Verlorene Zivilisation

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Verlorene Zivilisation

28.02.2006 - 23:00 Uhr

von Kristian Büsch

Die Bilder erinnern an Pompeji. Begraben unter den gewaltigen Aschemassen des Tambora entdeckten Archäologen der Universität von North Carolina und dem Indonesischen Direktorat für Vulkanologie die Überreste einer vor rund 200 Jahren versunkenen Welt.

Der Name Tambora steht für den gewalttätigsten Vulkanausbruch der letzten 3500 Jahre. Es gab überhaupt nur vier vergleichbar schwere Ausbrüche in den vergangenen 10.000 Jahren. Auf dem Index für die Explosivität von Vulkanausbrüchen ( Volcanic Explosivity Index) erreichte er beängstigende 7,0. Dagegen wirkt der Ausbruch des Vesuv im Jahre 79 nach Christus fast harmlos und selbst der Ausbruch des Krakatoa war nicht annähernd so stark.

Zwischen dem 10. und 15. April 1815 explodierte der Berg regelrecht. In nur sechs Tagen "verlor" er fast 1200 Höhenmeter, weggesprengt von der Wucht der Explosion. Der entstandene Krater hat einen Durchmesser von fast 60 Kilometern. Bis zu 180 Kubikkilometer Material wurden in die Atmosphäre geschleudert – so viel, dass es zu weltweiten Klimaveränderungen kam. Durch den Anteil an Asche und Gasen kühlte sich die Atmosphäre soweit ab, dass es im Folgejahr 1816 zum so genannten "Jahr ohne Sommer" kam.

Noch in Europa und Amerika kam es zu Missernten und Hungersnöten, der Volksmund nannte ihn den "Schneesommer". Tatsächlich war es der kälteste Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnung. In Anbetracht solch einer Gewalt mag man sich noch nicht einmal ausmalen, was sich in der näheren Umgebung des Berges abspielte. Indonesien dürfte eine Wüste aus Asche und Staub gewesen sein.

Nach rund 20 Jahren Forschung gelang nun der Durchbruch in der Suche nach den einstigen Bewohnern der Insel. Unter einer über drei Meter dicken Ascheschicht fanden sich die ersten Spuren des Königreiches von Tambora. Eine groß angelegte Ausgrabung soll ihre Überreste wieder ans Tageslicht bringen.

Schon 2004 entdeckten Professor Haraldur Sigurdsson und sein Team die ersten Überreste. Zutage kamen die Knochen zweier Erwachsener, Bronze- und Keramikschüsseln, Eisenwerkzeuge und andere Kleinteile. Der Stil legt nahe, dass die einheimische Kultur Verbindungen nach Vietnam und Kambodscha hatte, eventuell zur Volksgruppe der Khmer gehörte. Historische Aufzeichnungen belegen jedenfalls, dass auf Tambora keine indonesische Sprache gesprochen wurde.

Ähnlich wie in Pompeji bietet sich den Archäologen auch auf Sumbawa eine Momentaufnahme aus der Vergangenheit dar. Ein Abbild des Leben vor knapp 200 Jahren erstarrt und verewigt im tödlichen Ascheregen des Vulkans. Bisher ist nur der Bruchteil des Dorfes ergraben, doch hofft Sigurdsson auf Großes, womöglich eine ganze Stadt.

Unter der Asche vermutet er die Überreste eines hölzernen Palastes. Das mag sich zunächst nicht spektakulär anhören, doch vergessen wir nicht, wer die Khmer waren. Auf ihr Konto gehen so fantastische Anlagen wie Angkor Wat – der größte jemals gebaute Tempelkomplex.

Und auch Indonesien selbst ist bekannt als Heimstatt bedeutender Wunder. Nur unweit entfernt – auf der Insel Java – steht mit Borobudur das wohl größte buddhistische Heiligtum der Welt. Zwar wissen wir nicht, wer es erbaut hat, doch die Tendenz geht dahin, dass es eine einheimische Kultur war.

Es könnte durchaus also einiges zu entdecken geben. So hat Sigurdsson große Pläne: Er will 2007 zurückkehren und die Forschungen mit modernstem Gerät vorantreiben. Die Entdeckung des Ortes verdankt er den Hinweisen eines einheimischen Führers. Das ist aber bei fast allen großen Entdeckungen so.

Die bisherigen Funde zeigen, dass die Bewohner Tamboras nicht gerade arm waren. Grundlage dieses Wohlstandes war der Handel mit Honig, Pferden, Sappan- und Sandelholz. Darüber hinaus wissen wir allerdings nicht viel über diese versunkene Welt. Die Insel ist relativ abgelegen und wurde deshalb kaum einmal Ziel wissenschaftlicher Untersuchungen.

Die Siedlung liegt etwa fünf Kilometer entfernt von der Küste. Vermutlich zog man sich zum Schutz vor Piraten so weit von der Küste zurück. Die Gegend ist zudem ausgesprochen fruchtbar und war es wohl auch schon, bevor der Vulkan ausbrach.

Das Team nutzte bei seinen Untersuchungen des Bodens Radartechnik. Damit lassen sich ganz hervorragend im Boden verborgene zum Beispiel Mauerreste ausmachen. Auf diese Weise hofft das Team, auch noch auf weitere unter der Asche verborgene Strukturen zu stoßen. Andernorts wurden mit ähnlichen Methoden schon gute Erfolge erzielt. Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Zeiten, als man auf Verdacht Schnitte durch den Boden ziehen musste, sind vorbei.

Bekannt wurde Professor Sigurdsson übrigens durch seine Studien des Vesuvs. Zudem fand er den Beweis, dass in etwa zeitgleich mit dem Aussterben der Dinosaurier ein gewaltiger Meteorit die Erde traf. Den endgültigen Beweis, dass dies zum Aussterben der Riesen führte, mag die Wissenschaft bis heute schuldiggeblieben sein. Dass es da einen Zusammenhang gibt, bestreitet aber niemand.

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