Von der SS zum BND

Gehlen
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Gehlen

 
03.04.2006 - 22:00 Uhr

von Matthias Seng

Vor fünfzig Jahren wurde der Bundesnachrichtendienst BND gegründet. In ihm tummelten sich zahlreiche ehemalige hochrangige Nazis, die, vom Behördenchef Reinhard Gehlen bereits in den späten vierziger Jahren mit falschen Papieren ausgestattet, in der jungen Bundesrepublik unbehelligt Karriere machen konnten.

Im Frühjahr 1945 stand das Nazi-Regime vor dem Kollaps. Davon waren außer ein paar unbelehrbaren Fanatikern alle Deutschen überzeugt, auch diejenigen, die in mehr oder minder herausgehobener Position dem Regime treu gedient hatten.

Eines der Rädchen, das die deutsche Vernichtungsmaschinerie bis in den Untergang hinein am Laufen gehalten hatte, war Reinhard Gehlen. Der Generalmajor hatte unter Hitler eine steile Karriere gemacht und seit April 1942 im Generalstab des Heeres die Abteilung "Fremde Heere Ost" geleitet. Diese Abteilung betrieb Spionage gegen die UdSSR und informierte die oberste Führung in so genannten Feindlageberichten über die Kampfkraft der Roten Armee.

Im April 1945 flüchtete Gehlen mit einigen Offizieren seines Stabs auf eine abgelegene Alm in den bayerischen Alpen. Im Gepäck der Gruppe befand sich das gesamte Geheimdienstmaterial über die Sowjetunion, das Gehlens Abteilung in jahrelanger Arbeit in Erfahrung gebracht hatte – unter anderem von gefolterten und später ermordeten Kriegsgefangenen.

Außerdem hatte Gehlen in den von der Wehrmacht überfallenen osteuropäischen Staaten ein dicht gespanntes Agenten- und Informantennetz aufbauen lassen – ein weiteres Pfund, mit dem der ehrgeizige Nazi-General bei den Amerikanern wuchern wollte.

Mit seinen wertvollen Informationen begab sich Gehlen kurz nach Kriegsende in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Er verstand es, sich den Amerikanern gegenüber mit seinem Wissen über den sowjetischen Noch-Verbündeten interessant zu machen. Die Amerikaner ihrerseits erkannten sofort, welch wertvollen Fang sie gemacht hatten. Schnell wurde man sich handelseinig: Gehlen lieferte Informationen über die Sowjets, die Amerikaner machten im Gegenzug den ehemaligen Feind zu ihrem neuen Verbündeten.

Schon im Sommer 1946 konnte Gehlen darangehen, eine neue Organisation aufzubauen und sein altes Agentennetz in Osteuropa zu reaktivieren. Der alte, neue Dienst – Organisation Gehlen genannt – residierte bezeichnenderweise in einem ehemaligen SS-Ausbildungszentrum in dem Münchner Vorort Pullach und befand sich unter Kontrolle der Amerikaner.

Gehlen lockte zunächst vor allem alten Kameraden aus der ehemaligen Fremde Heere Ost-Abteilung in die neue Spionagedienstelle und machte diese innerhalb kurzer Zeit zu einer Speerspitze im Kampf gegen den Kommunismus und sich damit bei den Amerikanern unentbehrlich.

Die US-Regierung, die Stalins kühl kalkulierter und brutaler Machtpolitik in den mittel- und osteuropäischen Satellitenstaaten zunächst unvorbereitet und konzeptlos gegenüberstand, war dankbar für jede Information aus und über dessen Imperium. Gehlens Agenten konnten genug davon liefern. Nach der Berlin-Krise 1948, in der die Organisation die westlichen Alliierten mit wichtigen Daten über das sowjetische Militär versorgt hatten, vertrauten die US-Militärs und der Geheimdienst CIA blind auf Informationen aus Pullach.

Zwar hatte die CIA zunächst vom widerwilligen Gehlen Akten über dessen wichtigsten Mitarbeiter angefordert. Konsequenzen hatte das aber keine. Die braune Vergangenheit der Beute-Spione galt als eine Art lässliche Sünde im antikommunistischen Abwehrkampf, in dem sich der Westen wähnte. Nur der US-Army-Abwehrdienst CIC reagierte misstrauisch auf die neuen Verbündeten. Man kritisierte aber in erster Linie die veralteten Methoden der Gehlen-Truppe und deren lasche Sicherheitsvorkehrungen.

Trotz der Kritik an ihrer Kompetenz etablierte sich die Organisation Gehlen schnell als fleißige Lieferantin von Informationen über "den Osten". Das Amt musste sogar personell erweitert werden, um den Anforderungen der Amerikaner gerecht zu werden. Neue "Experten" im Kampf gegen den Kommunismus waren schnell gefunden: ehemalige SS-, SD (Sicherheitsdienst)-Leute sowie und Gestapo (Geheime Staatspolizei)-Beamte, viele von ihnen als Kriegsverbrecher gesucht und mit Kriegsende untergetaucht.

Sie alle fanden eine neue berufliche Heimat in Pullach. Die Organisation Gehlen wurde so zu einem Auffangbecken für Mitglieder der Nazi-Elite, die auf einen Neubeginn hofften. Mit falschen Ausweisen und neuen Identitäten ausgestattet, konnten sie in den ersten Jahren der Bundesrepublik unbehelligt ihre abrupt unterbrochene Laufbahn fortsetzen. Unter Gehlens Fittichen tummelten sich überzeugte Nazis und skrupellose Karrieristen, Massenmörder und Schreibtischtäter, denen zwar ihr Führer, nicht aber ihr Feindbild genommen worden war: der Kommunismus.

Fast schien es, als ob die aktive Beteiligung am Massenmorden im unterjochten Osteuropa so etwas wie ein Empfehlungsschreiben war, um bei Gehlen anheuern zu können. So wandelten sich die beiden SS-Offiziere Emil Augsburg Franz Alfred Six von Leitern mobiler Mordkommandos im Osten zu Experten für Ostemigranten.

Für Walter Kurreck und Konrad Fiebig, die eine einschlägige Vergangenheit in den so genannten Einsatzgruppen hatten, die hinter der Front Hunderttausende von Juden abschlachteten, hatte die Organisation Gehlen ebenso Verwendung wie für Hans Sommer, der als Obersturmbannführer in Paris Synagogen hatte abbrennen lassen.

Weitere hohe SS-Führer, die im neuen Amt Blitzkarriere machten, waren der ehemalige Gestapochef für Südosteuropa Willy Krichbaum oder der ehemalige Gestapochef von Kiel, Fritz Schmidt. Alois Brunner schließlich, Adjutant von Adolf Eichmann, dem Organisator des Judenmords, wurde Gehlens – illegaler – Mann in der syrischen Hauptstadt Damaskus und machte sich dort einen Namen in der Ausbildung von Folterspezialisten.

Nach der Auswertung neu zugänglicher CIA-Akten aus den vierziger Jahren korrigieren Historiker ihre Schätzungen darüber, wie viele ehemalige Nazis in der Organisation Gehlen arbeiteten, deutlich nach oben. Danach waren, wie Spiegel online berichtet, im Sommer 1949 etwa 400 der 4.000 Mitarbeiter in der Organisation Gehlen frühere Mitglieder von SS, SD oder Gestapo gewesen.

Die Durchsetzung seines Apparates mit Mitgliedern der "brauen Elite" schadete Gehlens Ansehen nicht im geringsten, nicht zuletzt deshalb, weil sich kaum jemand für die Herkunft seiner "Spezialisten" interessierte. Gehlen und sein Amt waren nach 1949 aus der jungen Bundesrepublik nicht mehr wegzudenken.

Bundeskanzler Adenauer hielt, wie einige Jahre zuvor schon Hitler, große Stücke auf seinen Spionagechef und dessen Dienst. Kein Wunder, denn der Kanzler konnte sich die antikommunistische Hysterie der fünfziger Jahre politisch zunutze machen. Da spielte es auch keine Rolle, dass Gehlens Amt immer auch Desinformation betrieb. So hatte es bereits 1948 mit falschen Zahlen die Angst vor einem sowjetischen Überfall bewusst geschürt.

Damals hatte Gehlen behauptet, dass die Divisionen der Roten Armee nur darauf warteten, über Westeuropa herfallen zu können. Auch der damalige US-Militärgouverneur Lucius D. Clay war den falschen Zahlen aufgesessen und hatte Alarmmeldungen nach Washington gefunkt.

Erst 40 Jahre nach den Ereignissen konnte der US- Geheimdienstforscher Christopher Simpson in seiner auf US-Aktenmaterial basierenden Studie "Der amerikanische Bumerang – NS-Kriegsverbrecher im Sold der USA" nachweisen, dass die Sowjets aufgrund von Transport- und Nachschubproblemen gar nicht in der Lage gewesen wären, einen solchen umfassenden Angriff durchzuführen.

Als die Bundesrepublik im Jahr 1955 ihre volle Souveranität erlangte, übernahm sie von den Amerikanern auch die Organisation Gehlen. 1956 wurde diese in Bundesnachrichtendienst (BND) umbenannt, dem Bundeskanzleramt unterstellt und parlamentarischer Kontrolle unterworfen. Reinhard Gehlen stand dem BND noch bis 1968 vor und blieb bis an sein Lebensende ein überzeugter Antikommunist.

Was sich hinter diesem verharmlosenden Begriff verbarg, wurde im Jahr 1979 deutlich: Da nämlich veröffentlichte das braune Hetzblatt "Nationalzeitung" einen Briefwechsel seines Verlegers Gerhard Frey – zugleich Chef der rechtsextremen deutschen Volksunion DVU – mit dem ersten Geheimdienstchef der Bundesrepublik Deutschland – Ausdruck einer Freundschaft unter Gleichgesinnten.

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