Untergang der Lusitania

Untergang der Lusitania
Bild 1 von 1

Untergang der Lusitania

 

von Reinhard Hauke

"Torpedo steuerbord voraus!" Das war der entsetzte Schrei vom vorderen Ausguck des britischen Luxusdampfers Lusitania, der am 7. Mai 1915 mit hoher Geschwindigkeit durch die Fluten der irischen Südküste glitt. Für Ausweichmanöver war keine Zeit, und das Unterwassergeschoss traf sein Ziel.

17 Kilometer entfernt davon auf der Landzunge Old Head bei Kinsdale, südlich von Cork, beobachten Küstenbewohner die Vorbeifahrt des riesigen Dampfers der Cunard-Reederei. Einige Zuschauer waren mit Ferngläsern gekommen; sie wunderten sich über die schwache Rauchfahne, die über dem Schiff aufgestiegen war. Zu diesem Zeitpunkt war es 14.11 Uhr.

18 Minuten später war die [LINK "http://lexikon.freenet.de/RMS_Lusitania" ]Lusitania in den Wellen versunken und hatte 1198 Menschen, darunter 128 Amerikaner, mit sich hinab gezogen. Der Untergang des Luxusliners sollte den Gang der Geschichte verändern. Denn der Tod der Amerikaner führte in den USA zu einer anti-deutschen Haltung und beschleunigte den Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg – und sicherte so letztlich den Sieg der Alliierten.

Doch damit nicht genug. Die Versenkung der Lusitania hat die Historiker auch vor ein Rätsel gestellt, das bis zum heutigen Tag nicht gelöst werden konnte. Die entscheidenden Fragen lauten: War die Lusitania ein Passagier- oder ein Kriegsschiff? Hatte der Dampfer Waffen an Bord? Und: Wurde das Schiff wissentlich geopfert, um Amerika zum Kriegseintritt zu bringen?

Nach dem tragischen Untergang der Titanic im Juni 1912 war die Lusitania die Königin unter den Passagierdampfern. Sie sollte das "Blaue Band", das für die schnellste Atlantiküberquerung verliehen wird, zwei deutschen Dampfern abjagen, die es seit 1897 hielten. In einem Geheimdokument heißt es, dass die Lusitania von der Admiralität bezuschusst werden sollte, ein Punkt, der niemals geklärt werden konnte. Das 44.000 Tonnen schwere Schiff war 223 Meter lang, konnte 2300 Passagiere befördern, hatte eine Besatzung von 900 Mann, fuhr 25 Knoten – und konnte mit zwölf Sechs-Zentimeter-Geschützen ausgerüstet werden.

Die letzte Fahrt des Dampfers von New York nach Liverpool begann am 1. Mai 1915. Die Deutschen hatten in amerikanischen Tageszeitungen davor gewarnt, auf der Lusitania zu buchen, und klargemacht, dass jedes feindliche Passagierschiff in Gewässern des Kriegsgebietes Gefahr liefe, angegriffen zu werden. Neutrale Regierungen wurden darauf hingewiesen, ihre Mannschaften, Passagiere und Handelswaren solchen Schiffen nicht anzuvertrauen.

Dennoch buchten 188 Amerikaner als Passagiere an Bord der Lusitania, und mehr als 4000 Kisten Munition zu Kriegszwecken wurden den offiziellen, "bereinigten" Ladungsverzeichnissen hinzugefügt.

Während der Dampfer New York verließ, debattierte Winston Churchill, der damals oberster Dienstherr der Admiralität war, mit dem ersten Seelord, Lord Fisher, und Fachleuten des Mariegeheimdienstes über die möglichen Folgen der Versenkung eines Dampfers mit amerikanischen Passagieren an Bord. Und König Georg V. gewährte Präsident Woddrow Wilsons Sonderbotschafter, Oberst Edward House, eine Audienz, in deren Verlauf einem Bericht zufolge der König gefragt haben soll: "Was wird Amerika tun, wenn Deutschland die Lusitania versenkt?"

Und so nahm das Verhängnis seinen Lauf. Am 7. Mai näherte sich die Lusitania der irischen Küste. Captain William "Bowler Bill" Turner hatte nur eine Funknachricht vom Vizeadmiral Sir Henry Cok aus dessen Hauptquartier in Queentown (Cork) empfangen, die vor U-Boot-Aktivitäten vor der irischen Küste warnte.

Eines dieser U-Boote war die U 20 unter dem Kommando von Kapitänleutnant Walter Schwieger. Die U 20 war seit dem 30. April auf See und befand sich gerade auf dem Heimweg zu ihrem Flottenstützpunkt in Wilhelmshaven, als die Lusitania am Horizont auftauchte. Als sich der Dampfer Kinsdale Head näherte, änderte er plötzlich seinen Kurs und steuerte direkt auf die U 20 zu. "Sie hätten selbst dann keinen besseren Kurs wählen können, wenn sie freiwillig versucht hätten, uns einen Abschuss zu bieten", gab Schwieger später zu Protokoll.

Bei einer Entfernung von zirka 400 Metern befahl Schwieger, den Torpedo abzufeuern. Das Geschoss traf die Lusitania steuerbord unter der Brücke. Wasser strömte mit großem Druck ein und sprengte die 119 vermeintlich wasserdichten Kammern. Der Bug tauchte in die hohe See, und der Dampfer neigte sich langsam nach Steuerbord. 105 Meter tiefer schlug der Bug auf dem Meeresboden auf, doch das Heck ragte noch in die Luft, die gewaltigen Schiffsschrauben gen Himmel gerichtet. Dann rauschte der mächtige Rumpf dampfend und brodelnd auf den Grund.

Auf dem Meer herrschte pure Verzweiflung, als der Überlebenskampf begann. Die Lusitania war zwar ausreichend mit Rettungsbooten bestückt gewesen, doch hatte die Zeit nicht gereicht, sie alle auszusetzen. Von den 1198 Menschen, die umkamen, waren 785 Passagiere, darunter 94 Kinder.

Seit jenem schicksalhaften Tag ist immer wieder heftig darüber gestritten worden, ob die Deutschen mit Recht die Lusitania als ein rechtmäßiges Kriegsziel betrachteten, ob der Dampfer bewaffnet war und militärisches Frachtgut transportierte. Die entscheidende Frage jedoch war: Hat die britische Regierung die Lusitania auf einen Selbstmordkurs durch ein mit U-Booten übersätes Areal geschickt, um Amerika zum Kriegseintritt zu bewegen?

Die rätselhaften Umstände bei der Versenkung der Lusitania sind von Historikern und anderen Autoren immer wieder diskutiert worden. So behauptet etwa der Schriftsteller Colin Simpson, dass das Schiff mit zwölf Sechs-Zentimeter-Geschützen sowie einer großen Ladung Munition und Sprengstoff bestückt war. Im Jahre 1913 habe man an der Lusitania in einem Liverpooler Trockendock Veränderungen vorgenommen, die es dem Dampfer möglich machten, Geschütze aufzunehmen und notfalls die Funktion eines Hilfskreuzers zu übernehmen. Einer der Dampfkessel sei zu einem Magazin umgebaut worden, und man habe Aufzüge installiert, um die Granaten an Deck zu hieven.

Noch umstrittener ist die Behauptung, dass die Admiralität unter Leitung von Churchill die Zerstörer-Eskorte der Lusitania abberufen hat, obwohl man von U-Booten auf ihrem Kurs wusste. Captain Turner ist nie davon in Kenntnis gesetzt worden, dass die Kriegsschiffe, die er noch in der Nähe wähnte, woandershin geleitet worden waren. Turner selbst, der die Versenkung überlebt hat, behauptete später, dass eine verschlüsselte Nachricht der Marine ihm befohlen habe, den Kurs in Richtung der Stelle zu ändern, wo das U-Boot wartete.

Während seiner jahrelangen Nachforschungen förderte Simpson bis dahin unveröffentlichte Dokumente aus den Washingtoner Nationalarchiven, der Cunard-Reederei und der Admiralität zutage. Aus diesen Unterlagen schloss er, dass nach dem Unglück eine massive anglo-amerikanische Verschleierungstaktik einsetzte. Das Ladungsverzeichnis wurde angeblich gefälscht, und sowohl in Sir Cokes' als auch im offiziellen Logbuch der Admiralität sind die Eintragungen des 7. Mai entfernt worden – die einzigen fehlenden Seiten in der gesamten Kriegszeit.

Rätselhaft bleibt auch, warum die Lusitania so schnell sank. Der deutsche Torpedo vom Typ G, den die U 20 abgefeuert hatte, hatte weder ein besonders großes Kaliber, noch schlug er tief ein. Dennoch sank ein mächtiger Ozeanriese in nur zehn Minuten. Wie lässt sich das erklären?

Es wurde behauptet, der Dampfer sei mit einem gefährlichen Konstruktionsfehler gebaut worden. Die Kessel und Maschinen beanspruchten zuviel Raum, so dass Teile der mitgeführten Kohle in Kammern gelagert werden mussten, die nicht dafür vorgesehen waren. Die Maschinisten wählten für ihre Kohlelager spezielle Tragkraftkammern, die einen Sicherheitsfaktor des Schiffes darstellten. Die leeren Luftkammern, die das Schiff hätten über Wasser halten sollen, waren auf jener verhängnisvollen Fahrt voll mit Kohlen beladen.

Aber es könnte noch eine andere Erklärung für das rasche Sinken der Lusitania geben. Taucher, die zu dem Wrack vorgedrungen sind, haben berichtet, dass die Seitenwand und der Boden des Schiffes von innen durch eine weitaus schwerere Explosion aufgesprengt worden seien, als der Torpedo sie hätte verursachen können.

Möglicherweise ist in den Laderäumen der Lusitania mehr gestapelt worden als Butter, Käse und Messingstäbe, die das Ladeverzeichnis aufweisen. Mehr sogar als die 4000 Kisten Munition, von denen später zugegeben wurde, dass sie an Bord waren? Vermutlich war die Lusitania in Wahrheit ein getarntes Munitionsschiff, für das 1198 unschuldige Menschen ihr Leben lassen mussten.

Kommentare
Top-Themen
Der mutmaßliche Mörder eines Tankstellen-Mitarbeiters in Rheinland-Pfalz hat den tödlichen Schuss mit seiner Ablehnung ...mehr
Armin Laschets Umgang mit einem Querdenker bei einer Wahlkampfveranstaltung hatte Anfang des Monats für Empörung ...mehr
Für Menschen, die sich nicht gegen das Coronavirus impfen lassen wollen, wird der Alltag bald schwieriger. Das gilt ...mehr
Die besten Witze & Sprüche
WhatsApp-Status-Sprüche eignen sich sehr gut, um ins Gespräch zu kommen, sich von seiner humorvollen Seite zu zeigen ...mehr
Von Zuhause arbeiten bringt Vor- und Nachteile mit sich. Während man es mit dem Dresscode nicht ganz so genau nehmen ...mehr
Sie lieben Denksport und kennen sich gut mit Sprichwörtern und Emojis aus? Dann versuchen Sie unser Emoji-Bilderrätsel ...mehr
Video
Anzeige
gekennzeichnet mit
JUSPROG e.V. - Jugendschutz
freenet ist Mitglied im JUSPROG e.V.