Terror bei Olympia

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25.01.2006 - 23:00 Uhr

von Matthias Seng

Die 20. Olympischen Sommerspiele von München wurden nur bis zum 4. September 1972 ihrem eigenen Anspruch gerecht, "heitere Spiele" zu sein. In den darauffolgenden Stunden wurde die bayerische Landeshauptstadt zum Schauplatz eines blutigen Terroraktes, bei dem elf israelische Sportler und Betreuer, ein deutscher Polizist sowie fünf palästinensische Terroristen ums Leben kamen.

In der Nacht zum 5. September kletterte ein achtköpfiges Kommando der palästinensischen Terrororganisation "Schwarzer September" über das lediglich von einem zwei Meter hohen Maschendrahtzaun gesicherte Olympische Dorf in München. Die Gruppe stürmte das israelische Mannschaftsquartier.

Bei einem Handgemenge wurde einer der Sportler erschossen, ein weiterer schwer verletzt. Wenige Stunden später erlag er einen Verletzungen, weil die Terroristen keine ärztliche Hilfe ins Gebäude ließen. Insgesamt neun israelische Sportler und Betreuer gerieten unverletzt in die Hände der mit Sturmgewehren und Handgranaten bewaffneten Geiselgangster.

Der Anführer des Terrorkommandos forderte die Freilassung von über 200 in Israel einsitzenden arabischen Häftlingen und der erst wenige Monate zuvor gefassten deutschen Terroristen Andreas Baader und Ulrike Meinhof; weiterhin ein aufgetanktes Flugzeug, ungehinderten Abflug mit den Geiseln in eine arabische Hauptstadt sowie freies Geleit für das Kommando. Schließlich drohten die Palästinenser alle Geiseln zu erschießen, sollte die Polizei versuchen das Gebäude zu stürmen.

Der "Schwarze September" war erst im Jahr zuvor bei einem Treffen der Führungsriege der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO gegründet worden.

Der Name der Terrorgruppe, die schnell auf mehrere hundert aktive Mitglieder anwuchs, sollte an die bis dahin schlimmste Niederlage der Palästinenser im Jahr 1970/71 erinnern.

Damals hatten auf Befehl König Husseins jordanische Truppen einen Aufstand der Palästinenser in Jordanien blutig niedergeschlagen und sämtliche palästinensische Organisationen aus dem Land vertrieben.

Von den arabischen Brudernationen im Stich gelassen und ohne jede machtpolitische Basis im Kampf gegen Israel, wandte sich die PLO dem offenen Terror zu.

Schon im November 1971 hatte der "Schwarze September" erstmals zugeschlagen. In Kairo war der jordanische Ministerpräsident Wasfi al Tel einem Attentat zum Opfer gefallen. Danach zog sich die blutige Spur des palästinensischen Terrors bis nach Europa. Anfang August 1972 verübten Mitglieder des "Schwarzen September" in Triest einen Sprengstoffanschlag auf eine Öl-Pipeline. In der Bundesrepublik hatte die Terrorgruppe ein regelrechtes Netzwerk errichtet, als Studenten eingeschleuste Terroristen warteten auf ihren Einsatzbefehl. Der erfolgte im August 1972.

Die laxen deutschen Sicherheitsbestimmungen spielten dem Kommandounternehmen in die Hände. Zwar gab es mehrere Warnungen vor möglichen Attentaten, diese wurden aber ignoriert. Und das, obwohl der "Schwarze September" im Februar des Jahres gleich mehreren Attentate in bundesdeutschen Städten verübt hatte.

Zuerst traf ein Sprengstoffanschlag die Fabrikhalle einer Firma, die im Exportgeschäft mit Israel tätig war. Nur einige Stunden später flog bei der Esso-Raffinerie in Hamburg-Harburg ein Öltank in die Luft. Am darauf folgenden Morgen fand man die Polizei in einer Kellerwohnung in Brühl bei Köln fünf ermordete Jordanier – einer von ihnen war ein V-Mann des bundesdeutschen Verfassungsschutzes gewesen.

Trotz dieser alarmierenden Vorzeichen waren die Sicherheitskräfte in München nicht auf massive Gewalt, sondern lediglich auf kleinere Störungen wie etwa Demonstrationen vorbereitet.

Die Bundesrepublik wollte sich der Welt nach den Gewaltexzessen Nazideutschlands als ziviles und liberales Land präsentieren.

Innerhalb des Olympischen Dorfes sollte ein Ordnungsdienst, der dem Hausherrn, dem deutschen Olympischen Komitee unterstand, für Ruhe und Ordnung sorgen. Dieser Ordnungsdienst bestand aus etwas mehr als 2.000 Beamten, bestehend aus Bundesgrenzschutz- und Polizeibeamten, und war nicht bewaffnet.

Auf den schlimmsten Fall, der in den Morgenstunden des 4. September eingetreten war, war die deutsche Polizei nicht vorbereitet. Im seit etwa 6.40 Uhr abgeriegelten Olympischen Dorf verhandelten zunächst Walter Tröger, der Bürgermeister des Olympischen Dorfes, OK-Präsident Willi Daume, Polizeipräsident und Sicherheitschef Manfred Schreiber sowie der Innenminister Bruno Merk mit den Terroristen und boten sich vergeblich als Ersatzgeiseln an.

Wenig später trat im Olympischen Dorf ein Krisenstab zusammen, dem neben Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher und Staatsekretär Kiesl noch Merk, Schreiber, Daume sowie IOC-Präsident Avery Brundage angehörten.

Obwohl sich die Geiselgangster in den nächsten Stunden noch mehrfach dazu bewegen ließen, ihr ursprünglich um neun Uhr morgens auslaufendes Ultimatum zu verlängern, wurde schnell klar, dass es zu keiner Verhandlungslösung kommen konnte. Die israelische Regierung lehnte jedes Zugeständnis ab, bot stattdessen den bundesdeutschen Behörden an, ein Spezialkommando einfliegen zu lassen, das die Geiseln gewaltsam befreien sollte. Die Bundesregierung lehnte dieses Angebot mit der Begründung ab, das Befreiungskommando würde nicht mehr rechtzeitig eintreffen.

Nach längeren Diskussionen entschloss sich das IOC, die Spiele für einen Tag auszusetzen. Zugleich wurde für den kommenden Tag eine Trauerfeier für die beiden erschossenen Israelis angesetzt. Am Nachmittag umstellten Scharfschützen der Polizei das Gebäude mit den Geiselnehmern und ihren Opfern.

Kurz darauf forderten die Palästinenser, mit ihren Geiseln in die ägyptische Hauptstadt Kairo ausgeflogen zu werden. Nachdem Genscher die Geiseln persönlich befragt hatte, ob sie damit einverstanden wären, stimmte auch die Bundesregierung zu.

Am Abend flogen zwei Hubschrauber die Palästinenser mit den Geiseln zum Militärflughafen Fürstenfeldbruck, wo eine startklare Boeing 727 auf die Gruppe wartete. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die bundesdeutschen Stellen aber zu einer gewaltsamen Geiselbefreiung entschlossen. Als gegen halb elf Uhr zwei der Geiselnehmer von einer Durchsuchung des Flugzeugs zu den Hubschraubern zurückkehrten, eröffneten fünf Scharfschützen, die vom Chef der Münchener Schutzpolizei auf dem Dach des Flughafengebäudes postiert worden waren, das Feuer.

Im darauf folgenden, mehrere Stunden anhaltenden Feuergefecht wurden fünf der acht Attentäter erschossen. Alle israelischen Geiseln kamen ums Leben – einige wurden von einer Handgranate getötet, die ein Terrorist in einen der Hubschrauber geworfen hatte, andere wurden erschossen. Eine spätere Untersuchung konnte nicht ausschließen, dass einige der durch die Explosionen in den Hubschraubern stark verstümmelten Opfer von Kugeln der Scharfschützen getroffen worden waren. Ein bundesdeutscher Polizist starb durch eine verirrte Kugel.

Es war offensichtlich, dass die deutschen Behörden mit der Situation völlig überfordert gewesen waren. So war man irrtümlicherweise von nur fünf Attentätern ausgegangen und hatte deshalb auch nur fünf Scharfschützen postiert – die zudem keinen Funkkontakt zueinander hatten und sich nicht koordinieren konnten. Gepanzerte Fahrzeuge trafen erst gegen Mitternacht am Ort des blutigen Geschehens ein, weil sie zu spät angefordert worden und noch im dichten Verkehr stecken geblieben waren. Zudem behinderten zahlreiche "Katastrophentouristen" die Rettungskräfte.

Nur wenige Wochen nach der Katastrophe entführte ein weiteres palästinensisches Geiselnehmerkommando eine bundesdeutsche Lufthansa-Maschine und forderte die Freilassung der überlebenden Attentäter von München. Ohne die israelische Regierung auch nur zu konsultieren, ließ die Bundesregierung die Terroristen frei.

Die reagierte auf ihre Weise. Das Sicherheitskabinett um Ministerpräsidentin Golda Meir beauftragte den Auslandsgeheimdienst Mossad damit, die überlebenden Attentäter und die Drahtzieher des Anschlags zu töten.

Die Israelis bewiesen bei ihrer Vergeltung Geduld. Die Operation "Zorn Gottes", wie das blutige Unternehmen genannt wurde, dauerte 20 Jahre, dann waren acht der mindestens elf Hintermänner des Anschlags aufgespürt und liquidiert: in Italien, Paris, Griechenland und auf Zypern. Die alttestamentarische "Auge-um-Auge"-Reaktion der Israelis forderte auch unbeteiligte Opfer, so etwa einen marokkanischer Kellner im norwegischen Lillehammer, der mit einem der Attentäter verwechselt und von Mossad-Agenten umgebracht wurde.

Die Olympischen Spiele hatten tatsächlich nur einen Tag pausiert. 24 Stunden nach den schrecklichen Ereignissen folgten fast alle teilnehmenden Nationen dem Aufruf von IOC-Präsident Brundage: The games must go on.

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