Verschwörungen am Ende - 9/11-Theorien widerlegt

Verschwörungen am Ende
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Verschwörungen am Ende

© Getty Images
17.08.2003 - 22:00 Uhr von Anne von Blomberg

"Flights of Saudi Nationals leaving the United States". So lautet ein Zwischentitel in dem sensationellen "9/11 Report" der "Nationalen Kommission über terroristische Attacken auf die Vereinigten Staaten".

Unzählige Journalisten, unter anderem Bushs Superkritiker Michael Moore, hatten behauptet: Der Präsident erlaubte seinen saudischen Freunden direkt nach dem 11. September, als wegen der Zerstörung des World Trade Centers noch alle Flüge verboten waren, eine streng geheim gehaltene Ausreise – und das, obwohl doch die meisten der Attentäter aus Saudi-Arabien kamen.

Die aus je fünf von der republikanischen und der demokratischen Partei ernannten Männern bestehende unabhängige Kommission zur Aufklärung der terroristische Angriffe stellt in ihrem Mitte August veröffentlichten Report fest:

1. Wir fanden keine Beweise dafür, dass irgendwelche Flüge, inneramerikanische oder internationale, für Saudis stattfanden, bevor die nationalen Flughäfen am Morgen des 13. September, 2001, wieder geöffnet wurden ...
2. Wir fanden keinen Beweis für eine politische Intervention. Wir fanden keinen Beweis, dass irgendjemand im Weißen Haus an der Entscheidung für die Ausreise der Saudis teil hatte ...
3. Wir glauben, dass das FBI eine befriedigende Durchleuchtung der Saudis vorgenommen hat, die die Vereinigten Staaten mit Charterflügen verließen. ... Das FBI interviewte alle Persons of Interest vor ihrem Abflug. Seine Mitarbeiter zogen den Schluss, dass keiner der Passagiere etwas mit den Attacken des 11. September zu tun hatte. Auch seitdem haben sie keinerlei Beweis gefunden, der diesen Beschluss in Frage gestellt hätte.

Dieser Auszug ist nur ein Beispiel für das, was das ganze Buch beweist: Viele der Verschwörungstheorien, die nach 9/11 verkündet wurden, sind nicht belegbar. Die unabhängige Kommission nahm sich jede einzelne vor, und – noch wichtiger – sie schaffte es in langen, harten Kämpfen immer wieder, den Geheimdiensten, dem Pentagon und dem Weißen Haus auch jene Unterlagen zu entreißen, die diese lieber geheim gehalten hätten.

Weil sie das selbstgemachte Chaos in der Bush-Administration zeigen, das vor dem 11. September die Abwehr der Attentäter unmöglich machte und nach der Zerstörung des World Trade Centers und eines guten Teils des Pentagons die Hilfe für die Betroffenen wie die spätere Aufklärung so erschwerte.

"The 9/11 Report", den es bisher nur auf englisch gibt, ist wirklich ein sensationelles Buch.

Erstens, weil es geschrieben ist wie von wirklich erstklassigen Journalisten oder Thrillerautoren. Superspannend, leicht verständlich, sehr logisch und überzeugend.

Zweitens, weil es detailliert und trotzdem spannend schildert, wie schon Bushs Vorgänger Clinton in immer neuen Ansätzen Osama bin Laden unschädlich zu machen versuchte, wie wenig Erfolg er damit hatte und wie unwichtig Präsident George W. Bush Al Quaida erschien – ganz im Gegensatz zu Saddam Hussein und dem Irak.

Drittens, weil es detailliert und gut lesbar darstellt, wie die Attentäter die Anschläge vom 11. September 2001 planten, wie die Geheimdienste die meisten Hinweise auf sie innerhalb der Bürokratie verschwinden ließen und wie langsam sie hinterher zu ersten Ergebnissen kamen.

Der 9/11 Report wird sicherlich von vielen Kritikern angegriffen werden, weil die zehn Männer, die ihm angehörten, ja nur in dem Material forschen durften, das ihnen von den offiziellen Stellen zur Verfügung gestellt wurde.

Das aber haben sie von Ende 2003 bis zum Sommer 2004 mit einer Akribie getan und mit einem Mut gegenüber allen, von denen sie Akten wollten, dass sie höchstes Lob verdienen, denn am Anfang ihrer Arbeit stand der Zweifel.

Eine Gruppe von New Yorker Frauen, deren Männer bei den Attentaten umgekommen waren, traute den amtlichen Veröffentlichungen nicht, so wenig wie den Aussagen von George W. Bush oder seiner Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice. Sie glaubten Verteidigungsminister Rumsfeld ebenso wenig wie den Geheimdienstchefs oder den Politikern des Repräsentantenhauses, die einen eigenen Report herausgegeben hatten – und sie setzten einen unabhängigen Ausschuss durch, dessen Mitglieder von den beiden Parteien, dessen Vorsitzender vom Präsidenten ernannt wurden.

Wie aussichtslos der Versuch der Frauen am Anfang erschien und wie mühsam die Arbeit der Kommission dann war, schildert "The 9/11 Report" am Anfang durch Auszüge aus der Berichterstattung der New York Times. Schon diser Teil des Reports hat Thrillercharakter.

Sobald die Kommission selbst ihre Ergebnisse vorlegt, wird das Lesen zum Zwang – ob es um die Aufklärung der Attentatshintergründe im Sudan, Afghanistan, Prag oder Hamburg geht oder um die hart formulierte Forderung der Kommission nach Konsequenzen, zum Beispiel nach einem "Nationalen Geheimdienstchef", der all die konkurrierenden Dienste zur Zusammenarbeit zwingt – immer vermittet der Report Glaubwürdigkeit, Mut und die Intelligenz von Menschen, die sich wirklich um die Wahrheit bemüht haben.

Klar, auch diese Männer haben nicht alle relevanten Akten zur Gesicht bekommen. Der Glaube daran wäre naiv. Schließlich haben Präsident und Geheimdienste viel zu oft die "Gefährdung der nationalen Sicherheit" vorgeschoben, wenn sie Informationen verweigerten. Die Kommission konnte sich erstaunlich oft durchsetzen, aber keineswegs immer. Wir werden also noch Jahrzehnte warten müssen, bis wir die ganze Wahrheit erfahren. Wahrscheinlich bleibt, ähnlich wie beim Kennedy-Mord, auch dann noch genug Raum für Verschwörungstheorien. Allerdings blühen diese bekanntermaßen auch unabhängig davon, ob sie eine Grundlage haben oder nicht.

Eines hat der 9/11 Report allerdings geschafft:

Er hebt das Image Amerikas in der Welt von "niederschmetternd" auf "na, immerhin". Schließlich beweist er, dass es auch in den Vereinigten Staaten, die sich derzeit so konservativ oder gar fundamentalistisch gerieren, noch Menschen gibt, die sich unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit und ihrer privaten Ideologie für die Wahrheit einsetzen, und sich nicht von den Mächtigen einschüchtern lassen.

Dass sie sich bei der Formulierung und Veröffentlichungen ihrer Ergebnisse, für deren Recherche die USA mehr als 13 Millionen Dollar ausgaben, total einig waren, ist ein weiterer Pluspunkt. Der Schlusssatz des 9/11 Report zeigt nicht nur den klaren, verständlichen und direkten Stil des ganzen Buches, sondern auch wie sehr sich diese aufrechten Zehn engagiert haben:

"We look forward to a national debate on the merits of what we have recommended, and we will participate vigorously in that debate" – 'Wir freuen uns auf die nationale Debatte über den Wert unserer Vorschläge und wir wollen uns an dieser Debatte tatkräftig beteiligen.'

Ich habe noch etwas nachzutragen – die Namen der beiden Kommissionsvorsitzenden, die als Autoren nicht nur für den Thrillerstil des Reports verantwortlich sind. Sie haben auch ihre acht Mitverantwortlichen und den großen Stab an Zuarbeitern immer wieder motiviert und sie weit tiefer graben lassen, als die Bürokratie von Weißem Haus, Pentagon und Geheimdiensten, Fluglinien, Zoll oder Feuerwehr das wollte.

Diese beiden Männer verdienen also besonderes Lob:

Thomas H. Kean, "Chair", also 1. Vorsitzender, ist Republikaner, war für seine Partei Gouverneur von New Jersey und ist jetzt Präsident der dortigen Drew University. Lee H. Hamilton, "Vice Chair", also "zweiter Vorsitzender", gehört der demokratischen Partei an und vertrat sie im Repräsentantenhaus. Beide wurden erst ernannt, als andere – zum Beispiel Henry Kissinger, der früher Außenminister der USA – gleich nach der Nominierung wieder zurückgetreten waren, weil sie Angst vor dem Schweigen der Mächtigen hatten und sich nicht zutrauten, es zu durchbrechen.

Kean und Hamilton schafften es zumindest so weit, dass sie einen glaubwürdigen Report vorlegen konnten.

The 9/11 Report", Thomas Dunne Books, 6,75 Euro

Quelle: freenet.de
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