Verschwörung um Palme?

Palme
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Palme

 
26.02.2006 - 23:00 Uhr

von Matthias Seng

Wurde der schwedische Ministerpräsident Olof Palme Opfer eines Mordkomplotts einer rechtsradikalen Gruppierung im schwedischen Sicherheitsdienst Säpo? Eine DNA-Analyse könnte 20 Jahre nach dem Attentat den Mörder ausfindig machen. Aber wird damit auch das Geheimnis um mögliche Hintermänner gelüftet?

Als sich der schwedische Ministerpräsident Olof Palme am späten Abend des 28. Februar 1986 nach einem Kinobesuch mit seiner Frau Lisbet auf dem Heimweg durch die Stockholmer Innenstadt befand, war er ohne Polizeischutz unterwegs. Für schwedische Politiker, selbst für hochrangige Regierungsmitglieder, war das nichts Ungewöhnliches.

Die Schweden waren stolz darauf, dass sich Mitglieder der Regierungs- und Staatspitze überall im Land wie ganz gewöhnliche Bürger bewegen konnten, ohne um ihre Gesundheit und Leben fürchten zu müssen. König und Königin gingen ungeschützt und unbehelligt in Stockholm spazieren – Tage Erlander, 23 Jahre lang Ministerpräsident, nahm täglich die U-Bahn zur Arbeit.

Ähnlich unbesorgt verhielt sich auch Erlanders Nachfolger Olof Palme. Nicht weit von der Wohnung des Ehepaars Palme lauerte ein Mann dem Ministerpräsidenten auf. Der Unbekannte ging auf Palme und seine Frau zu und schoss aus nächster Nähe auf den Regierungschef. Obwohl der schwer verletzte Politiker sofort in ein Krankenhaus gebracht wurde, konnten die Ärzte sein Leben nicht mehr retten.

Der kaltblütig ausgeführte Mord setzte das ganze Land unter Schock. Mindestens ebenso schockierend wie die Tat selbst allerdings war das, was sich während der Suche nach dem Täter ereignete. Es begann damit, dass die Polizei es versäumte, den Tatort abzusperren.

Die Kugel, die Palme getötet hatte, blieb zunächst unauffindbar. Ein indischer Tourist fand sie schließlich und übergab sie der Polizei. Von Anfang an und zunächst unerklärlicherweise favorisierten die Fahnder die Einzeltätertheorie. Hinweise, die nicht in dieses Raster passten, wurden systematisch ignoriert – dazu gehörten auch die mehr als 200, die auf einen ungeheuren Verdacht hinausliefen: dass schwedische Polizisten am Mord an ihrem Ministerpräsidenten beteiligt gewesen sein könnten.

Die Puzzleteile, von Journalisten und Autoren zusammengetragen, fügten sich zu einem erschreckenden Bild zusammen. Innerhalb der schwedischen nationalen Sicherheitsdienstes Säpo gab es offenbar eine rechtsradikale Gruppierung, die den politischen Kurs Olof Palmes scharf ablehnte.

So erschienen auch die zahlreichen Ermittlungspannen in einem neuen Licht. Etwa die, dass die Polizei zahlreichen Indizien und sogar Zeugenaussagen aus der Mordnacht nicht nachging, wonach ein verdächtiger Unbekannter sich in der Nähe des Tatorts aufhielt und auf finnisch über ein Walkie Talkie kommunizierte.

Mitschnitte des Funkverkehrs der schwedischen Polizei an diesem Abend deuteten darauf hin, dass er sich möglicherweise mit Polizisten verständigt hatte, die sich zudem nicht weit vom Ort des Verbrechens aufhielten.

Ein ungeheurer Verdacht tat sich auf: Hatten rechtsradikale Verschwörer in Uniformen im Stile einer südamerikanischen Todesschwadron eine politisch missliebige Person aus dem Weg geräumt? Es gab sogar Hinweise darauf, dass rechte Sozialdemokraten aus Palmes eigener Partei mit den rechtsradikalen Polizisten paktierten, um den Ministerpräsidenten loszuwerden.

Nicht weniger dubios war auch, dass der Stockholmer Polizeichef und leitende Ermittler Hans Holmsen nicht nur für die Tatnacht kein Alibi hatte, sondern sogar gelogen hatte, als er behauptete, zum Zeitpunkt des Attentats in der Stadt Borlänge gewesen zu sein.

Der Mordanschlag galt dem populärsten schwedischen Politiker jener Jahre. Palmes Prestige ergab sich auch aus der außenpolitischen Rolle, die Schweden während seiner Regierungszeit als neutrales Land spielte. Der Ermordete war seit 1969 Parteivorsitzender und Premierminister. Nach einer sechsjährigen Oppositionszeit führte er seine sozialdemokratische Partei im Jahr 1982 auf die Regierungsbank zurück. Palme machte sich besonders dadurch einen Namen, dass er die Entspannungspolitik gegenüber der UdSSR auch nach dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan im Jahr 1979 fortsetzen wollte.

Als Leiter der internationalen "Unabhängigen Kommission für Abrüstung und Sicherheitsfragen", die bezeichnenderweise als Palme-Kommission bekannt wurde, entwickelte er sich zwangsläufig und bewusst zu einem Gegenspieler der neuen US-Regierung unter Ronald Reagan. Deren außenpolitisches Programm bestand darin, die Entspannungsära für beendet zu erklären und die Sowjetunion, das "Reich des Bösen", wie es Reagan postulierte, regelrecht totzurüsten.

Auch in Schweden fanden die neuen Kalten Krieger ihre Anhänger. Mit seiner unbeirrten Fortsetzung der im größten Teil des Westens diskreditierten Entspannungspolitik machte sich Palme im eigenen Staatsapparat Feinde – besonders in Kreisen der Sicherheitsdienste.

Der damalige Fahndungschef Hans Holmer verstieg sich zunächst zu der abseitigen These, dass die kurdische Terrororganisation PKK hinter dem Mord stecke. Schnell stellte sich heraus, dass es keinerlei Hinweise auf eine PKK-Täterschaft gab. Weitere Spekulationen zielten auf eine Täterschaft des radikal-islamischen Chomeini-Regimes, südafrikanischer Rassisten, des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad, der CIA oder des KGB, des chilenischen Pinochet-Regimes oder eines weltweit agierenden Waffenhändlerrings.

In scharfem Kontrast zu den ausufernden Verdächtigungen und Verschwörungstheorien stand im Jahr 1989 dann allerdings die Festnahme eines drogensüchtigen Kleinkriminellen namens Christer Pettersson, den die Fahnder der Öffentlichkeit als spontan und ohne Hintermänner handelnden Täter präsentierten. Palmes Witwe machten die Ermittler vor der Gegenüberstellung deutlich, wen sie für den Täter hielten. Lisbet Palme erkannte dann auch in Petterson den Mörder ihres Mannes. Der wurde vor Gericht gestellt und verurteilt, in der Berufung aber freigesprochen, unter anderem deshalb, weil die Zeugin von der Polizei beeinflusst worden war.

Pettersson, der vor zwei Jahren unter ungeklärten Umständen starb, hatte sich, nachdem er anfangs die Tat leugnete, vor fünf Jahren plötzlich zu dem Mord bekannt. In einer schwedischen Boulevardzeitung gestand er Palme erschossen zu haben. Er könne aber nicht überführt werden, da die Tatwaffe verschwunden sei. Sein Motiv sei Rache an der schwedischen Gesellschaft und der Justiz gewesen.

17 Jahre später, am 10. September 2003, wurde die schwedische Hauptstadt erneut Tatort eines Attentats auf eine weitere prominenten Persönlichkeit der politischen Klasse des Landes. Aber der Mord an der schwedischen Außenministerin Anna Lindh in einem Stockholmer Kaufhaus war im Gegensatz zum skandalösen Mordfall Palme schnell gelöst: Ein 25 jähriger Schwede serbischer Abstammung namens Mijailo Mijailovic wurde bald nach der Tat festgenommen und nach drei Prozessen schließlich im Dezember 2004 vom Obersten Gerichtshof zu lebenslanger Haft verurteilt. Eine der Maßnahmen nach dem Mord an Anna Lindh bestand darin, dass mehr prominenten Politiker unter Personenschutz gestellt wurden. Verantwortlich dafür: die Sicherheitspolizei Säpo, die im Fall Palme selber im Verdacht steht, in den Anschlag verwickelt gewesen zu sein.

Mit der DNA-Analyse kann jetzt zwar möglicherweise der Täter im Mordfall Palme benannt werden. Aber fraglich ist, ob jemals geklärt werden kann, welche Rolle rechtsradikale Mitglieder der Säpo tatsächlich an jenem Abend des 28. Februar 1986 spielten. Einiges deutet darauf hin, dass sie an einer Verschwörung gegen ihren Ministerpräsidenten beteiligt gewesen waren.

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