Tintenfisch wird Tuntenfisch

Tintenfisch wird Tuntenfisch
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Tintenfisch wird Tuntenfisch

07.11.2002 - 23:00 Uhr

von Gabriele Gcocos

Seit Jahrmillionen nutzen Tiere eine Tarntracht, auch Mimikry genannt, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Normalerweise ist die Tarnung ein dauerhafter Zustand, der sie das ganze Leben lang oder zumindest eine bestimmte Entwicklungsphase lang begleitet. Tintenfische aber sind Meister im Fach Tarnung und Täuschung. Gäbe es einen Oscar in dieser Kategorie zu vergeben, wären sie die heißesten Kandidaten.

Denn Tintenfische sind in der Lage, sich auch vorübergehend ein Tarnkleid anzuziehen. Männliche Riesentintenfische verkleiden sich sogar als Weibchen, um ihre Fortpflanzungschancen zu erhöhen.

Jedes Jahr zwischen April und Juli kommt es im südaustralischen Spencer Golf zu Massenpaarungen der Riesentintenfische ( Sepia apama). Dabei konkurrieren bis zu zwölf Männchen um ein Weibchen. Jüngere und vor allem kleinere Männchen haben dann meist das Nachsehen gegenüber den größeren und angriffslustigeren Konkurrenten. Im Kampf um die Weibchen greifen vor allem die kleineren Männchen zu einem erstaunlichen Trick: Die Tiere verleihen ihrer Haut ein weibliches Sprenkelmuster und verbergen ihren typisch männlichen Begattungs-Fangarm.

Scheinbar desinteressiert schwimmen sie neben einem paarungswilligen Tintenfischpärchen her. Wird das größere Männchen einen Moment lang abgelenkt, nutzen sie ihre Chance und nähern sich dem ansonsten streng bewachten Weibchen. Ist der Annäherungsversuch erfolgreich, geben die "Transvestiten" ihre Tarnung auf und paaren sich mit den Weibchen.

Kehrt der ursprüngliche Bräutigam zurück und droht mit einer Auseinandersetzung, streifen die heimlichen Freier blitzschnell ihre balzgemäße Zebra-Musterung ab und verwandeln sie in die marmorierte Färbung eines Weibchens. Außerdem ziehen sie schleunigst ihre typisch männlichen längeren Fangarme sowie die dazwischen liegenden netzartigen Häute ein. Sobald die Kostümierung abgeschlossen ist, wird der Rivale wieder friedlich.

Allerdings löst dieser Maskenball bei den Riesentintenfischen auch ein ganz schönes Durcheinander aus: So werden die als Weibchen getarnten Männchen ihrerseits von Männchen "angemacht". Unter den potenziellen Freiern sind dann auch einige, die sich selber als Weibchen getarnt haben: Ein Betrüger versucht also einen Betrüger zu betrügen.

Dass Kopffüßer große Verwandlungskünstler sind, wissen Zoologen schon seit langem. Bisher glaubten sie aber, dass die Tiere ihre Farbe lediglich ändern, um sich vor Feinden zu schützen oder unbemerkt an Beute heranzuschwimmen.

Anhand von Vaterschaftstests konnten Wissenschaftler von der Universität Egham in London jetzt nachweisen, dass die Kostümierung der Männchen als Weibchen sogar in drei von fünf Fällen zum Erfolg führt: "Die "Tuntenfische" konnten die Weibchen besamen. Die Forscher um Jon Havenhand zeigten in ihren Untersuchungen, dass zwei Drittel der so erfolgten Besamungen auch zur Befruchtung der Eier führte. Ob sich nur jugendliche Männchen oder kleinwüchsige erwachsene Tiere kostümieren, ist den Forschern noch ein Rätsel.

Der Maskenball der Tintenfische erfolgt mithilfe von speziellen Farbzellen in der Haut, den so genannten Chromatophoren. Die Hautzellen der Tiere sind mit unterschiedlichen Farbpigmenten gefüllt, die von jeweils von mehreren Muskeln gesteuert werden. Je nach gewünschtem Farbton werden sie so einfach "ein- oder ausgeschaltet". Spiegelzellen unter der Haut, die das Licht zerlegen und reflektieren, perfektionieren die farbenprächtige Maskerade der Tintenfische.

Doch das Farbspiel ist nicht die einzige Fähigkeit zur Verwandlung, die die Tintenfische beherrschen. Um nicht aufzufallen, passen vor allem Kraken auch ihre Körperform immer wieder ihrer Umgebung an. Sie können sich selbst durch kleinste Spalte hindurch schlängeln oder suchen Schutz in Höhlen, die maximal einen Durchmesser von wenigen Zentimetern haben.

Oft schauen dann nur noch die großen Linsenaugen aus dem Versteck heraus. Diese enorme Beweglichkeit ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass Kraken und Tintenfischen zu den Weichtieren gehören und somit kein, die Elastizität störendes Skelett in ihrem Körper tragen.

Unschlagbar beim Tarnen und Täuschen ist der Mimic Octopus, der erstmalig 2001 von australischen Wissenschaftlern vor den Küsten Südostasiens beobachtet wurde. Der Mimic Octopus bevorzugt die offenen Sandböden und ist damit seinen Feinden eigentlich schutzlos ausgeliefert. Dass er trotzdem überleben kann, liegt an seinem enormen Trickreichtum. Was die Wissenschaftler an den Küsten Malaysias und Indonesiens vor die Linse ihrer Kameras bekamen, ließ sie immer wieder ungläubig den Kopf schütteln: Innerhalb kürzester Zeit verwandelte sich der Mimic Octopus in die unterschiedlichsten Tiere. Ob Flunder, Seeschlange oder Feuerfisch – seinem Einfallsreichtum und seinem schauspielerischen Talent schienen keinerlei Grenzen gesetzt.

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