Verbotene Waffentests

ABC-Schutz
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ABC-Schutz

 

von Reinhard Hauke

Trotz internationaler Ächtung beschäftigten sich die Geheimdienste der USA bereits wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges intensiv mit chemischen und biologischen Kampfstoffen. Diese waren leicht und günstig herzustellen und konnten in Feindesland nahezu unbemerkt eingesetzt werden, ohne dass eigene Soldaten zum Einsatz kamen. Bei gezielter Streuung war es möglich, mit biochemischen Waffen zahlreiche Menschen zu töten und Ernten zu vernichten, von den katastrophalen Nachwirkungen für die folgenden Generationen einmal abgesehen.

Die US-Militärs konnten sich bei ihren strategischen Planspielen auf bestes Datenmaterial stützen, vor allem auf die Dokumente der Unit 731 (Einheit 731), die während des Zweiten Weltkrieges verbrecherische Menschenversuche an chinesischen und amerikanischen Kriegsgefangenen durchführte. Im Jahre 1947 erwarb man von den Japanern für nur 250.000 Dollar die Versuchsprotokolle der Todeseinheit.

Stillschweigende Akzeptanz

Von der Unit 731 erfuhren die Regierungen von Großbritannien und den USA nahezu alle Folgewirkungen, die biologische Kampstoffe bei lebenden Erwachsenen und Säuglingen anrichten können, von der Pockeninfizierung und der Salmonellenvergiftung bis hin zu Tod bringenden Krankheiten wie Typhus und Pest.

Dass es sich hierbei um Verbrechen handelte, nahm der Westen über 30 Jahre lang stillschweigend in Kauf. In erster Linie zählten nur militärisch-strategische Überlegungen. Man wollte auf der Grundlage der japanischen Daten sowohl Abwehrmaßnahmen gegen mögliche feindliche Angriffe testen als auch selbst biologische Waffen für den künftigen Einsatz in kriegerischen Auseinandersetzungen entwickeln.

Das Sicherheitsdenken der alliierten Westmächte begann in den 1950er Jahren. Die US-Regierung malte sich folgendes Szenario aus: Was würde geschehen, wenn beispielsweise ein sowjetisches U-Boot in die Hoheitsgewässer der USA eindringt, in einer gezielten Aktion todbringende Bakterien in die Luft streut und unbemerkt wieder kehrt macht, bevor die Küstenbewohner davon etwas mitbekommen?

Um eine Antwort darauf zu finden, starteten die westlichen Regierungen ihre geheimen B-Waffentests, zunächst mit fingierten Angriffen auf die eigene Bevölkerung. Betroffen waren einige ausgewählte Großstädte der USA und Kanadas. Alles fing 1952 mit Gaswolken aus harmlosen Serratia-Marcescens-Bakterien an, welche die US-Marine zunächst im Hafen der Bucht von San Francisco freisetzte. Die Aktion betraf ein Gebiet von 300 Quadratkilometern, wobei ungefähr 800.000 Menschen völlig unbemerkt und ungeschützt infiziert worden waren.

Die aus einem britischen Bio-Labor stammenden Bakterien wurden bis 1966 insgesamt über sechs Großstädten der USA, Kanadas und Großbritanniens gestreut.

1955 wurde in Tampa Bay (Florida) vom CIA mit den Keuchhusten verursachenden Bakterien der Gattung Bordetella pertussis benetzt, und 1956 ließ man mit Gelbfieber infizierte Stechmücken über Georgia und Florida frei. Viele Bewohner erkrankten, einige starben sogar an dem Gelbfieber. Militärangehörige tarnten sich als Mitarbeiter der Gesundheitsbehörden und führten an jedem Opfer eine Reihe medizinischer Tests durch.

In den 1960er Jahren gingen die heimlichen Feldexperimente weiter. 1965 etwa wurde an Häftlingen in Philadelphia die Wirkung von Dioxin getestet.1966 dann führte ein geheimes Spezialkommando einen verdeckten Biowaffenangriff in New York durch. Während der Rush Hour sprühte die Einheit Bakterien des Stammes Bacillus durch die Schächte der U-Bahn-Stationen. Durch den Fahrtwind der Züge wurden die Keime unbemerkt und großflächig über die ganze Stadt verstreut.

Im Jahre 1968 schließlich leiteten CIA-Mitarbeiter chemische Substanzen in die Wasserversorgung eines Washingtoner Regierungsgebäudes, um die Risiken vergifteten Trinkwassers zu testen.

Mit der gezielten Kommandoaktion in New York wurden knapp eine Millionen Menschen infiziert, ohne dass sie sich dagegen wehren konnten. Aufgrund dieser Erkenntnis planten die Militärs von nun ab den Einsatz von Biowaffen in Kriegsgebieten.

Während des Koreakrieges etwa warf ein US-Nachtjäger mit Pest infizierte Wühlmäuse über dem Dorf Min-Chung ab. Glücklicherweise blieb der Vorfall ohne Folgen, da die toten Mäuse von den Einheimischen sofort verbrannt wurden. Die wenigen Mäuse, die den Absturz überlebt hatten, wurden gründlich untersucht, und man fand den Pesterreger in ihren Körpern.

Im Vietnamkrieg setzte die US-Regierung dann auf chemische Waffen. Da sich die Guerillakrieger des Vietcong im dichten Urwald verschanzten, planten die Militärs die dichten Wälder mit Pflanzenvernichtungsmitteln rigoros zu entlauben. Dabei wurde bewusst auch Ackerland zerstört, um den Feind zu entmutigen und aufgrund fehlender Ernten auszuhungern.

Die schlimmste Chemikalie war Agent Orange, so benannt nach der Farbe der Behälter, in denen sich die Flüssigkeit befand. Agent Orange war ein Mix aus dem Entlaubungsmittel 245-T und tödlichem Dioxin. Es stammte aus einem britischen Forschungslabor und bewirkte ein rascheres Pflanzenwachstum. Die Pflanzen wurden übergroß und überschwer, so dass sie schnell wieder eingingen.

Bei der Operation Ranch Hand hatten die US-Militärs ein Areal von der Größe des Bundeslandes Hessen mit dem gefährlichen Entlaubungsmittel benetzt und am Ende über 110 Kilogramm des darin enthaltenen Dioxins über Vietnam verteilt. Man muss sich vorstellen, dass bereits 80 Gramm Dioxin im Trinkwasser ausreichen würden, um die gesamte Bevölkerung von New York City zu eliminieren.

Entsprechend verheerend waren dann auch die Auswirkungen auf die Menschen in Vietnam. Es kam gehäuft zu Missgeburten und Grauen erregenden Anomalien bei Säuglingen, zudem wurden vermehrt Spaltbildungen der Wirbelsäule und Erkrankungen wie Wolfsrachen festgestellt. Laut Aussagen des vietnamesischen Roten Kreuzes leiden noch heute zirka 100.000 Vietnamesen an den Spätfolgen von Agent Orange, wie etwa Krebs, Missbildungen, Immunschwächen und nachhaltigen Veränderungen des Erbguts. Andere Schätzungen gehen sogar von knapp vier Millionen Spätfolgeopfern aus.

Auch im Vietnamkrieg eingesetzte US-Soldaten sind von diesen Symptomen betroffen. Insgesamt wurden zwischen 1961 und 1971 in Vietnam zwischen 72 und 90 Millionen Liter Chemikalien verschiedenster Mixturen versprüht. Doch auf Schadensersatz können die Betroffenen nicht hoffen. Bis heute sieht die US-Regierung "keinen Zusammenhang zwischen Agent Orange und den Gesundheitsproblemen". Wahrscheinlich, weil etwaige Schadensersatzforderungen die Staatskasse der USA sprengen würden.

Trotz der gezielten Vernichtungsaktionen mit Chemiewaffen in Vietnam gab es für die US-Administration keinen Anlass, ihre Strategie aufzugeben. Man sah sich moralisch im Recht und berief sich darauf, keine internationalen Vereinbarungen verletzt zu haben. Erst im Jahre 1977, nach jahrelangen energischen Protesten von Vietnamkriegsgegnern im eigenen Lande, beschloss die amerikanische Regierung ein Verbot der B- und C-Waffen, da sie "gegen die Menschlichkeit verstoßen". Im Geheimen gingen die Forschungen aber weiter.

So erhielten im Jahre 1980 Flüchtlinge aus Haiti in Gefängnissen in Miami Hormonspritzen. Den Männern wuchsen daraufhin weibliche Brüste (Gynäkomastie). Und 1985 brach in Nicaragua erstmals das Dengue-Fieber aus, nachdem die Streitkräfte der USA vermehrt Aufklärungsmissionen geflogen hatten.

Erst 1987 gibt das US-Verteidigungsministerium zu, B-Waffen-Forschungen an 127 Orten der Vereinigten Staaten weitergeführt zu haben, denn das offizielle Verbot von biologischen Waffen durch die Biological and Toxin Weapons Convention (1975) allein schützte die westlichen Staaten keineswegs vor möglichen Gegenangriffen. Die Forschung an Gegenmaßnahmen ist denn auch erlaubt und bietet die Möglichkeit, ebenfalls Krankheitserreger zu züchten. Die USA gehen allerdings weiter und forschen an Material zerstörenden Mikroben, was gegen die Genfer Konventionen verstößt.

In den 1980er und 90er Jahren fürchtete die US-Regierung vor allem, dass sich nicht nur C-Waffen, sondern auch B-Waffensysteme in den Händen feindlicher Diktaturen befinden und im Kriegsfalle zum Einsatz gebracht werden könnten. Im Zweiten Golfkrieg 1990/91 etwa waren die Alliierten jederzeit auf eine Attacke mit biologischen Waffen vorbereitet. Die schweißtriefenden Körper der geschwächten Soldaten im harten Wüstenkampf boten jedenfalls eine optimale Angriffsfläche für alle Arten von Bakterien.

Zudem war bereits vor der Besetzung Kuwaits durch irakische Truppen bekannt, dass der Irak verschiedene Waffensysteme besaß, so etwa 28 SCUD-Raketen und 800 Bomben, die zwar mit mit den Chemiewaffen Sarin, Tabun und Senfgas bestückt waren, leicht aber auch biologische Kampfstoffe hätten tragen können. Substanzen übrigens, die von europäischen und amerikanischen Herstellern stammten.

Der fürchterliche Giftgasangriff der Irakis im März 1988 gegen den kurdischen Ort Halabja mit über 5.000 Toten und 7.000 Verletzten war den Alliierten jedenfalls Warnung genug gewesen.

Ob biologische oder chemische Waffen auch im Zweiten Golfkrieg auf der einen oder anderen Seite eingesetzt wurden, bleibt Spekulation. Tatsache ist, dass Soldaten, die an dem Krieg teilgenommen hatten, Symptome aufwiesen, die stark auf den Einsatz solcher Waffensysteme hindeuten.

Doch es sind längst nicht nur Diktatoren, die sich der fürchterlichen Waffen bemächtigen könnten und eine Bedrohung für den Weltfrieden darstellen. Nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 in New York oder am 7. Juli 2005 in der Londoner U-Bahn machen sich die westlichen Regierungen mittlerweile ernste Sorgen darüber, dass künftige Anschläge von Terroristen mit B-Waffen geführt werden könnten.

Zwar gilt die Produktion von waffentauglichen Viren und Bakterien als schwierig und kostenintensiv und kann nur von Staaten geleistet werden. Das Ausgangsmaterial ist jedoch relativ leicht und günstig zu bekommen, so dass zumindest begrenzte Terroraktionen denkbar sind. So geschehen im Herbst 2001, als in den USA mehrere Briefe mit Milzbrandsporen auftauchten und weltweit Panik ausbrach.

Die westlichen Staaten waren schon Jahre zuvor gewarnt, beim Giftgasanschlag mit Sarin auf die U-Bahn von Tokio im März 1995. Bei dem Terrorakt, für den angeblich Angehörige der Aum-Sekte des Gurus Shoko Asahara verantwortlich waren, kamen zwölf Menschen ums Leben. Wäre die chemische Zusammensetzung des Giftes auch nur minimal geändert worden beziehungsweise das Gas großflächiger verteilt worden, dann hätten zig Tausende Menschen sterben können.

Man weiß heute, dass es die Aum-Sekte auf eine Konfrontation mit den westlichen Regierungen anlegte und verschiedene Experten vermuten, dass sich die Sekte das Nervengas wahrscheinlich in Russland aus alten Armeebeständen beschaffte, wobei die skrupellosen Anhänger der Sekte mittels der russischen Geheimdienste die russische Waffenindustrie unterwanderten. Vermutlich hatte die Aum-Sekte auch einen Anschlag mit todbringenden Viren erwogen. Doch zum Glück fehlte ihnen das Know-how und das nötige Kapital, um diese Pläne zu realisieren.

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