meisten wurden im Vernichtungslager Sobibor umgebracht. Von diesen Menschen hat, soweit bekannt, keiner überlebt.

Der dritte Transport am 25. April 1942 umfasste 852 Menschen, die zum "Platz'schen Garten", einem Gartenlokal, gebracht wurden und von dort aus in einem langen Zug durch Würzburg wiederum zum Bahnhof Aumühle marschierten. Auch das geschah vor den Augen der Würzburger Bevölkerung.

Der Transport ging nach Krasniczyn in Polen, von wo aus die Juden wahrscheinlich im Juni 1942 in das Vernichtungslager Sobibor eingeliefert wurden. Auch von diesem Transport überlebte niemand. Im Platz'schen Garten fand dann nur einen Tag nach der Deportation ein Konzert statt, in dem ein Sänger den begeisterten Zuschauern neben klassischem Liedgut von Mozart und Beethoven auch so genannte "neue Volkslieder" darbrachte.

Die deutschen offiziellen Stellen waren darüber hinaus so zynisch, die mit den Deportationen verbundenen Kosten von den Juden selbst übernehmen zu lassen. So verlangte die Gestapo Nürnberg-Fürth im November 1941 pro Person 60 Reichsmark für die Fahrt nach Riga. Weiterhin mussten die Juden für Saalmiete, Reinigung, Heizung, Licht, Verpflegung und "Verdienstentgang" für die Begleitmannschaft – jedem Transport wurden mehrere Gestapobeamte als Bewachung zugeteilt – aufkommen.

Von den insgesamt 2.063 deportierten mainfränkischen Juden sollen 41 den Holocaust überlebt haben.

Sämtliche Fotografien sind Originalaufnahmen von den drei Deportationen und dem Begleitband zur Ausstellung entnommen.

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